Zum Hauptinhalt springen

FEUCHT & FROMM-PROLOG: AUSGERECHNET IM KLOSTER

“Ich sitze in einem kühlen maronitischen Marmorgewölbe im Libanon, einem allen Gezeiten erhaben scheinenden Steingebäude mitten in einer schweren Wirtschaftskrise und beginne die erste Kurzgeschichte für den Entwurf von FEUCHT & FROMM. Ausgerechnet auf dieser Kirchenfreizeit, auf der ich mitarbeite, ausgerechnet im Mehrbettzimmer mit Schwestern aus dem Beiruter Orden Sœurs de Jésus, ausgerechnet in einem Kloster. Zufall oder Calling? Ich habe meine Masterarbeit abgegeben und im nächsten Moment gemerkt, dass ich mal wieder ausbrechen muss, um klarzukommen. So bin ich in einem Naturschutzprojekt für Kinder in einem frankophonen Bergdorf im Libanon gelandet. Vor einem Jahr kam die Netflix-Serie Unorthodox raus. Sie hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Sie war wie ein Mentos in die Cola meines Unterbewusstseins. Eine schäumende Explosion der Retraumatisierung. Ein Sprühregen aus belastenden Erinnerungen. Ich teile das Zimmer mit zwei Ordensschwestern und zum Glück wissen sie nicht, was ich jeden Abend wie vom heiligen Geist ergriffen per Hand in mein Notizheft kritzle. Ich notiere die wie Sternschnuppen am Sommerhimmel im Netz meiner Synapsen aufblitzenden Kurzgeschichten aus meiner Pubertät. Sie sprudeln an die Oberfläche, in mein liniertes Heft, als hätten sie ewig auf diesen Moment gewartet. Ich komme kaum hinterher. Die halb brasilianische, halb libanesische Heilige Schwester, mit der ich auf der Herfahrt im Auto zweistimmig Don’t stop me now von Queen aus dem offenen Fenster gegrölt habe, lächelt mir zu, aber fragt nicht nach. So wissen nur der kalte Marmor und ich davon.

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von NANA MYRRHE und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden