Chaostage in Paris/Dope Thief/Brinkbäumer Abschiede/Was bisher geschah: Titanic/ Kürbisrezepte

In der Nacht zum Freitag um 2.53h bekam eine Handvoll französischer SpitzenpolitikerInnen eine kurze Email: Der Präsident wünscht Sie zu sprechen, morgen 14.30h im Élyséepalast.
Wen hat Macron dann ankommen sehen, über den Hof seines Amtssitzes spazieren? Aus seiner Sicht sind die Freitagsgäste vor allem eines: Loser. Die Parteien in Frankreich schwächeln. Immer weniger Menschen wählen sie, denn die Uneinigkeit der Spitzenleute frustriert. Kaum Mitglieder, schlimme innere Kämpfe und dafür eine manische Dauerquasselei in allen verfügbaren Medien. Es gibt Tage, da ist die Grünen-Chefin Marine Tondelier in allen Frühsendungen und sitzt spätabends in den letzten Talkrunden des Tages. Vergangene Woche hatte sie fünf solcher Tage.
Die Sozialisten können sich nicht auf einen Chef einigen und auf einen Weg auch nicht. Als Fraktionschef Boris Vallaud am Freitag erklären sollte, was sie denn politisch so vorhaben, trug er mit stolzgeschwellter Brust vor, es gehe darum “das Leben der Franzosen zu ändern!” Warum auch nicht? Der Beatles-Klassiker Revolution kommt in den Sinn, wo Lennon einem eifrigen Revolutionär die Luft aus den Segeln nimmt: Well you know.. we’re all doing what we can. In eine Koalition einzutreten, ein Ressort zu verbessern, einen Haushalt zu verabschieden – das wäre für so einen Freitagnachmittag auch schon nicht schlecht. Aber ihm eben nicht genug. Vallaud rekurriert auf einen Mitterrand-Slogan: Changer la vie. Mit gerade mal 60 Abgeordneten von 577 ist das eine große Herausforderung, aber man soll sich ja Ziele setzen.
Der Rest der Gäste war in ähnlicher Verfassung: Für die Républicains, eine sehr kleine Partei, kamen zwei Männer, Wauquiez und Retailleau, die einander spinnefeind sind. Es kamen zwei Ex-Premierminister von Macron, Attal und Philippe, die mit ihm gebrochen haben und auch einander nicht grün sind. So kann man alle durchgehen.
Macron wird sich die Parade der ambitionierten Minderleister angeschaut haben und ihre mit seiner Bilanz verglichen haben: Zweimal Wahlsieger in der Präsidentschaftswahl, Wiederaufbau von Notre Dame in fünf Jahren, die Olympischen Spiele, jederzeit Trump am Mobiltelefon und und und.
Nichts, auch das weiß Macron, fürchten seine Freitagsgäste mehr als vorzeitige Neuwahlen, denn dann werden ihre Kleinparteien noch mal extra geschrumpft. Er kann machen, was er möchte und die anderen geben dann Interviews dazu, beginnen schon beim Rausgehen damit.
Aber seine Sicht wird in Frankreich nur noch von wenigen Getreuen geteilt. Allen anderen gilt er als einer, dem passiert ist, was jedem passiert, wenn der zu lange im Élysée wohnst: Du drehst durch. Der französische Althistoriker Paul Veyne hat sich mit der Frage beschäftigt, warum so viele römische Kaiser verückt geworden sind: Diese Männer verloren ihren Verstand, weil das Amt sie in ein Spannungsverhältnis beförderte, das nicht auszuhalten ist: Herren über Leben und Tod, Krieg und Frieden – und zugleich nur erste unter gleichen in einem Staatswesen, das immer noch republikanischen Geist atmet.
Funktioniert eben auch in Paris: Ein Mann, der seit Jahren Tag und Nacht von Dienern umsorgt wird und stets in Begleitung seines pesönlichen Atomkoffers ist, tut sich schwer mit Verhandlungen im Stile der Lokalpolitik.
Ja, man muss zusammenarbeiten, das ist in Paris zunehmend allen klar – aber wie geht das? Der alte und neue Premier Lecornu bezog sich explizit auf das deutsche Modell, die große Koalition. Aber um so etwas hinzubekommen, seufzte er“da müssten wir uns ja erstmal drei Monate auf s Land verziehen!” Er meinte: Mal runterkommen, weg von Paris, ohne Geräte, ohne Schlafmittel abends und Wachmacher morgens, ohne Stau, Lärm und tausend termine am Tag, einfach mal barfuß im Gras den Ziegen lauschen – für Pariser Politiker also eine Horrorvorstellung.
Wie geht’s weiter? Macron muss nur erreichen, dass in der Mitte genug Abgeordnete aus Angst vor Neuwahlen stillhalten, damit Lecornu den Haushalt über den Weg des Sondergesetzes verabschieden kann.
Stabil wirkte am Freitag außer ihm nur Marine Le Pen, sie besuchte einen Kongress der Feuerwehr. Macht ihr eigenes Ding. Aber ihre politische Zukunft ist ungewißss, die Justiz in Frankreich macht eben ihren Job.
Den Verrat von Attal und Philippe wird Macron nicht vergessen. Er selbst kann nicht nochmal antreten, also soll Sebastien Lecornu sein Nachfolger werden. Kommt aus kleinen Verhältnissen, hat keine Grande École absolviert – ein fleißiger, sympathischer Mann. Bis auch er im Élyséepalast den Verstand verliert.
Zu den bemerkenswerten Serien des Herbstes gehört Dope Thief, zu sehen auf Apple TV. Sie erinnert daran, weshalb Michael Althen die Gattung der Serie mal den Roman unserer Zeit genannt hat. Erzählt wird die Freundschaft zweier Männer, die sich im Knast kennengelernt haben. Sie wollen schon das Geld des Drogenhandels, aber auch nicht direkt mitmachen. Für eine andere Karriere fehlt ihnen nahezu alles. Sie verfallen also auf den Plan, Drogenhändler auszunehmen, indem sie sich als falsche Polizisten tarnen. Das geht ziemlich schief und sie müssen unter dramatischen Umständen immerzu improvisieren.
https://www.youtube.com/watch?v=RePjWY4ESyQ (Öffnet in neuem Fenster)Die Serie basiert auf einem gleichnamigen Roman von Dennis Tafoya, geschrieben und produziert von Peter Craig und Ridley Scott.
Wir sind nicht unter Superhirnen oder raffinierten Schurken, viele der Charaktere fallen durch ihre gnadenlose Dummheit auf. Es geht permanent um alles. Geld ist da, Waffen sind da, Drogen auch – aber nichts davon hilft, alles wird immer nur noch verworrener. Niemand versteht mehr so richtig, was gerade geschieht. Beste Beschreibung der Gegenwart Ende 2025. Achtung, kein Familienprogramm!
Wenn Freunde von mir sich nach einer Scheidung irgendwann wieder verlieben und in einer neuen Beziehung glücklich werden, rechne ich nach: Es braucht zehn Jahre, bis wieder etwas Neues beginnen kann. Solche zeitlichen Dimensionen mögen wir natürlich nicht. Probleme und Sorgen sollen viel schneller gelöst sein, drei Monate max. Aber so läuft das nicht. Die Bibel kennt die sieben guten und die sieben mageren Jahre, wo heute schon helle Panik herrscht, wenn ein Quartal abzuschreiben ist.

In diesem Buch von Klaus Brinkbäumer geht es genau um diese oft verkannte Dimension der Dauer, der Langsamkeit der Seele, in der Trauer, im Abschied und im Neubeginn. Er erzählt vom Verlust seiner Eltern, auch von seinem Abschied vom Spiegel, wo er Chefredakteur war. Damals hat er mich dorthin geholt. Danach ging es, was mich betrifft, abwärts. Er selbst hat die ganzen Intrigen gegen ihn übrigens schlicht übersehen. Und wie alle Habermas-Schüler im Geiste rechnet er schlicht nicht damit, dass man ihn anlügt“Ich habe vier Wochen gebraucht, um zu begreifen, dass sie mich weghaben wollten, obwohl sie etwas anderes sagten”.
Er wird wieder Vater, zieht nach Leipzig und die neue Zukunft macht es ihm möglich, sich wieder mit der Vergangenheit zu beschäftigen. So gelingt eine Studie über jene Zeitempfindung, die Günter Grass mit (wie er gewohnt bescheiden bemerkte) seiner persönlichen Worterfindung als Vergegenkunft bezeichnet: Das Ineinanderfließen der zeitlichen Ebenen in einem einzigen Moment der Erinnerung, während man die Zukunft oder das Abendessen vorbereitet.
Trauer und Tod erleiden wir alleine, aber diese Erfahrung ist unsere Gemeinsamkeit im Leben.
Unser Podcast Was bisher geschah startet ja mit einer neuen Saison, dank zahlreicher Abonnements und Werbekunden. Für das kommende Jahr sind wieder tolle, neue Sachen geplant. Aktuell haben wir uns mit der Geschichte dieses berühmten Schiffes beschäftigt.

Zum Podcast geht es hier entlang:
https://feeds.acast.com/public/shows/was-bisher-geschah (Öffnet in neuem Fenster)Die unendlich faszinierenden Facetten des Herbstes äußern sich natürlich auch in der Küche. Nach einem langen Tag draußen gibt es kaum etwas besseres, als so eine Kürbiskombination à la Slater.
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2014/nov/09/nigel-slater-squash-recipes (Öffnet in neuem Fenster)Die fleischlose Variante kommt heute von meinem saarländischen Landsmann Herr Grün:
https://www.herrgruenkocht.de/kaese-kuerbistarte-mit-spekulatiusbroeseln-und-einem-krossen-dinkel-muerbeteig/ (Öffnet in neuem Fenster)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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