Bald ist Weihnachten, und wieder beginnt dieses vertraute Spiel. Erwachsene senken die Stimme, verstecken Geschenke, erzählen mit ernster Miene vom Weihnachtsmann, und am Ende leuchten Kinderaugen. Genau dort wird es seltsam. Denn wir nennen es Liebe, wenn ein Kind staunt, auch dann, wenn dieses Staunen auf einer Lüge gebaut ist. Vielleicht geht es deshalb gar nicht nur um Weihnachten oder um Kinder. Vielleicht zeigt sich darin etwas viel Größeres. Wie früh wir lernen, dass eine Lüge in Ordnung ist, solange sie schön verpackt ist, alle mitmachen und das Gefühl dahinter warm genug wirkt.
Vielleicht ist das sogar eine der ersten Lektionen, die ein System uns beibringt: Lügen ist nicht grundsätzlich falsch. Es kommt nur darauf an, wer lügt, warum gelogen wird und ob genug Menschen dahinterstehen. Als Kinder wachsen wir in diese Widersprüche hinein. Wir sollen ehrlich sein, sollen nicht flunkern, nicht tricksen, nicht täuschen. Und gleichzeitig feiern wir genau das in ritualisierter Form, wenn es Tradition heißt. Später zeigen wir mit dem Finger auf andere, nennen sie unehrlich, falsch oder manipulativ, als hätten wir nicht selbst gelernt, wie normal es ist, etwas weiterzugeben, das niemand wirklich prüft, solange es Zugehörigkeit sichert und sich nach Liebe anfühlt.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Kern. Nicht in der einzelnen Weihnachtslüge, sondern in dem, was sie mittransportiert. Ein Weltbild. Eine Erlaubnis. Ein stilles Einverständnis darüber, dass man manches nicht Wahrheit nennen muss, solange es Tradition ist. Dass man mitmachen soll, bevor man versteht. Dass man weitergibt, bevor man hinterfragt. Wenn das schon in so frühen, scheinbar unschuldigen Formen beginnt, was sagt das dann über das System, in dem wir aufwachsen? Und an welcher Stelle merken wir überhaupt, dass wir nicht nur erzogen wurden, daran zu glauben, sondern auch darin, es später selbst weiterzutragen?
Welche Lüge trägst du heute weiter, nur weil sie dir einmal als Liebe verkauft wurde?