Herzlich Willkommen bei Ol’ Dirty Basketball. Das O steht OG, gewissermaßen. Wir müssen über Mr. Anunoby reden, wieder einmal.
Es ist kein Geheimnis, dass wir an diesem Ort große Fans von OG Anunoby sind. Ich habe es hier beschrieben (Öffnet in neuem Fenster), als Anunoby gerade seinen ersten Playoff-Run bei den Knicks absolvierte, und auch während dieser Postseason habe ich ihn bereits abgefeiert, aber offensichtlich nicht genug, also probieren wir das Ganze nochmal. Zur Einstimmung …
https://www.youtube.com/watch?v=sOQKRjP3ZJk (Öffnet in neuem Fenster)Der Tip-In Gottes? The Tip? Die Hand Gottes? Egal, wie man den größten Moment der modernen MSG-Historie nennen möchte, egal, welche(r) NYC-Rapper der erste sein wird, der eine Referenz darauf in seinen nächsten Text einbaut (“you know me, just gave her the tip like anunoby”?!), es war die perfekte Anunoby-Sequenz. Vor allem, wenn man den Block gegen Fox auf der Gegenseite noch mit einbezieht - es ist ja nie nur eine Seite. Aber hier geht es jetzt primär um diese eine Seite.
OG ist in diesem Play der Einwerfer, das ist seine Rolle. Nach Ansicht mancher ist der Einwerfer zwar der gefährlichste Spieler in solchen Situationen - aber das sahen die Spurs offensichtlich anders. Sein “Verteidiger” Fox ging erst Richtung Towns, um einen Pass dorthin zu verhindern. Als der Ball stattdessen bei Brunson landete, ging Fox eben dorthin, um zu doppeln, auch wenn Brunson einen recht soliden Verteidiger vor sich hatte. OG blieb blank, kein Körper in Sicht, der sich ihm in den Weg stellte. Freies Geleit zum Korb also, wobei hier trotzdem noch eine ganze Menge richtig laufen musste, um diesen Game-Winner und wahrscheinlich Finals-entscheidenden Wurf zu ermöglichen.
OG musste schnell schalten, sprinten, im genau richtigen Moment hochsteigen, sich lang machen (es schadete nicht, dass Wemby draußen verteidigte und kein anderer langer Spur auf dem Court war, etwa Luke Kornet, aber das ist ein anderes Thema … die Fehlerkette der Spurs in Halbzeit zwei muss studiert werden). Er musste im vollen Tempo seitwärts fallend den Ball reinstreicheln, weit weg vom Korb für einen normalen Tip-In, alles musste exakt und genau passen. Es musste sozusagen der perfekte Touch sein. Aber damit hat OG in diesen Playoffs grundsätzlich kein Problem.
Ich habe selten einen Spieler gesehen, der aus so wenig so viel machen kann, regelmäßig, der so minimalistisch auftritt und dabei so viel Produktion liefert. Das ist auch der Grund, warum mich OG offensiv manchmal an Kawhi Leonard erinnert, ehe dieser zum Offensiv-Superstar wurde: Er dribbelt selten, noch seltener läuft ein Play über ihn, und trotzdem strahlt er maximale Gefahr aus, ist mit seinem Wurf und seinen wuchtigen Drives ein idealer Play-Finisher.
Das ist auch nicht bloß ein Eindruck - es ist verbrieft, quasi. Shoutout an den All City NBA Podcast für diese Statistik:
https://x.com/ALLCITY_NBA/status/2065121135608377506 (Öffnet in neuem Fenster)Pro direktem Touch hat noch nie jemand so viele Punkte generiert wie OG in diesem Playoff-Run. Das ist kein normaler Heater, das ist Legenden-Material, eine Out-of-Body-Experience, nur dass diese jetzt schon seit rund zwei Monaten andauert. Und dass OG dabei gar nicht so viel anders macht als in der Regular Season, in der er ebenfalls bereits richtig gut war. Es ist alles nur noch besser, noch effizienter, noch lauter natürlich.
In dieser Version ist OG ein Top ? Spieler in der Liga - lasst es mich gern in den Kommentaren wissen, was ihr denkt; ich bin unschlüssig, wie viele Spieler tatsächlich wertvoller für ein Team sein können, das Meister werden möchte. Mit dieser Kombination aus minimalistischer Offense und maximalistischer Defense - es gibt kein schlechtes Matchup für ihn, es gibt vielleicht keinen besseren Transition-Verteidiger. Das klingt in der Summe doch mindestens nach einem All-Star, wenn nicht direkt All-NBA-Spieler.
Was zu einem letzten Punkt führt. Mit der 3-1-Führung im Rücken ist es mittlerweile erlaubt, darüber zu diskutieren, wer bei einem Sieg der Finals-MVP der Knicks sein sollte. Zum Teil wird Anunobys Case dabei mit dem von Andre Iguodala 2015 verglichen - einem Award, der aus meiner Sicht sehr schlecht gealtert ist (LeBron war der wertvollste Spieler dieser Serie, Curry der wertvollste Spieler des Champions). Dieser Vergleich hinkt aber in einiger Hinsicht.
Niemand dachte damals, Iggy wäre wichtiger für sein Team als Curry, der amtierende MVP, der zwar in der Serie einige Probleme hatte, trotzdem aber 26 PPG bei 58,5% True Shooting auflegte. Iggy kam auf 16,3 PPG bei 58,8% TS, er hatte dazu die starke Defense gegen LeBron auf seiner Seite, der bloß auf 35,8 PPG (47,7% TS), 13,3 RPG und 8,8 APG (alte LeBron-Boxscores sind anders wild) kam. Er war wichtig, auf jeden Fall, spielte eine überragende und mit-entscheidende Rollenspieler-Rolle in dieser Serie. Das belohnten die Wähler damals mit einem MVP-Award.
Bei den Knicks sehen die Kräfteverhältnisse aus meiner Sicht anders aus. Brunson ist unterm Strich der beste Spieler des Teams, aber er ist nicht Curry, die Distanz ist deutlich geringer. Er bildet das Fundament des Teams, ist der Closer und Anführer. Aber für den Erfolg in den Playoffs sind zwei andere Spieler zumindest vergleichbar mitverantwortlich; Karl Towns, weil er als Shooting und Playmaking Big so viele Matchup-Vorteile verursacht, und eben OG, weil er all die leisen Plays macht, die das Team seit Jahren defensiv und auch offensiv zusammenhalten. Und nun eben auch die lautesten Plays noch oben drauf liefert.
Die Cases für alle drei nach vier Spielen sehen so aus:
Towns: Das größte Matchup-Problem für die Spurs-Defense, gewissermaßen der größte strategische Trumpf, obwohl sich das nicht immer in der Produktion widerspiegelt (15,8 PPG, 66% TS, 10,8 RPG) - dass die Knicks seine Minuten in den Finals mit +48 gewonnen haben und ohne ihn bei -40 stehen, kommt trotzdem nicht von ungefähr. Niemand sonst in der Serie kratzt an dieser On/Off-Differenz.
Brunson: Der Closer, der Captain, der Topscorer. Der den Großteil des defensiven Drucks aushalten muss und die Offense trotzdem irgendwie am Laufen hält und in den Spielen 1 und 4 zu Höchstform auflief, als es jeweils ums Ganze ging. Der für seine 29,5 Punkte pro Spiel allerdings auch 26,5 Würfe braucht und einen nüchtern betrachtet schlechten True-Shooting-Wert von 49,9% auflegt.
Anunoby: Der beste, konstanteste Knicks-Spieler in dieser Serie, kurzum. Der beste Verteidiger des Teams ist er ohnehin meistens … aber offensiv? 23,8 PPG sind es, er ist also viel näher an Brunson, als es Iggy damals bei Curry war. Sein True Shooting liegt bei völlig absurden 78,4%, und er hat in der Serie 56 Würfe weniger genommen als Brunson. Seinen 50 stehen 106 Versuche von Brunson gegenüber … und Brunson hat nur 23 Punkte mehr erzielt. Das scheint einigermaßen unmöglich. Naja, und dazu hat er in Spiel 4 im Quasi-Alleingang womöglich die Serie entschieden.
OG ist offensiv trotzdem mehr Play-Finisher und trägt hier weniger Verantwortung als Brunson, ihn jedoch mit Iggy in 2015 zu vergleichen, wird seiner Serie und auch seinem Standing in diesem Knicks-Team nicht gerecht. Ein fairerer Vergleich könnte abermals Kawhi sein, der 2014 in einem großartigen Spurs-Kollektiv zwar nicht der MVP oder der beste Spieler war, aber in den Finals die individuell beste Serie spielte.
Aktuell wäre ich bei 45% OG, 35 % Brunson und 20% KAT … glaube ich. Noch ist die Serie ja aber auch nicht vorbei. Schauen wir mal, ob und wie sie es zuendebringen.
(Haut gern in die Kommentare, wen ihr Stand jetzt wählen würdet!)
THE PLUG
Diese Woche gab’s den Korbjäger Podcast gleich doppelt auf dem öffentlichen Feed, hier findet ihr unser staunendes Recap zum epischen Spiel 4:
https://youtu.be/fcAqvrmJJ6g (Öffnet in neuem Fenster)Spiel 5 werden wir dann wieder exklusiv bei Patreon (Öffnet in neuem Fenster) beleuchten!
SOUNDTRACK
Eigentlich hat natürlich der Wu-Tang Clan Spiel 4 umgebogen, heute muss es trotzdem ein Westküsten-Vertreter sein.
https://www.youtube.com/watch?v=3Y44HMezTCI (Öffnet in neuem Fenster)Bis zum nächsten Mal!