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Freaky Tales (Anna Boden & Ryan Fleck)

“Trump ist nicht der Sonderfall. Trump ist nur die Perfektion dessen, was schon da ist” - Wolfgang M. Schmitt

Ein Vibe-Shift geht durch die westliche Welt: Rechte und rechtsradikale Kräfte gewinnen an Einfluss, Disney produziert einen Misserfolg nach dem anderen, die Klimakrise verschwindet aus den Schlagzeilen und eine seltsame Fetischisierung des Wahrheitsbegriffs wird zunehmend salonfähig.

Project 2025, Elon Musk und Peter Thiel haben einen gemeinsamen Feind: Woke. Und sie scheinen zu gewinnen – Regenbogenprodukte verschwinden aus Supermarktregalen, große Studios verabschieden sich still von ihren Diversitätszielen. Doch dieser Kulturwandel ist kein radikaler Bruch, sondern vielmehr die logische Fortschreibung bestehender Entwicklungen. Genau darauf verweist Freaky Tales, der neue Anthologie-Film von Anna Boden und Ryan Fleck.

Wir befinden uns in Oakland, Kalifornien, im Jahr 1987. Die Hippiebewegung ist passé, Reagan und Thatcher dominieren mit neoliberaler Ideologie. In vier Episoden erzählt der Film von Punks, die sich gegen Nazi-Schläger behaupten müssen, von zwei jungen Rapperinnen, die gegen die Ikonen der Szene antreten, von einem Basketballtalent, das Opfer eines Überfalls wird, und von einem Schuldeneintreiber, der sich von seinem Boss lösen will. Verbunden werden diese Erzählungen durch ein geheimnisvoll leuchtendes, grünes Licht.

David gegen Goliath

"Who doesn’t love a good underdog story?" – eine wiederkehrende Frage im Film. Eine Schlüsselszene zeigt Clint (Pedro Pascal) in einer Videothek, wo er per Passwort Zutritt zu einem geheimen Hinterzimmer erhält. Tom Hanks als altgedienter Angestellter nutzt die Gelegenheit, um seine Top 5 der besten Underdog-Geschichten aufzuzählen.

Diese Szene reflektiert nicht nur die Handlung: Der kleine Punk-Club trotzt den Skinheads, zwei Rapperinnen fordern eine Legende heraus, ein einzelner Schläger legt sich mit einem Syndikat an. Es sind klassische Underdog-Narrative – geliebt und weit verbreitet.

Doch auf gesellschaftspolitischer Ebene stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich David, und wer Goliath? Rechte Bewegungen verstehen es meisterhaft, sich als Außenseiter zu inszenieren. Trump gilt vielen nicht als Vertreter der Eliten, sondern als „einer von uns“. Die AfD verkauft sich als Partei des „kleinen Mannes“. Dabei wird das Opfer-Narrativ geschickt eingesetzt: Man sei „mutig genug“, das auszusprechen, was „alle denken“. Meinungsfreiheit wird beschworen – gleichzeitig aber systematisch untergraben, sobald abweichende Meinungen auftauchen.

In Freaky Tales hingegen wird Kunst zum Mittel der Emanzipation. Im Rap-Battle zwischen Entice (Normani), Barbie (Dominique Thorne) und Too $hort (DeMario Symba Driver) wird deutlich: Alle nutzen dieselbe Ausdrucksform – doch sie tun es nicht auf Augenhöhe. Too $hort hat Bühne, Namen, Publikum – er ist Goliath. Die Rapperinnen dagegen sind David, und ihre Kunst die Steinschleuder, die schließlich triumphiert.

Was also in der Fiktion funktioniert ist auch in der realen Welt ein nützliches Werkzeug - oder eben eine gefährliche Waffe. Wer David und wer Goliath ist, ist dann oft nicht so eindeutig zu unterscheiden, wie es scheint.

Grünes Licht

Oft wirkt es so, als könne das Gute nicht gewinnen: Die Punks unterliegen, Entice und Barbie werden zunächst blamiert, Clint hat seine Familie verloren und ist bereit zu sterben. Dann aber – ein leuchtendes Grün. Eine Wende, eine Deus ex Machina.

In gesellschaftlichen Auseinandersetzungen ist Kunst eine mächtige Waffe – und damit immer auch politisch umkämpft. Zwar garantiert das Grundgesetz die Kunstfreiheit, doch wie diese im Alltag ausgelegt wird, bleibt strittig. Man denke an die Antisemitismus-Debatte um die Documenta oder die Frage, ob die AfD Wahlplakate mit der Aufschrift „Hängt die Grünen“ drucken darf. Auch in den USA – vom Hayes Code bis zur „Woke-Era“ – war Kunst stets ein Spiegel kultureller Grabenkämpfe.

In Freaky Tales erscheint Kunst als göttliche Intervention, die den Unterdrückten zur Seite steht. Das grüne Licht ist kein Propagandainstrument der Mächtigen, sondern eine Waffe in den Händen der Marginalisierten. Zwei Deutungen sind denkbar:

  1. Pessimistisch: Das grüne Licht steht für eine Wunschvorstellung. In der Realität jedoch kapitulieren Medien und Tech-Konzerne zunehmend vor dem rechten Zeitgeist. Streaming-Giganten und Verlagshäuser, die eben noch Diversität predigten, streichen sie nun aus ihren Leitbildern. Die Washington Post schweigt, während ICE durch L.A. patrouilliert. Der Film schafft eine alternative Realität – wie einst Tarantinos Once Upon a Time in Hollywood, in dem Sharon Tate überlebt.

  2. Optimistisch: Das grüne Licht symbolisiert nicht die Kunst selbst, sondern das identitätsstiftende Moment jeder subkulturellen Bewegung. Der Schauplatz – ein Punk-Club, eine Underground-Hip-Hop-Crew, billige Martial-Arts-Filme – steht bewusst für die kulturelle Gegenöffentlichkeit. Es ist keine Hochkultur, sondern gelebte Widerstandskultur.

In der Synthese beider Lesarten entsteht ein Appell: Medien und Kunst dürfen sich nicht bedenkenlos dem Mainstream anbiedern. Kunst muss unbequem bleiben. Sie gehört jenen, die keine Lobby haben.

Fazit

Freaky Tales ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Kraft der Kunst – nicht im Dienste der Eliten, sondern als Stimme der Vergessenen und Unterdrückten. Oder, um es im Bild des Films zu sagen: Die Kunst ist der Stift, mit dem eine gute Underdog-Story geschrieben wird. Und genau diese Geschichte brauchen wir heute dringender denn je.

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