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KI, oder: Die Sehnsucht nach einer Müllabfuhr

Heute hat das Wort Cordt Schnibben

Liebe Leute,

ein Gespenst geht um in den Redaktionen: Was kann es, was will es, was treibt es, was ändert es, wo hat es sich eingeschlichen, wer schützt es? 

Wir müssen reden! 

Über die Angst davor, dass Journalisten dabei ertappt werden, ihre Texte mit KI geschrieben zu haben; davor, dass die KI-Tools Texte liefern, die so gut (oder besser) sind als die von Journalisten geschriebenen; davor, dass Journalistinnen und Journalisten am eigenen Handwerk zweifeln; davor, dass KI die Recherchen und Artikel von Journalisten nutzt und stiehlt, um journalistisch anmutende Texte zu veröffentlichen; davor, dass viele Journalistinnen und Journalisten ihren Job verlieren und klassische Medien in den Ruin getrieben werden. 

So wirst du unersetzlich – Journalismus in der KI-Ära“ haben wir über das Programm des Reporter:innen-Workshops am 25./26. September (Öffnet in neuem Fenster) gesetzt.

Weil wir glauben, dass beides wichtig ist: das Diskutieren über neue Podcasts, brillante Interviews, schnelle Reportagen, digitale Gewalt und Rechte in Regierungen – und das Diskutieren über künstliche Intelligenz. 

Wir sind an einem Wendepunkt – nein, nicht der Menschheit, aber an einem Wendepunkt unseres Berufes und der Mediengeschichte, so wie wir 2009 an einem Wendepunkt waren, als der Reporter:innen-Workshop verkündete: „The Internet is an opportunity to tell new Stories“.

Warum, fragt man sich, traut sich ein erfahrener Journalist und langjähriger Chefredakteur wie Stephan-Andreas Casdorff, seine Meinungstexte von einer KI schreiben zu lassen, (Öffnet in neuem Fenster) die nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip Wort an Wort reiht? Offenbar hielt er, der in seinem Leben Tausende eigene und Zehntausende fremde Texte prüfen musste, die KI-Texte für so kreativ und stringent, dass er sich nicht schämen musste, sie unter seinem Namen zu veröffentlichen. 

Die oberflächliche Antwort: Weil der Mensch geschliffene Sprache für den Ausdruck von Intelligenz hält. Die für viele Journalisten und Politiker angsteinflößende Antwort: Weil die hochentwickelte, von Menschen trainierte künstliche Intelligenz inzwischen in Sekunden Texte produziert, die sich auf den ersten Blick nicht mehr unterscheiden von Texten, die wir Menschen in quälenden Stunden, manchmal Tagen hervorbringen.

Darum steckt die Menschheit nun in einem Dilemma: Wir bringen Maschinen unsere Sprache bei, um uns mit ihnen unterhalten zu können wie mit einem Menschen. Großartig.

Großartig? Sprache ist das Privileg der menschlichen Zivilisation, komplexe Sprache ist der Schlüssel zu dem, was den Menschen vom Tier unterscheidet – und bisher auch von der Maschine. Das Dumme: Die Menschen haben diese Chatmaschinen so konstruiert, dass die Maschinen menschliche Sprache so komplex benutzen können, dass der Mensch nicht mehr versteht, wie – also eine Art asymmetrische Verständigung. Der Mensch formuliert Sätze, indem er zum nächstliegenden Gedanken springt, die Maschine folgt mathematischer Wahrscheinlichkeit, die irgendwo in ihrem Innern schlummert – der Gedanke kommt beim Rechnen. 

Opernhaftes Tempo, operettenhafte Süße, posaunenhafte Angeberei, essayhaftes Einerseits-Andererseits, dossierhafter Vollständigkeitszwang sind typische rhetorische Figuren der KI-Sprache, übrigens auch der häufige Gebrauch des Pentakolons, also in einer Aufzählung die Aneinanderreihung von fünf Begriffen wie gerade eben in dem Satz – er könnte also KI-generiert sein, wenn ich nicht genau wüsste, dass er von mir ist.

KI-Kompetenz gehört heutzutage zur Medienkompetenz, im besten Fall allerdings gepaart mit KI-Resilienz. Weitverbreitet ist leider: Je kleiner die KI-Resilienz, desto kleiner die KI-Kompetenz. Auch lästig: große KI-Resilienz gepaart mit null KI-Kompetenz. Für den Chefredakteur des „Weser-Kurier“, Benjamin Piel, sollte die KI nicht mehr sein als ein „Sparringspartner“ (Öffnet in neuem Fenster), der Texte verbessert, Argumente prüft, Einwände liefert, Strukturen vorschlägt und „gnadenlos redigiert wie kaum jemand“. Wenn der Mensch die „Schlaunutzung“ der Maschine der „Dummnutzung“ vorziehe, dann ändere künstliche Intelligenz nichts daran, dass der Journalist alle Fakten absichert, Gedanken entwickelt, verständlich formuliert, Verantwortung übernimmt. 

Für mich ist KI in einer Doppelrolle tätig: als Muse und als pain in the ass, also als ständig nörgelnder, neidischer, arroganter Besserwisser, ungefähr so nützlich wie früher mancher „Spiegel“-Kollege. Egal, ob man persönlich KI nutzt oder nicht: Man entkommt nicht dem Einfluss von künstlicher Intelligenz auf unsere Sprache, auf den Journalismus, auf die Öffentlichkeit.

Vor uns liegen zwei mögliche Wege: Entweder Maschinen und die Big Five (Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta) machen Journalismus durch KI unsichtbar und unfinanzierbar. Oder wir Journalistinnen und Journalisten nutzen unser Handwerk (und ja, auch künstliche Intelligenz), um im Tsunami aus halbjournalistischem KI-Müll die Sehnsucht nach einer Müllabfuhr zu befriedigen, die den Müll trennt in Fakten und Fakes.

Welchen Einfluss wir darauf haben, welchen Weg wir gehen – darüber möchte ich beim Reporter:innen-Workshop reden mit der Informatik-Professorin und Social-Media-Ikone Alke Martens (Öffnet in neuem Fenster), ihr alle Fragen stellen, die ihr mir schickt, ihr könnt gern jetzt schon anfangen.


Herzlich, Cordt Schnibben

Und das sind die Workshops zum Thema KI bei unserem Reportertreffen: 

Patrick Bernau (FAZ), Olaf Gersemann (WELT), Ole Reissmann (SPIEGEL) stellen dar, wie FAZ, SPIEGEL und WELT künstliche Intelligenz in den Redaktionsalltag integrieren;

Benjamin Piel (Chefredakteur Weser-Kurier), Luisa Riepe (Chefredakteurin NOZ) und Moritz Döbler (Chefredakteur Rheinische Post und Sprecher des Deutschen Presserates) stellen die Frage, ob KI die große Chance für Lokalmedien ist;

Tech-Scout Ulrike Langer, seit Jahren den neuesten KI-Entwicklungen in den USA auf der Spur, und Fritz Espenlaub (Autor der Podcasts „Die OpenAI-Story“, „Die Peter Thiel Story“ und vom „KI-Podcast“ der ARD) beschreiben in ihrem Workshop, wie die großen Tech-Konzerne den klassischen Journalismus bedrohen.

Außerdem:

Alke Martens (Uni Rostock), Cordt Schnibben (Reporterfabrik): Das KI-Dilemma – und warum wir darüber offen reden sollten 

Bettina Blaß (frei): Wie ich eine KI so trainiert habe, dass sie uns Journalist:innen ersetzen soll 

Susmita Arp (SPIEGEL), Victor Marinov (Correctiv): Faktencheck mit KI

Ulrike Langer (frei): Prompting für Profis: So arbeiten Journalist:innen effektiv mit KI