
Ein unerwünschtes Outing lauert überall. Gestern wurde mir mein Portemonnaie geklaut. Kann passieren. Bargeld futsch, Führerschein, Krankenkassenkarte und … der Hurenausweis.
Siedend heiß schiebt sich diese Erkenntnis nach vorn, nicht das Geld, nicht der Führerschein, dieser verdammte Hurenpass ist es, der mich am meisten beschäftigt. Als ich bemerke, dass mein Geldbeutel nicht mehr da ist, kreisen meine Gedanken nur noch um dieses Dokument. Vielmehr: sie rasen in engst möglichen Volten bei höchstmöglicher Geschwindigkeit - angezogene Handbremse, Gummi stinkt, Reifen quietschen. Ich bin ein Kind der 80er, falls Du Dich fragst.
In der “Anmeldebescheinigung nach Pr°stituiertenSchutzGesetz” steht mein bürgerlicher Namen und mein Geburtsdatum. Ich bin geoutet, daher verwende ich in diesem offiziellen Behördendokument keinen Alias. Es ist eh ein Wisch für die Tasche, abgesehen von der Kontrolle durch Betreibende von Pr°stitutionsstätten hole ich das dreimal gefaltete grünliche Papier nur aus der Tasche, wenn ich jährlich zur gesundheitlichen Zwangsberatung muss. Wo ich auch nicht hinwill, die mir nichts bringt, aber das ist eine andere Geschichte.
Als der Pass 2017 eingeführt wurde, wählten viele meiner Kolleg*innen den Alias Alice Schwarzer, aber ich wollte diesen Namen nicht noch häufiger geschrieben sehen. Schon gar nicht in Verbindung mit meinem Passfoto.
Wer glaubt, eine solche Registrierung würde irgendwem helfen, sollte einen Blick auf die Geschichte solcher Registrierungspapiere werfen. Der Verein Dona Carmen hat einige dunkle Kapitel solcher Dirnenpapiere rekonstruiert (Öffnet in neuem Fenster), aber hören will davon niemand.
Als ich online den Diebstahl melde, gibt es eine Rubrik “andere Ausweispapiere”. Dort trage ich den Schwerbehindertenausweis ein, und zunächst auch den Hurenpass. Dann lösche ich es wieder. Wer weiß, wo diese Daten landen und wie lange sie dort gespeichert bleiben?
Gestern konnte ich nachts kaum schlafen. Immer wieder schreckte ich hoch. Was, wenn eine Person versucht, mich zu erpressen mit dem Ausweis?
Das klingt vielleicht absurd für Dich, aber das Bekanntwerdens meiner Lohnarbeit im privaten Umfeld gefährdet mich real. So war ich hellauf entsetzt, als vor einigen Wochen das Belegexemplars eines Sammelbands bei mir eintrudelte, für den ich einen Text beigesteuert hatte. An der Haustür klebte ein gelber Zettel des Zustelldiensts, für alle gut sichtbar. Adressiert war die Sendung an meinen Aliasnamen. Um Verwechslungen auszuschließen stand mein bürgerlicher Name gleich darunter. Meine Vermieterfamilie wohnt im selben Haus, doch es reicht schon, wenn eine Nachbar*in den Aliasnamen in eine Suchmaschine eingibt. Sowas spricht sich schnell herum.
Endlich schlafe ich ein. Verschlafe. Um 9 Uhr klingelt es an der Haustür. Aus der Gegensprechanlage quäkt es: “Hier ist die Polizei.” Pause. “Wir haben Ihren Geldbeutel.”
Zu dritt stapfen sie die Treppe hoch, ich bin noch nicht angezogen, gerade erst gerädert aufgestanden, nachdem ich bis um 5 nicht pennen konnte. Dass ich ihnen die Türe im Bademantel öffne, überrascht sie nicht. Im zugigen Hausflur händigen sie mir meinen Geldbeutel aus. Nun stehen wir zu viert im Treppenhaus, ein Polizist zählt auf, was alles noch da ist. Ich bin schneller. Denn alles aller, allererstes hab’ ich geguckt, ob der Hurenpass noch da ist. “Und noch ein weiteres, offizielles Dokument”, sage ich. “Eins, über das wir bitte nicht im Hausflur sprechen.”