Zum Hauptinhalt springen

Nach welcher Stadt klingt das?

Arvo Pärt: Hymn to a Great City (1984)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich Musik aus Klassik und Umgebung vor, die du vielleicht noch nicht kennst. Und führe dich durch die Musik: Worauf soll ich hören? Wie kann ich diese Musik besser verstehen und damit mehr genießen? Damit ich auch weiterhin auf die Schleichwege gehen kann, unterstütze mich auf Steady mit einer Mitgliedschaft! (Öffnet in neuem Fenster)

Ein symbolistisches Stadt- und Himmelsbild in gold-braunen und bläulichen Tönen: Aus einem weiten, lichtdurchwirkten Nebel ragen stilisierte Turmbauten empor, die wie Orgelpfeifen oder Flammen wirken. (Öffnet in neuem Fenster)
„HYMN (II)“ von Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (1906), gemeinfrei via Wikimedia Commons

Als ich das Stück, um das es heute geht, erstmals gehört habe, wäre ich nicht auf den Komponisten gekommen, obwohl ich ihn eigentlich ganz gut kenne und mag: den Esten Arvo Pärt, der dieses Jahr 90 geworden ist. Man kann sich schlecht vorstellen, dass Pärt aufgrund seiner oft als meditativ beschriebenen und spirituell motivierten Musik von den Sowjets gedrängt wurde, das Land zu verlassen. Aber genau das passierte 1980. Er bekam eine Ausreiseerlaubnis nach Wien, verbunden mit unmissverständlichen Hinweisen, es würde nicht um sein Bestes bestellt sein, käme er zurück.

Pärt experimentierte zu Beginn seiner Karriere mit Zwölftonmusik und anderen avantgardistischen Kompositionstechniken wie serieller Musik, dann geriet er aber in eine existenzielle Schaffenskrise, verstummte für viele Jahre und entdeckte schließlich in der der Gregorianik (Öffnet in neuem Fenster) und der frühen Polyphonie (also Mehrstimmigkeit) die Einfachheit, die ab Ende der 1970er seine Werke bestimmen sollte (wenngleich seine Musik natürlich ganz anders klingt als gregorianische Choräle).

Pärt reiste nach Wien, lebte auch lange in Berlin, ging nicht zurück nach Estland und gehört heute zu den meistgespielten lebenden “klassischen” Komponist. Seine Musik ist vielen Menschen bekannt, weil sie unzählige Filme untermalt hat, hier zum Beispiel Tom Tykwers Meditation über die Liebe, “Heaven”, nach einem nachgelassenen Drehbuch von Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz (“Drei Farben”):

https://www.youtube.com/watch?v=ISJZD7CII2I (Öffnet in neuem Fenster)

Das Stück, das in dieser Sequenz läuft, heißt “Spiegel im Spiegel” und ist von 1978. Wie der Film auch steht dieses Stück unter latentem Kitschverdacht. Ich erwähne das nur chronistischerweise, ich finde weder Film noch Musik kitschig, sondern im eigentlichen Wortsinn schlicht und ergreifend. Ich weiß nicht, welches dekadente, staatszersetzende Wesen das Moskauer Regime in dieser symmetrischen, streng tonalen Arbeit entdecken haben will. Obwohl, irgendwas mag dran gewesen sein, wenn man bedenkt, wie stark diese Musik (immer noch) wirkt.

Das Stück, um das es heute geht, ist von 1984 und trägt einen programmatischen Titel: “Hymn to a Great City”. “Hymn” muss nicht Hymne heißen, es kann auch mit Choral übersetzt werden, beides drängt sich nicht direkt auf, wenn man das Stück hört. Zudem ist nicht offiziell überliefert, welche Stadt gemeint sein könnte. Ich unterschlage jetzt werkgeschichtliche Details zur Entstehung, damit ihr euch diese kurze Musik unvoreingenommen anhören könnt:

https://www.youtube.com/watch?v=LwzY0IZjWZA&list=RDLwzY0IZjWZA&start_radio=1 (Öffnet in neuem Fenster)

Pärt war offenbar unzufrieden mit dem Stück, weil er es mehrfach überarbeitete. Es gibt auch eine Fassung für nur ein Klavier. Aber in dieser Fassung für zwei Klaviere ist es möglich, gleichzeitig auf dem einen die gebrochenen Akkorde zu spielen, die an klingelnde Glöckchen erinnern, während auf dem anderen stoisch die schlichten Harmonien in Cis-Dur durchgehalten werden. Die Glöckchen sind für Pärt nicht nur ein Effekt, sondern motivieren seinen ganzen Stil (den Tintinnabuli-Stil (Öffnet in neuem Fenster)). Ich finde es erstaunlich, wie glitzernd auf den Flügeln die Glöckchen evoziert werden. Es scheint eine ruhige, aber pulsierende, glänze Stadt zu sein, um die es hier geht.

Hier findest du das Stück im Streaming (Öffnet in neuem Fenster).

Bleibt die Frage: Nach welcher Stadt klingt diese Musik für dich? Zahlende Schleichwege-Mitglieder können hier direkt hinkommentieren, andere können mir mailen. Aber natürlich: Werde doch auch Mitglied, damit ich weiterhin Zeit habe, die Schleichwege zu schreiben! (Öffnet in neuem Fenster)

Schöne Grüße aus Berlin
Gabriel

Kategorie Neoklassik & Crossover

1 Kommentar

Möchtest du die Kommentare sehen?
Werde Mitglied von Gabriel Yoran: Schleichwege zur Klassik und diskutiere mit.
Mitglied werden