Warum Ostern mehr mit Rechtsextremismus zu tun hat, als uns lieb sein sollte
von Stefan Hünl

Ostern erzählt die wohl bekannteste Geschichte der westlichen Welt:
Tod, Leiden
— und schließlich die Auferstehung.
Es ist ein Narrativ der Hoffnung, der Erlösung, der radikalen Erneuerung.
Doch genau dieses Narrativ ist nicht exklusiv religiös.
Es ist politisch.
(Öffnet in neuem Fenster)Und in seiner radikalisierten Form bildet es das ideologische Zentrum des modernen Rechtsextremismus.
Der entscheidende Begriff:
Palingenese
Wer verstehen will, warum rechtsextreme Ideologien so wirkmächtig sind, stößt unweigerlich auf einen Begriff aus der Faschismusforschung: Palingenese – die "Wiedergeburt".
Geprägt wurde er in diesem Kontext maßgeblich von Roger Griffin (Öffnet in neuem Fenster), der Faschismus als "palingenetischen Ultranationalismus" beschreibt. Gemeint ist damit nichts weniger als die Vorstellung, dass eine vermeintlich "verfallene" Nation durch einen revolutionären Akt neu geboren werden müsse.
Der Clou: Der Begriff stammt ursprünglich aus der Theologie. Bereits in frühchristlichen Kontexten bezeichnete er die geistige Wiedergeburt.
Mit anderen Worten:
Die Faschismusforschung musste auf ein religiöses Konzept zurückgreifen, um den Kern rechtsextremer Ideologie zu beschreiben.
Das ist kein Zufall.
Das Oster-Narrativ – politisch gelesen
Die Struktur des christlichen Ostermythos ist klar:
• Verfall (Sünde)
• Leiden (Kreuzigung)
• Erlösung (Auferstehung)
Diese Dramaturgie findet sich nahezu deckungsgleich im rechtsextremen Denken wieder:
• Dekadenz der Nation
• Opferrolle des "Volkes"
• Revolutionäre Wiedergeburt

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Struktur
— sondern in der Zielrichtung.
Während das Christentum universelle Erlösung verspricht, ist die rechtsextreme Variante exklusiv, ethnisch, ausgrenzend.
Doch die emotionale Logik bleibt identisch.
Der Feind als Voraussetzung der Erlösung
Kein Erlösungsmythos ohne Schuldige.

Im christlichen Narrativ sind es die Mächte, die Christus ans Kreuz bringen. Im rechtsextremen Weltbild sind es "die anderen":
Juden, Liberale, Migranten, "Eliten".
Die Funktion ist dieselbe:
Der Feind erklärt den Verfall
— und legitimiert die Erlösung.
Ohne ihn würde das gesamte Narrativ zusammenbrechen.
Apokalypse als politisches Programm

Besonders deutlich wird die Nähe zur religiösen Denkstruktur im apokalyptischen Denken der extremen Rechten.
Die nordische Erzählung von Ragnarök (Öffnet in neuem Fenster) wird dabei nicht nur zitiert, sondern politisch aufgeladen
— als notwendiger Untergang einer "dekadenten" Welt, der den Weg für eine neue Ordnung freimacht.
Zerstörung ist hier kein Scheitern
— sondern Voraussetzung der Erlösung.
Das ist keine Metapher.
Das ist ein politisches Programm.
Wenn Politik zur Religion wird
Die Nähe von Faschismus und Religion wurde schon früh erkannt. Der italienische Historiker Emilio Gentile (Öffnet in neuem Fenster) beschreibt den Faschismus als eine Form der "politischen Religion".
Auch der Nationalsozialismus operierte mit religiösen Mustern:
• Heilsversprechen
• Märtyrerkult
• Opferideologie
• Führer als Erlöserfigur

Das „Dritte Reich“ war nicht nur ein Staat
— es war ein Heilsversprechen.
Eine säkularisierte Erlösungsfantasie.
Die Gegenwart:
Das "christliche Abendland"

Diese Denkstruktur ist keineswegs Vergangenheit.
Rechtspopulistische Bewegungen inszenieren sich heute als Verteidiger des "christlichen Abendlandes".
Doch das Christentum dient dabei nicht als ethischer Kompass
— sondern als kulturelle Waffe.
Das Kreuz wird zum Abgrenzungssymbol.
Nächstenliebe wird ersetzt durch Identitätspolitik.
Es geht nicht um Glauben.
Es geht um Zugehörigkeit.
Die gefährliche Attraktivität der Wiedergeburt

Warum ist dieses Narrativ so erfolgreich?
Weil es einfach ist.
Weil es Sinn stiftet.
Weil es Hoffnung verspricht.
In einer komplexen Welt bietet die Idee der "Wiedergeburt" eine radikale Vereinfachung:
• Es gibt einen klaren Zustand des Verfalls
• Es gibt Schuldige
• Es gibt einen Weg zur Erlösung
Das ist emotional mächtig
— und politisch hochgefährlich.

Ostern ist nicht unschuldig
Die Parallelen zwischen christlicher Auferstehung und rechtsextremer Ideologie sind keine zufälligen Analogien.
Sie sind strukturell.
Der Mythos der Wiedergeburt, der Kern von Ostern, kann Hoffnung stiften.
Er kann aber auch missbraucht werden, um Ausgrenzung, Gewalt und autoritäre Politik zu legitimieren.
Wer Rechtsextremismus verstehen will, darf ihn deshalb nicht nur politisch analysieren.
Er muss ihn auch als das begreifen, was er in seinem Innersten ist:
Eine säkularisierte Erlösungsreligion.

Primärliteratur & zentrale Theorien
• Roger Griffin: »The Nature of Fascism« — Grundwerk zur Definition von Faschismus als "palingenetischer Ultranationalismus".
• Emilio Gentile: »Le origini dell'ideologia fascista« — Herkunft und Entwicklung der faschistischen Ideologie.
• Roger Griffin: »Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt« (dt. Rezeption).
Politische Religion & NS-Forschung
• Emilio Gentile: »Politics as Religion«.
• »Zeitschrift für Rechtsextremismusforschung« (ZfR) — diverse Aufsätze zur religiösen Dimension des Rechtsextremismus.
• Beiträge auf »Humanities — Sozial- und Kulturgeschichte« (H-Soz-Kult) zur religiösen Deutung im Nationalsozialismus.
Mythen & Rechtsextremismus
• »Bundeszentrale für politische Bildung« (bpb) — "Vereinnahmung germanischer Mythologie im Rechtsextremismus".
• Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie — "Mythen im Rechtsextremismus".
Ideologie & Narrative
• Konrad-Adenauer-Stiftung — "Destruktive Mythen im Rechtsextremismus".
• Institut für Zeitgeschichte München — Arbeiten zur Faschismusdefinition und Ideologieanalyse.

