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Rede zum Amo-Fest 2025

Es ist geschafft!

Ab heute haben wir auch in Berlin endlich eine Anton-Wilhelm-Amo-Straße!

Herzlichen Glückwunsch!

Seit über 30 Jahren engagieren sich Menschen in dieser Stadt geduldig und langatmig für diesen Moment. Seit 2014 wird hier jeden Sommer ein symbolisches Umbenennungsfest gefeiert. Und seit 2020, das Jahr in dem der Beschluss zur Umbenennung endlich getroffen wurde, feiern wir jährlich in freudiger Erwartung das „Amo-Fest.“

Sharon hält eine Rede und spricht dafür in ein Mikrofon, vor einer Menschenmenge.
© Teresa Roelcke

Jetzt hat das Warten ein Ende: Die Schilder sind ausgetauscht und die Anton-Wilhelm-Amo-Straße ist hier.

Und wenn wir nach diesem Fest alle wieder nach Hause gehen, wenn wir in den nächsten Tagen zurück zum Alltag kehren, bitte erinnern Sie sich bzw. erinnert Euch an die Energie hier.

Denn Anton-Wilhelm-Amo-Straße ist nicht nur ein Ort. Sie ist nicht nur eine U-Bahn-Station. Sie ist auch ein Symbol:

  • Anton-Wilhelm-Amo-Straße steht für Widerstand.

  • Anton-Wilhelm-Amo-Straße steht für Solidarität. 

  • Anton-Wilhelm-Amo-Straße steht für Wertschätzung: Und zwar für ein wirklich wertschätzendes Erinnern an afrikanische Menschen im Deutschland des 18. Jahrhunderts.

Im 18. Jahrhundert wurden nämlich afrikanische Menschen - Erwachsene wie Kinder - hierhin verschleppt und gezwungen, unter anderem als Diener und Musiker zu arbeiten. Sie kamen größtenteils aus der brandenburgisch-preußischen Kolonie im heutigen Ghana. Versklavte Bedienstete afrikanischer Herkunft galten nämlich damals als Symbole für Macht und Reichtum.

Anton Wilhelm Amo, der erste bekannte Schwarze Philosoph und Rechtswissenschaftler in Deutschland, war bloß ein Kind, als er von Westafrika an den Hof von Wolfenbüttel gebracht wurde.

Ein Kind, das von seiner leiblichen Familie getrennt und auf eine beschwerliche Reise mitgenommen wurde, um schließlich Tausende von Kilometern von seiner Heimat entfernt zu landen, umgeben von Fremden, die fremde Sprachen sprachen, fremdes Essen aßen, fremde Kleidung trugen und in einem fremden Klima lebten.

Heute ist Samstag, der 23. August – der Internationale Tag zur Erinnerung an den Versklavungshandel und seine Abschaffung.

Der Tag an dem die Haitianische Revolution (ein Aufstand versklavter Menschen mit dem Erfolg der Staatsgründung) sich zum 234. Mal jährt.

Der perfekte Tag also für diese Umbenennung!

Ich möchte gerne mit Ihnen und Euch gemeinsam die schätzungsweise mehr als zwölf Millionen Menschen, die vertrieben, verschleppt, entrechtet, herabgewürdigt, gefoltert und ermordet wurden, mit einer Schweigeminute ehren.

*

Vielen Dank.

Ende 2022 wurden in Berlin-Mitte zwei Straßen umbenannt - eine nach dem Ehepaar Rudolf und Emily Duala Manga Bell und die andere nach Cornelius Fredericks. Das waren Menschen, die sich zu ihrer Lebzeit gegen Kolonialisierung und Rassismus aufgelehnt haben.

Zu Ehren der Straßenumbenennungen habe ich damals ein Gedicht vorgetragen. Es heißt „das erinnern.“ Die letzten Zeilen gehen so:

hier werden brücken gebaut, eine geduldige erklärung wie zum ersten mal
dort marschieren menschen los, denn: wir wollen endlich atmen
tränen werden vergossen, beim lachen und beim weinen, die erde ist berauscht davon
und manche von uns tun es: das erinnern
wir schenken deutschen straßen unsere namen,
es geschieht sowieso, ob die anderen es wahrhaben wollen oder nicht

Der bisherige Name dieser Straße stammt aus der Zeit, als Amo nach Deutschland kam. Es wird behauptet, dass der Name nur ehrend gemeint gewesen sein kann.

Dieser Name war aber keine Selbstbezeichnung. Es handelt sich um einen deutschen Sammelbegriff für Schwarze Menschen. Amo gehörte zum Volk der Nzema. Meine Eltern sind Ga. Und es gibt Menschen hier, deren Vorfahr*innen Ewe, Aschanti oder Fante sind. Allein im heutigen Ghana leben über einhundert verschiedene Völker.

Also stehe ich hier um diejenigen, die es brauchen, daran zu erinnern:

  • Afrikanische Menschen haben eigene Namen

  • Afrikanische Menschen haben eigene Namenstraditionen

  • Und eine Ehrung, die erstmal erklärt werden muss, und per Gerichtsverfahren verteidigt werden muss, ist keine gelungene Ehrung.

Wir schreiben das Jahr 2025. Es ist wirklich höchste Zeit, dass wir uns von kolonialen Traditionen verabschieden. Besonders die, in der eine Gruppe einer anderen Gruppe Fremdbezeichnungen aufzwingen kann.

 

Erlauben Sie mir bzw. erlaubt mir bitte eine persönliche Anekdote. Viele wissen, dass ich Mutter von vier Kindern bin. Mein jüngster Sohn ist dreizehn Jahre alt.

Als er im Kindergartenalter war, haben wir hier in dieser Straße für ihn eine Kita gefunden. Die Adresse hat mir tatsächlich jedes Mal schlechte Laune gemacht. Und ich bin absichtlich immer in Stadtmitte ein- und ausgestiegen, um zu vermeiden, dass ich den bisherigen Namen der U-Bahn-Station hören oder lesen musste.

Wie stolz ich wäre, wenn ich in dieser Straße jetzt arbeiten oder leben würde!

Wenn ich jetzt ein Kindergartenkind hätte, würde ich ihn jeden Morgen nerven mit der Geschichte von Anton Wilhelm Amo und den widerständigen Menschen, die die Straßenumbenennung durchgesetzt haben. Ich danke Euch!

Einige Kritiker*innen der heutigen Straßenumbenennung sagen:

  • Der alte Name gehöre zum Stadtbild Berlins.

  • Der alte Name solle in seinem historischen Kontext verstanden werden.

  • Der alte Name war nicht als Beleidigung gedacht.

 Eigens für diese Menschen habe ich ein Gedicht mitgebracht. Denn die Wenigsten wissen, dass es gar nicht so lange her ist, dass es in Berlin eine Straße mit einem ganz anderen unbeliebten Namen gab. Sie hieß Kartoffelstraße.

Ja, ich gebe es zu. Ich bin eine von den Menschen, die weiterhin denkt:

  • Kartoffelstraße gehörte zum Stadtbild Berlins.

  • Kartoffelstraße hätte in seinem historischen Kontext verstanden werden sollen.

  • Denn „Kartoffel“ war nicht als Beleidigung gedacht.

Aber durch langwierige Prozesse und Diskussionen und Demonstrationen und Gerichtsverhandlungen und Eilanträgen, denen erst stattgegeben wurde und dann doch wieder gescheitert waren, ist es der anderen Seite letztendlich gelungen, deutlich zu machen, dass die Bezeichnung „Kartoffel“ heutzutage als Beschimpfung empfunden werden kann.

Also - die Straße ist weg. Aber, in Gedenken, habe ich ein Gedicht geschrieben. Es ist auf Englisch, die Übersetzung ins Deutsche kommt danach. Das Gedicht heißt:

 

A Love Letter to a Potato

You are not that round, you know.
You think you are all that,
but actually, if I didn’t add salt and a little butter, you would taste bland.
Boring. One dimensional and…
Only when you are deep-fried or roasted do you begin to get interesting.
And that’s why I love you.
People think we need Harmony. Peace. Joy. You show me they are wrong.
You say: Heat? BRING IT ON!
You say: What’s the point of being polite?
Ask those awkward questions!
Make up some shady theories!
Claim foreign soils as your own!
Go conquer the world!
And the best bit about it is…
You will always be the innocent one.
I could learn a lot from you, P.

 

Und mit Dank an Max Czollek, hier die deutsche Übersetzung:

Liebesbrief an eine Kartoffel

Du bist gar nicht so rund, weißt du.
Du denkst, du bist sonst wie toll,
aber ohne Salz und etwas Butter schmecktest du fad.
Langweilig. Eindimensional und...
Nur wenn du frittiert oder gebraten bist, wirst du langsam interessant.
Und darum liebe ich dich.
Menschen denken, wir brauchen Frieden. Freude. Eierkuchen. Du beweist das Gegenteil.
Du sagst: Hitze des Gefechts? HER DAMIT!
Du sagst: Was bringt euch die Höflichkeit?
Stellt die unangenehmen Fragen!
Erfindet zwielichtige Theorien!
Beansprucht fremde Erden!
Geht die Welt erobern!
Und das Beste daran ist...
Du wirst immer unschuldig sein.
Ich könnte viel von dir lernen, K.

 

Wir haben heute viele exzellente Beiträge: Diskussionen, Reden, Live-Musik und Performances.

Und wir werden viel über den Namensgeber lernen: Anton Wilhelm Amo, der erster Schwarzer Philosoph Deutschlands.

Es wäre schön, wenn so viele Menschen wie möglich, so lange bleiben, wie sie nur können. Denn wir sind viele. Das sollten wir einander auch spüren lassen. Nach all diesen Jahren haben wir das wirklich verdient.

Wir feiern, denn wir haben gemeinsam Großes erreicht. Doch wir werden dran bleiben müssen. Uns wird nichts geschenkt.

Der erste Völkermord des zwanzigsten Jahrhunderts wurde an den Herero und Nama, zwei Völkern im heutigen Namibia, durch Deutsche verübt. Deutschland hat sich noch immer nicht zu Reparationszahlungen an die Nachkommen bereit erklärt.

Und Deutschland schafft es noch immer nicht, unsere Schwarzen Kinder zu schützen. Ich denke besonders an Mouhamed Dramé, an Lorenz A., an Nelson, an Sonia Omoroghomwan.

Es gibt so viel zu tun - in Erinnerung an diejenigen, die vor uns kamen; in Verantwortung für die besonders Bedrohten unter uns und in Vorsorge für die, die nach uns kommen.

Liebe Geschwister, liebe Kinder, liebe Communitys, liebe Allys:

Wir haben es in der Hand – laut zu bleiben, beharrlich zu bleiben. Widerständig. Solidarisch. Und wertschätzend.

Ich wünsche uns, dass wir weiterfeiern. Jedes Jahr. Wie gehabt.

Auf Uns.

Auf Amo.

Kategorie Rede

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