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„Eine Hymne an das Leben“

Hier kommt alles, was du wissen solltest, kompakt erklärt. Heute ist wieder tag eins!

Hallo!

Diese Woche gastiert Curtis Yarvin in Wien. In rechten Kreisen gilt er als Vordenker einer postdemokratischen Ordnung, im Silicon Valley als Stichwortgeber für Investoren wie Peter Thiel. In einem Podcast der The New York Times umriss Yarvin selbst die ideologische Schnittmenge: Ablehnung von Diversity-Konzepten, Skepsis gegenüber Demokratie und staatlichen Institutionen. Ich habe hier (Öffnet in neuem Fenster) etwas über ihn geschrieben. 

Am Donnerstag soll Yarvin bei einer Veranstaltung des ungarischen Magazins The European Conservative auftreten, am Samstag bei „Aktion 451“, einer Tarnstruktur aus dem Umfeld der Identitären Bewegung Österreich. Während die Identitären den Ort geheim halten, nennt „The European Conservative“ eine Adresse mit Symbolkraft: Albertgasse 35 – einst Sitz der Wiener Hitlerjugend.

Sonst geht es heute um offene Fragen rund um einen Suizid in U-Haft, Privatkonkurse und Antisemitismus.

Suizid in U-Haft: Ermittlungen und offene Fragen

Nach dem Suizid eines 23-Jährigen im Mai 2025 in der Wiener Justizanstalt Josefstadt steht die Justiz in der Kritik. Die Wochenzeitung „Falter (Öffnet in neuem Fenster)“ berichtet von Versäumnissen, die Eltern fordern volle Aufklärung. Die Staatsanwaltschaft St. Pölten ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

Der Mann war Ende April wegen Tatbegehungsgefahr in Untersuchungshaft gekommen, nachdem er seine Mutter angegriffen hatte. Laut seinem Anwalt Sebastian Lesigang litt er an einem psychotischen Schub; Hinweise auf eine mögliche Zurechnungsunfähigkeit seien dokumentiert gewesen. Dennoch sei er nicht in eine psychiatrische Einrichtung verlegt und nicht medikamentös behandelt worden.

Berichten zufolge hatte es bereits vor der Haft Zweifel an seiner psychischen Verfassung gegeben. Die U-Haft wurde dennoch verlängert, ein Enthaftungsantrag abgewiesen. Am 10. Mai wurde der 23-Jährige tot in seiner Zelle gefunden. Ein Gutachten bestätigte Suizid.

Ein psychiatrischer Sachverständiger bewertet die Betreuung in Haft als „angemessen“. Ob es dennoch Versäumnisse gab, sollen nun die Ermittlungen klären.

Mehr Männer als Frauen in Privatkonkurs

In Wien rutschen vor allem Männer zwischen 41 und 60 Jahren in den Privatkonkurs – und sie hinterlassen die höchsten Schulden. Im Schnitt belaufen sich ihre Verbindlichkeiten auf 266.000 Euro. Wienerinnen kommen auf durchschnittlich 109.000 Euro.

Österreichweit liegen Männer laut KSV1870 (Öffnet in neuem Fenster) bei rund 153.000 Euro. Haupttreiber ist häufig eine gescheiterte Selbstständigkeit. Dazu kommen Einkommensverluste – und nicht selten ein Leben über den eigenen Verhältnissen.

Auch bei Frauen spielt die frühere Selbstständigkeit eine zentrale Rolle. In Wien wagen mehr Frauen den Schritt ins Unternehmertum, entsprechend höher fällt im Insolvenzfall die Schuldenlast aus. Kredite und persönliche Haftungen verschärfen das Risiko.

Insgesamt wurden 2025 bundesweit 8.766 Schuldenregulierungsverfahren eröffnet – ein leichter Rückgang um knapp ein Prozent. Mehr als 3.000 davon entfielen auf Wien. Betrachtet man ausschließlich „echte“ Privatinsolvenzen ohne unternehmerischen Hintergrund, stellen Männer 57 Prozent der Betroffenen. Hauptursachen sind hier vor allem finanzielle Selbstüberschätzung und problematisches Konsumverhalten.

Der Privatkonkurs bietet die Chance auf einen Neustart: Nach drei bis sieben Jahren können Betroffene schuldenfrei sein.

Epstein-Skandal befeuert antisemitische Welle

Nach der Veröffentlichung der Epstein-Akten breitet sich auf Instagram offener Antisemitismus aus – in einer Dimension, die selbst Expert*innen alarmiert. Eine Untersuchung der Rechercheplattform Democ dokumentiert millionenfach geklickte Videos, in denen Jüd*innen kollektiv für die Taten des verurteilten Sexualstraftäters verantwortlich gemacht werden. Selbst Hitler-Verherrlichung findet ein Massenpublikum.

Auslöser ist die Publikation von mehr als drei Millionen Seiten Ermittlungsunterlagen zum Fall Jeffrey Epstein durch das US-Justizministerium. In den Dokumenten finden sich Kontakte zu Prominenten, vielfach ohne Bezug zu Straftaten. Dass Epstein Jude war, dient Antisemit*innen nun als Projektionsfläche für Verschwörungserzählungen.

Democ analysierte zwischen 30. Januar und 9. Februar 55 exemplarische Instagram-Reels mit explizit antisemitischer Deutung. Sie kamen demnach auf 114,4 Millionen Aufrufe, 6,7 Millionen Likes und mehr als 82.000 Kommentare. Geschäftsführer Grischa Stanjek spricht von einem „schier endlosen Ausmaß“ judenfeindlicher Inhalte – international verbreitet, auch aus Deutschland, schreibt die Welt (Öffnet in neuem Fenster)

Die Beispiele reichen von der falschen Behauptung, Epstein sei Israeli gewesen, bis zu Anspielungen auf antisemitische Ritualmordlegenden. In Kommentarspalten wird Adolf Hitler als „österreichischer Maler“ verherrlicht – ein Code, der automatische Filter umgehen soll. Derartige Beiträge erzielen teils sechsstellige Zustimmungswerte. Auch Hakenkreuze in ASCII-Form und chiffrierte Mordaufrufe tauchen auf.

In zahlreichen Videos wird eine Rede Hitlers aus dem Jahr 1940 eingeblendet, flankiert von Bildern Epsteins, jüdischer Unternehmer oder politischer Akteure. Der Algorithmus verstärke die Dynamik, so Democ: Wer mit antisemitischen Inhalten interagiere, bekomme immer mehr davon angezeigt.

Stanjek warnt vor einer Entwicklung, wie sie bereits nach dem 7. Oktober oder während der Corona-Pandemie zu beobachten gewesen sei: Ein reales Ereignis werde zur antisemitischen Welterklärung umgedeutet. Plattformen wie Instagram müssten entschlossener gegensteuern. Die Sorge vor Überregulierung dürfe nicht dazu führen, dass offener Judenhass ein Millionenpublikum erreicht.

Hier empfehlen wir dir jeden Tag ein Recherchestück eines unabhängigen, kleinen Mediums aus Österreich, den aktuellen Krautreporter-Text und unser Fundstück des Tages. Viel Spaß!

Abgründe hinter der Alpenkulisse

Im Fünf-Sterne-Resort Interalpen-Hotel Tyrol in Telfs steht nicht nur der alpine Luxus im Fokus, sondern schwerwiegende Vorwürfe aus dem Inneren des Hauses. Lehrlinge berichten, von Vorgesetzten sexuell belästigt, rassistisch beschimpft und körperlich attackiert worden zu sein.

Recherchen von DOSSIER zeichnen das Bild eines Klimas der Angst. Der Redaktion liegen Fotos, Videos, Chatverläufe und interne Dokumente vor, die die Anschuldigungen stützen sollen. Sie dokumentieren demnach Übergriffe, Demütigungen – und ein mögliches Wegsehen jener, die Verantwortung tragen.

https://www.dossier.at/dossiers/top-storys/luxushotel-interalpen-lehrlinge-belaestigt-und-erniedrigt/ (Öffnet in neuem Fenster)

Interview: „Ich bin eine schlechte Freundin“ – warum so viele Frauen das glauben

Die beste Freundin ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Die Historikerin Tiffany Watt Smith hat Freundschaften erforscht und stieß dabei auf ein Ideal, das bis heute für Schuldgefühle sorgt.

https://krautreporter.de/leben-und-lieben/6255-ich-bin-eine-schlechte-freundin-warum-so-viele-frauen-das-glauben#lesen (Öffnet in neuem Fenster)

„Eine Hymne an das Leben“

Gisèle Pelicot widerfuhr Unvorstellbares. Ihr Ehemann betäubte sie systematisch, vergewaltigte sie und lieferte sie Dutzenden anderen Männern aus. Im Herbst 2024 entschied sich die heute 73-Jährige während des Prozesses in Frankreich, auf ihre Anonymität zu verzichten, und trat bewusst mit ihrem Namen an die Öffentlichkeit. Der Schritt wurde von Frauen auf der ganzen Welt als Akt der Selbstermächtigung gefeiert. Pelicot machte deutlich, dass nicht sie sich schämen muss, sondern die Täter. Mit der Veröffentlichung ihrer Memoiren „Eine Hymne an das Leben“ knüpft sie an diese Haltung an: Sie erzählt ihre Geschichte selbst. Der New York Times hat Pelicot ein ausführliches Podcast-Interview (Öffnet in neuem Fenster) gegeben, das sich – auf Englisch – zu hören lohnt. Wer lieber liest, kann das hier tun.

https://www.nytimes.com/2026/02/13/magazine/gisele-pelicot-france-rape-case-story.html? (Öffnet in neuem Fenster)

Wünscht einen guten Mittwoch:

Markus

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