
Liebe Freundinnen und Freunde von Übermedien,
auf einer Skala von eins bis zehn: Wie witzig finden Sie Witze, die sich über Opfer lustig machen? Das ist keine rhetorische Frage. Denn vergangene Woche machte der Kabarettist Dieter Nuhr einen solchen Witz – und das Publikum lachte und klatschte. Und ich saß vor dem Bildschirm und konnte bei bestem Willen nicht verstehen, wie man so etwas lustig finden kann. Aber der Reihe nach.
Darum geht’s: Dieter Nuhr macht sich über getötete Frauen lustig
Jedes Jahr werden in Deutschland über 100 Frauen von ihrem (Ex-)Partner umgebracht. Das findet natürlich auch Dieter Nuhr nicht gut, wie er vergangene Woche in seinem Programm „Nuhr im Ersten XXL“ (Öffnet in neuem Fenster) sagte. Doch dann kommt das berühmt-berüchtigte „aber“:
„Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null.“
Frauen müssten sich also doch gar keine Sorgen machen, eine Beziehung mit einem Mann einzugehen, der sie eventuell umbringen könnte! Und wenn doch:
„Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt. Vielleicht mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist.“
Das Publikum klatscht und scheint nicht zu merken, auf welche Kosten dieser Witz geht. Nuhr schiebt hier nämlich den Opfern selbst die Schuld an ihrem Mord zu: Hätten sie sich eben einen anderen Sex-Partner ausgesucht!
Es ist eine alte Erzählung, die leider immer noch verbreitet wird. Deswegen hier noch mal in aller Deutlichkeit: Schuld an einem Mord ist der Mörder. Und nicht das Opfer.
Meine Kollegin Lisa Kräher schreibt in ihrem Kommentar über Nuhrs Witz, dass die Pointe außerdem auf einem Irrtum beruhe,
„der offenbar weder Nuhr noch jemandem in der rbb-Redaktion aufgefallen ist. Oder es ist ihnen egal, weil man so eine Pointe doch nicht killt, nur weil sie nicht der Realität entspricht. Denn die meisten Frauen, die ermordet wurden, kannten die Männer, die die Tat begangen haben, sehr gut. Sie waren oft über Jahre liiert oder verheiratet mit ihnen.“
Das Problem: Die Aufgabe von Satire erfüllt Nuhrs Witz nicht
Wenn man einen Witz kritisiert, gilt man schnell als spaßbefreite Person. Stell dich nicht so an, Satire darf doch alles! Das stimmt aber nicht immer.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an Jan Böhmermanns „Schmähgedicht“ von 2016, in dem der ZDF-Satiriker den russischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan herabwürdigend beleidigte. Große Teile des Gedichts wurden später von Gerichten untersagt (Öffnet in neuem Fenster), weil es für die schwerwiegenden Beleidigungen keine tatsächlichen Anhaltspunkte gegeben habe. Obwohl dieser Fall definitiv eher die Ausnahme als die Regel ist, zeigt er: Die Aufgabe von Satire ist es nicht, einfach irgendwelche Leute zu beleidigen.
Satire soll spitzzüngig einen gesellschaftlichen Missstand angreifen. Sie darf dabei wehtun und auch mal Grenzen überschreiten. Aber das Ziel ist doch immer, die Ursache eines Missstandes anzugreifen – und nicht die Leidtragenden selbst. Dieter Nuhr hat es genau verkehrt herum gemacht.
Der zuständige Sender rbb verteidigt Nuhrs Witz mit Meinungsvielfalt und künstlerischer Freiheit. Das kann man machen. Aber ich finde es schon fahrlässig, wenn ein öffentlich-rechtliches Kabarett-Programm mit einem billigen Witz die falsche Erzählung von Frauen weiterverbreitet, die doch eigentlich selbst schuld an ihrem Mord seien. Denn am Ende ist es das, was beim Publikum hängen bleibt.
So geht’s besser: Das Publikum entscheidet, was lustig ist
Eigentlich ist es ganz einfach. Wenn ich Ihnen einen Witz erzähle und Sie lachen, dann weiß ich: Das war jetzt wohl lustig. Dieses Prinzip lässt sich auch auf Kabarett-Shows übertragen. Solange das Publikum bei verletzenden oder niederträchtigen Pointen lacht, werden die immer wieder gebracht.
Die gute Nachricht ist also: Wenn Sie solche Witze auch geschmacklos oder einfach nicht lustig finden, dann lachen Sie einfach nicht. Auch nicht aus Mitleid. Denn Lachen ist die Währung im Comedy-Business. Bleibt sie aus, muss sich der Typ auf der Bühne endlich was Besseres einfallen lassen.
Wie der rbb den Witz von Dieter Nuhr begründet, erfahren Sie im ganzen Text von Lisa Kräher.
Was denken Sie?
Was halten Sie von solchen Witzen? Gehören sie zur Meinungsvielfalt dazu oder haben sie nichts im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verloren? Schreiben Sie mir (Öffnet in neuem Fenster)! 📮
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Das Highlight der Woche: Was Sie am meisten interessiert hat
(Öffnet in neuem Fenster)Kulturstaatsminister Wolfram Weimer steht auf intellektuell klingende Sätze, die aber nur wenig bis keinen Sinn ergeben. In einem „Spiegel“-Interview sagte er zum Beispiel: „Das Gehäuse der Bürgerlichen ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit.“ Hä? Stefan Niggemeier hat über die abenteuerliche Wortwahl von Weimer in seiner Kolumne geschrieben und fragt: Sind wir tatsächlich zu doof – oder ist Weimer nur ein rhetorisches Heißluftgebläse?
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Das Fundstück der Woche
(Öffnet in neuem Fenster)Eigentlich ist das Funk-Format „Fakecheck offiziell“ eine ziemlich gute Idee: Nutzer von Instagram und TikTok können den Kanal unter Videos markieren, in denen sie Fake News vermuten. „Fakecheck“ recherchiert dann dazu und veröffentlicht die Faktenchecks in eigenen Videos, garniert mit Jugendwörtern und fetzigen Cuts – perfekt für die Zielgruppe. Diese Woche überprüfte (Öffnet in neuem Fenster) „Fakecheck“ ein Video von „Nius“, also dem Portal, das ständig auf maximale Empörung setzt und journalistische Prinzipien immer (Öffnet in neuem Fenster) wieder (Öffnet in neuem Fenster) mit (Öffnet in neuem Fenster) Füßen (Öffnet in neuem Fenster) tritt (Öffnet in neuem Fenster). Und ja, in dem Video verdrehte „Nius“-Autor Julius Böhm die Wahrheit. Aber auch „Fakecheck“ arbeitete nicht so ganz sauber.
In besagtem Video geht es eigentlich um etwas Gutes: Klimaforscher haben das Worst-Case-Szenario in Hinblick auf die Erderwärmung gestrichen (Öffnet in neuem Fenster). Dass sich die Welt um durchschnittlich fast fünf Grad bis 2100 erhitzen wird, ist laut den Forschern (Öffnet in neuem Fenster) „unplausibel“ geworden. Doch „Nius“-Autor Böhm schafft es, der Nachricht trotzdem einen empörenden Dreh zu verleihen. Der Ton seines Videos: Wie kann es sein, dass seit Jahren eine Energiepolitik gemacht wird, die dieses anscheinend unplausible Szenario verhindern soll?!
Im „Fakecheck“-Video heißt es dann, Julius Böhm „war eigentlich kurz davor, es zu verstehen“. Denn ja, das Extremszenario ist unplausibel geworden – aber auch gerade wegen der getroffenen politischen Maßnahmen. Das steht sogar im selben Satz (Öffnet in neuem Fenster) wie das Wort „unplausibel“. Die Redaktion von „Fakecheck“ hat Julius Böhm mit ihren Rechercheergebnissen konfrontiert. Auf seine Antwort macht „Fakecheck“ gleich zu Beginn neugierig, nennt sie „hilarious“ und sagt, dass er damit „Crashout“ gehe. Heißt übersetzt so viel wie: Die Antwort ist absurd und er rastet aus. Aber sehen Sie selbst:
„Eigentlich antworte ich Faktencheck-Formaten nicht, weil ich diese für ideologischen und inquisitorischen 1984-Wahrheits-Ministeriums-Unfug halte […], aber heute mache ich eine Ausnahme.“
Das klingt auf den ersten Blick tatsächlich absurd. Böhm hat hier aber auch einen Punkt – auch wenn seine Wortwahl inklusive 1984-Verweis komplett drüber ist: Faktencheck-Formate erwecken häufig den Eindruck, sie würden völlig objektiv auf die Fakten blicken. Aber oft geht es bei Faktenchecks gar nicht so sehr darum, ob etwas schwarz oder weiß ist. Sondern ob es richtig interpretiert und in den korrekten Kontext gesetzt wird. Auch „Fakecheck“ liefert in diesem Video nicht den ganzen Kontext: Denn Böhms Antwort ist eigentlich länger, er nimmt auch Stellung zu inhaltlichen Fragen. Trotzdem endet das „Fakecheck“-Video mit dem obigen Zitat und den Worten: „Und mit dieser wilden Antwort geht er Crashout.“
Hä? Erst Stunden später postet „Fakecheck“ Böhms ganze Antwort kommentarlos unter das Video. Anstatt aber Böhms Anmerkungen gegebenenfalls mit inhaltlichen Argumenten zu entkräften, beschränkt sich „Fakecheck“ auf den empörenden Teil seiner Antwort und schafft damit nur eins: noch mehr Empörung. „Nius“ gefällt das.
Kommen Sie gut ins Wochenende und viel Spaß mit Übermedien!
Ihre Johanna Bernklau
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