Diesen Newsletter habe ich Utopie + Alltag genannt, weil ich mich genau dort oft befinde: zwischen dem Alltag in der Rushhour des Lebens (Öffnet in neuem Fenster) und den Momenten, in denen ich denke: Es könnte alles so schön sein!
Die Menschen, die geeignet dafür wären, Utopien zu entwickeln (weil sie sie brauchen), sind mit ihrem Alltag beschäftigt (ich spreche zum Beispiel mit ihnen in meiner Interview-Serie Neue Maloche (Öffnet in neuem Fenster).) Sie sind beschäftigt mit ihrer Arbeit. Sie sind beschäftigt mit den Sorgen, weil gerade alles schlimmer wird oder werden soll. Eigentlich sollte es der Job von Politiker*innen sein, Utopien zu entwerfen. Aktuell werden in der Politik allerdings vor allem Pläne geschmiedet, die weit weg von Utopien für mehr Gerechtigkeit und ein gutes Leben für alle sind. Sie sind das Gegenteil davon.
Ein paar Beispiele für diese Pläne (einige davon bereits umgesetzt): Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit (Öffnet in neuem Fenster), keine Aussicht auf Reform des Ehegattensplittings, Kürzung vom Unterhaltsvorschuss (Öffnet in neuem Fenster) für Kinder über 12 Jahre, Verschärfungen der Grundsicherung, weniger Möglichkeiten für die Umsetzung von Barrierefreiheit (Öffnet in neuem Fenster), Kürzungen in der psychotherapeutischen Versorgung (Öffnet in neuem Fenster), Unterfinanzierung von Frauenhäusern (Öffnet in neuem Fenster).
Ins konkrete Leben übersetzt heißt das: Wir sollen alle noch mehr arbeiten, in hetero Beziehungen mit großem Einkommensunterschied leben, nicht zur Therapie gehen, nicht arbeitslos werden und uns auf keinen Fall von einem gewalttätigen Mann trennen, denn dafür es gibt keine Hilfe und für unsere Kinder kein Geld.
Über diese menschenfeindlichen Pläne empören sich jetzt viele Menschen. Das ist wichtig, denn diese Pläne dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Ich sehe, dass viel Energie dafür draufgeht. Energie von Menschen, die meist selbst von Benachteiligungen betroffen sind. Sie leisten aktivistische Aufklärungsarbeit und erklären, was genau an den Plänen menschenfeindlich ist. Da es so viele Pläne sind, ist das aktuell quasi ein Vollzeit-Job (den viele ehrenamtlich machen). Activist Mental Overload nennt Autorin Jo Lücke das Resultat.
Irgendwann ist man so eingespannt mit den Widersprüchen gegen die menschenfeindlichen Pläne, dass man gar nicht mehr dazu kommt, an der Umsetzung der menschenfreundlichen Pläne zu arbeiten. Die Zeit und Energie geht für das Dagegen drauf. Es fehlt die Zeit und Energie für das Dafür. Für die Ideen, wie das Leben sein könnte, wie es sein sollte, damit es für alle gut wäre.
Das griechische Wort Utopie (Öffnet in neuem Fenster) bedeutet nirgendwo oder ohne Ort oder guter Ort. Eine Utopie ist etwas, das zwar denkbar ist, aber nicht oder vielleicht noch nicht wahr werden kann. Zum Denken brauchen wir Zeit. Zum Ideen haben brauchen wir Zeit. Und Hoffnung. Wir haben weder Zeit noch Hoffnung, wenn wir von menschenfeindlichen Plänen abgelenkt werden.
Dabei gibt es eben auch die menschenfreundlichen Ideen. Sie gehen bloß unter. Zwei von ihnen möchte ich in diesem Text kurz vorstellen. Eine ist von Frigga Haug und nennt sich Die Vier-in-einem-Perspektive (Öffnet in neuem Fenster) (so heißt auch ihr Buch). Sie plädiert für ein Leben, das sich in vier Teile aufteilt:
1 Erwerbsarbeit
2 Reproduktionsarbeit
also Sorge- Pflege- und Hausarbeit
3 Politisches Engagement
also Mitbestimmung, gesellschaftliche und demokratische Teilhabe
4 Kunst, Kultur und persönliche Entwicklung
also Kreativität, Weiterbildung, Muße
Die umgesetzte Vier-in-einem-Perspektive würde bedeuten: 20 Stunden als neue Vollzeit der Erwerbsarbeit, von der wir alle leben können. Frigga Haug nannte das auch mal: Teilzeit für alle!
Es geht Frigga Haug auch um Zeitgerechtigkeit. Darum, dass es allen Menschen gut geht und am Ende aber auch um den Erhalt von Demokratie. Denn wenn wir alle nur die ganze Zeit erwerbsarbeiten, wer macht dann noch Lokalpolitik? Wer kümmert sich um Nachbar*innen? Wer hat dann noch Zeit für ein Ehrenamt? Aber auch: Wer hat dann noch Zeit fürs Singen im Chor oder fürs Stricken? Auch Zeit für uns selbst brauchen wir Menschen, damit es uns gut geht.
Statt bei der Diskussion um Arbeitszeit neoliberalen Männern zuzuhören, die noch nie eine Windel gewechselt haben, sollten wir Autorinnen wie Frigga Haug zuhören, die seit Jahren und Jahrzehnten davon berichten, wie es sein könnte. Wie es sein sollte.
Und auch ich habe eine politische Utopie, die eher eine Vision ist, weil sie Realität werden könnte, wenn Menschen das wollen würden. Ich habe in meinem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter (Öffnet in neuem Fenster) darüber geschrieben und spreche immer wieder auf Bühnen darüber, wenn ich nach meinen politischen Forderungen gefragt werde (und auch, wenn ich nicht danach gefragt werde).
Ich plädiere für eine Politik, die sich an einer Ein-Eltern-Familie ausrichtet. Im Fokus aller politischer Entscheidungen sollte eine Alleinerziehenden-Familie stehen mit 2-3 Kindern, eines davon mit erhöhtem Pflege-Bedarf. Bei jeder politischen Entscheidung müsste man sich fragen: Was wäre hier gut für diese Familie? Wie kann die Elternperson (bei Alleinerziehenden meistens die Mutter) einer Erwerbstätigkeit nachgehen, die ihrer Familie ein gutes Leben ermöglicht und ihr auch ein bisschen Freizeit? Welche Bildung wird den Kinder ermöglicht, mit individueller Förderung und Berücksichtigung des Pflegebedarfs. Die Pflege darf kein bürokratischer, zeitaufwendiger Akt sein. Die Familie braucht kurze Wege und einen zuverlässige öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Sie brauchen saubere Luft, durch die sie unterwegs sind. Inklusive Freizeit- und Urlaubsangebote. Barrierefreien Zugang. Die Familie braucht Frieden und Geld und Hoffnung, dass auch die Kinder der Kinder noch auf dieser Welt leben können.
„Gute Idee“, sagte mir dazu eine Politikerin einer Regierungspartei, als ich dieses Plädoyer vor ein paar Wochen auf einer Bühne hielt. Dabei wäre es doch die Aufgabe von Politiker*innen, diese Ideen zu haben und alles dafür zu tun, sie im Rahmen aller in einer Demokratie nicht zu umgehenden Kompromisse umzusetzen. Mein Eindruck ist, dass viele Menschen in der Politik aufgehört haben, Ideen überhaupt erstmal zu haben.
Und auch ich bin mit diesem Text ein bisschen in die Falle getappt. Ich habe Zeit und Energie damit verbracht, mich über die menschenfeindlichen Pläne aufzuregen. Aber ich möchte nicht dort stehenbleiben. Ich möchte nicht, dass das Ziel ist, dass diese Pläne nicht umgesetzt werden. Dass nur der Status Quo vor den Plänen erreicht werden soll. Ich will mehr.
An einen Spruch musste ich bei meinen Überlegungen denken, es gibt verschiedene Urheber-Angaben, ich bin mir nicht sicher, wer es gesagt hat, aber es ist auf jeden Fall immer ein weißer Mann angegeben (bin mir allerdings ziemlich sicher, dass das zuerst nicht ein weißer Mann gedacht hat, na ja). Also, irgendein random weißer Mann: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll. Aber es muss eben auch anders werden, als es vorher war, wenn es gut werden soll. Mir ist wichtig, dass wir das nicht vergessen.
Und die Utopien, die sind glücklicherweise schon da. Wir müssen uns nur die Zeit und die Energie nehmen, hinzuschauen. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen. Die Utopien sind in uns allen. Wir sind die Utopien. Nicht losgelöst von den politischen Rahmenbedingungen, in denen wir leben (müssen). Aber wir sind da.
Wir sind die Utopie, wenn wir das Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und Kindern infrage stellen und unsere Kinder wie Menschen mit Rechten behandeln (denn das sind sie). Wir sind die Utopie, wenn wir uns von gewalttätigen Männern trennen, obwohl es uns nicht leichtgemacht wird. Wir sind die Utopie, wenn wir ein selbstbestimmtes Leben mit Behinderung führen. Wir sind die Utopie, wenn wir Männern mit Macht widersprechen. Wir sind die Utopie, wenn wir uns umeinander kümmern. Wir sind die Utopie, wenn wir immer wieder daran erinnern, dass eine andere Welt möglich ist.
Wenn ihr mich und meine Arbeit unterstützen möchtet, freue ich mich über ein Abo (ohne Geld) oder eine Mitgliedschaft (mit Geld) bei Utopie + Alltag.