Liebe Wein-Freund:in,
Du liest den WeinLetter #112. Heute gibt’s: Keinen Dry January – sondern Wein mit Alkohol! Mit A-l-k-o-h-o-l! Und das kam so. „Aufgrund der aktuellen Temperaturen empfehlen wir keinen Versand“, schrieb mir die Weinhandlung, bei der ich alkoholfreien Riesling für meinen Dry January orderte. Nicht irgendeinen alkoholfreien Riesling. Sondern: Den alkoholfreien Riesling! Den mit den zwei Nullen. Vor dem Komma. Aber gut. Hier in Berlin hat es dauerhaft unter, in der Nacht weit unter 0 Grad. Und da Weißwein bei Minus fünf Grad gefriert, will man das nicht durch halb Deutschland kutschiert wissen. Aber: Soll ich jetzt mit den WeinLettern warten? Also erzähl ich euch heute, was es vor dem Dry January gab. Dann könnt ihr euch das für Weihnachten und Silvester 2026 schon mal zurechtlegen. Also: Ich wünsche euch allen ein gutes Neues Jahr 2026. Mit dabei: Peter Wagner, Zehnhof Luckert, Paul Weltner, Aurore Casanova, Jean Javillier & Fils, Forey Père et Fils, Gert Aldinger und Landmark Vinery. Den teuersten alkoholfreien Wein Deutschlands gibt’s dann – hoffentlich – im nächsten WeinLetter. +++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Oder verschenkt den WeinLetter an Eure Besten!
Aber vor allem: Trinkt friedlich!
Euer Thilo

Heilig‘ Abend - deutsch: Sekt von Peter Wagner, Silvaner von Luckert und Weltner.
Peter Wagner: Blanc de Blancs. Brut Nature. 2020. 12% Vol.
Zehnthof Luckert: Silvaner „Maustal“. Großes Gewächs, 2018. 13,5% Vol.
Paul Weltner: Silvaner Rödelsee Küchenmeister„Hoheleite“. Großes Gewächs, 2018. 13% Vol.
Heilig‘ Abend hatten wir einen Klassiker: Kartoffelsalat süddeutsch, also fein mit Essig und Öl und nicht mit norddeutscher Mayo-Pampe. Und diverse Bratwürste. Für die Berliner: Die Würste – Nürnberger, Merguez, Salsiccia, Wollwürste - besorgte ich bei der Fleischerei Genz in Lichterfelde. Es sind die besten der Stadt. Genz war mehrfach Berliner Bratwurst-Meister. Basis seiner Würste ist das famose Schwäbisch-Hällische Landschwein von der gleichnamigen Erzeugergemeinschaft mit Sitz in Ilshofen-Wolpertshausen. Wer’s genau wissen will.
Zu diesem Weihnachts-Klassiker gibt es meines Erachtens drei Möglichkeiten: Bier, Riesling, Silvaner. Wer den WeinLetter aufmerksam verfolgt hat, für den ist klar: Ich habe mich für Silvaner (Öffnet in neuem Fenster)entschieden, eine meiner Lieblingsrebsorten.
Zur Zubereitung von Bratwürsten und Kartoffelsalat gab’s zuerst einen Küchensekt – den Blanc de Blancs Brut Nature von Peter Wagner (Öffnet in neuem Fenster) aus Oberrotweil, Baden. Der Grundwein – 60 Prozent Weissburgunder, 40 Prozent Chardonnay – entstammt dem Jahrgang 2020, 2021 wurde er mit der Hefe abgefüllt, 2024 dann degorgiert, also der Flaschenhals vom Hefesatz befreit. Er hat eine gute Präsenz, die Säure ist aber angenehm, weiße Blüten, Johannisbeere. Das passt!
Jetzt zu den Silvanern. Aus Franken. Der eine kommt aus Sulzfeld, der andere aus Rödelsee. Beides sind VDP-Weingüter. Also griff ich an diesem Feiertag ins große Fach, zu den Großen Gewächsen. Denn ich hatte von beiden Weingütern Jahrgänge 2018 im Keller. Schöner Vergleich! Also los!
Was soll ich sagen? Das ist famos. Paul Weltners Großes Gewächs „Hoheleite“ entstammt einer Parzelle der Lage Rödelseer Küchenmeister. Das „Maustal“ des Weinguts Zehnthof Luckert (Öffnet in neuem Fenster) ist eine Lage südlich von Sulzfeld. Das ist schon das Beste, was man an Silvaner bekommen kann. Es kann auch international im Weißwein-Bereich in der Spitze locker mithalten.
Vergleichen? Ich würde sagen: Sie ergänzen sich eher. Ich war froh, dass wir mit Weltners „Hoheleite“ begannen. Eine feine Mineralik ist das, bei extremer Länge, da würden viele Rieslinge erblassen. Ein Tänzer! Anders der Maustal. Er ist burgundischer, hat vielmehr Kraft und Struktur, ist cremiger. Das ist auch fein, aber mit viel mehr Druck, mehr Power. Anhand dieser beiden Exemplare konnte man schmecken, welch „Spannweite“ der Silvaner hat.

1. Weihnachtsfeiertag - französisch: Champagner von Aurore Casanova, Burgunder von Jean Javillier und Forey Pere et Fils
Aurore Casanova: Champagne Puisieulx Grand Cru “Les Petites Vignes”. Chardonnay, Brut Nature. 13% Vol.
Domaine Jean Javillier & Fils: Meursault „Cuvee Jean“, 2022, 13 % Vol.
Domaine Forey Père et Fils: Echézeaux Grand Cru, 2016, 13,5 % Vol.
Der 1. Weihnachtsfeiertag war Pairing-technisch herausfordernd. Der Inner Circle kam, es gab nicht daaaas eine Gericht. Sondern Buffet. Jakobsmuschel-Fisch-Terrine. Heringssalat. Fenchel-Orange. Jambon-Platte. Viel geiler Schnick-Schnack.
Ich wählte einen französischen Flight. Klassische Abfolge: Blubber. Weiß. Rot.
Der Blubber kam aus einem erst in den 2010ern gegründeten Champagner-Kleinod. Aurore ist der Name einer französischen Tänzerin, die sich nach dem Ende ihrer Karriere um Champagner und ihren Mann kümmerte, der zufällig aus dem Champagner-Business kam. Jetzt bewirtschaften sie gerade mal vier Hektar.
Der Champagner ist ein Blend aus zwei, drei neueren Jahrgängen und einem Chardonnay-Basiswein, der Reserve Perpetuelle, also dem kontinuierlich fortgeführter Grundwein‑Vorrat. Das ist sehr mineralisch-kreidig-karg, wie ich Champagner gerne mag.
Der anschließende Meursault der Domaine Jean Javillier & Fils ist ein Garant burgundischer Spitzenklasse im Ortsweinbereich. Er verliert langsam seine Jugendlichkeit, hat aber die meiste Zeit noch vor sich. Was ihm auch nochmal gut tun wird. Angesichts der Preise für Burgunder, die sich anders als Bordeaux auf sehr hohem Niveau halten, liefert er für gute 50 Euro extrem ab (mehr über diesen Meursault gibt’s in WeinLetter #81 (Öffnet in neuem Fenster)).
Richtig gespannt war ich auf den Echézeaux Grand Cru der Domaine Forey. Ein Grand Cru, der noch bei knapp mehr als 100 Euro lag, als ich ihn gekauft habe. Die Domaine Forey ist ein weniger bekanntes Weingut, daher eher im unteren Burgunder-Preissegment auffindbar, aber mit hoher Qualität. Ungemein saftig ist er, rote Kirsche, Tannine angenehm spürbar.
Die 1840 gegründete Domaine Forey wird seit 1989 von Régis Forey geführt, er bestellt acht Hektar. Dabei besitzt er eine Reihe Premier-Cru-Lagen, aber auch Grand-Cru-Parzellen wie Clos de Vougeot und eben Echézeaux. Foreys Rebanlagen sind sehr alt: Die Echézeaux-Reben wurden überwiegend 1949 gepflanzt.
Die Weine reifen nach ein paar Tagen Kaltmazeration und drei bis vier Wochen Maischestandzeit 14 bis 18 Monate im Fass. Bei 20 bis 50 Prozent liegt der Anteil neuer Eiche je nach Weinart und Jahrgang, die ausschließlich für Premier und Grand Cru Weine verwendet wird. Abgefüllt werden die Weine dann ohne Schönung und Filtration. Übrigens: Zu empfehlen für Tage außerhalb der Feiertage sind auch seine Gutsweine für wirklich kleines Geld. Der Echézeaux Grand Cru war jedenfalls der Star des Abends.

Silvester – deutsch-amerikanisch: Sekt von Aldinger, Burgunder von Landmark Vineyards
Gert Aldinger: Sekt Brut Nature 2018 12,0% Vol.
Landmark Vinery: Lorenzo Vineyard Chardonnay 2019. 14 % Vol.
Landmark Vinery: Hop Kiln Estate Pinot Noir 2018. 14,5 % Vol.
Als alter Transatlantiker feiere ich ins neue Jahr besonders gerne mit einer deutsch-amerikanischen Freundschaftskombination. Keine Ahnung, woran das liegt in diesen Tagen. Könnte mit ICE, Donald Fuck usw. zu tun haben. Oder meiner romantischen Naivität, I don’t know.
Jedenfalls gab’s deutschen Winzersekt vom Feinsten und Pompöses aus den USA zum Fleischfondue an Silvester. Was soll ich sagen? Die Auswahl spiegelt die derzeitigen Kraft- und Machtverhältnisse ganz gut wider. Die Weinauswahl könnte mit jeder Politikanalyse mithalten.
Zunächst also: Aldingers Brut Nature. Wurde vom Gault Millau schon mal mit 100 Punkten bedacht – und muss sich freilich jedes Jahr bisschen daran messen lassen. Schafft er auch. Vielleicht nicht immer die 100 Punkte. Dafür ist der 2018er noch viel zu jung. Die 58 Prozent Chardonnay, 21 Prozent Pinot Meunier und die 21 Prozent Pinot Noir dieses Jahrgangs aber deuten mit Vehemenz an, dass es noch viel zu früh für sie war – man schmeckt das Potenzial geradezu heraus. Er ist so fein, mineralisch-leise, dieser außergewöhnliche Winzersekt des Weinguts Gert Aldinger (Öffnet in neuem Fenster).
Leise? Das ist sowohl für den Chardonnay als auch den Pinot Noir der Landmark Vinery aus Kalifornien ein Fremdwort - so fremd wie für manchen floridianischen Zeitgenossen das Wort Diplomatie. Gegründet wurde Landmark 1974 von Damaris Deere Ford, Ur-Ur-Enkelin von John Deere, dem berühmten Traktoren- und Landmaschinenhersteller.
Also: 14 Umdrehungen beim Chardonnay, 14,5 Umdrehungen beim Pinot Noir. Das ist schon – pompös. Ich mag das aber manchmal. Der Chardonnay zum Beispiel hat anständige Reife. Das ist wichtig, weil ich schon junge US-Chardonnays trank (Mondavi?), bei denen ich das Gefühl hatte, ich beiße in einen Küstenmammutbaum. Nicht hier. Die Vanille ist dezent. Angenehm dezent.
Oder der Landmark Pinot Noir, der mit seinem burgundischen Kollegen „Echézeaux“ nur den Namen gemein hat. Das ist Power, Erdbeer-Power am ersten Tag. Interessant an diesem Kaliber war, dass er erst an Neujahr sein gesamtes Bild zeigte, weil er insgesamt an Format gewann, an Tannin-Struktur und Tiefe. Das war dann nochmal richtig gut. Und eine Versöhnung mit den USA. Zumindest beim Wein.
Ein gutes Neues Jahr euch allen! Und nochmal: Trinkt friedlich!
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