Liebe Wein-Freund:in,
Du liest den WeinLetter #121. Heute gibt’s: Urlaubswein aus Südafrika! Keine Angst, es gibt keinen Pinotage, versprochen. Es gibt: die neuen Pioniere. Es ist gute Tradition, dass der WeinLetter Weine bespricht, die er wirklich im Urlaub “erlebt” hat. Der WeinLetter war schon im Friaul (Öffnet in neuem Fenster), in den Niederlanden (Öffnet in neuem Fenster), im l’Herault (Öffnet in neuem Fenster) - und er hat die Weinkarte im Familienhotel in Flachau (Öffnet in neuem Fenster) besprochen. Und wenn WeinLetter-Autor Philipp Bohn in Südafrika Urlaub macht, dann gibt’s da viel zu entdecken: Hier erschließen Winzer neue Regionen, sie stehen für “Cool Climate” und erfinden südafrikanischen Weine ganz neu. Philipp Bohn hat die besonderen Weinmacher von Paul Clüver, Newstead Wines und Bothey entlang der Garden Route besucht und interviewt. Hier ist seine Geschichte. Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Oder verschenkt den WeinLetter an Eure Besten!
Trinkt friedlich!
Euer Thilo

Sie stehen für den Aufbruch und Anspruch des neuen Südafrika: Das Weingut Newstead Wines in Plettenberg Bay FOTO: NEWSTEAD LUND FAMILY VINEYARDS
Aufbruch und Anspruch: Die drei Pioniere von der Garden Route
von Philipp Bohn
Stellenbosch. Preiswerte Einstiegsweine im Supermarkt. Fette Pinotage. Typische Assoziationen beim Stichwort südafrikanischer Wein. Aber das Land ist vielfältig, neue Potenziale entstehen, Bedingungen ändern sich. Stellenbosch wird wärmer. Bis zum Jahrhundertende werden in der traditionellen Anbauregion zwei bis vier Grad mehr erwartet. Die Trauben reifen früher, die Trockenzeiten halten länger, Erträge sinken.
Gleichzeitig öffnen sich kühlere Regionen in Südafrika dem Weinanbau. Es sind Regionen wie Elgin und Plettenberg Bay, die noch vor zwanzig Jahren niemand für Weinbau geeignet gehalten hat. Eine Verschiebung, die auch in Deutschland stattfindet. Nur verläuft sie in Südafrika schneller.
Die Pioniere dieser Transformation sind oft keine klassischen Winzer. Auf meiner Reise in Südafrika habe ich drei besondere Weingüter besucht, die für den Aufbruch und Anspruch dieser Region stehen: Pioniergeist im Erschließen neuer Regionen. Unternehmertum, das Kapital von außen mit eingekaufter Expertise verbindet. Vielfalt jenseits von Stellenbosch und Pinotage. Es sind aufregende Zeiten und Gespräche.

Kellermeister und Clüver-Familienmitglied: Andries Burger. FOTO: PAUL CLÜVER ESTATE WINES
1. Paul Clüver Weine in Elgin: Von Neurochirurgie und Apfelplantagen zu Cool Climate-Qualitätsweinen
Das Weingut Paul Clüver steht für Pioniergeist im wörtlichen Sinn. Eigentlich von Beruf Neurochirurg, hat Paul Clüver sen. in den Siebzigerjahren den landwirtschaftlichen Mischbetrieb übernommen. Seit 1896 im Familienbesitz, wurden auf der riesigen Farm mit heute noch 1.000 Hektar Land Äpfel angebaut und Rinder gezüchtet.
Aber Clüver sen. sah in seinem Land und der Region Elgin mehr. Mit Höchsttemperaturen bis 30 Grad selbst im Sommer ist das kühle Mikroklima wie geschaffen für den Weinbau. 1987 hat er die ersten Reben gepflanzt und 1990 kam der erste Wein unter eigenem Namen auf den Markt. Und damit Elgin als neue Anbauregion auf die südafrikanische Weinkarte.
Die Fahrt zum Weingut illustriert diese Geschichte von Obst- und Weinanbau. Von Kapstadt kommend erstrecken sich Obstplantagen kilometerweit entlang der Nationalstraße N2. Nach der Ausfahrt in Richtung Grabouw leitet die Beschilderung über das Gelände eines fast industriell wirkenden Apfelbetriebs mit Lagern, Rangierflächen, Schienen und riesigen LKW. Von dort führt eine Allee in eine Oase aus schattenspendendem Baumbestand, in dem sich das Weingut mit Vinothek und Restaurant befindet.
Dort treffe ich Andries Burger, seit 1997 verantwortlicher Kellermeister und angeheiratetes Familienmitglied. „Wie viele klassische Betriebe wollten wir zunächst mit Bordeaux-Blends an die Spitze“, sagt Burger über die Anfänge des Weinguts. „Bald haben wir erkannt, dass vielmehr Burgundersorten für Elgin und sein besonderes Klima am besten geeignet sind. Pinot Noir und Chardonnay brauchen Kühle, langsame Reife und hohe Säure.“ Dementsprechend haben die Clüver-Weine eine eher straffe und trockene Stilistik, die ich im insgesamt warmen bis heißen Südafrika nicht erwartet hatte.
„Viele Traditionalisten am Kap haben Burgunderweine in Apfelplantagen als Spinnerei abgetan. Heute sind wir der Beweis, dass in Elgin Spitzenweine möglich sind“, sagt Andries Burger selbstbewusst. „Stilistisch liegt Elgin zwischen dem Rheingau und den kühleren Lagen der Pfalz, mit dem Riesling näher an der Mosel. Diese Regionen verbindet ein Gleichgewicht von Reife und Säure und mehr Eleganz als Kraft", sagt Burger, der seit Langem enge Verbindungen zu deutschen Winzern pflegt.

Frisch, mineralisch, Säure als Rückgrat: Der Chardonnay “Seven Flags” von Paul Clüver Estate Wines FOTO: PHILIPP BOHN
Im zum Weingut gehörenden Restaurant „Bloem“ habe ich den „Seven Flags“ Chardonnay probiert. Er liefert die geschmackliche Bestätigung für die Cool-Climate-Vision des Weinguts: Nicht das buttrige Profil eines klassischen Burgunders, sondern Säure als Rückgrat mit nur leichten Brioche-Noten. Er ist frisch, aber nicht aggressiv, und trägt die Aromen von Limette, Pfirsich und gerösteter Mandel bis in den langen, mineralischen Abgang.
Paul Clüver Estate Wines: N2, Kromco Turn off, De Rust Estate, Grabouw, 7160, www.cluver.com (Öffnet in neuem Fenster). Seven Flags Chardonnay, 1250 Rand (66 Euro).

Sue und Doug Lund sind Winzer und Gastgeber in Plettenberg Bay FOTO: NEWSTEAD LUND FAMILY VINEYARDS
2. Newstead Wines in Plettenberg Bay: Von Zuckerrohr und Polo zu den besten Schaumweinen Südafrikas
Vom Weingut Paul Clüver fahre ich in östlicher Richtung weiter die Garden Route entlang. Inzwischen bin ich mehr als 500 Kilometer von Kapstadt entfernt. Als ich Newstead Wines der Familie Lund im Weiler The Crags erreiche, hat es schon den ganzen Tag geregnet. Unerwartet, aber es ist Spätsommer auf der Südhalbkugel und irgendwo muss das viele Grün ja herkommen.
Umso gemütlicher ist es, am wärmenden Kaminfeuer des zum Weinberg hin offenen Gästeraums Platz zu nehmen. Die angebotene Küche ist bodenständig und raffiniert zugleich. Es gibt Holzofenpizza, Picknick-Platten und gegrilltes Chili-Huhn, meine persönliche Empfehlung, da es ganz hervorragend zu den trockenen, fein perlenden Schaumweinen passt. Dort treffe ich Georgina Millar. Sie ist Marketing- und Vertriebsleiterin sowie als Schwiegertochter in spe Mitglied der Winzerfamilie Lund.
Vom Weinbau hatten ihre Schwiegereltern Doug und Sue Lund wenig Ahnung, als sie 2006 mit drei kleinen Kindern nach Plettenberg Bay zogen und dort 11,5 Hektar Brachland kauften. Beide stammen aus KwaZulu-Natal, einer Provinz mit langer Zuckerrohr- und Polotradition. Viele Jahre lang hat Doug Lund wie schon sein Vater für Südafrikas Polo-Nationalmannschaft gespielt.
Das Potenzial des regionalen Klimas für innovativen und hochwertigen Weinbau hat Familie Lund aber schnell erkannt. Die Region Plettenberg Bay liegt nahe der Tsitsikamma-Berge und dem nur wenige Kilometer entfernten Indischen Ozean im Süden. Das Mikroklima hat maritim geprägte kühlere Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit. 2008 pflanzten sie die ersten Reben: Sauvignon Blanc, Chardonnay und Pinot Noir. Also Sorten, die sich im Cool Climate wohlfühlen.

Südafrikanischer Schaumwein: Das Sortiment von Newstead Wines ist von Cap Classique bestimmt FOTO: PHILIPP BOHN
„Der Erfolg stellte sich sehr schnell ein“, sagt Georgina Millar. „2012 kam der erste Jahrgang Sauvignon Blanc in die Flasche und wurde gleich ausgezeichnet.“ Ab 2014 bringt Newstead auch Schaumweine auf den Markt, in Südafrika als Méthode Cap Classique (MCC) bezeichnet. Das war die nächste große Innovation der Quereinsteiger. Hochwertiger Schaumwein außerhalb der westlichen Kap-Region war bis dato unbekannt.
An der Entstehung und Gestaltung dieser Schaumweine war Kellermeister Anton Smal wesentlich beteiligt, der ursprünglich aus dem klassischen Weinbau in Stellenbosch kommt. In Plettenberg Bay war er bei Bramon, das als Pionier-Weingut die ganze Region erst auf die Wein-Landkarte gebracht hat. Heute prägt Smal die Charakteristik der Newstead-MCCs mit ihrem sehr langen Hefelager. Bis zu 52 Monate liegen sie auf der Hefe, also deutlich länger als der MCC-Mindeststandard von 12 Monaten und damit in Champagner-Reichweite.
Der Durchbruch gelang 2020 mit dem Gewinn der „Amorim Cap Classique Challenge“, Südafrikas wichtigstem überregionalen Schaumweinwettbewerb, für den Blanc de Blanc 2015. Damit war Newstead der erste Produzent außerhalb der traditionellen Anbaugebiete mit dieser Auszeichnung. Seitdem sind die neuen Schaumweine regelmäßig nach wenigen Wochen ausverkauft.
Dieser Erfolg könnte die Familie zu mehr Wachstum verleiten. Schließlich sind von den gut 11 Hektar Farmland nur fünf mit Reben bepflanzt. Reserven für eine Verdopplung der Menge sind also vorhanden. „Wir haben uns strategisch für Spitzenqualität und gegen Wachstum und Masse entschieden. Das bedeutet, dass wir unsere Anbaufläche nicht erweitern. Und bei den Cap Classiques halten wir am sehr langen Hefelager und der damit verbundenen hohen Kapitalbindung fest“, erklärt Georgina Millar die eingeschlagene Richtung des Weinguts. Und muss nach der Verkostung dringend weiter: Die Familie wartet auf dem Polofeld.
Newstead Wine Estate: Redford Road, The Crags, Plettenberg Bay, www.newsteadwines.com (Öffnet in neuem Fenster). 2018 Cap Classique Blanc de Blanc, 2520 Rand für sechs Flaschen (134€).
Info: Was ist Méthode Cap Classique?
Méthode Cap Classique (MCC) ist Südafrikas Bezeichnung für Schaumwein, der nach der klassischen Flaschengärungsmethode hergestellt wird. Sie folgt derselben Methode wie bei Champagner oder Winzersekt. Der Begriff entstand 1992, da „Champagne" eine geschützte Herkunftsbezeichnung ist und nur für Weine aus der französischen Champagne verwendet werden darf. Der Reifestandard für MCC liegt bei mindestens zwölf Monaten Hefelager. Wie beim Champagner sind die Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier.

“Natur und Weine so sehr geliebt”: Verkostung der Bothey Weine mit Kurator Marcel Hartman FOTO: PHILIPP BOHN
3. Bothey Wines in Somerset West: Spitzen-Negociant mit Trauben aus ganz Südafrika
Zurück in Richtung Kapstadt, genauer in den schönen Vorort Somerset West. Marcel Hartman ist der radikalste Quereinsteiger. Er betreibt mit seiner Frau und Geschäftspartnerin Katja Leinberger das luxuriöse Gästehaus „The Bothey“. Die beiden haben das 1880 im kapholländischen Stil erbaute Herrenhaus 2023 übernommen, hochwertig renoviert und umgebaut. Der Blick vom Garten aus entlang der Küste in Richtung Westen lässt den Tafelberg über Kapstadt erkennen. „Die vorigen Besitzer haben Südafrika, seine Menschen, die Natur und Weine so sehr geliebt wie wir. Diese Liebe und Vielfalt sollen sich in unseren Weinen widerspiegeln“, beschreibt Marcel Hartman die Motivation und Vision des Paares.
Bei der Umsetzung seiner Vision wollte Marcel Hartman flexibel bleiben. Als Negociant ist er an keine eigenen Weinberge gebunden. Stattdessen verarbeitet er Trauben von renommierten Produzenten aus ganz Südafrika und vertreibt die Weine unter seinem Bothey-Label. Aktuell kauft er in Piekenierskloof im Norden über Swartland bis Elgin im Süden und macht daraus mit seinem beratenden Partner außergewöhnliche Weine. Der war fast ein Jahrzehnt Kellermeister bei einem der renommiertesten Weingüter Südafrikas, bevor er 2017 sein eigenes Label gründete. Kritiker und Master of Wine Tim Atkin bewertet die Weine im hohen 90-Punkte-Bereich, mit bis zu 98 Punkten für einen der Syrahs. Die Weine werden von Partnern wie Berry Bros & Rudd in London vertrieben.
„Um das gewünschte Geschmacksbild zu erreichen, mischen wir zum Beispiel für den Chenin Blanc Trauben aus Swartland und Stellenbosch“, sagt Marcel Hartman. In Deutschland wäre ein solcher regionenübergreifender Blend für ein Spitzenweingut kaum vorstellbar. Hier bekommt er dafür 96 Punkte von Platter’s, die Autorität unter Südafrikas Weinguides.
Unter der überdachten Terrasse des Gästehauses mit Blick auf den Garten und Ozean verkoste ich Botheys Qualitätspyramide bis zur Spitze: Die „The Bothey"-Cuvées aus Syrah und Grenache Noir sowie Sémillon und Chenin Blanc, den „Harmony" Chenin Blanc, den „Close Ties" Chardonnay und schließlich den „Royal Bow" Grenache Noir. Hier kam wieder der Cool Climate-Charakter mit klaren Strukturen und frischem Säuregehalt zum Tragen. Nichts Alkoholschweres, Buttriges, Heißes.

Verkostung der Bothey Weine im Bothey Haus FOTO: PHILIPP BOHN
Mein geschmacklicher Favorit: der Royal Bow Grenache Noir. Er zeigt ein für die Sorte typisches helleres, transparentes Rot. In der Nase floral und pfeffrig, am Gaumen geschmeidig und saftig mit Aromen von Kirsche und Himbeere. Ein harmonischer, eleganter Wein mit leichter Eisennote im langen Abgang. Trotz starker Persönlichkeit bleibt er am Tisch zurückhaltend genug, um als Essensbegleiter nicht zu dominieren.
Entsprechend ist er zusammen mit anderen Bothey-Weinen in Südafrikas führenden Gastronomien wie Rust en Vrede in Stellenbosch, Coy und Fyn in Kapstadt oder Foxcroft in Constantia auf den Menükarten. Und das bereits mit dem ersten Jahrgang 2024.
The Bothey Wine: 5 Paradise Road, Lynn’s View, Somerset West 7130, https://www.bothey.co.za/wine/ (Öffnet in neuem Fenster). Grenache Noir Royal Bow, 390 Rand (20€).
Mein Fazit: Südafrika schafft neue Tradition mit Pioniergeist
Drei Weingüter, drei Pioniere, dasselbe Muster: Kapital und Vision von außen, traditionelles Handwerk von innen. Ein Neurochirurg erschließt eine Weinregion, ein Polospieler macht Südafrikas beste Schaumweine, ein Gastgeber stellt seine Spitzenweine ohne eigene Reben zusammen. Im Gegensatz dazu die deutsche Kultur: Weinbau ist Erbsache, Wissen wird von Generation zu Generation weitergegeben und selten eingekauft, Zukauf von Trauben ist hauptsächlich im unteren Segment denkbar. Das Erfolgsrezept vieler südafrikanischer Pioniere: Sie hinterfragen oder ignorieren Konventionen, weil sie nicht mit ihnen aufgewachsen sind. Und schaffen so Grundlagen für neue Traditionen.
Südafrika ohne Pinotage geht natürlich nicht. Philipp Bohn hat vor Ort mit dem Chefkellermeister von Kanonkop gesprochen, Francois van Zyl. Das legendäre Weingut definiert Pinotage wie kein zweites in Südafrika. Das Interview folgt in einem der nächsten WeinLetter.

Philipp Bohn leitet das globale Marketing für den Geschäftsbereich “Data & AI” beim Digitalisierungsspezialisten Atos. Er lebt mit Frau und zwei Kindern im Prenzlauer Berg. Seine Weinheimat ist die Pfalz. Für den WeinLetter hat Philipp u. a. über Eva Frickes Eltville-Collection (Öffnet in neuem Fenster), die Pfälzer Weinlage Idig (Öffnet in neuem Fenster), PIWI (Öffnet in neuem Fenster), die Weingeschäfte von Lieferdiensten wie Flink (Öffnet in neuem Fenster), das Weingut von Karsten Peter (Öffnet in neuem Fenster), die Nachhaltigkeitsstrategie des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) (Öffnet in neuem Fenster) geschrieben. FOTO: SOPHIE BELLMANN
Urlaubsweine im WeinLetter - die Übersicht:
WeinLetter #65: Urlaubswein im Familienhotel in Flachau (Öffnet in neuem Fenster)
WeinLetter #41: Montpellier, l'Hérault - der große Urlaubswein-Test! (Öffnet in neuem Fenster)
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