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WeinLetter #117: Fünf steile Thesen zur Veränderung der deutschen Rebflächen

Liebe Wein-Freund:in,

Du liest den WeinLetter #117. Heute gibt’s: Die jüngste Rebflächen-Statistik 2025 von Destatis – und wie sie richtig zu interpretieren ist. Einmal im Jahr bringt Destatis (Öffnet in neuem Fenster)eine Übersicht heraus, wie sich die Weinberge in Deutschland entwickelt haben. Es geht um die Fläche insgesamt, aber auch um die Entwicklung einzelner Rebsorten. Insofern liebe ich diese Statistiken. Denn sie dokumentieren faktenbasiert, wohin sich die Branche bewegt, welche Trends sie setze – und in welchen Rebsorten sie kein Potential mehr sieht. Nur: Wenn man das eine Jahr betrachtet, ist die Gewichtung nicht willkürlich, aber doch sehr ausschnitthaft. Ich habe mir deshalb die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre angeschaut. Hier kann man dann solche Ergebnisse sehen: Riesling-Boom is over. Bei den Roten überlebt nur Spätburgunder. Die Winzer:innen sind eine Chardonnay-Wette eingegangen. Und insgesamt funktioniert eine doch relativ stabile Weinfläche nicht mit der sinkenden Nachfrage nach Wein. Die ganze, unverblümte Analyse gibt’s nur im WeinLetter +++ Viel Spaß beim Lesen! Und jetzt empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte. Oder verschenkt den WeinLetter an Eure Besten!

Frohe Ostern! Aber vor allem: Trinkt friedlich!

Euer Thilo

So idyllisch wie hier bei Flonheim mit einem Trullo geht’s (manchmal) im Weinberg zu - nur manche Rebsorten werden nicht überleben FOTO: DEUTSCHES WEININSTITUT

Rebflächen 2025: Eine Statistik mit fünf harten Wahrheiten

1. Die Weinberge proben den Aufstand gegen den Weinmarkt – und werden verlieren!

Auf Basis der Rebflächenstatistik von Destatis sagt das Deutsche Weininstitut, dass die bundesdeutsche Gesamtrebfläche 2025 gerade einmal um ein Prozent auf rund 102.000 Hektar zurückging. 2025 sind die Winzerinnen und Winzer nur knapp unter dem Höchstbestand, den die deutschen Rebflächen im Jahr 1994 mit 106.000 Hektar erreichten.

Damit ist die Entwicklung der Rebflächen äußerst konstant und bildet andere Entwicklungen im Weinmarkt überhaupt (noch) nicht ab. Zwei Entwicklungen sind dabei interessant:

Erstens: Der Weinkonsum ist seit Jahren rückläufig: Im Corona-Jahr 2020 lag er noch bei cirka 24 Liter pro Kopf, im Geschäftsjahr 2024/25 waren es gerade mal noch 21,5 Liter. Das ist ein Rückgang von 10,4 Prozent.

Und mehr noch zweitens: Die Deutschen trinken immer weniger deutschen Wein. Zuletzt waren es gerade einmal noch ein magerer 40-Prozent-Anteil am ohnehin sinkenden Konsum.

Die Konsequenz sind Überproduktion, Preisverfall bei Fassweinen, Umwandlung in Industriealkohol für ein paar Cent. Während im ebenfalls von der Weinkrise erfassten Bordeaux-Gebiet 30.000 Hektar gerodet werden, verteidigt die deutsche Weinbranche ihre Flächen. Es gibt eigentlich keinen Grund. Denn der Weinmarkt ist ein Nachfrage-Markt. (Öffnet in neuem Fenster) Wie hat es Gert Aldinger im WeinLetter-Interview gesagt? “Wir müssen den Rückgang managen.” (Öffnet in neuem Fenster)

Mehr Infos zum Weinmarkt: WeinLetter #108: Schrumpfen als Erfolg? Die Bilanz der Weinernte 2025 (Öffnet in neuem Fenster)

2. Deutschland wird das Weißwein-Land!

Der Flächenrückgang betraf die roten Rebsorten mehr als die weißen Rebsorten: Rotweine verloren 791 Hektar und damit überproportional mehr als die Weißweinsorten mit 539 Hektar. Wohlgemerkt: Weißweine waren schon länger deutlich in der „Überzahl“. Jetzt machen sie aber schon 70 Prozent der Anbaugebiete aus. Bei den Verschiebungen im deutschen Rebsortenspiegel gibt es die einzigen Gewinner fast ausschließlich auf der weißen Seite:

  • Die weiße Piwi-Sorte Souvignier Gris hat den höchsten Flächenzuwachs aller Rebsorten: ein Plus von 170 Hektar.

  • Chardonnay kommt auf ein Plus von 102 Hektar.

  • Sauvignon Blanc verzeichnet ein Plus von 40 Hektar

  • Einzig Merlot kommt auf ein allerdings vernachlässigbares Plus von 18 Hektar.

Deutschland entwickelt sich zum Fast-Only-Weißweinland – und das ist konsequent. Hier sind moderate Alkoholmengen noch produzierbar im Cool-Climate-Land. Und hier gibt es Exportpotentiale: Die deutschen Weißweine haben sehr gute Qualitäten zu im internationalen Vergleich noch moderaten Preisen.

Die einzige rote Rebsorte, die in Deutschland überleben wird? Spätburgunder FOTO: DEUTSCHES WEININSTITU

3. Deutschland wird das Weißwein-Land - plus Spätburgunder und sonst nix Rotes!

Zwischen 2020 und 2025 ist die Spätburgunder‑Rebfläche um rund 3,5 Prozent zurückgegangen – von 11.660 auf 11.250 Hektar. Der Rückgang ist allerdings deutlich moderater als bei anderen Rotweinsorten. Das Verschieben der Gewichte zwischen weißen und roten Sorten liegt an Rotweinsorten wie Trollinger oder Lemberger, die typischen Württemberg-Sorten, die den Weinberg runtergehen.

Trollinger hat im 5-Jahres-Vergleich 12,7 Prozent verloren – und kommt noch auf 1.790 Hektar. Der qualitativ höherwertige Lemberger hat 5,9 Prozent verloren und liegt bei 1.600 Hektar. Das heißt: Spätburgunder hat sich als einzige Rotweinrebsorte in Deutschland wirklich durchgesetzt. In einem schrumpfenden Rotweinsegment bleibt Spätburgunder vergleichsweise stabil. Man könnte aber auch sagen: Deutschland hat es verpasst, eine zweite Rotweinsorte aufzubauen. Man muss es sagen: Den Blaufränkischen, also Lemberger, haben uns die Österreicher weggeschnappt. Es ist ihr USP.

4. Der Riesling-Boom ist vorbei!

Der Weißwein-Boom hat aber auch Verlierer: den Riesling. 2023 hatte Riesling seinen historischen Peak: Mit 24.150 Hektar war er vor drei Jahren die am meisten angebaute Rebsorte. Das ist sie immer noch. Aber sie ist seit zwei Jahren rückläufig. 2024 war der Rückgang unter einem Prozent. Aber 2025 verlor des Deutschen liebste Rebsorte um 1,44 Prozent und liegt nur noch bei 23.885 Hektar.

5. Deutschland geht die Chardonnay-Wette ein!

Unter den konventionellen Rebsorten gibt es Verlierer – wie den Reisling. Und einen Gewinner: Chardonnay. Die internationalste Rebsorte in Deutschland, Chardonnay, hat 2025 um 102 Hektar zugelegt. Das sind 3,3 Prozent. Zur Einordnung:

  • Zunächst: Chardonnay ist beileibe noch nicht an zweiter oder dritter Stelle nach Riesling. Davor stehen in der Rangliste noch Müller-Thurgau (10.230 Hektar), Grauburgunder (8.388), Weißer Burgunder (6.351) oder Silvaner (4.115).

  • Das Wachstum ist aber beträchtlich – wenn man berücksichtigt, dass Rebflächen-Umstellungen minimum drei Jahre dauern, bis sie Erträge abwerfen. Um 35 Prozent hat Chardonnay zugelegt zwischen 2020 und 2025.

Wenn man den Schluss zieht, dass Rebflächen-Entwicklungen Markttrends abbilden – im Gegensatz zur Rebfläche insgesamt (siehe oben) -, dann basiert die Chardonnay-Wette auf zwei Prämissen:

  • Die erste Prämisse: Alle Winzerinnen und Winzer, die Chardonnay anbauen, loben die Robustheit im Segment der konventionellen Trauben in Zeiten von Klimawandel, zu dem vor allem Extremwetter gehören wie der Starkregen.

  • Die zweite Prämisse: Hochwertige Chardonnays sind international gefragt, es gibt also Export-Potenzial. Das ergibt sich daraus, dass Chardonnay in Deutschland neben Riesling und Silvaner zu den qualitativ hochwertigen Weinprodukten gehören. Na und? Gibt’s doch noch tausend Mal besser im Burgund selbst? Da sagen die Chardonnay-Wetter: Ja, aber bei gleichen Qualitäten sind sie bei weitem nicht so günstig wie in Deutschland. So lautet die Chardonnay-Wette.

Mehr Infos zu Chardonnay: WeinLetter #37: Der Aufstieg des Chardonnays aus Deutschland (Öffnet in neuem Fenster)

 Und jetzt zum Wetter…!

„Mehr robuste Rebsorten“, betitelt das Deutsche Weininstitut ihre Pressemitteilung (Öffnet in neuem Fenster)zu den Destatis-Zahlen für die Rebflächen 2025. „Zehn Prozent mehr neue Sorten im Anbau“. Mit „robusten Rebsorten“ sind die Piwis gemeint, die pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, die besser geeignet sind, um sich den Folgen des Klimawandels entgegenzustellen, vor allem den Wetterextremen wie Starkregen. Genau genommen sprechen wir also von einem Plus von 400 Hektar. Gegen den Trend, klar.

Die neuen Piwi-Sorten sind damit entgegen der allgemein rückläufigen Anbauentwicklung in der Fläche gewachsen und haben mittlerweile einen Anteil von vier Prozent am deutschen Weinbau. Der Zuwachs beträgt aber lediglich 0,4 Prozentpunkte der Gesamtrebfläche. Is okay. Vor drei Jahren waren es 3.072 Hektar. Also sind es 333 Hektar pro Jahr an Zuwächsen.

Die Frage ist: Reicht das? Ich will auf einen Umstand hinweisen, den ich schon interessant finde: Die robusten Piiwi-Rebsorten tun sich schon sehr schwer in Deutschland, obwohl Deutschland in der Erforschung der Piwis weltweit führend ist. Ein Gap. Die Forschungseinrichtungen etwa in Geisenheim, Neustadt, Weinsberg, vor allem aber in Freiburg sind da weit vorne. Die Winzerinnen und Winzer wollen aber nicht weit vorne sein. Oder nur bedingt vorne. Also ein bisschen vorne.

Ich glaube, dass hier ein grundlegender Fehler in der Vermarktung begangen wurde: Die Piwis wurden als die Rebsorten „vermarktet“, die nicht vermarktbar sind! Auch Begriffe wie „robuste Rebsorten“ sind Drumherum-Gerede-Taktiken. Souvignier Gris oder Cabernet Blanc müssen als Souvignier Gris oder Cabernet Blanc funktionieren. Sonst bleiben es Cuvée-Sorten, die immer nur in Relation zu konventionellen Rebsorten funktionieren, nicht aus sich selbst heraus.

Mehr Infos zu Piwis gibt’s u.a. hier: WeinLetter #78: Wann gibt's das erste Große PIWI-Gewächs im VDP? (Öffnet in neuem Fenster)

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