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LöwenPost 51: Die Sino Kolumne

Handelsdefizit ~ Arbeitsmarktwandel durch KI ~ Investitionen

KI-Bild erstellt mit Bing Image Creator

Eine Studie des China Finance 40 Forums zum Handel der EU mit China widerspricht so einigen populären Narrativen in Europa. Denn die herrschende Meinung, dass einer Flut billiger chinesischer Waren in Europa, getrieben durch Überkapazitäten, Subventionen und schwacher Nachfrage in China, die europäische Wirtschaft schädigt, können die Daten der Analyse nicht Stand halten.

Vielmehr konzentriert sich der Anstieg der chinesischen Exporte nach Europa vor allem auf einige wenige Sektoren, nämlich Elektrofahrzeuge, Batterietechnik, Photovoltaikprodukte und Chemikalien. Die Nachfrage nach diesen Produkten wird allerdings durch die eigene Verordnung des grünen Wandels und der katastrophalen EU-Energiepolitik verursacht.

Auf der anderen Seite wird China eine Wirtschaftskrise angedichtet, weil, so eine gängige Meinung, der Rückgang der europäischen Exporte nach China durch einen schrumpfenden chinesischen Markt begründet liegt. Doch auch hier geben die Fakten ein anderes Bild, nämlich dass durch wirtschaftliche Modernisierung in China und den handelsfeindlichen Bestrebungen der EU eine Importsubstitution stattfindet. China stellt also immer mehr eigene qualitativ hochwertige Produkte her, die früher aus Europa importiert wurden.

Somit ist es vor allem die europäische Politik, die das steigende Handelsdefizit der Europäer verursacht. Gerade bei Elektroautos haben europäische Hersteller die technologische Entwicklung verschlafen und kaufen vermehrt Technologien bei chinesischen Herstellern ein. Die absurde Energiepolitik in Europa macht der europäischen Chemiebranche den Garaus.

Allerdings ist eine Panikmache zum Handelsdefizit nicht angebracht. Es stieg zwar im vergangenen Jahr auf circa 360 Milliarden Euro und ist damit 48 Milliarden höher als im Jahr 2024. Jedoch liegt das Handelsdefizit noch deutlich unter dem Rekord von circa 397 Milliarden Euro aus dem Jahr 2022. Außerdem hat Europa einen Handelsüberschuss von gut 20 Milliarden Euro im Bereich der Dienstleistungen.

Man darf auch nicht vergessen, dass günstige Waren aus China es den Unternehmen in Europa erlaubt, niedrige Löhne zu zahlen und es den Politiker erlaubt, hohe Steuern zu kassieren, da sich Arbeitnehmer durch niedrige Preise bei chinesischen Waren nicht vom Wohlstand ausgeschlossen fühlen und nicht den geldschaufelnden Führungskräften, maßlosen Politikern und eingelullten Gewerkschaften im Nacken sitzen.

In der LöwenPost 46 (Öffnet in neuem Fenster) habe ich schon über die intensiven Diskussionen in Wissenschaftskreisen in China erzählt, die die zukünftigen Auswirkungen von KI auf den Arbeitsmarkt thematisiert und welche gesellschaftlichen Lösungen möglich sind. Dabei habe ich einen Beitrag von Zhuo Xian kommentiert.

An dieser Stelle möchte ich auf die Gedanken von Li Jia von der Singapore Management University und Zhang Dandan von der Universität in Beijing in China aufgreifen. Sie haben durch Analysen beobachtet, dass nicht nur einfache Jobs durch KI wegfallen, sondern dass KI auch die Einstiegsmöglichkeiten für junge Arbeitnehmer ganz am Anfang ihrer Karriere versperrt und die "Learning by Doing"-Leiter gebrochen wird.

Beide Forscher schlagen eine Lösung vor, die sie "Ein Fonds, Zwei Säulen, Drei unterstützende Maßnahmen" nennen. Der "Ein Fonds" ist ein spezieller KI-Arbeitsentschädigungsfonds, der durch staatliche Gelder, Zuschüsse aus dem Arbeitslosenversicherungssystem, Arbeitgeberbeiträge und mögliche Steuern auf Daten- und Rechenleistungserlösen finanziert wird. Die Gelder in diesem Fonds sollten für gezielte Interventionen, wie die Umschulung von verdrängten und geringqualifizierten Arbeitskräften, verwendet werden.

Die "Zwei Säulen" bilden dann die zeitliche Betrachtung ab. Kurzfristig ein KI-basiertes System zur Überwachung von Beschäftigungsrisiken und Frühwarnung am Arbeitsmarkt, mit Maßnahmen, wie flexibleren Arbeitszeiten und Einkommensunterstützungsregelungen in Hochrisikobranchen. Langfristig sollte ein lebenslanges Lernsystem mit "Skillkonten" und "Lernkonten" institutionalisiert werden.

Die "Drei unterstützenden Maßnahmen“ sind erstens die Anpassung des Sozialversicherungssystems an die KI‑Arbeitswelt mit verbesserten Schutz für flexible Beschäftigte und Plattformarbeiter, eine stärkere Rolle der Arbeitslosenversicherung bei Umschulung und beruflichen Übergängen und eine Prüfung, wie Produktivitätsgewinne durch KI in Renten‑ und Sozialversicherungssysteme zurückfließen können. Zweitens sollte es eine Erweiterung der Unterstützung für Qualifikationswechsel und berufliche Veränderungen geben. Und drittens sollte es konkrete Übergangshilfen bei der Anpassung der Beschäftigungsstrukturen während des technologischen Wandels geben.

Während in China die Einführung von KI von der Regierung mit einem rechtlichen Rahmen ausgestattet wird, der eine schnelle Integration ermöglicht, so hat Singapore wohl eine ausgefeiltere Vorgehensweise. Die dortige staatlich geführte und koordinierte Transformation zielt zwar auch auf eine rasche KI-Integration in die lokale Wirtschaft, allerdings unterstützen Ausbildungskomitees für Unternehmen durch die Gewerkschaft NTUC und das SkillsFuture Jobseeker Support Scheme der Regierung die dadurch ausgelösten Veränderungen am Arbeitsmarkt. Beide asiatischen Regionen befinden sich wohl im dynamischsten und zugleich vielversprechendsten Transformationsprozess.

Dagegen sind in den USA die KI-Regelungen auf Landesebene sehr fragmentiert und in der EU dominieren Verfahrensbeschränkungen, die vielleicht den Arbeitnehmer innerhalb eines starren Arbeitsmarkts jetzt schützen, aber langfristige Wettbewerbsnachteile mit sich bringen werden. Außerdem verpasst man dadurch eine aktivere Rolle beim KI-bedingten Wandel am Arbeitsmarkt.

Singapore scheint dabei (wieder einmal) die intelligentere Politik zu verfolgen und wird meiner Meinung nach künftig der führende Benchmark in diesem Bereich sein.

Zur Wirtschaftspolitik in China melden sich erfreulicherweise immer mehr Experten zu Wort, die der "Heiligsprechung" der Nachfragestimulierung als Kern einer Entwicklungsstrategie entgegentreten. In der LöwenPost 40 (Öffnet in neuem Fenster) habe ich dazu schon einen Vortrag von Professor Bai Chong-En von der School of Economics and Management der Tsinghua-Universität in Peking erwähnt, nun möchte ich einen Beitrag von Yu Yongding aufgreifen. Er betont in seinem WeChat-Artikel, dass Infrastrukturinvestitionen unter den aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Bedingungen Chinas das wirksamste makroökonomische Steuerungsinstrument sind.

Besonders weist Yu Yongding exakt in meiner Argumentationslinie darauf hin, dass Infrastrukturinvestitionen, anders als kurzfristige Konsumsubventionen, langfristige Wirkungen haben. Darüber hinaus gibt es verschiedene Multiplikatoreffekte, da bessere Infrastruktur die Rendite privater Unternehmen steigert. Damit widerspricht er der verbreiteten These, China müsse von einem investitions- zu einem konsumgetriebenen Modell wechseln. Konsum ist eine Funktion des dauerhaften Einkommens, nicht kurzfristiger Zuschüsse, weshalb Konsumgutscheine oder Bargeldtransfers die Nachfrage nur begrenzt und temporär stimulieren.

Die jüngste Wiederbelebung der Infrastrukturinvestitionen in China mit einem Wachstum von 8,9 % im ersten Quartal 2026 deutet darauf hin, dass die Regierung in gewissem Umfang den Fokus wieder darauf setzt oder zumindest die positive Wirkung "nicht vergessen" hat. Ich formuliere das an dieser Stelle erst einmal vorsichtig, da ich nicht weiß, ob dieser positive Trend bei den Infrastrukturinvestitionen anhält. Der gerade begonnene 15. Fünfjahresplan zur Formulierung der politischen Strategie in den nächsten Jahren sieht jedenfalls den Aufbau eines modernen Infrastruktursystems vor, von Energienetzen und Trinkwasserversorgung bis zu Rechenzentren. Die Debatte über eine „Sättigung“ der Infrastruktur sei damit politisch entschieden, so Yu.

Insgesamt lautet seine zentrale Botschaft, dass Infrastrukturinvestitionen die rationalste und wirkungsvollste Antwort auf Chinas Nachfrageprobleme sind. Sie schaffen dauerhafte Einkommen, stärken den Konsum langfristig, fördern privates Kapital und unterstützen gleichzeitig eine Entwicklungsstrategie, die den Wohlstand der Menschen in China stetig steigert. Argumente, denen ich uneingeschränkt beipflichten kann.

Kategorie LöwenPost