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Aus Zitronen Limo machen

Diagnose metastasierter Brustkrebs | toxische Scham und ihre Wurzeln in einer schwierigen Kindheit | die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückgewinnen

Die Ärztin lächelt, aber ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Das Staging hätte ich jetzt geschafft, setzt sie an. Drei Krankenschwestern sitzen hinter ihr. Warum sind hier so viele Leute? Und warum schauen sie so ernst? Die Ärztin spricht weiter und ihr nächster Satz beginnt mit einem falschen Wort. Leider, sagt sie, leider sei da etwas in der fünften Rippe. Eine einzelne Metastase, eine fortgeschrittene Krankheit, Stadium IV. OP und Bestrahlung seien deshalb keine Option mehr. Der Krebs lauere im ganzen Körper, sei kein lokales Problem in der rechten Achsel. Weder OP noch Bestrahlung können ihn vollständig entfernen. Und warum sollte man einen geschundenen Körper mit Maßnahmen schwächen, die keinen Erfolg versprechen? Sie erklärt Therapieoptionen, aber ich höre nicht mehr zu.

Stadium IV, palliativ, Sterben, Tod. Er wartet nicht um die Ecke, dieser Tod. Stabile Jahre, die sind drin für mich. Was heißt Jahre in Zahlen? 2, 5, 10 oder kann ich 70 werden? Ich frage nicht, denn ich will es nicht wissen und es gibt auch keine Antwort darauf. In meiner Familie werden alle älter als 90 und bis zu diesem stolzen Alter habe ich mein Leben geplant: Irgendwann ein Sabbatjahr, einen weiteren Roman schreiben, beim Bouldern endlich Überhänge schaffen. Einen Van kaufen und darin monatelang reisen. Enkelkinder verwöhnen, obwohl die Eltern das nicht wollen. Solange der Körper mitspielt, in einem gepflegt wilden Garten Sonnenblumen pflanzen und Zucchinis ernten. Noch später vormittags auf dem Sofa liegen und lesen, weil zu mehr die Kraft nicht mehr reicht. In sehr weiter Zukunft wird die Teilnahme am Leben sich aufs bloße Dasein beschränken und ich werde bereit sein zu gehen. Das war der Plan.

Irgendwann fragt die Ärztin, ob ich sie eigentlich verstehe. Ich verneine. Was ich verstehe, aber noch nicht begreife: 15 Jahre nach meiner ersten Brustkrebs-Diagnose versucht ein gerade mal 8 Millimeter großer, bösartiger Knoten in der rechten fünften Rippe, meine Pläne zu durchkreuzen, will die Deutungshoheit über mein Leben an sich reißen. Mein eigener Körper spielt sich zum Oberlehrer aus vergangenen Zeiten auf. Schickt mich in die Ecke des Klassenraums, wo alle meine Schande sehen sollen. „Du bist ab jetzt die Kranke, die Schwache, die Hilfsbedürftige“, säuselt die Metastase in mein Ohr und ich schäme mich, weil alle anderen Vollzeitjobs und kleine Kinder oder alternde Eltern jonglieren und ich noch nicht mal einen funktionierenden Körper besitze. Ich werde dazu gezwungen, den anderen beim Leben zuzuschauen, während ich selbst in der Ecke stehe und schweige. Zuhöre, wie ihnen alles zu viel ist in dieser stressigen Welt. Nicht dazugehöre. Ich will das nicht. Nicht schon wieder meine Autonomie abgeben müssen. Nicht schon wieder ausgeschlossen sein.

Eine Metastase als Schande – die Macht der toxischen Scham

Natürlich fühle ich auch Angst, Wut und Trauer, taste mich im Schock wie durch ein Wattemeer, das die Außenwelt von mir fernhält. Erwartbare Emotionen. Aber Scham? Scham passt nicht als Reaktion auf eine Krebsdiagnose. Sie ist ein erlerntes Gefühl, das uns ermahnt, wenn wir uns unpassend verhalten. In jedem Zeitalter und jeder Kultur entscheidet sich dabei neu, welches Verhalten als unerwünscht gilt. Dieser fluide, soziale Wegweiser hilft uns, in einer Gemeinschaft nach deren Regeln zu handeln, so dass wir andere ausreden lassen und uns in der Kassenschlange hinten anstellen. Aber Scham lässt sich leicht zweckentfremden, etwa wenn ein Mädchen nicht zum Ballett darf, weil es dafür zu groß oder zu tollpatschig sei - was für ein alberner Wunsch das überhaupt sei. Das Mädchen verstummt und lernt, dass sein Körper falsch ist und Probleme bereitet. Jahrzehnte später, die verinnerlichte Scham spielt Kontrolleur, begreift die Frau es als Schande, wenn der Körper nicht mehr funktioniert und schämt sich für eine Metastase.

Identität lässt sich als eine Erzählung verstehen, die wir selbst schreiben. Herkunft, Geschlecht, Haarfarbe – auf vieles haben wir dabei wenig Einfluss. Auf anderes sehr wohl: Erfahrungen in der Kindheit prägen unsere inneren Überzeugungen über uns selbst und die Welt. Sie erzeugen Glaubenssätze wie „Dein Körper ist falsch und deswegen wirst du zur Außenseiterin“. Sobald eine Situation halbwegs zu dieser inneren Überzeugung passt, spult die Psyche im Autopiloten die immergleiche Schleife ab: Scham, Ausgeschlossensein, fehlende Klarheit. Vielleicht Rückzug statt Hilfe einfordern. Negative Glaubenssätze sind zum Glück kein unabänderliches Schicksal. Ein Thema, das ich in diesem Blog immer wieder aufgreifen werde. Wie kam es bei mir überhaupt so weit?

In meinem Leben entfaltete sich die Sache mit der toxischen Scham so: Wenn man sich eine Biografie als Landkarte vorstellt, dann finden sich darin alle Orte, die man jemals mit Bedeutung gefüllt hat. Ganz im Norden leuchtet ein winziger Punkt – die eigene Zeugung, der Startpunkt. Die meisten von uns wissen darüber nicht viel. Meine Informationen dazu beschränkten sich lange auf den Hinweis, dass meine Eltern geplant hatten, Kinder in die Welt zu setzen, meine Mutter die Pille absetzte und mich gleich im ersten Zyklus empfing. Als ich 15 war, gab meine Mutter ein weiteres Detail preis: mein Vater wollte mich abtreiben lassen. Andere wogen also ab, ob mein Leben überhaupt stattfinden dürfe, ob es sich überhaupt lohne, mich in die Welt zu lassen. Aus heutiger Sicht kommt es mir vor, als übermalte sie damals den ersten Ort meiner jungen Biografie mit einem dicken, schwarzen Edding und füllte ihn mit neuer Bedeutung. Das wiederholte sie mit anderen Orten, bis meine Landkarte in ein Labyrinth aus schwarzen Strichen verwandelt hatte. Und ich mich für meine bloße Existenz schämte, eine Außenseiterin in der Schule wurde. Auf Kinderfotos von mir sehe ich ein wildes, kleines Mädchen, das viel lacht. Die 15-jährige Klara hat diesen Glanz verloren. Sie lächelt nicht, ihre Schultern hängen herab, sie trägt bunte, ungeschickt kombinierte Klamotten und ihre Haare wollen sich nicht zu einer Frisur zusammenfinden. Sie wirkt gequält, sie gehört nicht dazu, nirgendwo. Sie gehört nicht zu den Coolen.

Wenn ich Menschen, denen ich vertraue, von meiner Kindheit erzähle, reagieren sie gelegentlich ungläubig, fast ablehnend. Das Thema überfordert. Eine Mutter, die nicht nährt und liebt, das kann und darf nicht sein. Dabei hat meine Mutter alles für ihre Kinder gegeben, was sie besaß. Ihr Besitz beschränkte sich auf sehr wenig. Man muss dazu wissen, dass meine Mutter die Welt anders wahrnimmt als die meisten, dass sie ihre eigenen schwierigen Glaubenssätze bis heute nicht durchschaut hat. Ihr Ziel ist immer, ein Drama zu erzeugen. Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit für sie, etwas zu fühlen. In ihren inszenierten Dramen ist sie stets das Opfer und alle anderen sind die Täter. So glaubt sie fest, dass ihr eigener Mann ihre Schwangerschaft in Frage gestellt hat – dass sie mit dieser Information ihre Tochter verstören könnte, kommt ihr nicht in den Sinn. Ein halbes Leben später wirken die mit Edding übermalten Orte noch nach und ich fühle mich als Versagerin, weil mein Körper nicht das tut, was andere von ihm erwarten.

Der Wendepunkt – die Deutungshoheit über mein Leben gehört mir

Ein paar Tage nach dem Arzttermin klingelt mein Telefon. Die Ärztin meldet sich - die Tumorkonferenz hat meinen Fall besprochen. Ich vergesse fast zu atmen, als sie spricht, bin aufgeregt wie ein Verbrecher, der auf sein Urteil wartet. Es fällt milde aus: Mit einer einzelnen Knochenmetastase, erklärt sie, könne ich zwar offiziell nicht mehr geheilt werden, aber man wolle versuchen, die Metastase und die beiden Tumore unter der Achsel zu vernichten – anders als bei weiter fortgeschrittener Metastasierung. Man empfiehlt, die Krebszellen zunächst mit verschiedenen Medikamenten zu bekämpfen – anschließend können OP und Bestrahlung doch noch eine Option sein. Erleichtert lege ich auf und beginne zu begreifen: ich muss nicht nur diese Medikamente nehmen. Ich muss auch diese Scham herausschreien, um mich zu retten.  Ausgerechnet eine Metastase lässt mich endlich ahnen, dass meine Existenzscham falsch ist. Dass ich kein verachtenswertes Schmuddelkind bin. Dass meine Kindheit kein Geheimnis bleiben darf, sondern erzählt werden muss, damit ich atmen kann. Ich übernehme in diesem Moment endlich die Deutungshoheit für mein Leben und entscheide: Ich bin ein Fall, der heilen wird. Vielleicht nicht mehr vom Krebs, aber auf jeden Fall von meiner schwierigen Kindheit. Und vielleicht gelingt es mir sogar, andere mit auf diesen Weg zu nehmen. Lasst uns aus Zitronen Limonade machen.

Erläuterungen

Staging: Nach der Diagnose einer Krebserkrankung wird zunächst mit bildgebenden Verfahren wie CT und Knochenszintigrafie geprüft, ob sich im Körper bereits Fernmetastasen gebildet haben.

Tumorkonferenz: Bei Krebserkrankungen besprechen Ärzte verschiedener Fachrichtungen, welche Therapien in Frage kommen.

Bei Metastasen an vielen Stellen im Körper werden OP und Bestrahlung häufig nicht durchgeführt. Medikamente sind die schonendere und bessere Wahl. Sie wirken im gesamten Körper.