
Das war mein erster Poetry Slam.
Schreibtherapie, ohne es zu wissen zu damligen Zeitpunkt.
Damals hat die Poetry Slam Künstlerin “Jessie James” uns die Möglichkeit geschaffen, einen eigenen Poetry Slam im Gefängnis aufzuführen.
Ein Meisterwerk an Organisation, an der “Sicherheit und Ordnung” vorbeizukommen ( die interne Polizei im Gefängnis) und so etwas auf die Beine zu stellen in einer Haftanstalt.
(Das aber nur nebenbei.)
Ich hatte einen Text vorbereitet. Jessie machte mir jedoch bewusst, dass er zu lang sei.
Denn ein Poetry Slam funktioniert folgendermaßen:
Du hast 6min Zeit, etwas Selbstgeschriebenes von Dir (das ist der Kern), vorzutragen. Es sind keine Hilfsmittel erlaubt, ausser dein Text , deine Stimme und deine Gestik. Am Ende entscheidet das Publikum durch Applaus, wer der Beste war.
Also war ich am letzten Tag vor dem Auftritt gezwungen, noch einmal von vorne zu beginnen. Ich saß stundenlang vor einem leeren Blatt, bis ich es einfach fließen gelassen habe und ich meine aktuelle, emotionale Welt mit allen teilen werde…
Jessie hat uns eine Woche begleitet, bis wir selber, am Ende der Woche, unseren eigenen Slam abgehalten haben.
Das klingt unspektakulär, doch wenn in Haft Entertainment angeboten wird, ist jeder dabei, der die Möglichkeit hat!
Also stehst du zitternd,
die Hände voller Schweiß,
vor ca 1000 Gefangen,
mit deinem zerknitterten Zettel in der Hand auf dem dein Text in unleserlichen Worten steht,
mit dem Rücken zu dem Altar der Gefängnis Kirche und legst los:
Das tägliche Chaos meiner selbst…
Ich wache auf…
die Hoffnung daran geklammert,
dass mir diesmal nicht,
das durch die Gitter gebrochene Licht des Mondes,
welches in kleinen Prismen an jener Wand sein Ende findet verrät,
wo ich in Wirklichkeit bin!
Ich knipse das Licht an und fühle mich von der Nachttischlampe provoziert,
weil ihr Flackern und ihre Haltung,
die einem frontalen Genickbruch gleicht,
mir auf loyale Art und Weise zu verstehen gibt,
dass sie weiß, wie es mir wirklich geht.
Mein Blick,
der nicht weiter reicht als die mir noch verbleibende Freiheit,
verkümmert an 5 cm starkem,
blau lackiertem Stahl,
der verziert durch die einzigen selbstgemalten Bilder meiner Kinder, seinem eigentlichen Zweck dient,
mir klar die Grenzen meiner momentanen Entfaltungsfreiheit aufzuzeigen.
Vielleicht sollte ich ja froh sein über die Möglichkeiten,
die sich auf den 8 qm für mich auftun,
denn der goldene Käfig,
indem mich mein so selbstloser Vater jahrelang als Trophäe hielt,
ließ mir noch lange nicht so viel Freiheit!
Mein Wecker reißt mich pünktlich und unsanft aus der Kindheit, zurück in die unzensierte Realität.
Erleichtert setze ich Kaffeewasser auf und greife zu meinem Tabak.
Wahrscheinlich verdiene ich es ja wirklich,
dass mir der blaue,
beißende Rauch meiner Kippe,
indem ich gerade noch so gedanklich meine letzte Würde in Stand hielt…
…auch noch mein lachendes Auge zu weinen bringt, um mir jegliche Sicht zu nehmen?!
Mir grault es jetzt schon vor dem Dauerlächeln,
welches sich gleich schon beim Verlassen meiner Zelle in meinem Gesicht breit macht,
um meinen eigentlichen Gefühlszustand zu verbergen.
Während ich mich noch frage,
worin der eigentliche Sinn meines verkümmerten Daseins liegt,
öffnet sich die blau lackierte Stahltür und meine Möglichkeiten erweitern sich um einige wenige Meter…
Auf dem Weg zur Arbeit reagiere ich um die Etikette zu wahren, freundlich und angemessen auf das mir aufgezwungene Gespräch der Nachtwache.
Auf der “geliebten” Arbeit angekommen,
knallt mir verhaltenstechnisch komplett die Sicherung durch und präsentiert wird…
“der Sohn meines Vaters.”
Könnte er sie nur sehen;
meine verzweifelten Versuche,
durch maßlos übertriebenen Leistungsdruck
und der ökonomischen Kontrolle meiner Mitarbeiter,
die nötige Anerkennung zu bekommen…
… – er wäre sicher stolz auf sich!
Durch das Chaos meiner wechselnden Rollen, reduziere ich mein „Wahres Ich“ auf ein Minimum meiner selbst, um in diesem Rahmen nicht überall anzuecken und verliere mich dabei fast selbst…
Der Stress rund um das von mir angestrebte Weltverbessern fällt erst wieder ab,
wenn ich auf meinen Haftraum zurückkehre,
indem ich ungehindert ich sein darf/kann.
Der Haken an der Sache ist nur,
dass ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum noch weiß,
was den „Wahren Thomas“ hinter seinen Masken ausmacht,
wofür er respektiert und geliebt wurde,
bevor er die Arroganz besaß,
sich über die Würde anderer hinweg zu setzen,
um mit allen Mitteln seinen eigenen Willen durchzusetzen!?
Ich hasse mich dafür, dass meine Kinder den „goldenen Käfig“ nun durch ihre Mutter ertragen müssen
– der mich doch so geprägt hat –
während ich mich geplagt von dem Gefühl völliger Ohnmacht auf meinen acht Quadratmetern entfalte…
Ich bin Thomas und habe verdammte Angst, mich in meinen Rollen zu verlieren!
Thomas © 2017 Rheinbach