Mr Nobody Against Putin von David Borenstein und Pawel Talankin
Herzlich willkommen zur zweiten Ausgabe von doklove, dem Newsletter, in dem ich alle zwei Wochen eine Doku empfehle. Mein Name ist Nicolas Wildschutz, ich bin Journalist und Filmemacher. Ich freue mich sehr, dass ihr dabei seid.
Es gibt Dokumentationen, die lassen sich nicht planen. Sie entstehen nur, weil bestimmte Menschen zur richtigen Zeit am genau richtigen Ort sind. Und genau das war der Fall für Pawel Talankin, den Protagonisten der heutigen Empfehlung Mr Nobody Against Putin.
Die Doku entsteht, während Talankin in einer Schule in der russischen Kleinstadt Karabasch arbeitet. Er organisiert die Events, die dort stattfinden, und filmt sie als Schulvideograf mit seiner Kamera. Bei den Schüler*innen ist er aber vor allem als Vertrauensperson bekannt. Sie treffen sich bei ihm im Büro, um sich dort abseits der Blicke der strengeren Lehrer*innen frei austauschen zu können.
Als Russland die Ukraine überfällt, fängt die Schule in Karabasch an, sich zu verändern. Lehrpläne werden angepasst, patriotische Zeremonien werden durchgeführt und die Stimmung kippt hin zu gegenseitigem Misstrauen. Und Talankin? Er filmt alles. Die Aufnahmen soll er eigentlich an Regierungsstellen schicken, damit diese kontrollieren können, ob ihre Vorgaben in allen Regionen umgesetzt werden.
Aber Talankin ist überzeugter Demokrat. Und Regimegegner. Also schickt er zweieinhalb Jahre lang alles, was er filmt, an den Regisseur David Borenstein. Mitte 2024 flüchtet Talankin in die EU, um mit Borenstein sein Material zu einem Film zu schneiden. Im März 2025 feiert Mr Nobody Against Putin Premiere.
“Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern in der Schule.”
Wladimir Putin
Das Resultat dieses mutigen Akts des Widerstands ist ein unglaublicher Blick hinter die Kulissen der autokratischen Propaganda-Maschine in Russland. Die Zuschauer*innen können sehen, was passiert, wenn die Reste einer Demokratie, die zum Zeitpunkt des russischen Überfalls eh schon nicht mehr so stark war, endgültig stirbt.
Die Schule ist dafür der perfekte Schauplatz. Von außen wirken einige Szenen und die Reaktionen einiger Personen einfach unverständlich: Als hätte man sie aus einem Film aus dem Deutschland der 30er-Jahre gerissen und einfach in die heutige Zeit eingewebt. Und mittendrin die Kinder und die Jugendlichen, die die einzigen sind, die zumindest teilweise noch wie vernünftige und normale Menschen wirken.
Mr Nobody Against Putin ist aber auch die Geschichte von Pawel Talankin, der sich in den Widerstand begibt. Nicht ab Tag eins, wie viele von uns es sich vielleicht hoffen würden, wenn etwas Ähnliches bei uns passieren würde, sondern nach und nach. Weil er nicht einverstanden ist mit dem, was er sieht. Und es irgendwann auch nicht mehr akzeptieren will.
Der Film hat mich sehr bewegt. Der Regisseur David Borenstein meinte in einem Interview, Talankin habe Unmengen an Material geschickt. Die größte Aufgabe sei es gewesen, dieses zu einer funktionierenden Erzählung zu kondensieren. Das ist ihm meiner Meinung nach ausgezeichnet gelungen. Der Film ist für die Kategorie “Bester Dokumentarfilm” bei den diesjährigen Oscars nominiert. Völlig zurecht, wie ich finde.
Aber seht für euch selbst:
https://www.youtube.com/watch?v=ipnnRrvO5GM (Opens in a new window)Sagt mir doch gerne Bescheid, wie euch der Film gefallen hat. Da der Newsletter neu ist, freue ich mich auch sehr über Feedback.
Bis in zwei Wochen!
Nicolas
Die bisherigen Empfehlungen
doklove #1 (Opens in a new window): AlphaGo von Greg Kohs ( zum Film (Opens in a new window))