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Stadtbild mit Dame

Too many protest singers
Not enough protest songs
(Edwyn Collins)

172/∞

Good evening, Europe!

Ich hab gerade eigentlich gar keine Zeit für das hier, ich muss ja ein Buch (Opens in a new window) schreiben.

Andererseits habe ich gemerkt, dass mein Gehirn, wenn ich mich stundenlang mit ESC-Platzierungen, überehrgeizigen Komponisten (Gendern überflüssig) und geopolitischen Spannungen beschäftigt habe, einigermaßen frittiert ist und ich für jeden Satz eine halbe Stunde brauche.

Dann zur Abwechslung mal lieber Spazieren gehen, auf dem Fußboden liegen (eine meiner Lieblingsbeschäftigungen) oder eben schnell einen kleinen Newsletter … ja, gut: schon wieder schreiben.

Mein aktuelles Tunnelleben hat den Vorteil, dass ich eher indirekt davon mitbekommen habe, wie unser Bundeskanzler mal wieder einen Kampf mit einem Mikrofon verloren hat. Zu diesem Themenkomplex haben sich zum Glück auch schon klügere und kompetentere Leute geäußert wie die Bildungsstätte Anne Frank (Opens in a new window), Teresa Bücker (Opens in a new window) und Stephan Anpalagan (Opens in a new window).

Als Kind der Achtziger denke ich mir: Mit Merz ist die CDU wieder da angekommen, wo ich sie noch aus meiner Kindheit und Jugend her kenne. Aber die Welt hat sich natürlich um sie herum weiterentwickelt, weswegen ungefähr alles, was Merz sagt und tut, so bizarr aus der Zeit gefallen wirkt. In meiner Kindheit hätten sich allenfalls Brigitte und Jutta, die im sog. Dritte-Welt-Laden arbeiten und die „taz“ im Abo haben, über solche Äußerungen beklagt — und zwar zueinander. Jetzt stehen ein paar Tausend Menschen vor dem Konrad-Adenauer-Haus (in dessen Poststelle sich vermutlich immer noch Tausende Tassen stapeln, die als Reaktion auf einen der vorherigen Merz'schen Versuche, die deutsche Sprache in seinem Sinne zu nutzen, dort eingegangen waren) und die Medien berichten darüber.

Und das, liebe Leute, ist der Fortschritt!

Als Nächstes arbeiten wir dann darauf hin, dass Männer ohne erkennbare Talente nicht weiter die Karriereleiter hochstolpern können, und dann werden wir als Gesellschaft irgendwann auch im 21. Jahrhundert ankommen.

Vor zwei Wochen ist Maria Riva gestorben, die Tochter von Marlene Dietrich. 1

Diese Nachricht hat meine eigene Zeitachse gesprengt, die ich mir so von der Welt gemacht hatte, denn Maria Riva war 100 Jahre alt geworden. Marlene Dietrich musste also - wenn wir die Douglas-Adams-Nebensätze über Zeitmaschinen und Verhütungsmittel mal außer Acht lassen - vor deutlich mehr als 100 Jahren geboren worden sein.

Ich meine, mich erinnern zu können - und wir wissen (Opens in a new window) alle, was das bedeutet -, dass ich die Nachricht vom Tod der Dietrich im Autoradio des blauen Opel Kadett meiner Mutter gehört hatte, als wir gerade an der Dinslakener Trabrennbahn entlangfuhren. 2 Sie war also zu meinen eigenen Lebzeiten gestorben, durchaus auch betagt, aber es konnte eben unmöglich so lange her sein, dass ihre eigene Tochter nun hundertjährig sterben konnte.

Nun. Stellt sich raus: Marlene Dietrich ist 1992 gestorben, mithin vor 33 Jahren, und wäre heute 123 Jahre alt.

Mathematisch ergibt das alles Sinn, aber wie ich es auch drehe und wende: Meine eigene kleine Zeitachse verbiegt sich jedes Mal, schlägt Wellen und verknotet sich, denn das passt alles nicht zusammen.

Cameron Crowe, Regisseur von meinem absoluten Lieblingsfilm „Almost Famous“ und aus Gründen, die ich selbst beim besten Willen nicht erklären kann, einer meiner Follower bei Instagram, hat vorletzte Woche sein Memoir „The Uncool“ (Opens in a new window) veröffentlicht. Das Buch referiert die Fakten zu Crowes 3 hoch autobiographischem Film „Almost Famous“, der die Geschichte eines 15-jährigen Nachwuchsjournalisten erzählt, der Anfang der 1970er Jahre mit einer aufstrebenden Rockband durch die USA reist, um eine Geschichte für den „Rolling Stone“ über sie zu schreiben.

Ich kann nicht überbetonen, wie wichtig „Almost Famous“ für mich war, als der Film 2001 in Deutschland rauskam. Ich war gerade 17 und hatte meine ersten Versuche als Musikjournalist unternommen und dieser Film wirkte wie ein Einblick in das, was möglich war und kurz darauf auch irgendwie eintreten sollte.

Als ich ein paar Jahre später mit den Kilians und Tomte auf Tour war, als ich 2014 beim deutschen Vorentscheid durch die Katakomben der Kölnarena irrte, noch heute, mit 42, wenn ich backstage mit irgendwelchen Musikern rumhänge, deren Werk ich bewundere, sehe ich das alles durch die Augen von „Almost Famous“-Kameramann John Toll. Es ist immer noch die gleiche Mischung aus „Wie absurd, dass ausgerechnet ich hier bin!“ und „Ich gehöre genau hier hin!“, die mich bei jedem Song Contest überkommt, bei jedem WhatsApp-Austausch mit Menschen, deren Schaffen ich schätze, und an so vielen anderen Arbeitstagen.

„The Uncool“, jedenfalls, erzählt jetzt die Geschichten, die Cameron Crowe für „Almost Famous“ zusammengerührt hatte, so, wie sie wirklich waren. (Quasi genauso, nur noch viel absurder und mit echtem Personal.) Es ist also quasi der Lektüreschlüssel zum Film und sowas liebe ich ja immer.

Ich komme nicht so zum Lesen, wie ich gerne wollte, weil ich ja noch an meinem eigenen Buch arbeiten muss, aber wenigstens könnten jetzt auch Jimmy Fallon, John Cusack und Lin-Manuel Miranda, die Cameron Crowe auf Instagram folgen, wissen, dass ich gerade ein Buch schreibe:

Crowe macht gerade eine Promotour, wie es sie nur für Menschen seines Formats und auch nur in den USA gibt: Er ist in buchstäblich jeder relevanten Sendung zu Gast und hat schon mit Stephen Colbert (Opens in a new window), Anderson Cooper (Opens in a new window) und Kelly Clarkson (Opens in a new window) gesprochen. Ich habe sein Interview mit der großartigen Terry Gross bei „Fresh Air“ (Opens in a new window) und mit Zane Lowe für dessen Apple-Music-Show (Opens in a new window) gehört und beide Gespräche sind auf ihre Art phantastisch, weil sie die Emotionen, die Musik hervorrufen kann, so wunderbar rüberbringen, und es so toll ist, Menschen zuzuhören, die sich für Dinge begeistern können.

Bleiben wir kurz bei meinen ganz großen Helden: Marcus Wiebusch von kettcar und Craig Finn von The Hold Steady werden im Januar gemeinsam auf Tour gehen, ihre Songs spielen und Geschichten erzählen. Es ist die Fortsetzung dessen, was Anfang 2024 auf der Lit Cologne stattfand (s.a. Newsletter #135 (Opens in a new window)), und ich freue mich sehr darauf.

Das sind die Tourdaten:

17.01. Essen, Zeche Carl
18.01. Erlangen, E-Werk
19.01. Leipzig, Werk 2
20.01. Berlin, Lido

Tickets gibt’s bei meinen Kumpels vom GHvC (Opens in a new window).

Kürzlich hatte ich das dringende Bedürfnis, den Song „Catch Me“ (Opens in a new window) aus dem Film „Bandits“ zu hören. Den Film - das deutsche Äquivalent zu „Blues Brothers“ mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz, Jutta Hoffmann und Hannes Jaenicke - habe ich ein einziges Mal gesehen, im Fernsehen, Anfang 2003, als ich bei meiner Tante in Berlin war, aber danach war ich für Monate von diesem Song (der ja eigentlich ein Cover von Saint Etiennes „Hobart Paving“ (Opens in a new window) ist) besessen, habe ihn Hunderte Male hintereinander gehört, wie man es nur als unglücklicher Teenager kann, an eigenen Cover-Versionen gearbeitet — und ihn dann irgendwann einfach vergessen.

Nun wollte ich ihn unbedingt hören, so unbedingt, wie man manchmal Lieder wiederhören muss, die einem einmal sehr wichtig und dann abhanden gekommen waren, aber er war nicht auf Spotify. Stattdessen fand ich dort eine Jazz-Version (Opens in a new window), die Jasmin Tabatabai, die den Song auch im Film singt, 2016 aufgenommen hat. Sie führt den Song, der im Film so eine ungemeine Wucht hat, zurück zu seinen Saint-Etienne-Wurzeln, erinnert aber auch an das, was Joni Mitchell im Jahr 2000 auf „Both Sides Now“ 4 gemacht hat (wenn auch noch opulenter und orchestraler).

Was hast Du gehört?

Es wird für viele überraschend kommen, aber während ich mein Buch über den Eurovision Song Contest schreibe, höre ich auffallend wenig ESC-Musik. Ich habe festgestellt, dass Deep House und Jazz meine bevorzugten Musikstile zum Schreiben sind, weswegen ich mich da tief in irgendwelchen Playlisten verloren habe, die wohltuend an mir vorbeirauschen und die Stille ausbremsen.

Ein paar Neuerscheinungen habe ich aber einflechten können: Zum einen hat Demi Lovato mit „It’s Not That Deep“ (Island; Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window)) ihre nächste era eingeleitet und macht jetzt Elektropop, der extrem clubtauglich und horny klingt. Zum anderen hat Lily Allen sehr überraschend ihr Comeback-Album „West End Girl“ (Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window)) gedroppt, das offenbar recht autobiographisch ihre Scheidung von einem Schauspieler beschreibt, dessen Namen ich jetzt schon wieder googeln müsste.

Ich bin kein Fan von „Trennungsalben“, wenn sie davon handeln, wie ein singender Waschlappen zu verstehen versucht, warum eine Frau keinen Bock mehr auf singende Waschlappen hatte („Ghost Stories“ von Coldplay fällt einem da ein), aber „West End Girl“ ist ein einziges „Ich hab Dir Deine Klamotten vor die Tür gestellt (und vielleicht vorher zerschnitten, mit Benzin übergossen und angezündet)“ von einem Album. Radiohits wie „Smile“, „LDN“ oder „Not Fair“ springen einen nicht unbedingt an, dafür hat Allen Taylor Swift in Sachen Relevanz und fröhlicher Drastik rechts, links und in der Mitte überholt. Am Ende bekommt man fast ein bisschen Mitleid mit dem Typen und seinen PR-Beratern, denn sich von diesem Rundum-Tiefschlag zu erholen, könnte ein paar Monate dauern.

Zu Taylor Swifts Album gab es aber noch eine schöne Portion Sekundärliteratur bei „Switched On Pop“ (Opens in a new window).

Was hast Du gelernt?

Wenn Menschen „isch“ statt „ich“ sagen (weil sie z.B. aus dem Rheinland kommen und/oder eine Gangsta-Rap-Karriere anstreben), ist das eine Koronalisierung des stimmlosen palatalen Frikativs. (Theoretisch müsste ich das aus der Einführung in die Linguistik im ersten Semester wissen, praktisch ist das 22 Jahre her, also bitte!)

Was hat Dir Freude bereitet?

Ich hab endlich die Schuhe, die ich schon als Teenager haben wollte. Und ich kann sie trotz meiner orthopädischen Einlagen tragen!

Und jetzt: Musik!

https://www.youtube.com/watch?v=hKHhOwOEVeM (Opens in a new window)

Mal gucken, wie viele Coverversionen von Chers „Believe“ wir hier in aufeinanderfolgenden Newslettern versammelt kriegen!

Wenn Dir mein Schaffen (Newsletter (Opens in a new window), Blog (Opens in a new window), Musik (Opens in a new window)) Freude bereitet, leite es doch bitte an Personen weiter, denen es auch gefallen könnte! Bis das Buch rauskommt, muss ich mein Publikum vergrößern!

Und wenn Du meine Arbeit auch finanziell unterstützen magst und kannst: Das geht per PayPal (Opens in a new window) oder als Bezahl-Abo.

Habt eine schöne Restwoche!

Always love, Luki

  1. Ich habe in diesem Zusammenhang erfahren, dass sich Marlene Dietrich und ihr Ehemann Rudolf Sieber bereits in den 1930er Jahren getrennt hatten, aber bis zu seinem Tod 1976 verheiratet blieben.

  2. Die Trabrennbahn, in deren direkter Nachbarschaft wir von 1986 bis 1993 wohnten, ist inzwischen auch abgerissen worden.

  3. Jetzt, wo wir uns gegenseitig auf Social Media folgen, könnte ich eigentlich auch kumpelhaft „Cameron“ schreiben, aber das bringe ich bei einem Oscar-Gewinner, der noch dazu eine Freundschaft zu Billy Wilder pflegte, nicht fertig.

  4. Leider auch bekannt als „Das Album, das Emma Thompson in ‚Love Actually‘ von Alan Rickman zu Weihnachten bekommt, während Heike Makatsch die Perlenkette kriegt.“

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