Liebe Leser*innen,
zum Zustand der Welt und all dem Grauenhaften, das so vielen Menschen angetan wurde und immer wieder aufs Neue angetan wird, möchte ich heute nichts schreiben – ihr wisst es selbst. Gleichzeitig bin ich froh und dankbar für mein kleines Leben, für die Menschen, mit denen ich verbunden sein darf und für meinen so angenehmen Alltag. Dabei erinnere ich mich an die Sätze vorne auf meiner Website (Opens in a new window), mit denen ich seit Jahren schon mein Lebensgefühl ausdrücke: „Bei aller Lebensfreude begleitet mich das ungute Gefühl, auf dem Sonnendeck der Titanic zu tanzen. Dieses Gefühl, mit all meinen illegitimen Privilegien Teil einer Normalität zu sein, zu der ich nur jeden Tag aufs Neue laut und deutlich NEIN sagen kann. Und doch gleichzeitig JA zu sagen zu all dem, wo ich Hoffnung sehe.“
Heute schicke ich euch einen kleinen persönlichen Jahresrückblick, und einen Ausblick.
Blick zurück auf 2025
Mein Buch ist fertig!
Mein Jahr war unter anderem davon geprägt, dass mein Praxishandbuch Selbstverwaltung (Opens in a new window) erschienen ist. Nachdem ich im Juni 2024 den Vertrag mit dem transcript Verlag abgeschlossen hatte, habe ich mit dem Schreiben begonnen – nicht schon in der Corona-Zeit, wie Maurice Schuhmann in seiner ansonsten schönen Buchbesprechung im Rabe Ralf (Opens in a new window) irrtümlich meinte. Im Frühjahr 2025 war ich fertig, und hatte dann noch bis in den Herbst hinein mit der technischen Vorbereitung für den halbautomatischen Satz zu tun.
Im November habe ich mein Praxishandbuch auf der „Linken Literaturmesse“ (Opens in a new window) in Nürnberg vorgestellt, und im Dezember im freiLand in Potsdam (Opens in a new window).
Genossenschaftliche Demokratie?
Im Februar durfte ich in Hamburg den „2. Alternativen Genossenschaftskongress von unten“ (Opens in a new window) mit einer Rede zum Thema „Demokratie in Wohnungsgenossenschaften“ eröffnen. Ihr könnt sie auf youtube (Opens in a new window) anschauen, oder im untergrundblättle (Opens in a new window) nachlesen.
Krieg und Frieden
In diesen kriegerischen Zeiten werden wieder Veteranen geehrt. Bei einer Protestkundgebung (Opens in a new window) zum Veteranentag der Bundeswehr am 15. Juni in Berlin habe ich eine Rede „Die Waffen nieder!“ über die großartige Autorin und Friedensaktivistin Bertha von Suttner (1843-1914) gehalten und bei Pressenza (Opens in a new window) veröffentlicht.
Die Friedensinitiative Hamburg-Süd hat mich im August eingeladen, vielfältige Friedensgedanken und Handlungsansätze aus dem Buch „Pluriversum - Ein Lexikon des Guten Lebens für alle" (Opens in a new window) vorzustellen, das ich gemeinsam mit anderen 2023 aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt hatte. Vor zwei Jahren gab es noch die „Freitag Community“, und in meinem Blog dort habe ich den Beitrag „Ein Gutes Leben für alle – Hoffnungsvolle Stimmen aus aller Welt“ (Opens in a new window) über das Pluriversum-Buch veröffentlicht. Ihr bekommt es im Buchladen oder könnt es beim AG SPAK Verlag kostenlos online (Opens in a new window) lesen. Aus meinem Input in Hamburg habe ich einen Artikel „Pluriversale Perspektiven – Frieden mit der Erde und miteinander“ verfasst und im untergrundblättle (Opens in a new window) veröffentlicht.
Ein großartiges Buch zum Friedensthema hat Fabian Scheidler veröffentlicht: „Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen“. Im Rabe Ralf habe ich es rezensiert (Opens in a new window). Und weil ich den Autor so schätze, verlinke ich hier auch meine Besprechung von seinem Buch „Der Stoff, aus dem wir sind“ (2021) in der Graswurzelrevolution (Opens in a new window).
Kollektive gründen
Ende November war ich für eine Woche nach Paris eingeladen, als Expertin für Kollektivgründungen im Rahmen eines Erasmus-Projekts der Genossenschaft Coopaname (Opens in a new window). Auf dem Rückweg habe ich in Köln an einer Podiumsdiskussion im Anschluss an den Dokumentarfilm „Food Coop“ (Opens in a new window) mitgewirkt. Der Film porträtiert die seit 1973 bestehende „Park Slope Food Coop“ (Opens in a new window) in New York, einen selbstverwalteten Supermarkt mit mehr als 16.500 Mitgliedern, nach dessen Vorbild sich auch das Kölner köllektiv (Opens in a new window) organisiert, das den Abend mitgestaltet hatte.
Kaum zurück, war ich auf Einladung von Studierenden der Kulturarbeit an der Fachhochschule Potsdam für eine Podiumsdiskussion in der Reihe Punkt.Punkt.Punkt. (Opens in a new window) zur Frage „Wie geht es weiter mit der Kulturfinanzierung?“. Streichungen öffentlicher Gelder für Kultur sind nichts Neues. Schon 2012 hatte ich beispielsweise unter dem Titel „Soziokultur und Solidarische Ökonomie?!“ (Opens in a new window) geschrieben: „Seit öffentliche Mittel immer spärlicher fließen, müssen soziokulturelle Zentren und Projekte immer mehr Eigenmittel erwirtschaften. Aber Wirtschaft und Soziokultur – wie geht das zusammen?“ Heute – wo ein Großteil des öffentlichen Haushalts für Kriegsvorbereitungen verwendet wird – droht ein Kahlschlag. So machen sich Studierende Gedanken um ihre berufliche Zukunft, und beschäftigen sich dabei auch mit Fragen der Kollektivgründung.
Und was noch?
Auch wenn ich vor allem mit meinem Buch beschäftigt war, habe ich noch einige weitere Artikel und Rezensionen geschrieben. Ihr findet sie wie immer auf meiner Website (Opens in a new window).
Ein Blick nach vorn
Meine guten Vorsätze für das neue Jahr möchte ich hier nicht ausbreiten – entweder setze ich sie um, dann werdet ihr das mitbekommen, oder sie versanden, wie so manches, und das ist auch okay. Ich erlaube mir zu träumen, ohne das allzu programmatisch zu nehmen, und gehe die Wege, die sich mir öffnen.
Hier nur drei konkrete Vorhaben, mit denen ich beschäftigt bin.
Mein Praxishandbuch unter die Leute bringen
Es gibt schon viele schöne Buchbesprechungen, aber es können gerne noch mehr werden.
Und vor allem freue ich mich über Einladungen zu Buchvorstellungen, oder Vorträgen zu einzelnen Themen aus meinem Buch.
Ich bin davon überzeugt, dass Kollektivgründungen – sowohl selbstverwaltete Betriebe als auch Hausprojekte – wieder oder immer noch wichtig sind. Denn: „Selbstverwaltung heißt, nicht aufzugeben und immer wieder zu sagen: ‚Trotz alledem!‘ – so wie es seit Jahrhunderten diejenigen sagen, die nicht einverstanden sind mit den herrschenden Verhältnissen, die bekanntlich die Verhältnisse der Herrschenden sind, und wie es der Dichter Ferdinand Freiligrath schon 1848 in seinem gleichnamigen Gedicht formulierte.“ (Rabe Ralf, 10/11-2025 (Opens in a new window)). Und: „Eine andere, bessere Welt, braucht selbstverwaltete Strukturen ebenso wie andere Menschen- und Weltbilder, im Sinne eines Pluriversums von Vielfalt ohne Beliebigkeit.“ (Rabe Ralf, 10/11-2023 (Opens in a new window)).
Gemeinschaftswohnen und Pflege
In Berlin, aber auch anderenorts, ist die Wohnungsnot mittlerweile katastrophal. Auch neue Wohnprojekte stehen vor erheblichen Schwierigkeiten. Eine andere Katastrophe, die sich absehbar verschlimmern wird, ist die Situation der Pflege – sowohl für Pflegebedürftige als auch für das Pflegepersonal. Das hat mit der Alterspyramide der Bevölkerung zu tun, aber mehr noch mit einer gänzlich verfehlten Sozial- und Gesundheitspolitik.
Gemeinschaftliches Wohnen und Pflege möchte ich in diesem Jahr verstärkt in den Blick nehmen – nicht nur thematisch, sondern auch mit der mittlerweile etwas bangen Frage, ob ich nicht auch noch einmal den Versuch wagen könnte, mich mit anderen für ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zusammenzutun. Dazu demnächst mehr.
Ganz konkret habe ich immerhin eine Mailingliste [WohnPro] (Opens in a new window)angelegt. Und ich bin letztes Jahr dem Mietshäuser Syndikat (Opens in a new window) beigetreten, dessen Konzept mit den drei Säulen Selbstverwaltung, Unverkäuflichkeit und Solidartransfer ich überzeugend finde. In dem Verbund von mehr als 200 Hausprojekten bundesweit diskutieren die Mitglieder gerade in einem Klausurjahr viele grundlegende Fragen, und ich arbeite dort in den Arbeitskreisen Rechtliches und Finanzstruktur mit.
Vom Festhalten und Loslassen
Zuletzt noch etwas Privates, was sich jedoch von all dem anderen nicht trennen lässt. Denn ich räume auf – riesige Bücherstapel, so viel Ungelesenes, und Papiere ohne Ende. Manches, was ich – oft nach Jahren – wiederfinde, hatte ich fast vergessen und freue mich darüber. So viele Initiativen und Projekte, gescheiterte Versuche und Gelungenes, gelebtes Leben eben.
Und dann kommt das Ent-Scheiden:
- Was hebe ich auf, weil ich dran hänge und mich daran erfreue – und wie kann ich das sichtbar in meinen Alltag integrieren, statt es in Schubladen dem Vergessen anheim zu geben?
- Mit welchen Themen und Projektideen möchte ich noch arbeiten – und wovon kann / will / muss ich mich verabschieden, weil ich damit in diesem Leben nichts mehr anfangen werde?
- Und was mache ich mit all dem Material, das zu schade ist zum Wegwerfen? Über Kommunen und Ökodörfer, selbstverwaltete Betriebe und Hausprojekte gibt es einiges im Internet. Aber vieles verschwindet dort auch wieder, ältere Projekte bauen ihre Websites um, und vieles gab es ja schon vor der Zeit des Internet. Darum wird für die Geschichtsschreibung das Gedruckte nie seine Bedeutung verlieren. Über die Jahrzehnte habe ich so vieles gesammelt, das ich nun durchsehe und sortiere, und dann überlegen werde, wohin ich es eines Tages geben kann. Glücklicherweise gibt es ja das Netzwerk „Archive von unten“ (Opens in a new window).
So werden die Regalfächer und Stapel, die ich noch durchsehen möchte, ganz langsam weniger. Na vielleicht kennt ihr das ja auch.
Für heute will ich es damit bewenden lassen.
Zum Jahreswechsel wünsche ich euch – trotz Welt und alledem – alles Gute!
Elisabeth