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Wenn etwas schief geht …

… dann ist das der Realitäts-Check für all die guten Vorsätze und Empfehlungen.

In meinem Praxishandbuch Selbstverwaltung (Opens in a new window) habe ich meinen Leser*innen als 13. Empfehlung (nein, ich bin nicht abergläubisch) die Fehlerfreundlichkeit ans Herz gelegt: „Jede*r kann mal etwas falsch machen, Fehler gehören zum Mensch-Sein. Die Idee vom perfekten Menschen hat etwas Faschistoides, und zum kollektiven Lernprozess gehört auch, den gesellschaftlichen Normierungsdruck mit all seinem Leid und seiner Verlogenheit abzubauen.“ (Seite 63).

So weit, so richtig – und wenn es mich dann trifft?

Vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass in meinem Buch das Schlagwortregister fehlt.

Wie konnte das passieren?

So eine Buchproduktion ist ein komplexer und langwieriger Prozess. Als Autorin war ich beim transcript-Verlag auch in die technische Druckvorbereitung einbezogen. Das war herausfordernd und ziemlich interessant.

So musste ich beispielsweise in der Datei viele Elemente nach den Vorgaben des Verlags formatieren sowie Verweise und Sprunglinks für das eBook anlegen. Nachdem ich Ende Juni alles abgegeben hatte, kamen noch viele Feinarbeiten. Es war eine angenehme Zusammenarbeit mit meiner freundlichen Projektmanagerin. Mit dem Schlagwortregister haben wir uns viel Mühe gegeben. Ich habe es nicht automatisch herstellen lassen – wobei alle Seitenzahlen eingefügt worden wären, wo der entsprechende Begriff auftaucht – sondern nur die ein oder zwei Seiten angegeben, auf denen ich den jeweiligen Begriff genauer erklärt habe. Der Verlag hat das dann jenseits der automatischen Druckroutine zweispaltig gesetzt.

Und nun fehlte ausgerechnet dieser wichtige Anhang.

Da musste ich mich energisch an meine „drei großen G“ erinnern, die ich seit vielen Jahren gerne propagiere und – unterschiedlich erfolgreich – zu beherzigen versuche: „Großzügigkeit, Gelassenheit und Geduld. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass wie wir auf andere reagieren, in erster Linie etwas über uns selbst aussagt. Und dementsprechend kommt es dann als Echo zurück und verstärkt sich in der Resonanz – im Guten wie im Schlechten.“ (Ebd.)

Was passiert ist, lässt sich nicht mehr ändern. Nun stellte sich also lediglich die Frage: Wie gehen wir damit um? Vertuschen kam nicht in Frage. Dafür ist das Schlagwortregister ein zu wichtiger, für Leser*innen hoffentlich hilfreicher Bestandteil des Praxishandbuchs. Außerdem hatte ich im Buch mehrmals darauf hingewiesen, und das Register ist auch in der Auflistung der Anhänge auf Seite 423 genannt. Der Fehler war also offensichtlich.

Der Verlag hat sofort reagiert und das Schlagwortregister auf seiner Website online gestellt (Opens in a new window). Das eBook wurde schnell korrigiert. Zum Glück sind erst wenige Hundert Bücher gedruckt, denen ein Erratum mit QR-Code und URL zum Schlagwortregister beigelegt wurde.

Aus Fehlern lernen

Für eine gute Fehlerkultur kommt es darauf an, offen mit dem umzugehen, was passiert ist, und die Ursachen herauszufinden, um eine Wiederholung dieses Fehlers zu vermeiden. Sich darüber zu ärgern, wenn etwas schief gegangen ist, ist berechtigt und braucht einen Raum des Ausdrucks – so wie jedes Gefühl. Denn Gefühle entstehen und sind immer okay. Sie zu unterdrücken oder einander vorzuwerfen ist im Grunde eine Form von Gewalt sich selbst bzw. anderen gegenüber. Allerdings sollte mensch darauf achten, nicht im Ärger hängen zu bleiben, sondern – wenn er durchlebt ist – tief durchzuatmen und sich in Großzügigkeit, Gelassenheit und Geduld zu üben. Mir hilft das jedenfalls.

Im Verlag haben sie sogleich untersucht, wie das passieren konnte und an welcher Stelle im technischen Ablauf der Fehler lag. Es gab mehrere Versionen von Druckdateien, weil wir immer wieder Verbesserungen vorgenommen haben, bis das Buch dann am 19. September digital und am 2. Oktober auch gedruckt vorlag. In der Variante, die ich mir ausgedruckt und detailliert gelesen hatte, war das Schlagwortregister noch drin. In der letzten Variante, für die ich die Druckfreigabe erteilt hatte, fehlte es. Ich habe die Datei zwar komplett durchgesehen, dabei aber nur darauf geachtet, ob alles gut aussieht, und leider nicht mehr die Vollständigkeit überprüft. So etwas passiert mir sicher nicht nochmal.

Vorgeschmack einer anderen, besseren Welt

Fehler passieren nicht aus schlechter Absicht heraus. Nach einem Vortrag kam einmal eine junge Frau zu mir und bedankte sich mit Tränen in den Augen. Als ich gesagt hätte, dass Fehlerfreundlichkeit zu einer guten kollektiven Zusammenarbeit gehört, sei so viel Druck von ihr abgefallen.

Ist es nicht furchtbar, was Menschen mit ihren Perfektionserwartungen einander antun? Selbstverständlich gibt es Schlimmeres, Grausameres als Fehler in der Zusammenarbeit (ein Blick in die Welt genügt). Aber wenn „wir“ schon heute eine andere Realität schaffen wollen, einen Alltag miteinander leben, der einen kleinen Vorgeschmack auf eine zukünftige, bessere Welt vermittelt, dann kommt es darauf an, auch im Kleinen sensibel dafür zu werden, was ein gutes Miteinander erschwert.

Wenn etwas schief geht und eine*r etwas falsch macht, dann kann Angst vor Vorwürfen oder gar Bestrafung verhindern, dass ein Fehler behoben und daraus gelernt werden kann. Schlimmstenfalls wird der Fehler vertuscht und kann jederzeit wieder passieren.

Die vielen Fehler in der profitgetriebenen Produktion, die sich in zahlreichen Produktrückrufen äußern (ich möchte nicht wissen, wie viel Fehlerhaftes nicht zurückgerufen wird), sind sicher meist auf Arbeitsstress und auf die Verwendung von Billigmaterialien zurückzuführen. Sie sind also ein Ergebnis der Rücksichtslosigkeit gegenüber Mensch und Natur, die der kapitalistischen Produktionsweise eingeschrieben ist – mit oft zerstörerischen Folgen.

Aber Fehler können auch unter guten und solidarischen Arbeitsbedingungen passieren. Der Umgang damit macht dann einen Unterschied ums Ganze. So habe ich – neben meinem eigenen Lerneffekt – diesen nach wie vor ärgerlichen Fehler zum Anlass genommen, diese Gedanken aufzuschreiben, und damit das Thema Fehlerfreundlichkeit, das ich im Buch nur kurz angerissen habe, etwas weiter auszubuchstabieren.

Topic Solidarisch Wirtschaften