Ania ist eine schüchterne junge Frau, die zurückgezogen und alleine in einem engen Apartment in einer Plattenbausiedlung in Halle-Neustadt wohnt. Sie arbeitet in einer Technikfirma unter ihrem unangenehmen Chef Boris als IT-Spezialistin. Sie wirkt niedergeschlagen, weil ihr Großvater im Koma liegt; in ihrer Freizeit reagiert sie sich auf einem Schießstand ab. Nach einer zufälligen Begegnung mit einem Wolf in einem nahegelegenen Waldstück ist sie besessen von dem Tier. In ihr erwacht eine große Leidenschaft, die sie im stumpfsinnigen Alltagstrott gar nicht mehr für möglich hielt. Ania veranstaltet eine Lappjagd nach dem Wolf, fängt ihn ein und sperrt ihn zunächst in ein leerstehendes Zimmer in ihrer Plattenbauwohnung. Mehr und mehr gewinnt Anias animalische Seite die Oberhand, sie verwahrlost und wird noch seltsamer. Die Lust auf Sex wächst, das Interesse an sozialen Normen sinkt. Bald schon lernen Wolf und Frau einander zu lieben.
Wild ist ein deutsches Drama aus dem Jahr 2016. Regie führte die Schauspielerin und Filmregisseurin Nicolette Krebitz, die aus zahlreichen Filmen wie Kondom des Grauens (1996), Bandits (1997) oder Das Licht (2025) bekannt ist. Wie schon ihrem Das Herz ist ein dunkler Wald (2007) schrieb sie auch hier das Drehbuch.
In dem Spielfilm werden die Grenzen zwischen Tier und Mensch aufgehoben. Anias "Tierwerdung" wird hier nicht nur als Befreiung aus kapitalistisch-bürgerlichen Zwängen beschrieben, sondern auch als ein emanzipatorischer Gewinn formuliert. Verwilderung ist hier nicht Kontrollverlust, sondern transgressive Befreiung und Lustgewinn. Die fantastische Lilith Stangenberg spielt die Hauptrolle der Ania und zeigt eindrucksvoll, dass es auch heute noch transgressives Kino gibt. Für mich tritt Stangenberg in die Fußstapfen der großen "Transgression Queens" Charlotte Rampling und Isabelle Adjani.
Wild ist ein Kunstfilm, der vor allem am Anfang sehr wortkarg daherkommt, eine eher zurückgeschraubte Dramaturgie besitzt und einige seltsam wirkende Szenen enthält. Aber das Werk weiß mit seiner schnörkellosen Story, den transgressiven Schauwerten und dem eindringlichen Spiel von Lilith Stangenberg sowie den Wölfen Cossa und Nelson zu überzeugen. Wer auf transgressives Kino steht, sollte hier unbedingt einen Blick riskieren.
https://www.imdb.com/de/title/tt4071086/ (Si apre in una nuova finestra)