In Hexen wird die Geschichte des Hexenglaubens von der Antike bis ins Mittelalter beleuchtet. Dabei lässt der Film keine Details aus und zeigt ungeschönt die grausamen Taten der christlichen Inquisition und die bizarren Vorstellungen von Teufelspakten und schwarzer Magie. Zum Ende schlägt Hexen eine Brücke zur Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und interpretiert den historischen Hexenwahn als Ergebnis von Aberglauben und missverstandenen psychischen Erkrankungen, wie der damaligen Vorstellung von Hysterie bei Frauen.
Der schwedisch-dänische Stummfilm aus dem Jahr 1922 lief in Deutschland unter dem Titel "Die Hexe" in Kino und stammt von dem dänischen Regisseur Benjamin Christensen, der das außergewöhnliche Werk zwischen 1919 und 1922 in Schweden drehte. Er tritt darin auch als Schauspieler auf und übernimmt die Rolle des Teufels.
"Häxan", wie sein Originaltitel lautet, ist ein Hybrid aus dokumentarischer Abhandlung und dramatischen Spielszenen. Er sollte eigentlich der erste Film einer Trilogie werden. Nach dem Thema Hexenglaube, sollten noch die Themen Heiligenvisionen und Geisterbeschwörungen folgen, jedoch wurde letztendlich nur Hexen als Film umgesetzt. Das wie ein Lehrfilm daherkommende Werk war mit einem Budget von etwa zwei Millionen schwedischen Kronen der teuerste skandinavische Stummfilm, der bis dahin produziert wurde.
Nach der Uraufführung löste der Film in Dänemark wegen der enthaltenen Gewaltszenen Entrüstung aus. In Frankreich protestierte sogar die Kirche gegen den Film, was zu Zensur und Kürzungen führte. Allein in Dänemark durfte Hexen in seiner ursprünglichen Fassung gezeigt werden. Erst als der Film 1941 erneut in die Kinos kam, war auch in anderen Ländern die Originalfassung zu sehen.
Hexen enthält für die damalige Zeit provokante und visuell eindrucksvolle Bilder, die mit ihrer expressionistischen Ästhetik auch heute noch begeistern. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger fasst in seinem Buch "Grenzüberschreitungen - Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte" den Kern des Film zusammen: "In einer Drei-Akt-Struktur thematisiert der Film die Geschichte und Phänomenologie der Hexerei. Teil eins gibt eine kulturhistorische Einführung, Teil zwei setzt die angeführten Beispiele in kleine Spielszenen um und in Teil drei wird eine psychologische Deutung versucht. Mit bizarrem Schattenspiel und an Hieronymus Bosch erinnernden Details wird vor allem in Teil zwei ein bizarres Horrorszenario entworfen: Pakte mit dem Teufel, Anmischen von Naturmedizin, Flüche und Zauberei. Dabei wirkt der Film in seiner freimütigen Fabulierkunst natürlich wesentlich mehr verschleiernd als erhellend." Stiglegger ist nicht nur im kulturwissenschaftlichen Sinne ein Fachmann für den Film, sondern auch im künstlerischen. Mit seinem Dark Ambient-Projekt "Vortex" kreierte er 2023 auf dem Album "Häxan" einen neuen Soundtrack und begleitete den Stummfilm damit live bei Neuaufführungen.
Ich schaute mir die Version mit den Schrifttafeln von Ralph J. Kloos aus dem Jahr 2006 an, bei der der berühmte Schweizer Musiker und Mitbegründer der Elektropop-Band Yello Carlos Perón den Film mit genialen Industrial-Soundscapes unterlegt.
Hexen ist ohne Frage ein Meilenstein der Filmgeschichte und ein expressionistisches Meisterwerk. Zusammen mit der großartigen Filmmusik ist hier ein ästhetisches Level erreicht, wie ich es in dieser beklemmenden und zugleich faszinierenden Intensität nur selten gesehen habe.
https://www.imdb.com/de/title/tt0013257/ (Opens in a new window)