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    <title>How to China</title>
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    <description>Ein verständlicher und unaufgeregter China-Newsletter.
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      <title>How to China</title>
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      <title><![CDATA[Warum du in China die langsamen Züge fahren solltest]]></title>
      <description><![CDATA[Alle reden von Chinas Hochgeschwindigkeitszügen. Die interessantesten Reisen macht man jedoch in den langsamen Zügen, die das Land seit 70 Jahren zusammenhalten.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Alle reden von Chinas Hochgeschwindigkeitszügen. Die interessantesten Reisen macht man jedoch in den grün gestrichenen Zügen, die das Land seit 70 Jahren zusammenhalten. Und gerade ein Comeback erleben.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/250761d8-b5f9-4c12-bc7e-98d61f76c73c/uploads/images/l7smkjvxck/DSC06740.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Der Mann, der mir schon seit Stunden gegenüber sitzt, klopft an die Fensterscheibe. “Hier ist es nicht gut”, sagt er. “Schau dir den Zustand der Häuser an.” Wir sind irgendwo hinter der nordchinesischen Stadt Tianshui, auf der Fahrt zwischen Xining und Shanghai. Unser Zug schiebt sich durch bergiges Gelände, auf den Feldern wachsen Melonen und Apfelbäume. Um sie herum sind Ansammlungen rot gedeckter Häuser, durchschnitten von staubigen Straßen, durch die kaum ein Auto passt.</p><p>Viele, die zum ersten Mal nach China kommen, brennen darauf, in Chinas Hochgeschwindigkeitszügen zu sitzen. Die Züge fahren bis zu 350 km/h, sind komfortabel und haben eine beneidenswerte Pünktlichkeitsrate von 98 Prozent. Sie gelten sowohl innerhalb Chinas als auch im Ausland als Beweis dafür, dass Chinas technologische Entwicklung den Westen eingeholt hat.</p><p>Dabei wird oft vergessen, dass der Großteil des chinesischen Streckennetzes einem anderen Zugtyp gehört: und zwar den langsamen Zügen, auch <em>lüpi che</em> genannt, “grünhäutige Züge”, nach der Farbe, in der die Züge gestrichen sind. Sie verbinden seit den 1950er Jahren Chinas Provinzen über tausende Kilometer miteinander. Viele Fahrten gehen über ein bis zwei Tage, da die Züge selten schneller als 150 km/h fahren. Die längste Strecke fährt der K4292 über 63 Stunden, von Hailar in der inneren Mongolei in das südchinesische Guangzhou.</p><p>Ich habe bestimmt schon zwei bis drei Wochen meines Lebens in Chinas grünen Zügen verbracht. Sie sind eng, brauchen ewig und manchmal riecht es nach Zigarettenrauch, weil jemand im Wagenübergang qualmt. Und trotzdem liebe ich kaum etwas mehr als diese ausgedehnten Zugfahrten durch die Weiten Chinas. Die grünen Züge zeigen eine Seite des Landes, die in der Begeisterung über Chinas technologischen Aufschwung oft vergessen wird: Chinas ländliche, zuweilen auch arme Landesteile, und die <em>laobaixing</em>, also die gewöhnliche Bevölkerung. Fährt man grüne Züge, muss man etwas hart im Nehmen sein, was Komfort und Reisezeiten angeht. Doch was man bei einer Zugfahrt im langsamen Zug über China lernt, lernt man nirgendwo anders.</p><h3><strong>Ein Schienennetz, das viermal um den Globus reicht</strong></h3><p>An einem Julimorgen steige ich in den Zug Z166 in Xining, der Hauptstadt der nordwestlichen Provinz Qinghai. Der wird 27 Stunden lang in das rund 2.400 Kilometer entfernte Shanghai fahren. Für umgerechnet 72 Euro habe ich einen “hard sleeper” gebucht, also einen Platz in einem Schlafwaggon mit harten Matratzen. Während ich mein Gepäck verstaue, gehen zwei Zugpolizisten durch die Waggons und rufen, man solle nicht wegen Kleinigkeiten Streit anfangen und bei Problemen in Waggon 17 vorbeischauen. Dann schiebt sich der grüne Zug langsam aus dem Bahnhof. </p><p>Die Eisenbahn war in China schon immer ein patriotisches Projekt. <a href="https://img1.xinmin.cn/xmzk/2025-03-17/450317.pdf">Sun Yatsen</a>, Gründer der Republik China und Anführer der chinesischen Nationalisten, sagte 1912: „Die Strategie für Wohlstand und Stärke beruht ganz auf der Eisenbahn!“ Da war Sun gerade als Generaldirektor der chinesischen Eisenbahn angetreten und kündigte an, innerhalb von<a href="https://www.guancha.cn/FanTongDaiLaoBan/2018_02_15_447171.shtml"> zehn Jahren 100.000 Meilen Eisenbahn</a> zu bauen. Eisenbahnen galten als ein Symbol der Moderne: Sie förderten die Urbanisierung, standen für die Befreiung Chinas vom Imperialismus und die Auflösung traditioneller Geschlechtertrennung - denn in den Zügen reisten alle Geschlechter gemeinsam.</p><p>Trotz Suns Bemühungen blieb die Fortbewegung zwischen Chinas Provinzen lange fragmentiert zwischen vereinzelten Zugstrecken, Booten und Kutschen. Die Einrichtung einer nationalen Eisenbahn gelang erst nach dem chinesischen Bürgerkrieg, als eine neue Regierung in China die Macht ergriff: Die Kommunistische Partei. Als Mao Zedong 1949 die Volksrepublik ausrief, gab es im ganzen Lande bloß 11.000 Kilometer Zugstrecken. Heute umfasst Chinas gesamtes Schienennetz mehr als 160.000 Kilometer. Würde man die Schienen hintereinander legen, würden sie viermal um den Globus reichen.</p><h3><strong>Der “China-Speed” ist hier nicht zu merken</strong></h3><p>Viel Platz ist in Chinas grünen Zügen nicht. Die Schlafwaggons sind aufgeteilt in Abteile mit sechs Betten, je drei auf einer Seite. Das mittlere Bett, habe ich in über zehn Jahren Zugreisen in China gelernt, ist das Beste. Da kann man nämlich im Bett liegen und rausgucken auf die Landschaft. Am Ende jedes Abteils gibt es Waschbecken, Toiletten und das Allerwichtigste: ein Samowar mit heißem Wasser, für Instant-Nudeln, Kaffee und Tee. </p><p>Sitzt man einmal im Zug, hat man die Auswahl zwischen zwei Aktivitäten: Schlafen, oder auf einem Klappsitz am Fenster Platz nehmen. In meinem Abteil fährt unter anderem eine Gruppe uigurischer Erzieherinnen mit, die einen Kindergarten in Shanghai besucht, und eine Hui-muslimische Familie, deren kleines Kind durch die Gänge turnt. Der Mann, der mir gegenüber sitzt und an die Scheibe klopfte, kehrt von einer Geschäftsreise nach Shanghai zurück.</p><p>Hält der Zug an einem Bahnhof, steigen die meisten aus, um sich die Beine zu vertreten oder eine zu rauchen. Am Bahnhof in Lanzhou schauen alle gespannt zu, wie ein neuer Zugteil angeschlossen wird, dann winkt der Zugbegleiter uns wieder hinein. Auf meinen Fensterplatz scheint die Sonne, bei mir stellt sich jetzt eine angenehme Dösigkeit ein. Die Stunden fließen ineinander, unterbrochen nur von den Zugbegleiter:innen, die mittags und abends einen Wagen mit warmen Mahlzeiten durch die Gänge schieben.</p><p>Der Zug zieht mittlerweile durch das Hinterland der Provinz Henan, eine der ärmsten des Landes. In den Dörfern schwingen staubige Lampions an den Häusern, in den Hinterhöfen lagert Feuerholz. Vergilbte Spruchbänder zieren die Türrahmen. Smart Cities, Tech-Hubs und der “China-Speed” der Großstädte: All das wirkt hier so weit weg, es könnte auch in einem anderen Universum sein.</p><p>Henans Landbevölkerung lebt von rund <a href="https://www.huaon.com/channel/chinadata/1150051.html">250 Euro im Monat</a>, sie gelten im Rest als Landes als “country bumpkins”: ungebildete Hinterwäldler, die klauen und betrügen. Nur ein Prozent der Schüler:innen schafft den Sprung an eine der begehrten 985 Universitäten, die sich alle außerhalb Henans befinden. Viele verlassen die Provinz als Wanderarbeiter:innen und schuften im Süden Chinas in Elektronikfabriken oder der Baubranche. Eltern lassen dabei ihre Kinder zurück, die als <em>liushou ertong</em>, “left-behind children”, bei ihren Großeltern aufwachsen.</p><h3><strong>Chinas langsame Züge sind unverzichtbar für Menschen in entlegenen Regionen</strong></h3><p>Im Laufe der 1960er Jahre begann die Kommunistische Partei zu fürchten, die Sowjetunion oder die USA könnten in China einmarschieren. Mit der Industrialisierung des Westens des Landes plante sie, sich vor einer Invasion zu schützen. Zwischen 1958 und 1970 setzte die Kommunistische Partei dafür ein Megaprojekt durch: Den Bau der Eisenbahnstrecke von Chengdu in der südchinesischen Provinz Sichuan, nach Kunming, Hauptstadt der Provinz Yunnan.</p><p>Das Gebiet zwischen Chengdu und Kunming zählt zu den bergigsten des Landes, es wird häufig von Erdbeben erschüttert. <a href="https://everydaylifeinmaoistchina.org/wp-content/uploads/2020/02/third_front_railroads_and_industrial_mod.pdf">Rund 300.000 Soldaten</a> und einfache Arbeiter waren am Bau der Strecke beschäftigt. Sie erbauten 427 Tunnel und 991 Brücken, und das oft mit Spitzhacken oder den bloßen Händen, weil es kaum Bohrmaschinen gab. Mehr als 2.000 Beteiligte starben, etwa zwei Menschen pro Kilometer erbauter Strecke. Nach Feierabend saßen die Arbeiter:innen in Parteischulungen zusammen und sprachen darüber, wie sich ihr Leben dank der Kommunistischen Partei verbessert hatte.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/250761d8-b5f9-4c12-bc7e-98d61f76c73c/uploads/images/3ajx7h2wqd/imago0116814977h.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Im Zug 5633 in der südwestlichen Provinz Sichuan verkauft eine Frau Waren im Zugabteil. Diese &quot;gemeinwohlorientierten langsamen Züge&quot; fahren mit lediglich 40km/h und verbinden die Dörfer der Provinz mit größeren Städten."/><figcaption>Im Zug 5633 in der südwestlichen Provinz Sichuan verkauft eine Frau Waren im Zugabteil. Diese &quot;gemeinwohlorientierten langsamen Züge&quot; fahren mit lediglich 40km/h und verbinden die Dörfer der Provinz mit größeren Städten. Quelle: IMAGO / Xinhua</figcaption></figure><p>Die Eisenbahnstrecken, die in dieser Zeit entstanden sind, sind vor allem in Chinas entlegenen Regionen bis heute ein wichtiges Transportmittel. So verkehrt in der südchinesischen Provinz Guizhou bis heute der <em>gongyi man huoche</em>, also der “gemeinwohlorientierte langsame Zug”, zwischen der Provinzhauptstadt Guiyang und dem Kreis Yuping. Die Zugtickets sind von den Eisenbahnbehörden subventioniert und schon ab 30 Cent zu haben. Die Verbindungen sind vor allem wichtig für Mitglieder ethnischer Minderheiten, die ihre Ernte in den Märkten anderer Städte verkaufen. Heute existieren noch rund 80 der “gemeinwohlorientierten langsamen Züge”. Sie verkehren vor allem in den bergigen Regionen des Südwestens, aber auch in Shanxi im Norden und in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/250761d8-b5f9-4c12-bc7e-98d61f76c73c/uploads/images/vkwaqvwa5w/imago0795900614h.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Diese Frauen aus der südchinesischen Provinz Guizhou verkaufen ihre Erträge auf den Märkten in anderen Städten. Besonders für Chinas entlegene Gegenden, in denen viele ethnische Minderheiten wohnen, sind die langsamen Züge nach wie vor unverzichtbar."/><figcaption>Diese Frauen aus der südchinesischen Provinz Guizhou verkaufen ihre Erträge auf den Märkten in anderen Städten. Besonders für Chinas entlegene Gegenden, in denen viele ethnische Minderheiten wohnen, sind die langsamen Züge nach wie vor unverzichtbar. Quelle: IMAGO / Xinhua</figcaption></figure><h3><strong>Warum der grüne Zug ein Comeback macht</strong></h3><p>In Zug Z166 muss es jetzt ungefähr 18 Uhr sein. Das merke ich nicht am Blick an die Uhr, sondern daran, dass sich am Samowar eine Schlange bildet. Denn pünktlich um sechs Uhr abends ist im langsamen Zug Tütensuppen-Zeit! Die Abendsonne glitzert in den Fenstern der Hochhäuser, am Horizont explodiert ein Feuerwerk. Wenig später liege ich auf meiner Matratze und freue mich schon jetzt auf den Becher Instantkaffee, den ich mir am nächsten Morgen kochen werde.</p><p>“Du musst nur in einen langsamen Zug steigen, und du wirst verstehen, wie viele arme Menschen in China existieren”, sagt der Fotograf <a href="https://www.sixthtone.com/news/1006089">Qian Haifeng</a>, der über Jahre das Leben in Chinas grünen Zügen dokumentiert hat. Mit dem Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes geht zwar die Zahl der grünen Züge langsam zurück. Doch verschwinden werden sie nicht, denn sie sind auch heute noch ein wichtiges Fortbewegungsmittel für Wanderarbeiter:innen, arme Menschen, für Angehörige ethnischer Minderheiten und Schulkinder. </p><p>Möglicherweise verschafft Chinas schlechte Wirtschaftslage den langsamen Zügen ein Comeback: Während des Frühlingsfestes 2026, eine der stärksten Reisezeiten des Jahres, stieg das Passagieraufkommen <a href="https://www.bilibili.com/video/BV1XJNb6DEKF/?share_source=copy_web&amp;vd_source=5d1af130068da4fa8104bfabae616c87">in den grünen Zügen um 77 Prozent</a>. In den sozialen Medien verbreiteten sich Videos <a href="https://www.youtube.com/watch?v=UwC_8WUw4rw">menschenleerer Hochgeschwindigkeits-Bahnhöfe</a>. Um mehr Geld zur Seite legen zu können, sind offenbar mehr Menschen in China wieder bereit, längere Fahrzeiten auf sich zu nehmen.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Fun Fact, ich habe diesen Text im Zug recherchiert und geschrieben. Allerdings leider nur in einem ICE der Deutschen Bahn. Hier kannst du mir Feedback geben </em>👇</p><a href="https://forms.gle/1dtDfzQ3Gt5R9kg79"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/250761d8-b5f9-4c12-bc7e-98d61f76c73c/uploads/images/pjwmldryob/image.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Link zum Feedback-Bogen"/></a><p><br/><br/><br/></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 14 Oct 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Das steckt hinter Chinas Anspruch auf Taiwan]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Krieg um Taiwan könnte katastrophale Folgen haben. Warum also will China diese winzige Insel unbedingt haben? Bei der Taiwan-Frage geht es um viel mehr als Taiwan.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Ein Krieg um Taiwan könnte katastrophale Folgen haben. Warum also will China diese winzige Insel unbedingt haben? Bei der Taiwan-Frage geht es um viel mehr als Taiwan.</em><br/></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/579fd93f-3f9d-4f04-bf4b-89c376866bb4/uploads/images/lcqtn5nl2u/lisanto-jNzrwuUezNY-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>unsplash/ Lisanto 李奕良</figcaption></figure><p>Zhang Jun, chinesischer Reiseblogger, reist an viele Orte, die für chinesische Tourist:innen eher ungewöhnlich sind: Sarajevo, Albanien, Palästina. <a href="https://www.bilibili.com/video/BV1MX9DBtE1b/?share_source=copy_web&amp;vd_source=5d1af130068da4fa8104bfabae616c87">In einem Film</a> nimmt er seine Zuschauer in ein ganz besonderes Land mit: Taiwan. Dort unterhält er sich mit unter anderem mit einem taiwanischen Regisseur überraschend offen über Politik und Fragen von Zugehörigkeit und Identität. </p><p>“Ich habe eine Frage an dich”, sagt der taiwanische Regisseur an einer Stelle zu Zhang. Er holt tief Luft. “In der jetzigen Situation können doch beide Seiten gut miteinander leben. Was ich wirklich wissen möchte: Was kümmert euch in China unser kleines Taiwan so sehr?”</p><p>Eine Invasion Tawains durch China, betonen Diplomaten immer wieder, könnte für die Weltwirtschaft gravierendere Folgen haben als der zweite Weltkrieg. Trotzdem erhöht China immer mehr den Druck auf Taiwan. Seit Juni hat China monatlich zwei Kutter der Küstenwache durch die Gewässer östlich Taiwans geschickt. Taiwans Han Kuang Militärübungen, mit denen die Insel sich auf eine mögliche Invasion vorbereitet, waren dieses Jahr so groß wie noch nie. Die Furcht vor einer Invasion Taiwans ist also berechtigt. Allerdings geht dabei häufig die Frage danach unter, warum China überhaupt so auf dieser Insel beharrt.</p><p>Taiwan ist kaum größer als Baden-Württemberg und hat fast keine natürlichen Ressourcen. Zwar produziert niemand so leistungsfähige Chips wie die taiwanische Chipfabrik TSMC. Doch selbst nach einer erfolgreichen Invasion Taiwans könnte China die Fabriken nicht einfach weiter betreiben. Die Maschinen brauchen Wartung, Service und Ersatzteile aus Europa und den USA, die die wohl kaum weiter liefern dürften. Ein möglicher Krieg um Taiwan würde auch für China katastrophale Folgen haben (welche, steht <a href="https://krautreporter.de/politik-und-macht/6435-warum-sich-xi-jinping-nicht-traut-taiwan-anzugreifen?shared=4c06d148-0369-4503-8334-9031a47fb248&amp;utm_campaign=share-url&amp;utm_medium=member-url#lesen">hier bei Krautreporter</a>). Würde die Invasion misslingen, wäre der Machterhalt der Kommunistischen Partei ernsthaft gefährdet.</p><p>Zu wissen, warum China trotzdem an Taiwan festhält, ist wichtig. Erst dann kann man einschätzen, unter welchen Umständen China bereit ist, das Risiko einer Invasion einzugehen. Und welche Rolle China zukünftig im Asienpazifik spielen will. Die Antwort auf diese Frage geht weit über Chips und Landgewinn hinaus.</p><h3><strong>China will der Big Player im Asienpazifik sein</strong></h3><p>China ist ein großes Land. Fragt man jedoch die Regierung, ist China sogar noch größer, als wir das so annehmen. So sieht eine offizielle Karte Chinas von der chinesischen Regierung aus:</p><figure><a href="http://bzdt.ch.mnr.gov.cn/download.html?searchText=GS(2023)2767"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/579fd93f-3f9d-4f04-bf4b-89c376866bb4/uploads/images/h75yih5nnh/4o28b0625501ad13015501ad2bfc0688.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a><figcaption>Quelle: Standard Map Service des Ministeriums für Natürliche Ressourcen, VR China.</figcaption></figure><p>Auf dieser Karte ist Taiwan Teil Chinas. Und die Seegrenze reicht weit in das Südchinesische Meer hinein, bis kurz vor Borneo. Die gestrichelte Linie, die sich entlang Taiwans, der Philippinen, Indonesien und Vietnams erstreckt, ist die sogenannte Nine-Dash-Linie. Sie markiert Chinas Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer. </p><p>“Wir befinden uns dort 1.800 Kilometer von der chinesischen Insel Hainan entfernt, aber nur rund hundert Kilometer vor Borneo. Das sind haarsträubende Gebietsansprüche”, sagt der Sinologie Stephan Thome. Er hat das Buch “Schmales Wasser, Gefährliche Strömung” über den Konflikt um Taiwan geschrieben und lebt derzeit in Taipei. International ist die Nine-Dash-Line nicht anerkannt. Und in dem Gebiet selbst ist nicht viel zu holen, dort ist weit und breit nichts außer sehr viel Wasser und ein paar versprengter Inselketten. Dennoch ist das Gebiet China sehr wichtig, und zwar aus machtpolitischen Gründen.</p><p>China hat sich über Jahrhunderte Richtung Westen ausgebreitet. Die maritimen Gebiete östlich seiner Küste hingegen haben lange kaum eine chinesische Regierung interessiert. Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als sich die Nachkriegs-Weltordnung herauskristallisierte.</p><p>In den 1950er Jahren entwarfen die USA die sogenannte Inselkettenstrategie, mit der sie die Sowjetunion und China in Schach halten wollten. Die erste Inselkette verläuft entlang von Japan, Taiwan, den Philippinen und Borneo. Noch heute befinden sich auf vielen dieser Inseln US-Militärbasen (nicht aber in Taiwan).</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/579fd93f-3f9d-4f04-bf4b-89c376866bb4/uploads/images/6evpgf23ck/First_Island_Chain_Map.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Die erste Inselkette. Quelle: OpenStreetMap</figcaption></figure><p><br/>“Mit den Gebietsansprüchen im Südchinesischen Meer will China sich aus dieser Umklammerung amerikanischer Allianzen befreien”, erklärt Thome. Würde China die erste Inselkette durchbrechen, könnte es seine Macht weit in den Pazifik projizieren. Schon jetzt ist chinesisches Militär nicht nur im Gewässer um Taiwan aktiv, sondern auch im Südchinesischen Meer rund um Japan, den Philippinen und hinter der ersten Inselkette. Damit will China das Signal an die anderen Mächte in Asien senden: Die regionale Supermacht im Asienpazifik sind wir.</p><p>China geht es also nicht bloß um die kleine Insel Taiwan. Sondern darum, sich als der größte Player in der Region zu etablieren. Und Taiwan soll der Brückenkopf für diese Machtposition sein.</p><h3><strong>Taiwan soll aus ideologischen Gründen Teil der Volksrepublik werden</strong></h3><p>Der Anspruch auf Taiwan, sagt Thome, steckt auch in der ideologischen DNA der Partei: “Die Kommunistische Partei sagt ihrer Bevölkerung: Unter uns ist China reich, stark und mächtig. Niemand darf uns mehr wie im 19. Jahrhundert unser Territorium wegnehmen.” Nach dem zweiten Opiumkrieg musste China Hongkong an Großbritannien abtreten. China verlor außerdem Taiwan und die Mandschurei, ein großes Gebiet im Nordosten Chinas, an Japan. “Heute bauscht man das in China auf zu: Wenn wir nur einen Quadratmeter chinesisches Territorium aufgeben, dann ist das der Anfang vom Ende”, sagt Thome. </p><p>Hongkong, Macau und die Mandschurei sind heute wieder Teil der Volksrepublik. Damit ist Taiwan für China das letzte ungeklärte Problem der Nachkriegs-Weltordnung. “Jiang Zemin und Hu Jintao, die Staatschefs vor Xi Jinping, wollten vor allem verhindern, dass Taiwan sich unabhängig erklärt”, erklärt Thome. Taiwans völkerrechtlicher Status ist umstritten, das Land ist nicht Teil der Vereinten Nationen. Weltweit erkennen nur zwölf Länder Taiwan an. Eine formale Unabhängigkeitserklärung Taiwans würde mit großer Sicherheit einen Angriff der Volksrepublik zur Folge haben.</p><p>Seit Xi Jinping an der Macht ist, tritt die chinesische Marine viel offensiver in der Taiwanstraße auf (das ist das Gewässer zwischen der Volksrepublik und Taiwan). Xi will nicht bloß eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans verhindern. Er will aktiv die “Wiedervereinigung” mit Taiwan herbeiführen. Dafür schreibt man in China auch gerne mal die Geschichte um. Taiwan sei seit dem Altertum Teil Chinas, behauptet ein <a href="https://english.news.cn/20220810/df9d3b8702154b34bbf1d451b99bf64a/c.html">Weißbuch</a> Chinas von 2022 zur Taiwanfrage.</p><p>Dabei interessierte sich das chinesische Kaiserreich die längste Zeit überhaupt nicht für die Insel. 1683 übernahm mit der Qing-Dynastie das erste Mal eine chinesische Regierung die Macht auf der Insel. Auch danach galt Taiwan lange als vernachlässigtes Eiland an der Peripherie des Reiches. <a href="https://www.marxists.org/reference/archive/mao/works/1936/11/x01.htm">Sogar Mao Zedong</a> sprach sich 1936 noch in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow für ein Selbstbestimmungsrecht Taiwans aus, sollte die Insel sich von der Kolonisierung durch Japan befreien können.</p><h3><strong>Für die Kommunistische Partei ist die taiwanische Bevölkerung nicht taiwanisch, sondern: chinesisch</strong></h3><p>Im Dezember 1999 besuchte Zeng Jianhua, damals Chinas Generalkonsul in Washington, eine Gruppe chinesischer Adoptivkinder in Minnesota. Den Raum schmückten amerikanische und chinesische Flaggen, die Kinder leitete man an, die chinesische Nationalhymne zu singen. Die Kinder seien ergriffen gewesen von der Kraft der chinesischen Nationalhymne, berichteten <a href="http://v/">chinesische Staatsmedien</a> später. Keines der Kinder sollte je vergessen, dass es vom chinesischen Volk abstamme. </p><p>Diese Anekdote zeigt: Für die Nachfahren chinesischer Auswanderer:innen gibt es nach Sicht der Partei keine Wahl. Sie sind chinesisch, Punkt. “Die Kommunistische Partei hat Konzept von chinesischer Identität, das durch Abstammung, Blut, historische Zugehörigkeit bestimmt ist”, erklärt Thome. Zwar haben mehr als 95 Prozent der taiwanischen Bevölkerung Wurzeln auf dem chinesischen Festland. Aber heute betrachten sich <a href="https://esc.nccu.edu.tw/upload/44/doc/6961/People202606.png">fast 70 Prozent aller Taiwaner:innen</a> als taiwanesisch, und lediglich 2,5 Prozent als rein chinesisch. Nur spielt das für die Kommunistische Partei keine Rolle. Nach dieser Logik müsste man heute die USA und Australien als britisch betrachten.</p><p>Nicht zuletzt ist Taiwan in China ein sehr emotional besetztes Thema. Als der taiwanische Regisseur in der Dokumentation die Frage stellt: “Warum kümmert euch unser kleines Taiwan so sehr?”, fliegen die Echtzeit-Kommentare nur so über den Bildschirm:</p><p>“Warum denn nicht!!!!”</p><p>“Weil jede Mutter sich wünscht, dass ihr Kind nach Hause kommt”</p><p>“Das ist der Weg, den die chinesische Zivilisation für ihre große Wiedergeburt einschlagen muss!”</p><p>Chinas Regierung hat sich in der Taiwan-Frage einen ideologischen Panzer angelegt, in dem geopolitische, historische und nationalistische Gründe für den Anspruch auf Taiwan miteinander verhakt sind. “Und in einem Panzer”, sagt Thome, “wird man unbeweglich. Man kann nur noch wüten und brüllen.”</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/SpcxT5KmroNbKVJR8"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/579fd93f-3f9d-4f04-bf4b-89c376866bb4/uploads/images/hembvafl4e/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Link zur Newsletter Umfrage :)"/></a><p><br/></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 16 Sep 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Darum ist Taiwans 7-Eleven auf einem anderen Level]]></title>
      <description><![CDATA[Steuern bezahlen, Zugtickets kaufen, Mittagspause machen: In Taiwan geht das alles im 7-Eleven. Der Convenience Store ist unverzichtbarer Teil des taiwanischen Alltags.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Steuern bezahlen, Zugtickets kaufen, Mittagspause machen: In Taiwan geht das alles im 7-Eleven. Der Convenience Store ist heute unverzichtbarer Teil des Alltags.</em></p><p><br/>Ich schreibe diesen Newsletter aus Dulan, einem verschlafenen Surferort an der taiwanischen Ostküste. Eigentlich sollte es in diesem Newsletter darum gehen, warum China so unbedingt Taiwan haben will. Leider habe ich die Aufnahme mit dem Experten-Interview auf einem anderen Laptop gelassen. Und dann ist mir aufgefallen: Die Geschichte für diesen Newsletter ist gar nicht weit entfernt. Genau genommen liegt sie auf der anderen Straßenseite.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f1a5e71d-5b2b-41a0-9269-d9c31cbce052/uploads/images/syo5jnuxvn/DSC09377.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Der 7-Eleven in Dulan.</figcaption></figure><p>Das ist 7-Eleven, der beliebteste Convenience Store in Taiwan. Warum sollte ich mich für einen Kiosk in Taiwan interessieren, denkst du jetzt vielleicht. Aber Taiwans Convenience Stores sind keine normalen Kioks. Für viele Taiwaner:innen sind sie ein unverzichtbares Versorgungsnetz im Alltag geworden.</p><p>Egal, wo man in Taiwan ist, der nächste 7-Eleven ist selten mehr als ein paar Hundert Meter entfernt. Insgesamt 14.000 Convenience Stores drängen sich auf der Insel mit 23 Millionen Einwohner:innen, gut die Hälfte davon sind 7-Eleven. Würden die Convenience Stores über Nacht von der Insel verschwinden, bräche in Taiwan ziemliches Chaos aus.</p><h3><strong>Darum ist 7-Eleven kein normaler Kiosk</strong></h3><p>Ob man morgens in Taipei Kaffee und Kippe braucht, am Flughafen die <em>EasyCard</em> für den öffentlichen Verkehr kaufen oder vor einem Behördengang eine Ausweiskopie erstellen muss: Die meisten Taiwaner:innen gehen dafür in den nächstgelegenen 7-Eleven.</p><p>Der Convenience Store ist Kiosk, Paketshop, Copyshop und Bankautomat gleichzeitig. Er übernimmt Behördendienste, wie die Abwicklung von Strom- und Wasser-Rechnungen sowie Steuerzahlungen. “Always Open, Seven Eleven”, lautet der Slogan des Stores, und das ist keine Übertreibung: Die Geschäfte haben 24/7 offen, 365 Tage im Jahr, auch wenn im Sommer Taifune über die Insel wirbeln.</p><p>Bei 7-Eleven beobachtet man das, was der Soziologe Hartmut Rosa die “Entgrenzung der Zeit” genannt hat: War das Leben vor einigen Jahrzehnten noch durch feste Zeitblöcke eingeteilt - <em>Nine to Five</em> am Arbeitsplatz, Behörden und Geschäfte öffnen zwischen 9 und 18 Uhr, Briefe benötigen drei Tage Sendezeit -, haben sich diese Zeitblöcke heute verflüssigt. Nachrichten können ohne Wartezeit versendet werden, Arbeitszeiten sind flexibel, Services wie Überweisungen rund um die Uhr verfügbar. Im 21. Jahrhundert muss der Mensch kaum noch auf etwas warten. Alltagstätigkeiten erledigt er nicht mehr nacheinander, sondern gleichzeitig.</p><p>7-Eleven ist der Sparringspartner einer Gesellschaft, die unter Bedingungen der entgrenzten Zeit lebt. Der Store ist immer für seine Kund:innen da, wenn sie die Nöte des Alltags zwicken. Das spiegelt sich auch in Umfragen: Convenience Stores seien ihre liebsten Offline-Shopping Orte, gaben <a href="https://neomarketways.com/always-open-always-there-inside-the-rise-of-taiwans-convenience-store-culture/">84 Prozent der befragten Taiwaner:innen</a> in einer Umfrage 2020 an. </p><p>Der Erfolg der Convenience Stores geht auch aus einem der größten sozialen Probleme der Insel hervor: Die Bevölkerung ist massiv überarbeitet.</p><h3><strong>Die Insel der Überstunden</strong></h3><p>Im ersten Halbjahr 2026 leisteten taiwanische Angestellte durchschnittliche Überstunden von <a href="https://www.taipeitimes.com/News/feat/archives/2026/08/13/2003862402">17,8 Stunden im Monat</a> (in <a href="https://iab.de/presseinfo/ergebnisse-der-iab-arbeitszeitrechnung-fuer-das-jahr-2025-teilzeitbeschaeftigte-arbeiteten-132-millionen-stunden/?utm_source=chatgpt.com">Deutschland</a> lag diese Zahl 2025 bei rund 2,5 Stunden im Monat.) <a href="https://focustaiwan.tw/business/202606130004">Besonders Taiwans Tech-Arbeiter</a> sind überarbeitet: In der Elektronik-Industrie leisteten Beschäftigte im April so viele Überstunden wie seit 47 Jahren nicht mehr. </p><p>1980 eröffnete der erste 7-Eleven in Taipei, also genau zu jener Zeit, als immer mehr Menschen in Taiwans Großstädte zogen, in denen lange Arbeitszeiten Tagesordnung sind. So wurden Taiwans Convenience Store Zuflucht für Büroarbeiter:innen, Krankenschwestern in der Nachtschicht und IT-ler, die rund um die Uhr Mikrowellen-Mahlzeiten und einen billigen Koffein-Kick brauchten. In ländlichen Regionen wiederum ersetzt 7-Eleven oft den Supermarkt. Wie zum Beispiel hier in Dulan. Der nächste Supermarkt ist eine halbe Stunde Busfahrt entfernt, aber zum 7/11 muss ich nur über die Straße laufen.</p><p>Mittlerweile greift auch der taiwanische Staat auf die Infrastruktur zurück, die die Convenience Stores erschaffen haben: Während der Covid-Pandemie wurden 7-Eleven und Co zu Verteilungszentren von Masken und Desinfektionsmittel. Auch Impftermine konnte Taiwans Bevölkerung dort ausmachen. In New Taipei hat das Bildungsamt gerade 2.000 Convenience Stores zu <a href="https://news.immigration.gov.tw/NewsSection/Detail/9c9f59a1-1fa9-44f7-8ca9-9eab4b091a1a?">Notfall-Zuflüchten für Kinder erklärt</a>, die sich bedroht oder verfolgt fühlen.</p><h3><strong>So bindet 7-Eleven seine Kundschaft an sich</strong></h3><p>Fast immer, wenn ich in Taiwan Freund:innen treffe, landen wir früher oder später im 7-Eleven und stöbern die Regale nach Snacks durch, die wir noch nicht probiert haben. Der Store ist in Taiwan zu einem Third Space geworden. Das sind soziale Orte außerhalb des eigenen Zuhauses oder des Arbeitsplatzes, an dem man zwanglos ein- und ausgehen kann.</p><p>Online geht 7-Eleven regelmäßig mit verrückten Snack-Kreationen viral, wie Doritos mit Tausendjährige-Eier Geschmack. Manche Filialen in Taipei sind zu Touristenattraktionen geworden, weil sie im Stil von Pokemon oder der japanischen Comicfigur Hello Kitty gestaltet sind. Taiwans Convenience Stores sind längst nicht mehr reine Versorgungsstationen. Sie beeinflussen, was Taiwaner:innen konsumieren, wo sie ihre Freizeit verbringen und welchen Trends sie folgen.</p><p>Ich mag 7-Eleven aber nicht für seine Snacks oder die vielen Services. Am liebsten sitze ich nachts dort, scrolle ein bisschen durch mein Handy oder schaue den Menschen zu, die draußen vorbei laufen. Am besten regnet es. Das fühlt sich an, als wäre ich direkt in eines der verträumten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=on9BTX6dHN0">Anime-Cover der Lofi-</a>Playlists versetzt, die ich manchmal zum Arbeiten höre.</p><p>Die dunklen Straßen, das Neonlicht der Convenience-Stores, die Ruhe der Nacht: All das erzeugt ein Gefühl von Gemütlichkeit, eine Art asiatisches Hygge, das man so nur in Asiens Großstädten findet.</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/GrdbZ2r7ovYin4saA"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/f1a5e71d-5b2b-41a0-9269-d9c31cbce052/uploads/images/imumaj6miq/image.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Link zum Newsletter Feedback"/></a>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/f1a5e71d-5b2b-41a0-9269-d9c31cbce052/teaser_image/1787809362?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Thu, 27 Aug 2026 04:01:01 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Warum du in China ein Musikfestival besuchen solltest]]></title>
      <description><![CDATA[Im Ausland ist kaum etwas über Chinas Musikszene bekannt. Schade, denn kaum woanders macht Tanzen bis zum Sonnenaufgang so sehr Spaß.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Im Ausland ist kaum etwas über Chinas Festivalszene bekannt. Schade, denn selten macht Tanzen bis zum Sonnenaufgang so sehr Spaß wie hier.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d17e46f0-c6e8-4a59-99eb-881005b08628/uploads/images/ll6i7ey52d/000047.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>“Gibt es eigentlich Raves in China?” </p><p>Diese Frage habe ich ziemlich oft gestellt bekommen. Ich fand sie immer ein bisschen komisch. Glauben Menschen echt, unter 1,4 Milliarden Menschen ist niemand, der sich für elektronische Musik interessiert? Aber eigentlich steckt ja was anderes hinter der Frage. Nämlich, ob es in China überhaupt Subkultur geben kann.</p><p>Künstlerische Freiheit und Hedonismus. Sein zu können, wer man ist. Auch wenn das bedeutet, gegen das System zu sein. Alles, wofür Raves (also Tanzveranstaltungen mit elektronischer Musik) und Subkultur stehen, passt nicht zu China. Dort, wo ein autoritärer Staat eigenständiges Denken bekämpft - kann dort Subkultur entstehen? Und <em>brauchen </em>Menschen überhaupt Raves in einem Land, in dem sich alles nur um Plätze an Top-Unis und Unternehmen zu drehen scheint?</p><p>Um diese Frage ein für alle Mal zu beantworten, begebe ich mich auf eine Feldstudie. Sechs Wochen, drei Festivals. Ich werde mein Bafög und viel Schlaf opfern, um herauszufinden: Gibt es wirklich Raves in China? Und wenn ja, sind sie gut? </p><p>Meine Begleitung ist Ming (Name geändert), seit Jahren in Shanghais Musikszene unterwegs und meine beste Freundin in China. Sie hat den Überblick über alle Musikfestivals in China. Und ich als gerade noch so twentysomething Studentin mit einem sehr entspannten Sommersemester die jugendliche Energie, die dieses Vorhaben benötigt. Los geht’s Mitte April, wir haben Tickets für Chunyou, das größte elektronische Musikfestival Chinas.</p><h3><strong>春游 CHUNYOU</strong></h3><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d17e46f0-c6e8-4a59-99eb-881005b08628/uploads/images/ptwealpwbw/000040-1.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Hach, Chengdu. Sobald wir an einem verregneten Donnerstagmittag aus dem Taxi steigen, legt sich die Lässigkeit des Südens um uns, für die Hauptstadt der Provinz Sichuan bekannt ist. Ming und ich sind komplett unvorbereitet. Wir reisen aus Gründen, die wir selbst vergessen haben, einen Tag zu früh an und müssen erstmal eine Unterkunft finden. Bis der Regen vorbeizieht, quartieren wir uns in ein Hotpot-Restaurant ein und vertrödeln den Nachmittag, an dem wir eigentlich noch gemeinsam wichtige Dinge am Laptop erledigen wollten. Abends spazieren wir am Fluss entlang, das Leben fühlt sich leicht und schön an. Morgen ist Festival!</p><p> “Frei sein, das erfordert Mut”, singt ein chinesischer Künstler an der Reggae-Stage, an der wir uns samstagmittags warmtanzen. Mir fällt sofort auf, wie angenehm die Stimmung ist: Das Publikum ist gut gelaunt und gut gekleidet, und blickt man in die Menge, lächelt sofort jemand zurück.</p><p>Ja, hier wird mehr gefilmt und fotografiert als auf deutschen Festivals. Aber sobald der nächste DJ loslegt, stecken alle ihr Handy weg und fangen an zu tanzen. So wie jetzt, als ein DJ mit schwerem Mantel auf den Schultern den Reggae-DJ ablöst und anfängt, Disco auf Vinyl aufzulegen. “Du solltest hierüber schreiben”, sagt Ming zu mir. </p><p><em>Chunyou</em>, auf Deutsch heißt das einfach “Frühlingsausflug”, begann 2013 als kleine Zusammenkunft in einem Hinterhof. Heute ist es ein Festival mit sieben Bühnen, das die besten Musiker:innen des Landes und einige Geheimtipps aus dem Ausland zusammenbringt. FOMO, die Angst, etwas zu verpassen, ist bei <em>Chunyou </em>vorprogrammiert, merke ich schnell. Zwei Tage sind viel zu wenig Zeit, um allen sieben Bühnen Aufmerksamkeit zu schenken.</p><p>Aber das ist nicht schlimm, denn egal wo wir hinlaufen, läuft gute Musik. Zum Beispiel das weibliche electro-Duo <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JWNXl65IkTQ">Run! Rabbit Run!</a> aus Kunming, das eine nahezu mystische Choreographie auf die Bühne bringt. Auch für Bands wie die verträumte Jazz-Gruppe <a href="https://www.youtube.com/watch?v=PWdV2dDwX3M">沉默橙 A Wordless Orange</a> ist Platz. Die Organisator:innen von <em>Chunyou </em>durchforsten zudem die Musikszenen außerhalb Chinas. Das merke ich, als ich abends zufällig an einem Auftritt von <a href="https://lagerregal.bandcamp.com/">LAGERREGAL</a> vorbeilaufe, die elektronische mit akustischer Musik verbinden und selbst in Deutschland noch ein ziemlicher Geheimtipp sind.</p><p>“Oh Gott, so viele <em>Yabi</em>”, sagt Ming, als wir abends mit billigem Dosenbier in der Hand und Schlamm an den Schuhen über das Gelände laufen. <em>Yabi </em>亚逼 bedeutet übersetzt, ähem, “subculture pussy” und bezeichnet jene junge Chines:innen, die gerne zerrissene Strumpfhosen, überweite T-Shirts, Tattoos und schwere Stiefel tragen, oder alles, was sich grob in die Kategorie Punk/Y2K/ Lolita einordnen lässt, in jedem Fall aber ein bisschen drüber ist. <em>Yabi</em>-Kultur ist rund um 2020 entstanden, der Begriff wird mittlerweile eher abfällig verwendet. </p><p>Irgendwann gegen vier Uhr morgens sitzen Ming und ich auf einem Hain und teilen uns eine dünne Zigarette mit Jasmintee-Geschmack. Auf der Bühne vor uns legt <a href="https://soundcloud.com/djqiuqiu">Qiuqiu</a>, ein DJ aus Yunnan, ein ziemlich düsteres Set hin, von dem wir uns trotz unserer Müdigkeit nicht losreißen können. Überhaupt haben wir in den ganzen zwei Tagen kein einziges schlechtes Set gesehen. Und mehr kann man von einem Techno-Festival nicht verlangen, oder?</p><h3><strong>森林觉醒 Forest Awakening</strong></h3><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d17e46f0-c6e8-4a59-99eb-881005b08628/uploads/images/tz4cka5ny4/5427371600559938529.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ahh, Festival. Endlich wieder nach vier Stunden Schlaf mit schweren Beinen aus einem viel zu heißen Zelt krabbeln. Es ist Samstagmorgen, und ich bin auf einem Campingplatz etwa zwei Stunden von Shanghai entfernt, auf dem sich sanfte Hügel wie im Windows-Hintergrund wiegen. Hier findet 森林觉醒 <em>Forest Awakening</em> statt, ein kleines Indie-Festival mit zwei Bühnen.</p><p>Organisiert wird es von einem Kollektiv aus Hangzhou, das Techno-Partys und -Festivals veranstaltet und zufälligerweise denselben Namen trägt wie die Borussia Dortmund Hymne: <em>You’ll never walk alone </em>永不独行. Die Hauptbühne befindet sich auf einem Waldstück zwischen Baumstämmen, eine zweite im Stil eines gemütlichen Wohnzimmers öffnet auf einer Lichtung am Samstagnachmittag. </p><p>Eine Freundin und ich sind Volunteers, um uns den Eintritt für das Festival zu sparen. Wann wir wo arbeiten sollen, kann uns keiner so richtig sagen, dafür bietet jemand eine Runde Zigaretten an und sagt anerkennend “Aha, KitKat Club”, als ich sage, dass ich aus Deutschland komme.</p><p>Der große Star des Line-Ups tritt abends um 8 Uhr auf: <a href="https://soundcloud.com/yangbing010">Yang Bing</a>, ein Techhouse Urgestein aus dem Underground der Pekinger Musikszene. Die Holzplanken, aus denen die Hauptbühne zusammengelegt ist, knarzen unter dem Gewicht hunderter wippender Körper. Zwei aufgekratzte Hunde flitzen durch die Menge, der größte Laser, den ich jemals gesehen habe, wandert suchend durch den Wald. Nach Yang Bing legt jemand Dubstep auf, der klingt wie Wellen in einem Sturm, die an Felswände klatschen.</p><p>Wir wechseln hin und her zwischen ausruhen auf einer Decke, weil die Knie langsam müde werden, und wieder warmtanzen, weil die feuchte Kälte in die Knochen zieht. Als morgens um fünf der letzte DJ das Pult verlässt, hört man schon die Vögel singen.</p><p>Der letzte Tag ist ein typischer Festivalsonntag: ausschlafen, Kaffee kochen, Sachen packen auf später verschieben. Wir liegen in der Sonne, dösen, tanzen und schnacken mit Besucher:innen, die wir gestern auf dem Dancefloor kennengelernt haben. Weil wir zu spät mit Packen anfangen, verpasse ich meinen Zug zurück nach Shanghai, und das nervt mich zunächst gewaltig. Später fahre ich mit Ming im Dunkeln über die Autobahn und wir singen zu <em>Ashes to Ashes</em> von David Bowie mit. Und da finde ich es doch ganz in Ordnung. </p><h3><strong>双打 SHUANGDA</strong></h3><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d17e46f0-c6e8-4a59-99eb-881005b08628/uploads/images/iwgdfjrrgt/000005420003-1.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Shuangda </em>ist Heimspiel. Das Festival findet zweimal jährlich statt, und die Herbst-Edition haben Ming und ich schon letztes Jahr besucht. Es wird organisiert von den Besitzern des Shanghaier Clubs ROAM, in dem außer montags jeden Abend Techhouse für lau aufgelegt wird.</p><p>Das Festival findet auf einem Campingplatz direkt an der Küste Zhejiangs statt. Klettert man den Berg hinter der Bühne hoch, kann man morgens die Sonne über dem Meer aufgehen sehen. Das klingt zuzugebenermaßen etwas romantischer als es ist. Das Wasser an der chinesischen Ostküste ist trübe, das Ufer mit Industrie zugebaut.</p><p>Das Highlight des Festivals ist ein Fulldome: Also eine Kuppel wie in einem Planetarium, unter die man sich auf Matratzen und Kissen hinlegt. Hier werden den ganzen Tag Videos projiziert, die kaum verhohlene Anspielungen auf psychedelische Trips machen. Fühlt sich etwas absurd an, da China eine sehr strenge Drogenpolitik fährt. Aber das ist nicht schlimm, denn liegt man lange genug unter der Kuppel, hat man auch so schon das Gefühl, zu trippen.</p><p>So gut wie jede Person, die ich aus Shanghai kenne, ist dieses Wochenende hier. Kaum jemand von uns bekommt mehr als eine Handvoll Stunden Schlaf. Die Sonne geht viel zu früh auf, und wenn sie das tut, müssen wir auf den Berg laufen, um den Sonnenaufgang über dem Meer zu sehen. Und ist sie da, ist es ohnehin schon zu heiß, um sich noch ins Zelt zu legen. </p><p>Samstagnachmittag laufen eine Freundin und ich zu einem Essensstand am Rande des Campingplatzes. “China ist das langweiligste Land der Welt”, mischt sich ein Mann mit Cowboyhut und Sonnenbrille in unser Gespräch ein, der sich als Besitzer des Campingplatzes herausstellt. “Die Kommunistische Partei kontrolliert uns zu streng”, sagt er und bietet uns zwei Zigaretten an. <em>Ren tai duo, </em>erwidert meine Freundin trocken. <em>Zu viele Menschen. </em>Mit dieser Formel werden in China ziemlich viele gesellschaftliche und politische Fragen abgewatscht. “Wie soll es ohne Regeln funktionieren?”</p><p>Der schönste Teil von Shuangda ist das Closing am Sonntagnachmittag. Dann versammeln sich alle an der Hauptbühne und kosten die letzten Stunden tanzen in der Nachmittagssonne aus. Zum Schluss noch das in China obligatorische Gruppenfoto, Umarmungen und Verabschiedungen, bevor es zurück in den Alltag nach Shanghai geht.</p><h3>Also, gibt es Raves in China?</h3><p>Eindeutiges Urteil: Ja. Ich habe in China überhaupt erst meine Liebe zu elektronischer Musik wiederentdeckt. Dass man von chinesischer Subkultur außerhalb des Landes so wenig mitbekommt, liegt auch daran, dass die Verteilung und Promotion elektronischer Musik in China über chinesische Plattformen läuft. Um von diesen Festivals zu erfahren, muss man zum Beispiel WeChat nutzen, oder Freund:innen haben, die einen darauf hinweisen.</p><p>Davon abgesehen, gibt es in China eine ähnliche Bandbreite elektronischer Musikfestivals und Veranstaltungen wie in Deutschland: von großen, kommerziellen Veranstaltungen, hin zu kleinen, handgemachten, die fast ausschließlich auf der Arbeit von Freiwilligen basieren. Festivals bringen Menschen zusammen, die sich für Musik begeistern und in eine Welt eintauchen möchten, in der es keinen Arbeitsstress gibt, nur Tanzen und Rumblödeln mit Freund:innen. Und von diesen Menschen gibt es eine Menge, egal ob in China oder Deutschland.</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/2Uwwx2Fchsfq1jR9A"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d17e46f0-c6e8-4a59-99eb-881005b08628/uploads/images/fs3vc43owk/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Newsletter-Feedback, hier klicken"/></a><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Junge Menschen]]></category>
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      <pubDate>Thu, 30 Jul 2026 09:25:21 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Interview: Wie dreht man Chinas erste lesbische Datingshow, Ashley?]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Gespräch mit Regisseurin Ashley über Produktion, Polizeibesuche und Reaktionen auf die Show]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Interview: Wie produziert man Chinas erste lesbische Datingshow, Ashley?</h1><p><em>In der Datingshow “LeLaLes Fluid Love” suchen acht chinesische Lesben nach Liebe. Ich habe mit Regisseurin Ashley über Produktion, Polizeibesuche und Reaktionen auf die Show gesprochen.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c/uploads/images/tydpzovj6j/lelales.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Ashley und ihre Co-Produzentin Ky. Ashley ist in Shanghai aufgewachsen und lebt seit zehn Jahren als Filmemacherin in Los Angeles.</figcaption></figure><p>Ein geschiedener Anwalt und ein ehemaliger Soldat der Volksbefreiungsarmee feiern Hochzeit in einer Gay Bar in Chengdu, China. Klingt unglaublich, aber ist 2010 wirklich passiert. Die Hochzeit war zwar nur symbolisch, aber die Staatszeitung <em>China Daily</em> berichtete darüber auf ihrer Titelseite. Nachdem China 2001 Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten strich, schien die Lage für die chinesische LGBT-Community immer besser zu werden. Chinesische Queers organisierten einen jährlichen Pride March in Shanghai. Und in Peking gründeten zwei Frauen Les+, ein Lesbenmagazin.</p><p>Dann kam Xi Jinping 2013 an die Macht. Und Chinas queere Organisationen lösten sich auf, eine nach der anderen. Shanghai Pride fand 2020 das letzte Mal statt. Fast alle LGBT-Organisationen schlossen, nachdem das Gesetz zur Verwaltung ausländischer NGOs 2017 eingeführt wurde.</p><p>Chinesische Queers aber lassen sich nicht so leicht entmutigen. Das zeigt “LeLaLes Fluid Love”, Chinas erste Lesben-Datingshow. Die Show folgt acht chinesische Lesben, die sich über sechs Tage in Chiang Mai, Thailand, daten. Da chinesische soziale Medien queere Inhalte zensieren, läuft die Show auf YouTube. Ich habe mit Regisseurin Ashley über Produktion, Polizeibesuche und Reaktionen auf die Show gesprochen.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Halt, bevor es los geht: Ich will über Themen schreiben, die dich interessieren. Was willst du über China wissen?</strong></p><p><a href="https://tally.so/r/RGjVqK">Umfrage ausfüllen</a></p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Für Menschen, die noch nie davon gehört haben — was ist „LeLaLes Fluid Love“?</strong></p><p>LeLaLes ist eine chinesische Lesben-Datingshow, finanziert durch eine Crowdfunding-Initiative. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem chinesische queere Frauen Intimität erkunden können. Ich habe die Show auf YouTube veröffentlicht, damit unsere acht Cast-Mitglieder sprechen können, ohne sich selbst zensieren zu müssen. Die Show handelt vom Queersein, aber auch von Sexpositivität, offenen Beziehungen und Beziehungen mit KI. Es geht also wirklich ans Eingemachte (<em>lacht</em>).</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c/uploads/images/up6imebg2g/LeLaLes_Still_1.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Der Cast der Show.</figcaption></figure><p><strong>Haben du und dein Team die Show in China beworben?</strong></p><p>Wir haben schnell festgestellt, dass es unmöglich ist, die Show in China zu bewerben. Chinese Social-Media-Apps wie Xiaohongshu und Bilibili sperrten das Logo unserer Show. Unsere WeChat-Gruppen wurden geschlossen. So wussten wir, dass wir auf dem Radar der chinesischen Behörden sind.</p><p>Ursprünglich wollten wir in Shanghai drehen. Aber die Polizei belästigte über 30 Crew- und Cast-Mitglieder sowie Freunde, die unsere Crowdfunding-Informationen geteilt hatten. Dadurch war klar: Es ist nicht sicher, die Show in China zu produzieren.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c/uploads/images/rnxuhfuhzt/LeLaLes_Still_5.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>&quot;LeLaLes Fluid Love&quot; hat vor allem in Deutschland viele Zuschauer:innen gewonnen, nachdem sich die Show über Social Media verbreitete.</figcaption></figure><p><strong>Du hast schon vorher LGBT-Inhalte produziert. War das das erste Mal, dass die Polizei dich belästigt hat?</strong></p><p>Vorher war die Belästigung nicht so schlimm. Aber jedes Mal, wenn ich nach Shanghai kam, gab es einen routinemäßigen Check-in mit der Polizei: Sie luden mich zum „Teetrinken“ ein <em>[ein Euphemismus für ein Verhör durch Chinas Polizei oder Staatssicherheit].</em></p><p><strong>Wie habt ihr die Teilnehmerinnen gecastet, auch im Hinblick auf Sicherheit und Privatsphäre?</strong></p><p>Wir wollten Menschen auswählen, die nicht nur charmant sind, sondern auch verstehen, dass dieses Projekt viele Risiken mit sich bringt. Wir haben ihnen klar gemacht, dass sie auf Polizeibelästigung vorbereitet sein mussten.</p><p>Einige unserer Cast-Mitglieder leben im Ausland, andere in China. Sie können China nicht einfach verlassen. Also haben wir ihnen gesagt, dass wir es verstehen, wenn sie aus der Show aussteigen. Aber beide Teilnehmerinnen, die in China leben, waren unglaublich mutig. Sie sagten, sie seien bereit, die Risiken gemeinsam mit uns zu tragen.</p><p>Eine der Teilnehmerinnen wurde nach Abschluss der Dreharbeiten erneut von der Polizei kontaktiert. Die Polizei hat allerdings nur einen regulären Check-in gemacht und ihr nicht gedroht. Aus meiner persönlichen Erfahrung ist das ein typisches Muster. Die Polizei macht nichts Aufsehenerregendes, aber sie behalten dich immer im Auge.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c/uploads/images/4lpqg7y24z/LeLaLes_Still_2.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Die Show soll keine Intimität zwischen den Teilnehmerinnen erzwingen, sondern sie bei Dates und Gesprächen begleiten.</figcaption></figure><p><strong>Ihr habt euch entschieden, die Produktion nach Chiang Mai, Thailand, zu verlegen. Warum genau Thailand?</strong></p><p>Thailand hat im Januar letzten Jahres die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert, ist also gerade sehr queer-freundlich. Logistisch war es auch viel einfacher, weil chinesische Staatsbürger kein Visum brauchen, um dorthin zu reisen.</p><p><strong>Ich habe gelesen, dass die Menschen in Thailand euer Projekt sehr unterstützt haben.</strong></p><p>Ja, total. Die Menschen in Chiang Mai sind sehr herzlich. Als wir eine Muay-Thai-Stunde gefilmt haben, sagte uns der Besitzer des Studios, dass wir nur die Gebühr für die Trainerin zahlen müssten. Wir hatten wirklich großes Glück, so viel Unterstützung von der lokalen Community zu bekommen.</p><p><strong>Ich fand die Reaktionen der westlichen Zuschauer auf die Show sehr interessant, insbesondere in Bezug auf KI. <em>[Stella, eine der Teilnehmerinnen, erwähnte im Laufe der Show, zuvor in einer Beziehung mit einem KI-Chatbot gewesen zu sein]. </em>Meinem Gefühl nach hat Stellas Beziehung mit einer KI die westlichen Zuschauer:innen viel mehr geschockt als die chinesischen.</strong></p><p>Als Stella mir von ihrer Beziehung mit einer KI erzählt hat, hat mich das überhaupt nicht überrascht. Ich dachte nur: „Ach, das ist ja cool.“ Ich kenne ihre Datinggeschichte und weiß, dass sie vorher Beziehungen mit Menschen hatte.</p><p>Menschen in China lieben KI. Das hängt mit dieser technikzentrierten Denkweise zusammen, viele stellen sich KI als eine Art Superkraft vor. Bei westlichen Zuschauerinnen und Zuschauern hatte ich deswegen nicht mit so viel Gegenwind gerechnet. Viele schrieben Dinge wie: „Das ist KI-Psychose.“ Von dem Begriff hatte ich noch nie vorher gehört.</p><p>Stella und ich sprechen noch heute darüber. Natürlich kann man starke Meinungen dazu haben, aber man sollte Stella nicht im Internet angreifen oder beschimpfen.</p><p><strong>Hast du im Laufe der Veröffentlichung Missverständnisse über queeres Leben in China bemerkt?</strong></p><p>Ich glaube, Menschen im Westen wissen einfach nicht viel über Chinas queere Szene. Die Show ist in Deutschland sehr beliebt, weil zwei deutsche Influencer sie geteilt haben. Ich hoffe einfach, dass meine Show das Verständnis für die chinesische queere Community erweitern kann.</p><p><strong>Danke dir, Ashley!</strong></p><p>Danke.</p><p><em>“LeLaLes Fluid Love” läuft seit Mai auf </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=1Mhkel-dHuM"><em>YouTube</em></a><em> mit englischen Untertiteln, die Folgen sind bereits alle veröffentlicht.</em></p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/bki6XDudhH4eRahRA"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c/uploads/images/ycq7ndtlqh/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 01 Jul 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Interview: How did you film China’s first Lesbian dating show, Ashley?]]></title>
      <description><![CDATA[A conversation with director Ashley about production, police visits and reactions to the show]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>A conversation with director Ashley about production, police visits and reactions to the show</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cf70ada0-8f09-4365-8983-4a7ba9cde24e/uploads/images/2mrt3qii7z/lelales.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Ashley (left) and her co-director Ky. Ashley grew up in Shanghai and moved to Los Angeles ten years ago to pursue filmmaking.</figcaption></figure><p><em>Read the German version </em><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/5cbf1924-d178-4990-a3b3-07ade26ece0c"><em>here</em></a><em>.</em></p><p>After China removed homosexuality from the list of mental diseases in 2001, things for the Chinese LGBT community seemed to only get better. Chinese queers organized a yearly pride march in Shanghai. A divorced lawyer and a former PLA soldier held a symbolic wedding in a gay bar in Chengdu. State paper <a href="https://www.chinadaily.com.cn/china/2010-01/13/content_9310315.htm">China Daily</a> reported about them on their front page. And in Beijing, two women launched Les+, a lesbian magazine. </p><p>But after Xi Jinping came to power in 2013, China&#39;s queer organizations quietly disbanded, one after another. Shanghai Pride ceased operation in 2020. Almost all of China&#39;s LGBT organizations were shut down after the installment of the Foreign NGO Management Law in 2017.</p><p>But Chinese queers do not get discouraged that easily. In June this year, China&#39;s first lesbian dating show aired. “LeLaLes Fluid Love” is founded with a Crowdfunding initiative and features eight Chinese lesbians dating each other over six days in Chiang Mai, Thailand. Because queer content frequently gets censored on Chinese social media, the show aired on YouTube. I talked to director Ashley about production, police visits and reactions to the show.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cf70ada0-8f09-4365-8983-4a7ba9cde24e/uploads/images/uw53odyurh/LeLaLes_Still_1.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>The cast of the show.</figcaption></figure><p><strong>For people who have never heard of it — what is “LeLaLes Fluid Love”? </strong></p><p>LeLaLes is the first-of-its-kind Chinese lesbian dating show, financed with a crowdfunding initiative. I wanted to create a safe space for Chinese queer women to explore intimacy unapologetically and freely. I published it on YouTube, so our eight cast members could talk about anything without having to self-censor. The show is about being queer, but also about sex positivity, open relationships and relationships with AI. So it’s really off the limits.</p><p><strong>Did you promote the show in China at all?</strong></p><p>We soon realized promoting the show in China was impossible. On Chinese social media Apps like Xiaohongshu, WeChat and Bilibili, the logo of our show soon got banned. Our WeChat groups got shut down. That’s how we knew we were on the Chinese authorities radar. </p><p>We originally wanted to shoot in Shanghai. But the police harassed over 30 crew and cast members and friends who simply shared our crowdfunding information. We realized it’s not safe to produce the show in China.</p><p><strong>You produced queer content before too. Was this the first time the police harassed you?</strong></p><p>The harassment was not that bad before. But each time I went back home to Shanghai, there was a routine check-in with the police: They would ask me to “drink tea” with them <em>[a euphemism for interrogation by China&#39;s police or state security]</em>.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cf70ada0-8f09-4365-8983-4a7ba9cde24e/uploads/images/c7hyb4xilv/LeLaLes_Still_5.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>After being spread on social media, the show gained a lot of traction in Germany.</figcaption></figure><p><strong>How did you cast contestants, also concerning safety and privacy?</strong></p><p>We wanted to choose people who were not only charming but also understood that this project came with a lot of risks. We made sure to tell them that they had to be prepared for police harassment. </p><p>Some of our cast members live overseas, some of them live in China. They can’t just leave China. So we told them if they wanted to quit the show, we would understand and support that. But both of the contestants who live in China were incredibly brave. They said they were willing to take on the risks together with us.</p><p>One of the contestants was contacted again by the police after filming wrapped. But she said the police officer was just doing a regular check-in. She told me they didn’t pressure or threaten her. Based on my personal experience, this is kind of their pattern. They don’t do anything outrageous, but they always keep an eye on you.</p><p><strong>You decided to move production to Chiang Mai, Thailand. Why Thailand exactly?</strong></p><p>Thailand legalised same-sex marriage in January last year, so it is very queer-friendly at the moment. Logistically, it was also much easier because Chinese citizens don’t need a visa to go there. The food was good, the weather was nice, and Thailand is quite budget-friendly.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/cf70ada0-8f09-4365-8983-4a7ba9cde24e/uploads/images/pnma6lofbi/LeLaLes_Still_2.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>The show is not meant to force intimacy, but accompanies the participants on dates and during conversations.</figcaption></figure><p><strong>I read that people in Thailand were quite supportive of your project.</strong></p><p>Yeah, totally. The people in Chiang Mai are very friendly and welcoming. When we filmed a Muay Thai lesson, the owner of the studio told us we only needed to pay the instructor’s fee. We were very, very lucky to receive so much support from the local community.</p><p><strong>I found reactions in the Western audience interesting, particularly reactions to Stella’s AI girlfriend <em>[Stella, one of the participants mentioned she had been in a relationship with an AI-Chatbot before]</em>. In my perception, that produced way more pushback among Western audiences than Chinese.</strong></p><p>When Stella told me about her relationship with AI, I didn’t raise an eyebrow. I was like, “Oh, that’s pretty cool.” Because I know her dating history, and I know she has had relationships with humans before.</p><p>People in China love AI. It’s probably due to a techno-centric mindset, Chinese people think of AI as a superpower. That’s why I was surprised about the backlash online. Some people said, “This is AI psychosis.” I had never even heard that term before.</p><p>Stella and I still talk about it. I think it’s normal to have strong opinions about this, but people shouldn’t attack her.</p><p><strong>In the course of the publishing of the episodes, did you notice misconceptions in the West about queer life in China?</strong></p><p>I think people in the West simply don’t have much knowledge of China’s queer scene. The show became pretty popular in Germany actually, because two German influencers shared our show. I hope my show can bridge the gap and expand global audiences’ understanding of the Chinese queer community.</p><p><strong>Thank you Ashley!</strong></p><p>Thanks.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>LeLaLes Fluid Love is published on </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=1Mhkel-dHuM"><em>YouTube</em></a><em> with English subtitles.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 01 Jul 2026 01:27:28 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Was willst du über China wissen?]]></title>
      <description><![CDATA[Hi! Heute habe ich keinen neuen Newsletter, sondern eine Frage an dich: Was willst du über China wissen? Über China kursieren ziemlich viele Halbwahrheiten und Irrtümer.…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p>Hi! Heute habe ich keinen neuen Newsletter, sondern eine Frage an dich: <strong>Was willst du über China wissen?</strong></p><p>Über China kursieren ziemlich viele Halbwahrheiten und Irrtümer. Denn China zu verstehen, ist nicht leicht. Aber auch nicht unmöglich. Deswegen schreibe ich diesen Newsletter.<br/><br/>Ich will über Themen schreiben, die dich interessieren. Dafür habe ich eine Umfrage gemacht 👇</p><a href="https://tally.so/r/RGjVqK">https://tally.so/r/RGjVqK</a><p>Ausfüllen dauert drei Minuten und hilft mir sehr :) Dankeschön!</p><p><br/></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 10 Jun 2026 04:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum Timmy Hope sterben musste: ein daoistischer Take]]></title>
      <description><![CDATA[Das Zhuangzi ist ein daoistischer Klassiker. Es steckt voller Geschichten, in denen Menschen Tiere mit ihren guten Absichten umbringen. Na, klingelt was?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Das Zhuangzi ist ein daoistischer Klassiker. Es steckt voller Geschichten, in denen Menschen Tiere mit ihren guten Absichten umbringen. Na, klingelt was?</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d441f1c6-5013-4005-8186-a30466284bf5/uploads/images/ypp4yqljox/chinh-le-duc-8t9uyncwnHc-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Endlich ist es geschehen: Der an der Ostseeküste gestrandete Buckelwal ist tot. Wie es sich für einen würdigen Abgang gehört, explodiert er wahrscheinlich bald. Der Wal versetzte Deutschland in eine kollektive Psychose, die wir seit Bruno dem Problembär nicht mehr erlebt haben. “Timmy Hope” wurde Tag und Nacht von Schaulustigen, Umweltministern und Walflüsterern belagert und bekam dann noch einen Namen, der klingt, als hätte Uwe Ochsenknecht ihn vergeben. </p><p>Und was ist nun die Moral von der Geschicht’? Vielleicht, gestrandete Meerestiere in Ruhe zu lassen, so wie die Dänen es machen. Vielleicht, keine Ahnung, irgendwas mit Artenschutz und der Absurdifizierung der Gegenwart.</p><p>Oder vielleicht sollten wir mal einen Blick in das Zhuangzi werfen. </p><p>Der Text ist einer der Grundpfeiler daoistischer Philosophie. Im Zhuangzi finden sich eine Menge absurder Tiergeschichten, in die sich Timmys Schicksal mühelos einreihen könnte. Diese Geschichten sind nicht bloß lustige Tierfabeln. Sie erzählen von den Fallstricken vermeintlich moralischen Handelns. Und sie erklären, warum Timmy der Wal sterben musste.</p><h3>Vom Töten eines Vogels durch Fürsorge</h3><p><em>Ein Vogel nistete am Rande des Staates Lu. Der Marquis brachte ihn in seinem Streitwagen zum Tempel und bereitete ihm ein Festmahl. Er ließ die Musiker für ihn spielen und servierte ihm nur das beste Fleisch, um ihm etwas Gutes zu tun. Der Vogel blickte verzweifelt drein und traute sich nicht, einen Bissen zu essen. Nach drei Tagen war der Vogel tot. </em></p><p>“Vom Töten eines Vogels durch Fürsorge”, heißt diese Geschichte aus dem Zhuangzi. Es beschreibt, wie ein Mensch ein wildes Tier trotz, oder gerade mit seinen guten Absichten umbringt. Na, klingelt was?</p><p>Ein Wal, der an einer Küste strandet, ein Land über Wochen in emotionalen Ausnahmezustand versetzt und schließlich in einer sehr teuren Rettungsaktion verendet - diese Geschichte hätte so auch im Zhuangzi stehen können. Das Werk geht auf den gleichnamigen Philosophen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zurück. Das Zhuangzi steckt voller abstruser Anekdoten, es handelt von Fischen, die sich in Vögel mit kilometerweiten Flügeln verwandeln, von Charakteren wie “Sir Shoestrap” und Hundun, einem Herrscher in Form eines gestaltlosen Klumpens.</p><p>Stünde Timmys Geschichte im Zhuangzi, würde sie zum Genre der “Kill Stories” gehören. Das sind Geschichten, die von der unabsichtlichen Tötung eines wilden Tieres handeln. Wie die Geschichte des Seevogels oben. Eine andere Kill Story handelt vom Pferdetrainer Bo Le, dessen Zähmungsversuche die ihm betrauten Pferde nach und nach umbringen.</p><p>Auch die Geschichte des Klumpens Hundun ist eine Kill Story. Hundun ist ein hervorragender Gastgeber, und seine Gäste wollen ihm zum Dank ein menschlicheres Antlitz verleihen. So beginnen sie, ihm Löcher für die Augen, Nase und den Mund in den Körper zu bohren. Hundun stirbt an den Bemühungen seiner Gäste.</p><h3>Kill Stories sind Diagnosen der Gegenwart</h3><p>So wie die vermeintlichen Retter des Buckelwals haben die Täter der Kill Stories nur das Beste im Sinn. Sie betrachten sich als moralisch überlegen und wissen nicht - oder ignorieren - die mörderischen Konsequenzen, die ihr Handeln für das wilde Tier hat. Schon vor über 2000 Jahren erzählte das Zhuangzi also Geschichten vom Zusammenprall zwischen Mensch und Natur.</p><p>Kill stories sind allerdings keine Geschichten über Tierschutz. Tiere sind im Zhuangzi Metaphern für die vor-zivilisatorische Sorglosigkeit und Leichtigkeit, nach daoistischer Auffassung der Idealzustand der Gesellschaft. Diese Sorglosigkeit wird aber von den sich zu Zhuangzis Zeit ausbreitenden konfuzianischen Werten und Normen zerstört. In einer harmonischen Gesellschaft nach Konfuzius’ Vorbild fügen sich die Menschen ihren sozialen Rollen, vereinfacht gesagt. Sie widmen sich der Kultivierung von Güte und Respekt. Wer aber immer damit beschäftigt ist, respektvoll und gütig aufzutreten, dem fällt es wahrscheinlich schwer, leicht und sorglos zu leben. </p><p>So richten die Kill Stories den Scheinwerfer auf das Leid und die Unruhe, die unter konfuzianischen Werten wie Güte, Harmonie und Respekt brodeln. Sie sind ein Brennglas für die Pathologien der Zeit des Zhuangzi.</p><h3>Timmy zeigt, woran die Moderne krankt</h3><p>Ich glaube, auch die Kill Story “Timmy Hope” ist ein Brennglas für die Pathologien der Gegenwart. Natürlich sind es nicht die gleichen wie jene im Zhuangzi, wir befinden uns schließlich nicht im antiken China. Aber keine Zivilisation ohne Zivilisationskrankheit, auch die Moderne hat ihre unangenehmen Nebenwirkungen. </p><p>Zum Beispiel das Unbehagen am Anthropozän. So nennen manche Forscher*innen das Zeitalter, das vom Menschen angeführt wird. Im Anthropozän ist der Mensch selbst zu einer Naturgewalt geworden, der die wilde Natur gezähmt, unterworfen und aus unserem Erfahrungshorizont verbannt hat. Zumindest glauben wir das. Denn manchmal schlägt sie eben doch zurück, zum Beispiel während der Coronakrise.</p><p>Oder wenn ein Wal ganz unerhört an einer Küste strandet. Da liegt sie nämlich, die wilde Natur, am Strand von Poel. Und keiner weiß so recht mit ihr umzugehen. Zhuangzi hätte seine Freude an dieser Kill Story gehabt.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Das Konzept der Kill Stories geht auf Professor Hans-Georg Moeller zurück, der an der Universität von Macau lehrt. </em><a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11712-023-09892-w"><em>Hier</em></a><em> steht mehr dazu. RIP Timmy und hier kannst du mir Feedback geben </em>👇</p><a href="https://forms.gle/3uUitn6ho87kL2sq6"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d441f1c6-5013-4005-8186-a30466284bf5/uploads/images/7qofuwji4x/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/d441f1c6-5013-4005-8186-a30466284bf5/uploads/images/ypp4yqljox/chinh-le-duc-8t9uyncwnHc-unsplash.jpg?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
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      <pubDate>Wed, 27 May 2026 04:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum du in China die Boulderhalle besuchen solltest]]></title>
      <description><![CDATA[Nirgendwo ist es leichter, etwas über das Leben junger Menschen zu lernen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Nirgendwo ist es leichter, etwas über das Leben junger Menschen zu lernen.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/89fc12b9-8081-4204-9c64-ebccc7093164/uploads/images/jq3evjqqeu/5211022303880224112.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Mit dem Fingerspitzen klammere ich mich an dem grau geriffelten Felsen aus Kunststoff fest, mein Fuß wandert suchend die Wand entlang. Meine Finger beginnen abzurutschen, als mir jemand zuruft: “Unten links ist ein Stein!” Erleichtert setze ich meinen Fuß auf den kleinen Absatz, schwinge mich an den obersten Griff und lasse mich auf die Matte unter mir fallen. Die Frau, die mir den Tipp gegeben hat, gibt mir einen High-Five. “Nice!”</p><p>Boulderhallen sind einer meiner <em>happy places </em>in Shanghai. Und das nicht nur, weil Klettern Spaß macht. Ich finde, wer nach China kommt und sich nur Tempel und die Große Mauer anschaut, verpasst was. Nämlich, in den Alltag junger Menschen reinzuschauen. Und das geht nirgendwo leichter als in der Boulderhalle.</p><p>Bouldern ist Klettern ohne Seil entlang einer mit bunten Griffen markierten Route. Klettersport wird immer beliebter in China, allein in Shanghai gibt es um die 100 Kletterhallen. Heute morgen sind in der Halle im Stadtteil Changning schon etwa ein Dutzend Menschen, die sich gegenseitig Tipps für die Routen geben.</p><p>Am Eingang gibt es kostenlose Pflaster und Bananen, aus den Lautsprechern dringt “Hot to Go”, ein Popsong der lesbischen Musikerin Chappell Roan. Die Besucher*innen tragen hochgekrempelte Jeanshosen und ausgewaschene T-Shirts, sie wirken angenehm ungehetzt. Eine Frau hat ihre Haare bunt gestreift gefärbt, wie die chinesisch-amerikanische Eiskunstläuferin Alyssa Liu.</p><p>Bouldern zieht in China vor allem Frauen an. In der Kletterhalle, die ich heute Morgen besuche, sind ausschließlich Frauen in ihren 20ern. Sie wirken nicht wie Profi-Sportlerinnen, sondern sind einfach hier, weil ihnen das Auskniffeln einer Kletterroute Freude macht. Als ich wieder und wieder an einer Route scheitere, tippt mich eine Besucherin an: “Du musst den Fuß nach links drehen, dann kannst du dich hochstemmen”, erklärt sie mir. Routen werden häufig zum Gemeinschaftsprojekt, manchmal tauscht man danach noch WeChat-Kontakte aus.</p><p>Boulderer sind quasi die Surfer der Großstädte. Den Sport umgibt eine progressive Lockerheit, die dem Tennis oder Fußball fehlt. Klettern kann jeder, man braucht keine spezielle Ausrüstung und verbessert sich schnell.</p><p>Oder, wer gehässig sein will, <a href="https://www.welt.de/kultur/plus691725cacc12c94ca4e42994/bouldern-klettern-ohne-gipfel-der-traurige-triumph-der-selbstoptimierung.html">so wie dieser Welt-Autor</a>, könnte auch sagen: Bouldern ist Selbstoptimierung für ausgebrannte Hipster, die mal wieder was spüren müssen.</p><p>Ein bisschen stimmt das: Ich bin auch in Hamburg ab und zu klettern gegangen. In der Hamburger Boulderhalle beschlich mich durchaus das Gefühl, in einen Hort der Produktivität reingelaufen zu sein. Das Publikum war durchtrainiert und sehr männlich, manche hatten sich trotz 11 Grad Außentemperatur das Shirt ausgezogen, andere noch den Laptop dabei, um später bei einem Kaffee etwas zu tippen.</p><p>In China sind typische Boulderer eher die jungen Menschen, die ihren Job geschmissen haben und “flachliegen”. Flachliegen ist eine Jugendbewegung in China, durch die viele junge Menschen aus dem Hamsterrad am Arbeitsplatz aussteigen. Bouldern passt gut in ihr Leben, weil sich um den Sport schnell Freundschaften entwickeln und er außerdem volle Konzentration auf ein Ziel erfordert. Viele junge Menschen sehnen sich nach Gemeinschaft und sind von ständiger Erreichbarkeit überfordert.</p><p>An der Kletterwand suchen einige nach der Selbstbestimmung, die ihnen im Aufwachsen durch den Druck des chinesischen Bildungssystems fehlte. “Klettern bietet diese Autonomie,” schreibt Shell, ein Bekannter von mir. Er ist so begeistert vom Klettersport, dass er ein 50 seitiges Zine über das Bouldern verfasst hat. “Es gibt keine Zeugnisse oder Prüfungen. Du kletterst, einfach weil du klettern willst.” Eine Studentin erklärt im Zine, ihre Eltern hätten in viele ihrer Entscheidungen eingegriffen. “Aber das Klettern habe nur ich selbst gewählt.”</p><p>Zu der laissez-faire Stimmung in der Boulderhalle tragen auch ein paar Besonderheiten des chinesischen Alltags bei: Weil überall Videokameras sind, ist Diebstahl ziemlich selten. Deswegen gibt es keine Schließfächer, meine Tasche liegt in einem Regalfach am Eingang. Viele Einrichtungen in China sehen über Fremdgetränke hinweg, also reihen sich an den Bänken Eiskaffees der to-go Kette Luckin aneinander. </p><p>Gegen Mittag bestellen sich einige Besucher*innen über die Plattform Meituan Mittagessen direkt in die Kletterhalle. Viele verbringen zwischen Klettern, Austauschen und gemeinsam Essen mehrere Stunden in der Boulderhalle. Kletterhallen werden zu sogenannten Third Spaces, also Gemeinschafts- und Wohlfühlorte außerhalb des eigenen Zuhauses oder des Arbeitsplatzes.</p><p>Auch die chinesische Regierung stärkt den Klettersport, seitdem er 2020 zur olympischen Disziplin wurde. <a href="https://www.sport.gov.cn/dszx/n5414/c29006316/content.html">Sie sucht</a> gezielt nach Top-Kletterern mit “hervorragender politisch-ideologischer Haltung”, die China bei den Olympischen Spielen 2028 vertreten sollen. </p><p>Wie China Sport für seine nationalen Ziele einsetzt, habe ich hier schon mal am Beispiel Fußball beschrieben. In dem Text habe ich argumentiert, dass Chinas Sportdiplomatie zeigt: Das Land schafft längst nicht alles, was es sich vornimmt. Auch im Klettersport kommen trotz der Regierungsbemühungen die weltweit besten Kletter*innen nach wie vor aus dem Ausland. In China hat besonders die slowenische Boulderin Janja Garnbret eine große Fangemeinde.</p><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/11f0ee5b-bb5e-49ed-93d2-5fbd337f4b6b?utm_campaign=steady_sharing_button">https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/11f0ee5b-bb5e-49ed-93d2-5fbd337f4b6b?utm_campaign=steady_sharing_button</a><p>Nach zweieinhalb Stunden an der Wand zittern meine Arme und ich beschließe, für heute Schluss zu machen. Menschen mit “hervorragender politisch-ideologischer Haltung” habe ich heute nicht kennengelernt. Aber ich glaube sowieso eher an das, was der Alpinist Alex Lowe mal sagte: “Am besten klettern die, die am meisten Spaß daran haben.”</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/1isd8EMZ6oJJu7Sn8"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/89fc12b9-8081-4204-9c64-ebccc7093164/uploads/images/ik27utjp25/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Junge Menschen]]></category>
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      <pubDate>Wed, 20 May 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Verliert die Kommunistische Partei den Draht zu jungen Menschen?]]></title>
      <description><![CDATA[Die Partei braucht Nachwuchs, der ideologisch überzeugt, gut ausgebildet und loyal ist. Nur wie der tickt, versteht sie nicht mehr.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Partei braucht Nachwuchs, der ideologisch überzeugt, gut ausgebildet und loyal ist. Nur wie der tickt, versteht sie nicht mehr.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/284c0f29-9af0-4ce3-b23d-54c99012fea0/uploads/images/qsiw6jv5ck/fenghua-y8MvYfgcklY-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><br/>“Die Jugend muss ihre Arroganz und ihre Verwöhntheit ablegen. Sie muss mehr Ausdauer, Fleiß und Eigenständigkeit an den Tag legen.” </p><p>Diese Worte stammen nicht etwa von Markus Lanz oder Frank Thelen, gesagt hat sie der chinesische Staatschef Xi Jinping. Und zwar während eines Besuchs des Rote-Fahnen-Kanals in der nordchinesischen Provinz Henan 2022. Den erbauten rund 100.000 Beteiligte im Eifer der Kulturrevolution. Durch das härteste Stück des Berges, 600 Meter Quarzstein, arbeitete sich eine Gruppe aus 300 jungen Männern und Frauen mit Spitzhacken und selbst gebautem Sprengstoff. 17 Monate dauerte diese Tortur.</p><p>Xi Jinping bewundert die Jugendlichen vom Rote-Fahnen-Kanal  für ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen. Vor allem die jungen Menschen im Land müssen zu diesem Kampfgeist zurückfinden, fordert er. Aber die ziehen sich derzeit aus dem Wettkampf um Arbeitsplätze, Geld und Prestige zurück und “liegen flach”, so heißt dieses Phänomen.</p><p>Spitzenkader der Partei wie Xi Jinping sind mit dem Glauben aufgewachsen, politische Resilienz bedeute, Leiden aushalten zu können. Eine seiner größten Befürchtungen ist, die chinesische Bevölkerung könne im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs die Fähigkeit dazu verlieren.</p><p>Aber diese Befürchtung ist längst eingetreten. Die Weigerung der Partei, das anzuerkennen, weist auf eine der größten Schwächen ihres Systems hin.</p><h3>Leiden, um die Hingabe zur Partei zu schmieden</h3><p>Xi Jinping ist 1953 geboren und heute 72 Jahre alt. Im Ständigen Ausschuss der Kommunistischen Partei ist niemand jünger als 63 Jahre alt (übrigens gibt es auch unter sieben Mitgliedern keine einzige Frau). Fast alle Mitglieder des höchsten Machtorgans haben zwischen 1959 und 1961 den Großen Sprung Nach Vorn miterlebt, die schlimmste Hungerkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Als Jugendliche verschickte man sie aufs Land, um “von den Bauern zu lernen”, wo sie harte körperliche Arbeit verrichteten, medizinische Versorgung oder Schulbildung gab es kaum.</p><p>“Bitterkeit essen” - <em>chi ku </em>吃苦, so nennt man die Bereitschaft, Hartes auf sich zu nehmen. Auch Xi Jinping hat in seinem Leben ziemlich viel Bitterkeit gegessen: Er war neun Jahre alt, als sein Vater Xi Zhongxun wegen Verschwörung gegen die Partei aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde. Xi Jinping lebte nach dem Parteiausschluss seines Vaters mehrere Jahre in einer Höhlenwohnung in Shaanxi. Erst 1975 kehrte er zurück nach Peking.</p><p>Der Einfluss seines Vaters habe Xi Jinping mit einem hobbesianischen Blick auf die Welt hinterlassen, schreibt Joseph Torigian. Also ein Blick, der von Misstrauen und dem Kampf um Macht und Sicherheit geprägt ist. Torigian hat vergangenes Jahr “The Party’s Interests Come First” veröffentlicht, eine vielbesprochene Biographie Xi Zhongxuns. “Leiden”, schreibt er, “bedeutet in der Partei, Willen und die eigene Hingabe zu schmieden.”</p><p>Viele Menschen in China leiden derzeit tatsächlich, vor allem junge. Und zwar unter der Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und einer ungewissen Zukunft. Aber je länger ich in China bin, desto mehr bezweifle ich, dass sie damit ihre Hingabe zur Mission der Kommunistischen Partei schmieden.</p><h3><strong>Davon träumen junge Menschen in China</strong></h3><p>Was Xi Jinping mit Arroganz und Verwöhntheit der Jugend meint, hat das <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5IWG2p3hb-Q&amp;t=2071s">ZDF in einer Reportage</a> eingefangen: Da ist Wanqing, die sich in Peking als Essenslieferantin über Wasser hält, nachdem sie von ihrer vorherigen Firma gekündigt wurde. Druck, schnell einen neuen Job zu finden, macht sie sich nicht. <br/>Da ist A Diao, der nach einem Studium in der Stadt zurück in sein Dorf im Süden Chinas gezogen ist, fünf Stunden Autofahrt vom nächsten Flughafen entfernt. Er verdient sein Geld mit social media Videos und läuft gerne barfuß über den Sandboden. <br/>Und da ist Wang Di, der in einem Skatepark in Shanghai eine Bar eröffnet hat. Wirklich Geld verdient er damit nicht, aber das scheint ihn nicht zu kümmern. “Ich werde keine Arbeitsmaschine. Ich will eine interessante Seele werden”, sagt er. </p><p>Viele meiner Freund*innen in Shanghai führen ein ähnliches Leben: Sie haben ihre Jobs als Anwältinnen oder im Marketing gekündigt, machen derzeit ein Gap Year oder verdienen etwas Taschengeld mit Teilzeitjobs. Einige sind in ein Wohnprojekt gezogen, andere organisieren Filmscreenings, Lesekreise und Diskussionsrunden. Viele von ihnen sind kreativ, sie interessieren sich für Kunst, Philosophie und sind digital sehr versiert. Das sind nicht gerade die Nachwuchs-Kader, die bereit sind, sich für die Nation aufzugeben.</p><p>Klar, die Mittelschicht in den wohlhabendsten Städten des Landes, könnte man meinen. Wie repräsentativ für die Jugend Chinas ist das schon? Aber es ist genau diese junge Mittelschicht, aus der die Partei eigentlich Nachwuchs rekrutieren will. Anders als ihr historisches Image es verspricht, ist die Kommunistische Partei längst keine Arbeiter- und Bauernpartei mehr. Fast <a href="https://www.12371.cn/2025/06/30/ARTI1751275794308364.shtml">60 Prozent aller Mitglieder</a> haben einen höheren Bildungsweg durchlaufen, die Partei rekrutiert mit <a href="https://www.thinkchina.sg/politics/future-china-chinese-youth-under-xi-jinpings-red-flag-political-participation-route-riches">speziellen Programmen</a> unter den besonders begabten Absolvent*innen der Universitäten.</p><p>Eine Parteimitgliedschaft erachten zwar viele junge Menschen zwar weiterhin als wertvoll. Aber vorrangig, weil sie einem Karrierevorteile verschafft. Die Kommunistische Partei benötigt jedoch Nachwuchs, der auch ideologisch gefestigt ist. Das stellt auch der Thinktank MERICS in einem Bericht fest.</p><h3><strong>Die Partei drängt sich in den Alltag der Bevölkerung zurück</strong></h3><p>Ihr bleibt ruhig, dafür verschaffen wir euch Wohlstand. Dieser alte Gesellschaftsvertrag zwischen Partei und Bevölkerung wackelt derzeit, denn Chinas Wirtschaft kriselt. Deswegen greift die Regierung wieder mehr auf Propaganda und Parteiwerte wie Nationalismus und Kampfgeist zurück, um sich Legitimation zu verschaffen. Denn Loyalität zur Partei und die Bereitschaft, für nationale Ziele zu kämpfen, gelten für die Partei als entscheidend für die Zukunft Chinas, schreiben die MERICS-Autor*innen in dem <a href="https://merics.org/en/report/serving-people-controlling-them-how-party-reinserting-itself-daily-life">Bericht</a>.</p><p>Teilweise ist sie damit erfolgreich: Nationalistische Botschaften verfangen sehr gut in der chinesischen Bevölkerung, vor allem vor dem Hintergrund des Handelskriegs mit den USA. In anderen Fällen verbrennt sie sich ziemlich die Finger, zum Beispiel als das Familienplanungsbüro 2021 einen <a href="https://www.abc.net.au/news/2021-08-14/china-three-child-policy-competition-for-slogans/100372766">Slogan-Wettbewerb</a> zum Start der Drei-Kind-Politik ausrief, die die Geburtenrate steigern sollte. “Gehören meine Geschlechtsorgane mir oder dem Staat?”, schrieb ein wütender Netizen auf Weibo, dem chinesischen Twitter. </p><p>Ich habe lange mit diesem Text gezögert. Denn es ist ziemlich schwierig, Aussagen über den Zeitgeist in China zu machen, ohne sich angreifbar zu machen. China ist bekanntermaßen riesig, und der Zugang zu unabhängigen sozialen Erhebungen ist beschränkt. Auch in den Kommentaren der ZDF-Reportage kritisieren einige, dass die dort dargestellten Jugendlichen eine Ausnahme seien. Das mag sein.</p><p>Aber da, wo eine Spitze ist, ist meistens auch ein Eisberg darunter. Das habe ich gemerkt, als ich in den vergangenen Monaten in Shanghai, auf chinesischen Festivals und in Kleinstädten im Süden Chinas unterwegs war.</p><p>Die jungen Menschen, die ich dort traf, waren mit vielen Fragen beschäftigt: Was ist mein Platz in der Welt? Wie will ich in Zukunft arbeiten? In welchen Gemeinschaften will ich leben? Keine*r wirkte, als hätte er oder sie besonders Lust, sich auf die Suche nach “<a href="http://politics.people.com.cn/n1/2023/0505/c1001-32679282.html">selbst auferlegter Bitterkeit</a>” zu begeben, so wie Xi Jinping es von ihnen fordert. Egal ob in Shanghai oder in der südchinesischen Kleinstadt Pu’er: Viele junge Menschen in China sehnen sich nach tiefen Freundschaften, Austausch und einem leichten Leben.</p><p>Was wir in Deutschland gerne als Generationenkonflikt bezeichnen, passiert in China quasi <em>on steroids. </em>Während junge Chines*innen mit dem Warenüberfluss chinesischer E-Commerce Plattformen aufwachsen, ist eine <a href="https://table.media/china/kolumne/johnny-erling-chinas-mandat-des-himmels-haengt-am-getreide">der größten Sorgen</a> Xi Jinpings bis heute, China könne eines Tages das Getreide ausgehen. Was ist ein gutes Leben? Darauf finden viele junge Menschen Antworten, die sich kaum noch decken mit offiziellen Narrativen.</p><p>Das ist ein Problem für eine Partei, die sich nicht als Partei im westlichen Sinne versteht, sondern eher als Bewegung, die für die soziale Ordnung des Landes zuständig ist.</p><h3><strong>Und was bedeutet das jetzt?</strong></h3><p>“Politik, das ist, wie wir mit Wandel umgehen”, schreibt der <a href="https://chinaarticles.substack.com/p/get-your-filthy-hands-off-my-desert">Analyst Matt Turpin</a>. Nur weil etwas unter bestimmten Umständen gut funktioniert habe, so Turpin, heiße das nicht, dass es auch dann gut funktioniert, wenn sich diese Umstände ändern. Turpin schreibt den Zusammenbruch der Sowjetunion unter anderem der Unfähigkeit zu, mit Wandel umzugehen.</p><p>Ich glaube, das lässt sich auch übertragen auf die Unfähigkeit, mit sozialem Wandel umzugehen. Wenn es der Kommunistischen Partei auf lange Sicht nicht gelingt, den Wandel des Zeitgeistes mitzudenken, wird sie (zumindest ideologisch) ihre Strahlkraft verlieren.</p><p>Diese Gefahr ist nicht lebensbedrohlich für das chinesische System. Die Partei wird weiterhin als Karriereleiter relevant bleiben. Aber es zeigt: Das chinesische System ist inflexibel. Es ist oft nicht in der Lage, auf einem bereits eingeschlagenen Weg eine Kurskorrektur vorzunehmen.</p><p>Das hat unter anderem die Corona-Politik Chinas gezeigt, mit der sich die chinesische Regierung 2022 in eine Sackgasse manövrierte. Oder die Ein-Kind-Politik, die China eine der schwersten demografischen Krisen des Planeten beschert hat. Auch jetzt ist es der Partei bisher weder gelungen, die Sorgen und Wünsche junger Menschen auch nur ernst zu nehmen, geschweige denn, sie in ihre Parteinarrative zu integrieren.</p><p>Chinas Jugend ist notorisch unberechenbar. 1989, auf dem Tiananmen-Platz, brachten die Forderungen junger Chines*innen nach Demokratie und Pressefreiheit das chinesische System an den Rand seiner Belastungsgrenze. 2021 kapitulierten chinesische Jugendliche mit “Flachliegen” vor der Leistungsgesellschaft. Heute ist die Bewegung zu einer metaphysischen Sinnsuche ausgewachsen. 2022 waren es wieder vor allem junge Menschen, die in Shanghai und anderen Teilen des Landes gegen den Corona-Lockdown demonstrierten und den Rücktritt Xi Jinpings forderten. </p><p>Diese Unberechenbarkeit hält die Spitzenfunktionäre der Partei mit Sicherheit ziemlich auf Trab. Denn wer seine Bevölkerung nicht gut versteht, kann sie schwerer einschätzen, kann sie schwerer kontrollieren. Und die Kommunistische Partei <em>liebt </em>Planung, Vorhersehbarkeit und Kontrolle, die sich einfach ausführen lässt.</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/97GJEKCy5N7dNxr88"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/284c0f29-9af0-4ce3-b23d-54c99012fea0/uploads/images/5l6ren2gra/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Junge Menschen]]></category>
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      <pubDate>Wed, 29 Apr 2026 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Interview: “Chinese women don’t cooperate with men anymore”]]></title>
      <description><![CDATA[A conversation with Chinese feminist Li Wen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>A conversation with Chinese feminist Li Wen.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/bf5747d0-5820-4cad-a93b-e8359f600d95/uploads/images/dmlk4e2l5q/WhatsApp_Image_2026-04-07_at_16.56.34.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Li Wen left China in 2012. The atmosphere became too suffocating for a journalist like her. “I knew that if I’d stay, one day I’d get myself in trouble”, she says. She has since settled in Berlin and hosts “Seahorse Planet”, a feminist podcast popular with its Chinese audience, despite the fact it’s censored in China. </p><p>Li Wen is not going to run out of issues to talk about anytime soon: gender equality in China has diminished rapidly since 2008. Online and offline, feminist voices are shut down for “inciting gender antagonism”. At the same time, Chinas birthrate has dropped to a historical low, because more and more women decide against marriage and childbirth.</p><p>Violence against women and the retraditionalization of gender roles are not a uniquely Chinese problem. Yet, the challenges Chinese women face are distinct due to China&#39;s political context and the legacy of the one-child-policy. The Chinese feminist movement that has emerged in these circumstances deserves much more attention in the West.</p><p>I talked to Li Wen about the regress of women’s rights in China, how Chinese feminists are fighting back, and what Western feminists can learn from feminist struggles in East Asia.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Emily: One of your most successful podcast episodes is about </strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=E1-t4hMidaI&amp;t=5s"><strong>恋爱脑, the “romantic brain”</strong></a><strong>, the female obsession with romanticism. In this episode, your interview partner Ru Ru explains how she broke free from the “romantic brain” by dividing her needs up. She decided to find one companion for watching a movie, one for eating together, one for sexual things, and so forth.</strong></p><p><strong>Why did this episode spark so much reaction in your Chinese audience?</strong></p><p>Li Wen: The term “romantic brain” had just come up when I first published this episode a couple years ago. After publishing the episode, I immediately got a lot of enthusiastic responses from young women. In the heterosexual mainstream of Chinese society, these women had rarely come across a narrative to legitimize their needs for emotional support, sex or companionship. They found it in my podcast. And that drove men crazy. </p><p><strong>You received a lot of backlash for this episode, right?</strong></p><p>Yes, there were a lot of angry men who reported my episode to the Chinese internet platforms. From then on, my podcast was completely censored in China. I believe this episode has touched upon a fundamental rule of the patriarchal ideology: Once women instrumentalize men in the same way men make use of women, male dominance is violated. And that makes them very angry. </p><p><strong>We see a similar dynamic with female comedians in China, right? They get massive backlash for even just the simplest jokes about men. </strong></p><p>Right. The Chinese standup comedian, Yang Li, received immense online bullying for her jokes about men who were “so average and yet so full of confidence”. She had to stop posting on social media and step down from the stage.</p><p><strong>During China&#39;s communist era, the housewife lifestyle was considered “Western decadence” in China. But today, Chinese women are being pushed back into a domestic role. China has also dropped sharply in the World Economic Forum&#39;s Gender Gap report to 103rd out of 146 places.</strong></p><p><strong>How did China go from Mao Zedong’s “Women hold up half the sky” to the dire state of gender equality today?</strong></p><p>I will try to briefly summarize one century&#39;s struggle of feminism in China <em>(laughs). </em>Equal gender rights was a pillar of the Communist ideology. In the early 20th century, women gained rights for two reasons: they participated both in the May Fourth movement and in the Communist revolution and helped the Communist Party to gain power. And second, the Communist Party at that time really needed women in their power struggle. But that didn&#39;t mean women were really equal to men. The elites and leaders were still mostly men. </p><p>During the Opening and Reform time from the 1980s, a lot of movies, TV series and books came from Taiwan and Hongkong to China. Both had never gone through the Communist revolution. Their cultural products were full of conservative ideology. I was a kid at the time, and I remember the communist movies and TV series I watched. In these movies, women were valiant, they were strong. They worked in the field driving tractors and trucks. They were called comrades, just like men. But in the Taiwanese or American movies, women were called “Misses”, they stayed at home and cooked for their family. </p><p>I could sense that the ideology department of the Chinese government was not actually against the subordination of women. They just opposed a so-called “decadent lifestyle”, in which people dressed up nicely, went out for dances, and such. So in the 1990s, 女德班, classes on female virtue, started appearing in universities all around the country. And we all know what “female virtues” mean…</p><p><strong>… submission, being pretty, being quiet…</strong></p><p>My daughter was born in 2001. She went to a kindergarten in Shanghai, and one day she told me that all the girls in her class wanted to be housewives. I was shaken to my core when I heard that. When I grew up, my dream was to become the next foreign minister of China. Then I realized that the education, the TV series, and the role models around her were completely different from my generation.</p><p><strong>To me it’s funny that we call this process re-traditionalization. In Europe the housewife is a very modern invention. Women worldwide are being pushed back into this “traditional role” that was never really a cultural tradition to begin with.</strong></p><p>If you define housewives in terms of this vintage American middle class idea, yes. The Chinese term for housewife, 家庭主妇, is modern too. But the essence is the same. In patriarchal history women have always been forced to perform free labour at home for men. That’s it.</p><p><strong>Can you give some insight into how feminists organize in a country that basically doesn&#39;t allow independent political organisation?</strong></p><p>There was a brief period of feminist activism in the Western sense, particularly after the 1995 UN World Conference on Women in Beijing. At the time, China was still under sanctions because of the Tiananmen Square massacre. Beijing saw the Conference as an icebreaker to the West. The event was historical, both in terms of its scale and the feminist institutions that sparked from it, like the now defunct Anti-Domestic Violence Network founded by Chen Mingxia. So between 1995 and 2008, there were feminist NGOs in China and feminist protests covered up as performance art.</p><p>2008 was a watershed that ended this period of Western-style activism, for several reasons: Protests were happening in Tibet and Xinjiang, and after that Beijing cracked down on lots of NGOs, including feminist institutions. At the same time, China rose to the second biggest economy in the world. This gave the government enough confidence to crack down on civil society without caring about Western criticism. The Arab Spring and the downfall of Lybian leader Muammar Gaddafi intensified Beijing’s crackdown on independent activism.</p><p>After that, a new generation of feminists started a kind of online grassroots feminism on platforms like Douban <em>[a Chinese forum to discuss books, films and personal interests] </em>and Weibo <em>[a Chinese microblogging platform, similar to Twitter/X].</em> These digital feminists shifted away from negotiations with the government to women&#39;s issues in the private sphere. They don&#39;t even use words like patriarchy or feminism, because these terms are likely to be censored. Instead they ask questions like, should my mom do so much housework? Do I want to grow up like her? Why does my brother inherit the house, and not me? </p><p>All this points to the very origin of women&#39;s oppression: the patriarchal family. A whole generation of young girls&#39; have had their perception about their rights reshaped by these discussions. I think this focus on the private sphere is the biggest difference between Eastern and Western feminism.</p><p><strong>Less and less Chinese women are willing to marry or have kids. In South Korea women started the 4B movement, which advocates against marriage, childbirth and sexual and romantic relationships with men. Why did these movements come up in East Asia specifically? </strong></p><p>In South Korea women can establish NGOs, they have protested on the street a lot of times. But did that change anything? Not really. Because changing politics through protest and advocacy doesn’t always work. In desperation, the South Korean women, especially the radical feminists, started the 4B movement. I think we see a similar phenomenon in China.</p><p>Much of Western media thinks that nothing ever happens in China because we can’t go on the streets. But actually a lot of things don&#39;t have to happen on the street. Choosing to not get married or have children is a big enough decision. It’s called non-cooperative movement. They don&#39;t cooperate anymore. </p><p><strong>Absolutely, I think in the West there’s a hope that one day, <em>finally</em>, protests will erupt in China. So we easily overlook other important shifts happening. Maybe you can expand a bit on this idea. What are Western feminists overseeing and what could they learn from a look at their sisters in East Asia?</strong></p><p>I&#39;m going to offend a lot of people, including you, when I say this.</p><p><strong>That’s okay (<em>laughs</em>). I can deal with that. </strong></p><p>I think the so-called third feminist movement in the West is a big distraction from the real issues. I&#39;m not saying nothing good came out of it. But what I see as a result is a stagnation of women&#39;s rights. The previous generations of feminists knew very well what power is. Power is political power, money, freedom of movement for women. </p><p>As I see it, the public attention in the past decade has been too much occupied on issues of sexual and gender identification. And that gave men an easy way out. We feminists in the West cannot unite ourselves to focus on the root issue. The root issue is that women are excluded from power structures. For example, in the German parliament, women still make up less than a third of the representatives.</p><p><strong>I can understand this perspective. When I grew up, girl boss feminism was a big thing. Everybody thought, women can do everything, there is no glass ceiling anymore. Maybe this neoliberal idea led us to cast aside equal pay and political representation.</strong></p><p>I was a victim of this girl boss illusion too. There is something specific to the Chinese girl boss feminism: middle-class girls born into a one-child family were set on a route to compete in China&#39;s education system. Because China’s education system is both sophisticated and competitive, they enter college with a high self esteem: They are very well educated and profited from China&#39;s booming economy. And suddenly, upon entering university, they are confronted with beauty standards that weren’t important in school before: They have to be thin, pretty, and wear make-up. And still, no matter how competent they are, their mediocre male classmate might get the job ahead of them. </p><p>This contrast is why Chinese feminists think much more radically. I call it radical because it is perceived as such by society, but I don&#39;t think it&#39;s radical at all. Chinese feminists are demanding power for women  in every sector. They are confident, unapologetic and stick to the core issues.</p><p><strong>There is a sense of</strong> <strong>disillusionment among feminists worldwide at the moment, especially in light of recent cases of extreme violence against women, like Gisèle Pellicot and Jeffrey Epstein. Feminist struggles sometimes just seem ceaseless.</strong></p><p><strong>Many women today are wondering, “how can I live with men at all?” What answer do Chinese feminists have to this question? </strong></p><p>There is one good thing about social media: Women can speak out on a scale they were never able to before. Now Chinese women start to see each other. And they see not only how prevalent male exploitation and violence are in our society. They realize how great women are. Chinese feminists have moved from misandry to creating a women-centred culture, a sort of modern matriarchal culture. </p><p>A matriarchy is about centering women and children, and not about attacking men. Focusing on your hatred towards men doesn&#39;t create a new social order. We want to create a woman-centred culture to find out what society can look like if women are the agenda setters. </p><p><strong>For me too, a big step in recent years was to make more space for the women in my life.</strong></p><p>As long as we give men our attention and energy, even if we fight against male oppression, we still give them power. But when we devote our energy and attention to women, we can dissolve the patriarchal power structure much more effectively. </p><p>Actually, this is nothing new. In the 1970s and 80s, there was a separatist movement among Western feminists. But not enough women followed, because the majority of women were still hoping that men would join the women&#39;s rights movement. But this new generation of disillusioned feminists knows it’s futile to spend your life convincing men to join you. It&#39;s much more effective to start your own community and let men follow.</p><p><strong>To me, feminist activism is indivisible from the struggle for queer rights. How are lesbians, bisexual women, and transgender women are doing in China?</strong></p><p>Both gay men and lesbian women are discriminated against in China. However, in Chinese history homosexuality was tolerated as as long as one fulfills their duty to get married and have children.</p><p>The government doesn’t openly persecute gays and lesbians anymore since the 1990s. But they don’t intervene when for example parents send their homosexual kids to so-called “schools” that are basically punishment centers. They serve to “correct” the children’s sexual orientation. In these schools, there is a lot of physical violence, including the use of electric shocks. For homosexual kids, this is the biggest nightmare.   </p><p>I think gay men in China are having a comparatively better life than lesbians. There are more gay clubs than lesbian bars, and gay novels and mangas are very popular with young people.</p><p>Sometimes gay men or lesbian women get married just so their parents will stop bugging them. In this case, lesbians suffer more because they have to play the traditional women&#39;s role. They have to bear children. They do more chores and serve the family. So even in the queer community, this power imbalance between men and women is very obvious.</p><p><strong>Li Wen, thank you for agreeing to talk with me. I thoroughly enjoyed this conversation.</strong></p><p>Thank you.</p><p><br/></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Thu, 09 Apr 2026 13:35:01 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Interview: “Frauen in China kooperieren nicht mehr mit Männern”]]></title>
      <description><![CDATA[Ein Gespräch mit der chinesischen Feministin Li Wen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Ein Gespräch mit der chinesischen Feministin Li Wen.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c08b464e-00dd-4b9b-8371-885b9f9541da/uploads/images/3bnpllu5vu/WhatsApp_Image_2026-04-07_at_16.56.34.jpeg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><em>Read the English version </em><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/bf5747d0-5820-4cad-a93b-e8359f600d95"><em>here</em></a><em>.</em></p><p>Li Wen hat China im Jahr 2012 verlassen. Die Atmosphäre sei für eine Journalistin wie sie immer erdrückender geworden, sagt sie: “Ich wusste, dass ich mich eines Tages in Gefahr bringe, wenn ich bleibe.” Seitdem hat sie sich in Berlin niedergelassen und 2018 den feministischen Podcast “Seahorse Planet” gestartet. Der Podcast hat viele chinesische Fans - obwohl er in China zensiert wird.</p><p>An Themen mangelt es Li Wen nicht: Die Gleichstellung der Geschlechter in China hat seit 2008 rapide abgenommen. Online und offline werden feministische Stimmen zum Schweigen gebracht mit der Begründung, sie “schürten Geschlechterhass”. Gleichzeitig ist Chinas Geburtenrate auf einem historisch niedrigen Stand. Auch, weil immer mehr Frauen sich gegen Heirat und Kinder entscheiden.</p><p>Gewalt gegen Frauen und die Retraditionalisierung von Geschlechterrollen sind kein rein chinesisches Problem. Trotzdem sind die Herausforderungen chinesischer Frauen besonders, sowohl aufgrund von Chinas politischem Kontext als auch dem Erbe der Ein-Kind-Politik. Die feministische Bewegung Chinas, die unter diesen Bedingungen entstanden ist, verdient weitaus mehr Aufmerksamkeit.</p><p>Ich habe mit Li Wen gesprochen über den Rückschritt der Rechte von Frauen in China, den Widerstand chinesischer Feministinnen und darüber, was westliche Feministinnen von feministischen Kämpfen in Ostasien lernen können.</p><hr aria-hidden="true"/><p><strong>Eine Ihrer erfolgreichsten Podcast-Episoden handelte vom 恋爱脑, dem “romantischen Gehirn”. Gemeint ist ist die weiblichen Obsession mit der Romantik. Ihre Gesprächspartnerin Ru Ru erklärt, sie habe sich davon befreit, in dem sie ihre Bedürfnisse aufgeteilt hat. Sie hat entschieden, einen Partner für Filmabende zu suchen, einen zum gemeinsamen Essen, einen für sexuelle Dinge, und so weiter.</strong></p><p><strong>Warum hat diese Episode bei Ihrem chinesischen Publikum für so heftige Reaktionen gesorgt?</strong></p><p>Der Begriff “romantisches Gehirn” war gerade erst aufgekommen, als ich diese Episode vor einigen Jahren veröffentlichte. Nach der Veröffentlichung erhielt ich sofort sehr viele begeisterte Rückmeldungen von jungen Frauen. Im heterosexuellen Mainstream der chinesischen Gesellschaft waren sie kaum auf ein Narrativ gestoßen, das ihre Bedürfnisse für emotionale Unterstützung, Sex oder einfach Gesellschaft legitimierte. In meinem Podcast fanden sie eine solche Legitimation. Und das hat Männer rasend gemacht.</p><p><strong>Sie haben für diese Episode viel Gegenwind bekommen, oder?</strong></p><p>Ja, viele wütende Männer haben meine Episode bei den chinesischen Internetplattformen gemeldet. Seitdem ist mein Podcast in China komplett zensiert.</p><p>Ich glaube, diese Episode hat eine grundlegende Regel des patriarchalen Selbstverständnisses berührt: Sobald Frauen Männer auf dieselbe Weise instrumentalisieren, wie Männer Frauen benutzen, wird die männliche Vorherrschaft verletzt. Und das macht Männer sehr wütend.</p><p><strong>Eine ähnliche Dynamik sehen wir bei Komikerinnen in China, oder? Sie ernten massiven Gegenwind, selbst für die simpelsten Witze über Männer.</strong></p><p>Ja. Zum Beispiel machte die chinesische Stand-up-Comedian Yang Li Witze über Männer, die sie „so durchschnittlich und dennoch so selbstbewusst” nannte. Danach wurde sie so heftig angegriffen, dass sie aufhörte, in den sozialen Medien zu posten, und sich von der Bühne zurückzog.</p><p><strong>Der Lebensstil der Hausfrau galt in Chinas kommunistischer Ära als “westliche Dekadenz”. Heute werden chinesische Frauen in eine häusliche Rolle zurückgedrängt. China ist im Gleichstellungsindex des Weltwirtschaftsforums auf Platz 103 von 146 abgerutscht.</strong></p><p><strong>Was ist seit Mao Zedongs „Frauen tragen die Hälfte des Himmels&quot; passiert?</strong></p><p>Ich versuche mal, den einhundert Jahre langen feministischen Kampf in China kurz zusammenzufassen <em>(lacht)</em>. Gleichberechtigung der Geschlechter war ein Grundpfeiler der kommunistischen Ideologie. Im frühen 20. Jahrhundert erkämpften sich Frauen erkämpften aus zwei Gründen Rechte: Sie beteiligten sich sowohl an der Bewegung des Vierten Mai als auch an der kommunistischen Revolution. Sie halfen dadurch der Kommunistischen Partei, an die Macht zu kommen. Und zweitens brauchte die Kommunistische Partei damals Frauen in ihrem Machtkampf. Das bedeutete jedoch nicht, dass Frauen wirklich gleichgestellt waren. Die Eliten und Führungspersönlichkeiten waren nach wie vor überwiegend Männer.</p><p>Während der Reform- und Öffnungszeit ab den 1980er Jahren kamen viele Filme, Fernsehserien und Bücher aus Taiwan und Hongkong nach China. Taiwan und Hongkong hatten nie die kommunistische Revolution durchlaufen. Ihre Kulturprodukte waren voller konservativer Ideologie. Ich war damals ein Kind und erinnere mich an die kommunistischen Filme und Serien. In diesen Filmen waren Frauen tapfer und stark. Sie arbeiteten auf den Feldern und fuhren Traktoren und Lastwagen. Sie wurden als “Genossen” angesprochen, wie die Männer. In taiwanischen oder amerikanischen Filmen hingegen nannte man Frauen “Misses”, sie blieben zu Hause und kochten für ihre Familie.</p><p>Meinem Gefühl nach hatte die chinesischen Regierung nichts gegen die Unterordnung von Frauen. Sie lehnten lediglich einen sogenannten “dekadenten Lebensstil” ab, bei dem man sich schick anzog, tanzen ging und so weiter. So begannen in den 1990er Jahren 女德班, Kurse in weiblicher Tugend, an Universitäten im ganzen Land. Und wir alle wissen, was “weibliche Tugenden” bedeuten…</p><p><strong>… sich unterwerfen, hübsch sein, still sein…</strong></p><p>Meine Tochter wurde 2001 geboren. Sie besuchte einen Kindergarten in Shanghai und erzählte mir eines Tages, dass alle Mädchen in ihrer Klasse Hausfrauen werden wollten. Ich war zutiefst erschüttert, als ich das hörte. Mein Traum als kleines Mädchen war es, die nächste Außenministerin Chinas zu werden. Plötzlich realisierte ich: Die Erziehung, die Fernsehserien und die Vorbilder meiner Tochter waren völlig anders als zu meiner Zeit.</p><p><strong>Ich finde es lustig, dass wir diesen Prozess Retraditionalisierung nennen. In Europa ist die Hausfrau eine sehr moderne Erfindung. Frauen weltweit werden in diese „traditionelle Rolle&quot; zurückgedrängt, die eigentlich nie wirklich eine kulturelle Tradition war.</strong></p><p>Wenn man “Hausfrau” im Sinne dieses amerikanischen Mittelschichtideals aus den 1950er Jahren definiert, ja. Auch der chinesische Begriff für Hausfrau, 家庭主妇, ist modern. Aber das Phänomen bleibt das Gleiche. Frauen wurden in der patriarchalen Geschichte immer dazu gezwungen, zu Hause unbezahlte Arbeit für Männer zu leisten.</p><p><strong>Wie organisieren sich Feministinnen in einem Land, das unabhängige politische Organisation grundsätzlich nicht zulässt?</strong></p><p>Es gab eine kurze Phase feministischen Aktivismus im westlichen Sinne, insbesondere nach der UN-Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking. Zu dieser Zeit stand China noch unter Sanktionen wegen des Massakers auf dem Tiananmen-Platz. Peking sah die Konferenz als eine Art Eisbrecher gegenüber dem Westen.</p><p>Die Konferenz war ein historisches Ereignis, sowohl was ihren Umfang betrifft als auch die feministischen Institutionen, die daraus hervorgingen. Zum Beispiel das inzwischen aufgelöste Anti-Domestic Violence Network, das Chen Mingxia gründete. Zwischen 1995 und 2008 gab es in China feministische NGOs und Proteste, die als Performancekunst getarnt wurden.</p><p>2008 war eine Zäsur, die diese Phase des westlich geprägten Aktivismus beendete. Dafür gibt es mehrere Gründe: In Tibet und Xinjiang kam es zu Protesten. Danach ging Peking hart gegen NGOs vor, auch gegen feministische Institutionen. Gleichzeitig stieg China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf. Das gab der Regierung genug Selbstvertrauen für die Übergriffe gegen die Zivilgesellschaft, ohne sich um westliche Kritik scheren zu müssen. Der Arabische Frühling und der Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi gaben Peking noch mehr Gründe, gegen unabhängigen Aktivismus vorzugehen.</p><p>Danach begann eine neue Generation von Feministinnen einen Art grassroot-Feminismus auf Online-Plattformen wie Douban <em>[ein chinesisches Forum zur Diskussion von Büchern, Filmen und persönlichen Interessen]</em> und Weibo <em>[eine chinesische Mikroblogging-Plattform, ähnlich wie Twitter/X]</em>. Diese digitalen Feministinnen wandten sich von Verhandlungen mit der Regierung ab. Sie verwenden nicht einmal Begriffe wie Patriarchat oder Feminismus, weil diese Begriffe der Zensur zum Opfer fallen. Stattdessen widmeten sie sich dem privaten Bereich. Sie stellen sie Fragen wie: Muss meine Mutter wirklich so viel Hausarbeit machen? Will ich so aufwachsen wie sie? Warum erbt mein Bruder das Haus und nicht ich?</p><p>All das verweist auf den Ursprung der Unterdrückung von Frauen: die patriarchale Familie. Diese Diskussionen online haben geprägt, wie eine ganze Generation junger Mädchen ihre eigenen Rechte wahrnimmt. Meiner Meinung nach ist der Fokus auf die Privatsphäre der größte Unterschied zwischen östlichem und westlichem Feminismus.</p><p><strong>Sowohl in Südkorea als auch in China lehnen immer mehr Frauen Kinder und Ehe ab. In Südkorea mündete das in die 4B-Bewegung, die Heiraten, Kinderkriegen und sexuelle und romantische Beziehungen mit Männern ablehnt. Sie haben das schon angedeutet, aber warum entstanden diese Bewegungen speziell in Ostasien?</strong></p><p>In Südkorea können Frauen NGOs gründen, sie haben viele Male auf der Straße protestiert. Hat das irgendetwas verändert? Nicht wirklich. Denn Politik durch Protest zu verändern funktioniert nicht immer. Aus Verzweiflung gründeten die südkoreanischen Frauen, insbesondere die radikalen Feministinnen, die 4B-Bewegung. Ich glaube, in China sehen wir ein ähnliches Phänomen.</p><p>Ein Großteil der westlichen Medien glaubt, dass in China nie etwas passiert, weil wir nicht auf die Straße gehen können. Aber vieles muss gar nicht auf der Straße stattfinden. Die Entscheidung, nicht zu heiraten oder keine Kinder zu bekommen, ist schwerwiegend genug. Das nennt man<em> non-cooperative movement</em>. Sie kooperieren nicht mehr.</p><p><strong>Absolut. Ich glaube, im Westen hoffen viele, dass eines Tages <em>endlich </em>Proteste in China ausbrechen. Dadurch übersehen wir schnell andere wichtige Entwicklungen. Vielleicht können Sie diesen Gedanken etwas ausführen.</strong></p><p><strong>Was übersehen westliche Feministinnen, und was könnten sie von ihren Schwestern in Ostasien lernen?</strong></p><p>Ich werde damit viele Menschen vor den Kopf stoßen, auch Sie.</p><p><strong>Das ist in Ordnung <em>(lacht).</em> Damit kann ich umgehen.</strong></p><p>Ich denke, die sogenannte dritte feministische Bewegung im Westen ist eine große Ablenkung vom eigentlichen Problem. Ich sage nicht, dass nichts Gutes daraus entstanden ist. Aber was ich als Ergebnis sehe, ist ein Stillstand bei den Rechten von Frauen. Frühere Generationen von Feministinnen wussten sehr genau, was Macht bedeutet. Macht ist unter anderem politische Macht, Geld, Bewegungsfreiheit für Frauen.</p><p>Meiner Ansicht nach haben wir uns im letzten Jahrzehnt zu sehr auf Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Identität gerichtet. Das hat Männern einen einfachen Ausweg gegeben. Uns Feministinnen im Westen gelingt es nicht, uns auf das Kernproblem zu konzentrieren. Das Kernproblem ist, dass Frauen von Machtstrukturen ausgeschlossen sind. Zum Beispiel stellen Frauen im deutschen Parlament noch immer weniger als ein Drittel der Abgeordneten.</p><p>I<strong>ch kann diese Perspektive nachvollziehen. Als ich aufwuchs, war Girl-Boss-Feminismus groß in Mode. Überall hieß es, Frauen können alles, es gibt keine gläserne Decke mehr. Vielleicht haben wir wegen dieser neoliberalen Idee gleiche Bezahlung und politische Repräsentation etwas links liegen lassen.</strong></p><p>Ich war auch ein Opfer dieser Girl-Boss-Illusion. Sehen Sie: Mädchen aus Chinas Mittelschicht, die als Einzelkind aufwuchsen, wurden auf den Wettkampf im chinesischen Bildungssystem konditioniert. Weil Chinas Bildungssystem so anspruchsvoll ist, kommen diese Mädchen mit einem hohen Selbstbewusstsein an die Uni: Sie sind sehr gut ausgebildet und haben von Chinas boomender Wirtschaft profitiert. Und an der Uni werden sie plötzlich mit Schönheitsstandards konfrontiert, die in der Schule keine Rolle spielten: Sie müssen dünn, hübsch und geschminkt sein. Und trotzdem bekommt ihr mittelmäßiger männlicher Kommilitone möglicherweise den Job vor ihnen.</p><p>Das ist der Grund, warum chinesische Feministinnen so viel radikaler denken. Ich nenne es radikal, weil die Gesellschaft es als solches wahrnimmt, aber ich finde es überhaupt nicht radikal. Chinesische Frauen fordern Macht in jedem gesellschaftlichen Bereich. Sie sind selbstbewusst und weichen nicht von den Kernproblemen ab.</p><p><strong>Unter Feministinnen weltweit herrscht gerade ein Gefühl der Desillusionierung, besonders angesichts jüngster Fälle extremer Gewalt gegen Frauen wie Gisèle Pelicot und Jeffrey Epstein. Feministische Kämpfe scheinen vielen schlicht vergeblich.</strong></p><p><strong>Ich glaube, viele Frauen fragen sich heute: „Wie kann ich überhaupt mit Männern zusammenleben?&quot; Welche Antwort finden chinesische Feministinnen auf diese Frage?</strong></p><p>Soziale Medien haben eine gute Seite: Frauen können sich in einem Ausmaß äußern, das zuvor nie möglich war. Jetzt beginnen chinesische Frauen, sich gegenseitig wahrzunehmen. Und sie sehen nicht nur, wie verbreitet männliche Ausbeutung und Gewalt in unserer Gesellschaft sind. Sie erkennen, wie großartig Frauen sind. Chinesische Feministinnen haben sich von der Misandrie hin zu einer frauenzentrierten Kultur bewegt, einer Art moderner matriarchaler Kultur.</p><p>Ein Matriarchat bedeutet, Frauen und Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, nicht Männer anzugreifen. Wenn man sich auf seinen Hass gegen Männer konzentriert, entsteht keine neue Gesellschaftsordnung. Wir wollen stattdessen herausfinden, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der Frauen die Tagesordnung bestimmen.</p><p><strong>Ein wichtiger Schritt für mich in den letzten Jahren war ebenfalls, den Frauen in meinem Leben mehr Raum zu geben.</strong></p><p>Solange wir Männern unsere Aufmerksamkeit und Energie schenken, geben wir ihnen Macht. Selbst wenn wir gegen männliche Unterdrückung kämpfen. Wenn wir unsere Energie und Aufmerksamkeit Frauen widmen, können wir die patriarchale Machtstruktur wirklich auflösen.</p><p>Eigentlich ist das nichts Neues. In den 1970er und 80er Jahren gab es auch separatistische Bewegungen unter westlichen Feministinnen. Aber nicht genug Frauen schlossen sich ihr an. Denn die Mehrheit der Frauen hoffte noch, Männer würden sich der Frauenrechtsbewegung anschließen. Aber diese neue Generation desillusionierter Feministinnen erkennt: Es ist sinnlos, sein ganzes Leben damit zu verbringen, Männer zu überzeugen, sich anzuschließen. Viel wirksamer ist es, eine eigene Gemeinschaft aufzubauen. Vielleicht folgen die Männer ja dann.</p><p><strong>Für mich ist feministischer Aktivismus untrennbar mit dem Kampf für queere Rechte verbunden. Wie geht es Lesben, bisexuellen Frauen und Transgender-Frauen in China?</strong></p><p>In der chinesischen Geschichte wurde Homosexualität toleriert, solange man seiner Pflicht nachkam, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Aber heute werden schwule Männer und lesbische Frauen in China diskriminiert.</p><p>Die Regierung verfolgt Schwule und Lesben seit den 1990er Jahren nicht mehr offen. Sie greift aber auch nicht ein, wenn zum Beispiel Eltern ihre homosexuellen Kinder in Strafeinrichtungen schicken, in denen die sexuelle Orientierung der Kinder “korrigiert” werden soll. In diesen Einrichtungen gibt es viel körperliche Gewalt, auch Elektroschocks. Für homosexuelle Kinder ist das der schlimmste Albtraum.</p><p>Ich glaube aber, dass schwule Männer in China ein vergleichsweise besseres Leben haben als Lesben. Es gibt mehr Clubs für schwule Männer als Bars für lesbische Frauen. Und unter jungen Menschen sind Romane und Mangas mit schwulen Charakteren sehr beliebt.</p><p>Manchmal heiraten schwule Männer oder lesbische Frauen, nur damit das Drängen der Eltern aufhört. Auch dann leiden Lesben mehr, weil sie die traditionelle Frauenrolle erfüllen müssen. Sie müssen Kinder haben. Sie müssen Kinder gebären. Sie erledigen mehr Hausarbeit und dienen der Familie. Sogar in der queeren Community sind also die ungleichen Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau offensichtlich.</p><p><strong>Li Wen, vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit mir zu sprechen. Ich habe dieses Gespräch sehr genossen.</strong></p><p>Danke.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Du hast bis hier hin gelesen? Dann mach mir eine Freude und gib mir kurz Feedback!</p><a href="https://forms.gle/Qd6fQVYFSPEUN4tDA"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c08b464e-00dd-4b9b-8371-885b9f9541da/uploads/images/2lrdjx7bua/NL_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 08 Apr 2026 09:11:43 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Nein, China ist nicht 5000 Jahre alt]]></title>
      <description><![CDATA[Die Kommunistische Partei sehnt sich nach einer ewigen Geschichte. Ich erkläre dir, warum du dabei skeptisch sein solltest. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Kommunistische Partei Chinas sehnt sich nach einer ewigen Geschichte ihres Landes.</em> <em>Ich erkläre dir, warum du dabei skeptisch sein solltest.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/66c3daa4-491d-4ae4-9a96-94acf76e74d3/uploads/images/aaj7da2wju/wong-zihoo-xQtQZZOJW-c-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>“Wir nennen uns die Nachfahren des Drachens”, erzählt Xi Jinping Donald Trump <a href="https://www.youtube.com/watch?v=J0fABpNxLLc">bei einem Spaziergang</a> durch die Verbotene Stadt in Peking. Es ist 2017, und Trump zum ersten Mal als US-Präsident in Peking. China könne seine Geschichte über 5000 Jahre zurückverfolgen, sagt Xi und wirkt sichtlich stolz. Ob Ägypten nicht eine wesentlich ältere Zivilisation sei, hakt Trump nach?</p><p>Xi nickt. “Aber wir sind die einzige Zivilisation, die kontinuierlich seit über 5000 Jahren existiert. Wir haben dieselbe Haut, dieselben Haare wie unsere Vorfahren.”</p><p>Chinas Geschichte übt eine große Anziehungskraft aus - selbst auf jene Menschen, die China eher kritisch gegenüberstehen. Das habe ich gleich gemerkt, als ich vor zwei Jahren meinen ersten Chinatext für Krautreporter schrieb. Damals stellte ich den Leser*innen zwei Fragen: Was schockiert dich an China? Und was begeistert dich? Fast alle schrieben mir, Nachrichten über Menschenrechtssituation und Überwachung würden sie bedrücken. Und fast alle schrieben, sie beeindrucke die lange Geschichte des Landes, die tausendjährige Kultur, die Volksseele.</p><p>Die vermeintlich 5000 Jahre alte Zivilisation Chinas muss oft herhalten, um das Land zu erklären. Doch dieses Narrativ hat einen Haken, sagt der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang: Die sogenannte chinesische Zivilisation ist ein Mythos, der selbst in China kaum älter als 120 Jahre ist. China war lange weder so groß, noch so einheitlich oder konfuzianisch, wie es heute scheint.</p><p>Heute, unter Xi Jinping, hat dieser Mythos wieder Hochkonjunktur. Denn nach Überzeugung der Kommunistischen Partei mündet er in der Rückkehr Chinas an die Weltspitze. Wer versteht, wie die 5000jährige Geschichte Chinas erfunden wurde, weiß, was Chinas Großmacht-Ambitionen antreibt. Und fällt gleichzeitig nicht auf den Mythos rein.</p><h3><strong>So wurde die Geschichte Chinas erfunden</strong></h3><p>5000 Jahre alt ist China eigentlich erst seit 1901. Damals erschien in Japan ein Essay mit dem unscheinbaren Titel: “Einführung in die Geschichte Chinas”. Geschrieben hatte es Liang Qichao, ein Gelehrter aus dem heißen, feuchten Süden Chinas und einer der bekanntesten Reformer des Landes. Aus dem Exil in Japan verfasste er rastlos Hunderte Texte zur Geschichte und Zukunft Chinas. Liang verfolgte ein ziemlich ambitioniertes Ziel: Die Rettung des chinesischen Kaiserreiches.</p><p>Anfang des 20. Jahrhunderts lagen die glorreichen Tage des Kaiserreiches in weiter Ferne. Es hatte katastrophale Niederlagen gegen Großbritannien und Japan erlitten, seine Modernisierung verschleppt und kämpfte obendrein mit einer grassierenden Opiumsucht in der Bevölkerung. Liang glaubte, eine Lösung für Chinas Krise gefunden zu haben: Nur ein Land, das über eine einheitliche und kontinuierliche Geschichte verfügt, kann den Eintritt in die Moderne überleben.</p><p>Liang datierte den Beginn der chinesischen Geschichte auf 2700 vor Christus. “Da sind wir in der Steinzeit, das muss man sich klarmachen,” sagt der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang, der zur chinesischen Geschichtsschreibung forscht. Aus jener Zeit sind lediglich Legenden mythischer Kaiser überliefert, die halb Gottheit, halb Mensch sein sollen.</p><p>Liang legte fest, welche Gebiete zu China gehören: das historische Kerngebiet im Osten, plus Xinjiang, Tibet und der Mongolei. Für dieses Land prägte Liang gleich einen neuen Namen, der sich bis heute gehalten hat: <em>Zhongguo, </em>das chinesische Wort für China<em>.</em></p><p>Wichtig ist: Liang beschrieb in seiner Geschichte nicht eine bereits existierende Nation. Er erschuf sie aktiv durch das Schreiben ihrer Geschichte. Liangs Geschichte Chinas steckt voller Widersprüche und spiegelt die Furcht vor einem sozialdarwinistischen Kampf der Völker wider. Aber er hatte ein wichtiges Prinzip verstanden: Geschichte existiert nicht einfach, sondern wird erzählt. Seine Geschichte Chinas bestimmt bis heute, wie China sich selbst versteht - und wie wir auf das Land blicken.</p><h3>Wie der Mythos Xi Jinping nützt</h3><p>Heute tragen unzählige Bücher zur Geschichte Chinas die 5000 Jahre im Titel, oft begleitet von Phrasen wie dem “Reich der Mitte” oder “alles unter dem Himmel”. Die vermeintlich Jahrtausende zurückreichende Geschichte Chinas findet sich in <a href="https://www.travelchinaguide.com/intro/history/">Reiseführern</a>, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/der-endlose-kampf-der-kommunistischen-partei-chinas-17410402.html">Zeitungsartikeln</a> und <a href="https://www.clevelandart.org/about-collection/collection-areas/chinese-art">Ausstellungstexten</a>. Selbst die härtesten Kritiker*innen der Volksrepublik können sich in der Regel zu einem Lob der chinesischen Geschichte herablassen.</p><p>Auch Xi Jinping lässt kaum eine Gelegenheit aus, die Besonderheit der chinesischen Zivilisation zu betonen. Mit manchen Begriffen könnte man Bingo spielen, so oft tauchen sie in den Theoriemagazinen der Kommunistischen Partei auf: der unermüdliche Sinn der Selbstverbesserung, ein harmonisches, multiethnisches Land, konfuzianische Ethik, eine ununterbrochene Zivilisation.</p><p>Dieses Verständnis Chinas ist komplett ahistorisch, sagt Vogelsang: “China war nicht immer so groß, China war nicht immer konfuzianisch.” Bronze, Pferdegespanne, Kaftane und der Buddhismus: Das ist nur eine winzige Auswahl der Dinge, die China aus aus anderen Reichen importierte. China wurde erst durch Anreize von außen zu dem faszinierenden Land, das es heute ist.</p><h3>Was Xis Zukunftsvision mit Europas faschistischer Vergangenheit gemeinsam hat</h3><p>Das kümmert Xi Jinping wahrscheinlich überhaupt nicht. Xi ist schließlich nicht Geschichtswissenschaftler, sondern Anführer eines marxistisch-leninistischen Einparteienstaats auf Supermacht-Kurs. Dafür hat Xi ein Prinzip perfektioniert, ursprünglich aus der Feder Mao Zedongs stammt: die Vergangenheit in den Dienst der Gegenwart zu stellen. Und das funktioniert, grob zusammengefasst, so:</p><p>Die Kommunistische Partei betrachtet sich als Erbin der glorreichen 5000jährigen Zivilisation Chinas. Mit der Demütigung durch den Westen, der China bekriegte und kolonisierte, erlebte China einen beispiellosen Niedergang. Erst mit der Machtergreifung der Kommunistischen Partei begann Chinas Wiederaufstieg, der mündet in der großen Wiedergeburt der chinesischen Nation münden wird. Die große Wiedergeburt: Das ist im Verständnis der Kommunistischen Partei Chinas historisches Schicksal, in einer post-westlichen Weltordnung an die Spitze zurückzukehren.</p><p>Das Narrativ der nationalen Wiedergeburt kennen wir auch in Europa. Mussolini sah das faschistische Italien in der Tradition des römischen Reiches. Die Nationalsozialisten wollten mit dem Dritten Reich an eine germanische Vergangenheit anknüpfen. “Die Rückkehr zu alter Pracht”, sagt Vogelsang, “ist ein typisch faschistisches Narrativ.”</p><p>Die nationale Wiedergeburt Chinas soll bis 2049 vonstatten gehen, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik. Die 5000jährige Geschichte Chinas nützt die Diplomat*innen des Landes schon heute als Waffe. Nachdem US-Vizepräsident JD Vance herablassend über chinesische Bauern sprach, schoss Victor Gao, ein ultranationalistischer Analyst, zurück: Er sei stolz, der Nachfahre eines Bauers zu sein. China sei schon vor 5000 Jahren dagewesen, und werde noch weitere 5000 Jahre existieren. In den Kommentaren unter der Aufzeichnung seines Channel-4 Interviews wird er für seine vermeintliche Demut gefeiert.</p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Xof9FwrCrsg">https://www.youtube.com/watch?v=Xof9FwrCrsg</a><p>Es ist übrigens nicht so lange her, da schien sich die Kommunistische Partei vor der Geschichte Chinas regelrecht zu fürchten. Mao entfachte während der Kulturrevolution einen Kriegszug gegen die chinesische Geschichte, die der neuen sozialistischen Gesellschaft weichen sollte. Die Roten Garden zertrümmerten tausende Tempel, verbrannten Bücher und demütigten ihre Lehrer und die Intellektuellen des Landes.<br/><br/>In der Volksrepublik China finde man den mysteriösen Osten nicht mehr, klagte 1971 ein Autor der <a href="https://www.nytimes.com/1971/05/19/archives/china-transformed-by-elimination-of-four-olds.html">New York Times</a>. Man treffe nur noch gewöhnliche Arbeiter an, die dem Westler vertrauten Routinen nachgingen. Erst als Mao starb und die Kulturrevolution endete, holte die KPCh die chinesische Geschichte wieder aus dem Giftschrank.</p><p>Geschichte ist gefährlich für Politiker*innen, sagt Vogelsang, denn sie behauptet, es war mal anders als heute, und es wird wieder anders sein. “Politiker*innen kann man die Unerbittlichkeit der Geschichte eigentlich nicht zumuten.”</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Danke fürs Lesen! Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich das Buch “The Invention of China” von Bill Hayton. Sag mir, was du von dieser Ausgabe hältst:</em></p><a href="https://forms.gle/mv4meMB3N7zEGwgg9"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/66c3daa4-491d-4ae4-9a96-94acf76e74d3/uploads/images/ku2tea2zd4/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 28 Jan 2026 06:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Chinas Science-Fiction Strategie]]></title>
      <description><![CDATA[Noch in den 1980er Jahren war Science-Fiction verboten. Heute soll das Literaturgenre Chinas Weg an die technologische Spitze unterstützen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Noch in den 1980er Jahren war Science-Fiction verboten. Heute soll das Literaturgenre Chinas Weg an die technologische Spitze unterstützen.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1bfdaa45-f20a-4691-961f-cb95468fb24f/uploads/images/xdwf5qfy6o/imago1064240350.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Ein Mädchen besucht eine Science-Fiction-Ausstellung zur Planetenforschung im China Building Science Museum in Wuhan.</figcaption></figure><p>1962 ist China wieder eine Weltmacht, war der Philosoph Liang Qichao sicher. In „Die Zukunft des neuen China“ spekulierte Liang über einen Wiederaufstieg Chinas als mächtige Technologie-Nation. Der Roman setzt 1962 ein, oder im Jahr 2513 nach Konfuzius. China ist eine konstitutionelle, konfuzianische Monarchie. Chinesisch ist Weltsprache, und die Beliebtheit Chinas führt im Westen zu einem Brain Drain, dem Abfluss junger Wissenschaftler ins Ausland.</p><p>Ganz so, wie Liang Qichao es sich ausmalte, kam es zwar nicht. Aber heute steckt China tatsächlich im Wettrennen um die technologische Vormacht.</p><p>Chinesischer Science Fiction erlangt mittlerweile auch im Westen viel Aufmerksamkeit, besonders seit dem Erfolg der „Three Body“-Trilogie von Liu Cixin, die sogar Netflix verfilmte. Chinas Regierung hat große Pläne für das Literaturgenre: Chinesischer Sci-Fi soll nicht nur helfen, Chinas Jugend für Wissenschaft und Innovation zu begeistern. Das Genre soll auch im Westen den Entwurf einer Zukunft kommunizieren, in der China die führende Technologie-Nation der Welt ist.</p><h3>Chinas Sci-Fi-Autoren konnten als Kinder nur heimlich lesen</h3><p>„Derzeit wollen sich alle mit Sci-Fi beschäftigen“, sagt der chinesische Autor Wu Yan. Wu ist Direktor des Science and Human Imagination Research Center an einer Universität in Shenzhen und selbst seit Jahrzehnten Autor von Science-Fiction-Geschichten. Heute unterstütze die Regierung die Sci-Fi-Industrie, sagt Wu. Doch das war längst nicht immer so.</p><p>Als Kind musste sich Wu heimlich in Bibliotheken schleichen, um lesen zu können. Es waren die 1970er Jahre, China steckte mitten in der Kulturrevolution. “Ein Freund führte zuhause kleine Experimente durch, er hat mein Interesse an Wissenschaft geweckt”, erklärt Wu. Heimlich las er jedes Buch über Physik und Chemie, das er in die Hände bekam.</p><p>Sci-Fi galt als westliches und liberales Genre bis in die 1980er-Jahre als „geistige Verschmutzung“. Trotzdem gelangten Übersetzungen von Sci-Fi-Autor*innen wie Isaac Asimov nach China. Auch Wu Yan begann, selbst Sci-Fi-Geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen, damals noch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. In der Aufbruchsstimmung der 1980er Jahre wurde das Genre immer beliebter. Das liegt auch an Wu Yan selbst: Er ist nicht nur Autor, sondern auch Gründer der China Science Fiction Convention, die wesentlich zu Chinas Sci-Fi-Aufstieg beitrug.</p><h3>Wie Sci-Fi Chinas technologischen Aufstieg ankurbeln soll</h3><p>„Chines*innen sind brillant darin, Dinge herzustellen. Aber sie erfinden nichts, sie haben keine Vorstellungskraft”, erklärte ein <a href="https://cognitivebusiness.news/guest-contribution-sci-fi-ai-and-the-new-chinese-dream-how-china-uses-science-fiction-to-define-its-future/#_ednref19">chinesischer Beamter</a> auf einer der ersten Science-Fiction-Conventions in China Mitte der 2000er. Chinas Regierung hatte eingesehen: Soll China langfristig die technologische Vorherrschaft erlangen, dann braucht das Land innovative Technologien – und Menschen, die von ihnen träumen. Chinesischer Sci-Fi erlebt seitdem eine Renaissance.</p><p>Beim Smartphone-Hersteller Xiaomi ist Liu Cixins „Three Body“-Trilogie heute Pflichtlektüre. Sie soll die Mitarbeiter*innen fit machen für die Schlacht um Anteile auf Chinas umkämpften Tech-Markt. Auch der Milliardär Chen Tianqiao sagt, er verdanke dem Sci-Fi-Autoren Yang Ping seine Karriere. Inspiriert von Yang stieg Chen in die Gamingbranche ein und gründete schließlich mit Shanda einen der wertvollsten Internetkonzerne Chinas. Heute investiert Chen vor allem in Künstliche Intelligenz und Hirnforschung.</p><p>Wissenschaft und Science Fiction verschmelzen in China miteinander. Die China Science Fiction Convention fand dieses Jahr als Teil des Zhongguancun‑Forums statt, Chinas wichtigster Jahreskonferenz im Bereich Wissenschaft, Technologie und Innovation. Zudem hat die Regierung unter anderem im „<a href="https://cset.georgetown.edu/wp-content/uploads/t0394_science_literacy_plan_EN.pdf">Nationalen Aktionsplan</a> zur Förderung wissenschaftlicher Kompetenzen“ Sci-Fi eine tragende Rolle eingeräumt. Insbesondere die Film-Industrie soll angekurbelt werden, in geeigneten Regionen sollen Themenparks entstehen.</p><p>„Kein Land tut so viel für Sci-Fi wie China“, sagt der italienische Sci-Fi-Autor Francesco Verso. Er ist selbst zu vielen Sci-Fi-Conventions nach China gereist. Bei vielen Veranstaltungen, so Verso, zahle die lokale Regierung die Anreise und Unterbringung der Autor*innen. Er vermutet, dass die Regierung mit seinen Bemühungen um Sci-Fi auch der dystopischen Stimmung unter Chinas Jugendlichen entgegenwirken will: “Sci-Fi ist ein Genre für junge Menschen. Und wenn es der Jugend gut geht, dann geht es dem Land gut.”</p><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/a9a1de1a-4a83-4c17-a5c4-ca382ca351c9">https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/a9a1de1a-4a83-4c17-a5c4-ca382ca351c9</a><p>Aus Versos Berichten spricht auch Neid auf den Fortschrittsglauben der chinesischen Politik. Er ist untrennbar verbunden mit der Machtlosigkeit, die China um die Wende zum 20. Jahrhundert erfuhr. Damals war China der Welt bloß als der “kranke Mann Asiens” bekannt. Viele Intellektuelle waren sicher: Sollte die chinesische Zivilisation ihren gewaltsamen Eintritt in die Moderne überleben, dann nur mithilfe von moderner Wissenschaft und Technologie. Dieser unbeirrbare Zukunftsoptimismus ist noch heute einer der wichtigsten Motoren der chinesischen Politik.</p><h3>Science Fiction soll China zur kulturellen Macht formen</h3><p>Chinas Science-Fiction-Industrie spielte 2024 mit mehr als 14 Milliarden Euro eine beträchtliche Summe ein. 2023 war Chengdu Gastgeber der Worldcon, der größten und internationalsten Science-Fiction-Konferenz. Besucher*innen aus Kolumbien, Frankreich und Estland gaben chinesischen Medien <a href="https://sc.sina.cn/news/b/2023-10-22/detail-imzrxxst5838500.d.html?from=qudao">begeisterte Interviews. </a></p><p>Der Kommunistischen Partei kommt Chinas Sci-Fi-Erfolg gelegen. Ihr Vorsitzender Xi Jinping rief <a href="https://web.archive.org/web/20250720011708/http://www.news.cn/politics/leaders/20250711/88f1148edaf941edb2e7e1de0b38f9dd/c.html">erst kürzlich</a> die Kreativen des Landes dazu auf, China zu einer „kulturellen Macht“  (文化强国) zu machen. Chinas Sci-Fi-Autor*innen bewegen sich damit in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und Instrumentalisierung, das auch anderen Kreativen des Landes bekannt vorkommen dürfte. Die Regierung hofft, im Ausland popkulturelle Volltreffer wie Japan oder Südkorea zu landen. </p><p>Das könnte mit Sci-Fi tatsächlich gelingen: Im Ausland sowie in China ist die Fan-Community riesig und voller Leidenschaft. Chinesische Fans wie Wu Yan haben jahrzehntelang auf die Förderung gewartet, die sie derzeit bekommen. Und Chinas Autor*innen wissen besser als Parteikader, wie man Geschichten mit chinesischen Charakteren und Schauplätzen erzählt – ein schöner Nebeneffekt für Chinas Soft-Power-Interessen.</p><p>Han Song, einer der berühmtesten Sci-Fi-Autoren Chinas, stellt heute fest: „Wenn man in China aus dem Fenster schaut, schaut man in die Zukunft.“ Bargeld ist in China so gut wie abgeschafft. Rund die Hälfte aller neu verkauften Autos in China fährt elektrisch oder hybrid. Und in sogenannten Smart Cities wie Hangzhou und Shenzhen steuern KI-Technologien den Verkehr und die Überwachung der Bürger*innen. China wird es nicht schwer haben, sich als das Land der Zukunft zu vermarkten.</p><p>Liang Qichao hat seinen utopischen Roman über Chinas Rückkehr an die Weltspitze nie fertiggestellt. Auch welchen Ausgang das technologische Wettrennen zwischen China und dem Westen nimmt, ist derzeit noch unsicher. Bis dahin ist chinesischer Sci-Fi einer der einzigartigen Räume, in denen Auseinandersetzungen mit dem chinesischen Fortschrittsdiktat geduldet sind.</p><p><em>Dieser Text ist zuerst in veränderter Fassung bei </em><a href="https://table.media/china/analyse/science-fiction"><em>China.Table</em></a><em> erschienen.</em></p><hr aria-hidden="true"/><p><em>Fröhliche Weihnachten! Mach mir ein Geschenk und sag mir, was du von dieser Ausgabe hältst:</em></p><a href="https://forms.gle/xeM4fMHhDfitmzg1A"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1bfdaa45-f20a-4691-961f-cb95468fb24f/uploads/images/spno7hlhaw/Newsletter_Feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Tech]]></category>
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      <pubDate>Wed, 24 Dec 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Darum hast du noch nie vom chinesischen Fußball gehört]]></title>
      <description><![CDATA[Wer glaubt, China gelingt immer alles, was das Land sich vornimmt, sollte einen Blick auf den chinesischen Fußball werfen. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>China gelingt immer alles, was das Land sich vornimmt. Wer das glaubt, sollte einen Blick auf den chinesischen Fußball werfen.</em></p><figure><a href="https://www.imago-images.de/sp/0025737002?searchID=810dee45-e955-4c6e-b8ad-7805ff2b61d3&amp;isHandpicked=false&amp;initialMediaIndex=5"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/11f0ee5b-bb5e-49ed-93d2-5fbd337f4b6b/uploads/images/kz234frl7a/imago25737002_(1).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Ein Fan trauert nach der Niederlage der chinesischen Nationalmannschaft gegen Syrien während der WM-Qualifikation 2018."/></a><figcaption>Ein Fan trauert nach der Niederlage der chinesischen Nationalmannschaft gegen Syrien während der WM-Qualifikation 2018.</figcaption></figure><p>Hi! Wir steigen mit einem Spiel in diesen Newsletter ein. Es folgen Anekdoten über den chinesischen Fußball, von denen zwei wahr und eine falsche ist. Lies sie durch und überleg dir, welche davon die falsche ist. Los geht’s:</p><ul><li><p>Der Verein Jiangsu F.C. gewann Ende 2020 die chinesische Meisterschaft - und stellte drei Monate später den Betrieb ein. Der Grund: Sein größter Sponsor, die Suning Group, zog sich aus dem Fußballgeschäft zurück. Damit fehlte dem Verein das Geld für den Weiterbetrieb.<br/></p></li><li><p>2009 versuchten die Spieler von Hailifeng Qingdao kurz vor Schluss mehrfach, den Ball in ihr eigenes Tor zu lupfen - und das, obwohl sie mit 3:0 vorne lagen. Denn der Präsident ihres Vereins hatte auf ein Spiel mit mindestens vier Toren gewettet und bat seine Spieler darum, ein Eigentor zu erzielen. Das Eigentor fiel nicht, doch der Vorfall ging als “Chip-shot-Gate” (diaoshemen 吊射门) in die chinesische Fußballgeschichte ein. <br/></p></li><li><p>Chinas verzweifelt regelmäßig an den unterirdischen Leistungen seiner Nationalmannschaft. Und das so sehr, dass es sogar Spieler aus der größten Fußball-Nation der Welt einbürgert: Brasilien. Zum Beispiel Elkeson de Oliveira Cardoso, der jetzt unter dem Namen 艾克森 Ai Kesen<em> </em>für die chinesische Nationalmannschaft kickt.</p></li></ul><p>Spoiler<em>: </em>Alle Geschichten sind wahr. Ja, echt. Und glaub mir: Ich könnte einen ganzen Newsletter nur mit Kuriositäten des chinesischen Fußballs füllen. Fußball ist quasi das schwarze Schaf des chinesischen Sportbetriebes. Im Tischtennis, Schwimmen oder Turnen fahren chinesische Sportler:innen regelmäßig olympisches Gold ein. Die Fußballnationalmannschaft hingegen ist im chinesischen Internet längst eine Witz-Pointe.</p><p>Ich habe selbst zehn Jahre Fußball gespielt und mich irgendwann gefragt: Warum weiß ich eigentlich nichts über Fußball in China? Und wie schwierig kann es sein, unter 1,4 Milliarden Menschen elf Spieler von Weltklasse zusammenzustellen? Beim Recherchieren habe ich herausgefunden: Tatsächlich arbeitet China seit einigen Jahren hart daran, zu einer Sportnation von Weltklasse zu werden. Trotzdem ist die chinesische Fußballbranche bis heute sensationell erfolglos. Und sie zeigt unsere Neigung, China zu überschätzen.</p><h3><strong>Das läuft alles schief im chinesischen Fußball</strong></h3><p>“Eines der gravierendsten Probleme im chinesischen Fußball sind Korruption und Matchfixing, also die Manipulation von Spielen“, sagt Ilker Gündogan. Er forscht an der Ruhr-Universität Bochum zu chinesischer Fußball- und Sportpolitik. Chinas Fußball leide jedoch nicht nur am korrupten System.</p><p>„Erfolg lässt sich nicht durch kurzfristige Maßnahmen wie die Einbürgerung ausländischer Profis oder isolierte Talentakquise erzwingen“, erklärt Gündogan. „Fußball ist ein hochkomplexer Mannschaftssport, in dem Athlet:innen mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen spielen können – kräftige und große ebenso wie kleine und wendige.” Deswegen ist es schwieriger, die Talente zu identifizieren als in den olympischen Sportarten wie Schwimmen, in denen oft nach einem bestimmten Körpertyp gesucht wird.</p><p>Trotz der Größe des Landes spielen im Vergleich zu Europa oder Lateinamerika immer noch wenige Kinder regelmäßig Fußball. „Damit fehlen die Strukturen, aus denen sich über Jahre hinweg konkurrenzfähige Nationalmannschaften entwickeln könnten”, so Gündogan.</p><p>Viele nehmen Chinas Fußball-Misere mit Humor. “Nach 90 Minuten Spiel wissen wir immer noch nicht, wie der japanische Torwart aussieht”, kommentierte ein Netizen auf Weibo nach einer 7:0 Klatsche gegen den Erzfeind Japan. Dabei gab es in den 2010er Jahren einen regelrechten Hype um chinesischen Fußball - und sogar der FC Bayern München sprang auf den Zug auf.</p><h3><strong>Fußball mit chinesischen Besonderheiten</strong></h3><p>Präsident Xi Jinping, selbst bekennender Fußballfan, hat beschlossen, bis 2050 aus China eine “Fußball-Supermacht” zu machen. In typischer Hau-Ruck-Manier <a href="https://www.hbs.edu/faculty/Pages/item.aspx?num=51935">nahm sich die Regierung sich vor</a>, 20,000 Fußballschulen und 70,000 Fußballplätze zu eröffnen. Bis 2030 sollte China die beste Mannschaft in Asien werden, und eines Tages die Weltmeisterschaft ausrichten und gewinnen.<br/><br/>Auch zahlreiche chinesische Unternehmen wie der Immobilienkonzern Evergrande witterten ein lukratives Geschäft und investierten in die Fußballliga. Der FC Bayern München eröffnete eine Fußballschule in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Fußball-Legende Karl-Heinz Rummenigge tönte gar, bei den Ambitionen der chinesischen Regierung werde der Fußball schon bald zum beliebtesten Sport in China.</p><p>Das war 2016. Heute liegt die chinesische Nationalmannschaft im weltweiten Ranking weit abgeschlagen auf Platz 94, die letzte WM-Qualifikation liegt mehr als 20 Jahre zurück. Warum hört man im chinesischen Fußball immer noch bloß Grillenzirpen statt begeisterter Fangesänge?</p><p>Einigen Vereinen brach die Wirtschaftskrise das Genick, zum Beispiel Guangzhou Evergrande F.C. Mit Evergrandes Insolvenz begann 2021 die Immobilienkrise Chinas. Evergrande hat seitdem wichtigere Probleme als einen Fußballclub großzuziehen, und der Guangzhouer Fußballverein löste sich dieses Jahr auf, weil schlicht kein Geld mehr da war.</p><p>Ein Geldregen alleine macht noch keinen guten Fußball, zeigt sich außerdem seit einigen Jahren. <a href="https://thebackroomstaff.com/blog/david_m">David Miadi</a>, der in einer Shanghaier Fußballschule eine Jugendmannschaft trainierte, berichtet unter anderem von repetitivem Training, das seine Spieler:innen schlicht auslaugte, anstatt ihnen ein Gefühl für das Spiel beizubringen.</p><p>Xi Jinping <a href="https://www.afr.com/world/asia/china-s-xi-taps-aussie-coaches-for-global-soccer-power-dream-20250713-p5mem3">hält weiter an seinem Masterplan fest</a>, aus China bis 2050 eine “Fußball-Supermacht” zu machen. Warum nur ist Xi der Fußball so wichtig?</p><h3><strong>Was Fußball mit dem chinesischen Traum zu tun hat</strong></h3><blockquote><p>Bis 2050 werden wir eine moderne, sozialistische Sport-Nation aufbauen. Die Gesundheit und Fitness unseres Volkes, unsere sportliche Stärke und unser internationaler Einfluss wird zu den stärksten der Welt zählen.</p></blockquote><p>Das verkündete der chinesische Staatsrat in <a href="https://www.gov.cn/zhengce/content/2019-09/02/content_5426485.htm">einem Dokument von 2019</a>. Eine moderne sozialistische Sportnation, das klingt erstmal etwas bizarr. Aber das Dokument ist ein ziemlich präziser Fahrplan dafür, wie China bis 2050 zur 体育强国 <em>tiyu qiangguo </em>werden will, zur dominierenden Sportnation des Planeten. </p><p>“Fußball ist der weltweit beliebteste Sport und hat viel mehr Reichweite als zum Beispiel Basketball. Deswegen kann China den Fußball nicht einfach links liegen lassen”, erklärt Gündogan. So verkündet die chinesische Regierung <a href="https://www.sport.gov.cn/n20001280/n20745751/n20767279/c21258227/content.html">an anderer Stelle</a>: “Die Entwicklung und Förderung des Fußballs ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufbau einer<em> tiyu qiangguo</em>”.</p><p>Ein Satz in diesem Fahrplan ist besonders aufschlussreich: “Der Sport wird zum Symbol der großen Wiederbelebung des chinesischen Volkes”. Das bezieht sich explizit auf den 中国梦 <em>zhongguo meng</em>, den sogenannten chinesischen Traum. <a href="https://www.cfr.org/excerpt-third-revolution">Der chinesische Traum</a> ist ein politisches Narrativ, das Xi Jinping besonders propagiert. Es zeichnet eine direkte Linie von der imperialen Vergangenheit Chinas in eine nationalistische Zukunft. In dieser Zukunft soll das Land wohlhabend, mächtig und zur Umsetzung seiner geopolitischen und wirtschaftlichen Ziele fähig sein. Fußball ist in China also nicht einfach nur Fußball. Er ist eingebettet in einen nationalistischen Langzeitplan zur Fortentwicklung des Landes.</p><p>Eigentlich sei es schade, dass so wenige sich mit chinesischen Fußball auseinandersetzen, sagt Gündogan, denn: “Im Mikrokosmos Fußball kann man beobachten, welche Veränderungen sich im Großen abspielen. Die Anti-Korruptionsmaßnahmen, die Zentralisierung und Hierarchisierung, die auch im Fußball stattfinden, sind typisch für Xis Regierungsführung.”</p><h3><strong>Gibt’s noch Hoffnung?</strong></h3><p>Chinas Nationalmannschaft hat noch fünf Jahre Zeit, um nach Plan bis 2030 das stärkste Team Asiens zu werden. Von diesem Ziel ist China ungefähr so weit entfernt wie Deutschland von einem zuverlässigen Bahnverkehr. Und das, obwohl man bei China oft das Gefühl hat: Dieses Land schafft eigentlich alles, was es sich vornimmt. “Wir haben in Bezug auf China einen Positivity Bias”, sagt Gündogan dazu. “Oft sehen wir nur, wo China uns voraus ist, aber nicht, wo Maßnahmen scheitern.”</p><p>Positive Entwicklungen der chinesischen Fußballkultur sieht Gündogan trotzdem. Denn heute spielen mehr Kinder Fußball, auch auf dem Campus wird der Sport beliebter. China wird allerdings einen langen Atem brauchen, erklärt Gündogan: “Fußballkultur muss sich über lange Zeit entwickeln.” </p><p>Im ostchinesischen Jiangsu ist das bereits gelungen: Die Derbys zwischen den rivalisierenden Städten der Provinz ziehen regelmäßig tausende Zuschauer ins Stadion. In der Liga geht es nicht um Superstars oder chinesische Träume. Sondern um den Zusammenhalt im Fanblock, um die Verteidigung lokaler Ehre, um die Austragung städtischer Rivalitäten. Also das, was Fußball eigentlich ausmacht.</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>In diesem Text ging’s vor allem um den Männerfußball, denn dort sind die Mängel der Branche besonders offensichtlich. Die Frauen-Nationalmannschaft ist schon immer erfolgreicher als die Männer, sie liegt derzeit auf Platz 16 im internationalen Ranking (und</em><a href="https://www.rfa.org/english/korea/2025/04/25/norrth-korea-women-soccer-world-cup-football/"><em> ausgerechnet Nordkoreas Frauenteam</em></a><em> gehört zu einer der weltweit erfolgreichsten Frauenteams).</em></p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/YwB78rzZqtPC1dwx9"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/11f0ee5b-bb5e-49ed-93d2-5fbd337f4b6b/uploads/images/5wgbeytx5s/Google_Forms_Vorlage.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Newsletter Feedback: Hat dich die Ausgabe abgeholt? Ja, mehr davon! So lala. Nicht mein Ding"/></a>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 24 Sep 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Der Aufstieg und Fall des “CEO-Mönchs” von Shaolin]]></title>
      <description><![CDATA[Der Abt Shi Yongxin hat aus dem Shaolin Kloster ein globales Business gemacht. Jetzt erschüttern Vorwürfe von Korruption und Affären seinen Status.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Der Abt Shi Yongxin hat aus dem Shaolin Kloster ein globales Business gemacht. Jetzt erschüttern Vorwürfe von Korruption und Affären seinen Status. Die wahren Hintergründe seines Sturzes liegen woanders.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1682b4af-64bc-43d1-a5b1-0aeae41cab63/uploads/images/jw7rnu4qfb/5310014840418466087.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Bildcredit: IMAGO / Avalon.red</figcaption></figure><p>Shi Yongxin galt lange als der mächtigste religiöse Akteur Chinas — und als eine der polarisierendsten Figuren des Landes. Der rundgesichtige Abt des Shaolin Klosters, der auf Fotos stets mit gelber Robe und einer Kette aus Gebetsperlen auftritt, hat aus dem Tempel ein wirtschaftliches Imperium gemacht. Aufgrund seines Händchens für Geschäfte wird der Abt auch der “CEO-Mönch” genannt.</p><p>Um so tiefer ist jetzt sein Sturz: Ende Juli verkündete der Shaolin-Tempel in einem kurzen Zweizeiler, Behörden ermittelten gegen Shi Yongxin aufgrund der Veruntreuung von Geldern und illegitimer Beziehungen zu Frauen. Nur zwei Tage später setzte der Tempel einen neuen Abt ein.</p><p>In China überraschen die Vorwürfe kaum jemanden. Bereits vor zehn Jahren beschuldigte ein anonymer Shaolin-Schüler den Abt, Millionen von Dollar des Tempels veruntreut und in teure Autos und eine australische Geliebte investiert zu haben. Wer sich den Fall genauer anschaut, merkt: Zum Verhängnis wurde Shi Yongxin nicht sein moralisches Fehlverhalten. Sondern ein politisches Wettspiel, bei dem der Abt sich verzockt hat.</p><h3><strong>Wie der Abt zum “CEO-Mönch” wurde</strong></h3><p>Nur eine Handvoll Mönche befand sich nach Ende der Kulturrevolution im altehrwürdigen Shaolin-Kloster. Vor rund 1500 Jahren übersetzten Mönche hier buddhistische Schriften von Sanskrit auf Chinesisch und legten damit den Grundstein für die Entwicklung des Chan-Buddhismus. Auch die chinesische Kampfkunst Kungfu hat hier ihren Ursprung. </p><p>Heute ist das Kloster UNESCO-Weltkulturerbe und zieht jedes Jahr Millionen von Gästen an. Shaolin hat in über 70 Ländern Zweigstellen, in denen Shaolin-Mönche Kungfu und den Chan-Buddhismus lehren. Sein umstrittener Abt <a href="https://www.thinkchina.sg/society/abbot-shi-yongxin-shaolin-temple-has-finally-fallen">steht mit 18 Unternehmen in Verbindung,</a> zum Beispiel dem Online-Shop “Shaolin Happy Land”. Shaolin verdient jährlich geschätzte <a href="https://www.thinkchina.sg/society/abbot-shi-yongxin-shaolin-temple-has-finally-fallen">60 Millionen Euro mit Tickets, Räucherstäbchen und Markenlizenzen.</a></p><p>Diese Kommerzialisierung geht auf das Konto von Shi Yongxin, der <a href="https://mp.weixin.qq.com/s/D8MnOFpWS__J0URz5KJDig">1987 zum Oberhaupt des Klosters wurde</a>— genau zu der Zeit, als China sich dem Kapitalismus öffnete. In jenem Jahr übernahm er die Leitung des Verwaltungskomitees des Klosters. Der Mönch, der sich der Legende nach anfangs nicht mal das Busticket zum Tempel leisten konnte, trieb seitdem eine gnadenlose Kommerzialisierung des Tempels voran.</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1682b4af-64bc-43d1-a5b1-0aeae41cab63/uploads/images/jvbngxmmg6/5310014840418466101.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Der Abt Shi Yongxin tritt stets in gelber Mönchsrobe und mit einer Kette aus Gebetsperlen auf. Bildcredit: IMAGO / China Foto Press</figcaption></figure><p>All das wirkt ziemlich schräg, wenn man bedenkt, dass Mönche traditionell ein demütiges Leben führen. Persönliche Bereicherung und romantische Beziehungen sind ihnen untersagt. Als die Regierung nach der Kulturrevolution den Klöstern wieder den Betrieb erlaubte, forderte sie im Gegenzug von den Buddhist:innen, sich selbst zu versorgen und wirtschaftlich tätig zu werden. <em>Nongchan Bingzhong </em>农禅并重<em> </em>nennt sich diese Doktrin, die gleiche Gewichtung von Arbeit und Zen.</p><p>“Das wurde für viele Klöster zu einer Legitimation, Dienstleistungen aller Art zu übernehmen”, erklärt Carsten Krause, Research Fellow am Numata Zentrum für Buddhismuskunde der Universität Hamburg. Der Abt des Shaolin-Klosters hat diese Doktrin auf die Spitze getrieben, auch deswegen ist er so umstritten.</p><h3><strong>Warum der “CEO-Mönch” sich verzockt hat</strong></h3><p>Shi Yongxin hat sich eine stoische Ruhe angeeignet, was Kontroversen um seine Person angeht. “Wenn China Disneyparks importieren kann, warum können andere Länder dann nicht Shaolin importieren?”, so lächelte er die Fragen aufgebrachter Reporter weg, die ihn 2015 aufgrund einer millionenschweren Investition in einen Shaolin-Zweig in Australien belagerten. Auch die Vorwürfe illegitimer Beziehungen und unehelicher Kinder brachten ihn nicht aus der Ruhe. “Wenn es ein Problem gäbe, wäre es vor langer Zeit schon aufgetaucht”, teilte der Abt 2015 der<a href="https://www.bbc.com/zhongwen/simp/china/2015/07/150730_shaolin_temple_corruption?utm_source=chatgpt.com"> BBC Chinese</a> mit.</p><p>Dieses Mal ist jedoch sicher: Für den “CEO-Mönch” gibt es keine Rückkehr mehr. Im Shaolin Tempel ist mit Shi Yinle ab jetzt ein geradezu asketischer Abt eingesetzt. Für viele chinesische Netizens ist der Fall damit abgehakt: Die Vorwürfe waren schließlich bekannt, und Korruption ist weit verbreitet.</p><p>Einige vermuten jedoch, dass hinter Shi Yongxins Sturz noch etwas anderes steckt. Auch Carsten Krause sagt: “Die Gründe, die nach außen kommuniziert wurden, sind nicht die einzigen, möglicherweise nicht mal die richtigen Gründe für seinen Sturz.” Stattdessen hat der Abt sich durch seine internationalen Ambitionen in Gefahr gebracht.</p><p>Nelson Mandela, Queen Elizabeth, Apple-Chef Tim Cook und Henry Kissinger: Die Liste von Shi Yongxins Bekanntschaften liest sich wie ein Adressbuch globaler VIPs. Grundsätzlich ist das kein Problem: “Ein internationales Profil ist auch eine Aufgabe buddhistischer Mönche”, erklärt Carsten Krause. </p><p>Mit einem besonders heiklen Besuch schlug Shi Yongxin jedoch über die Stränge: Im Februar 2025 besuchte Shi Yongxin den Vatikan, mit dem China keine diplomatischen Beziehungen führt. Dort erhielt er eine Privataudienz beim Papst. Danach reiste Shi Yongxin weiter nach Abu Dhabi, um mit hochrangigen Vertretern der saudischen Regierung über die Aufstellung eines muslimisch-buddhistischen Rates zu sprechen.</p><p>Der Mönch strebte wohl einerseits an, seinen Ruf als “CEO-Mönch” endgültig hinter sich zu lassen. Und sich andererseits zu einer religiösen Figur von globaler Bedeutung zu stilisieren. Internationale Aufmerksamkeit auf seine Person schützt ihn letztlich auch. </p><p>“Mit einem nicht offiziell abgesegneten Besuch beim Vatikan hat Shi Yongxin eine rote Linie überschritten. Vermutlich war er sich der Brisanz dieses diplomatisch sensiblen Besuchs nicht bewusst”, sagt Krause. Denn vieles deutet darauf hin, dass die chinesische Regierung diese Reise als einen unverzeihlichen Akt politischer Illoyalität betrachtet.</p><h3><strong>Das Dilemma chinesischer Buddhist:innen</strong></h3><p>Chinas Buddhist:innen müssen einen ziemlichen Balanceakt navigieren. Sie müssen einerseits ihrer Arbeit als religiöse Vertreter im In- und Ausland nachgehen. Andererseits dürfen sie sich nicht zu unabhängig vom Staat machen. Das wird deutlich, wenn man sich die <a href="https://chinabuddhism.com.cn/web/myjs.html">Aufgaben der Buddhistischen Vereinigung Chinas auf ihrer Webseite </a>anschaut:</p><p><em>Ihr Ziel ist es, die buddhistischen Gläubigen aller Nationalitäten des Landes zu vereinen und anzuleiten, […] die Führung durch die Kommunistische Partei Chinas und das sozialistische System zu unterstützen und unbeirrt den Weg des Sozialismus chinesischer Prägung zu gehen.</em></p><p>Auch der Staat hat ein kompliziertes Verhältnis zum Buddhismus. “Viele Menschen in China haben ein religiöses Bedürfnis, das kann der Staat nicht einfach ignorieren”, erklärt Carsten Krause. “Aber wer lebenslang ins Kloster geht, entscheidet sich auch gegen staatliche und gesellschaftliche Konventionen.” Erlangt eine spirituelle Bewegung daher zu viele Anhänger, begreift die Kommunistische Partei das als Bedrohung ihrer Autorität. Ein besonders bekannter Fall ist die Falun Dafa Bewegung, die in den 1990er Jahren Millionen von Anhängern sammelte und schließlich von der Regierung brutal verfolgt wurde.</p><p>In diesem Balanceakt hat der umstrittene Abt sich verzockt. Die Reise, die Shi Yongxins Status retten sollte, löste stattdessen seinen endgültigen Sturz aus. Den “CEO-Mönch” abzusägen, ist für die chinesische Regierung ein Leichtes: Nicht nur sind die Vorwürfe gegen ihn seit Jahren bekannt. Praktischerweise wurde gerade auch in Thailand ein <a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-08/sexskandal-thailand-tempel-buddhismus-moenche-bangkok/">Sexskandal unter Mönchen</a> aufgedeckt, der den Vorwürfen noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht.</p><p>Shi Yongxins Leben in Saus und Braus ist derzeit noch ein Gerücht. Seine Vergehen sind nicht von einem Gericht bestätigt. Sein wahrer Fehler aber war ein misslungener Versuch, sich zu einem unabhängigen religiösen Akteur zu emanzipieren. “Sein Sturz”, sagt Carsten Krause, “ist auch eine Warnung an andere Mönche, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.”</p><p>Ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=qCp8rAodOLU">YouTube Kommentar</a> fasst den Fall treffend zusammen: “Die Kommunistische Partei kann es erlauben, dass jemand „fehlerhaft“ ist. Sie wird nie akzeptieren, dass jemand sich unabhängig macht.”</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/KNuYgRKMEpCw3Q6w7"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1682b4af-64bc-43d1-a5b1-0aeae41cab63/uploads/images/zsnlad5dhz/Screenshot_2025-09-01_181745.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 03 Sep 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Warum junge Menschen in China und Deutschland gleich fühlen]]></title>
      <description><![CDATA[Junge Menschen in China und Deutschland leben in völlig unterschiedlichen Welten. Trotzdem sind sie sich so ähnlich wie kaum zuvor. Warum, erkläre ich dir in diesem Text.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Junge Menschen aus China und Deutschland leben in völlig unterschiedlichen Welten. Trotzdem sind sie sich so ähnlich wie kaum zuvor. Warum, erkläre ich dir in diesem Text.</em></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/mann-im-schwarzen-rundhals-t-shirt-neben-frau-im-braunen-mantel-yFt7R6aUvJ4"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a9a1de1a-4a83-4c17-a5c4-ca382ca351c9/uploads/images/jpeddb6en7/joshua-fernandez-yFt7R6aUvJ4-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Drei junge Menschen in einer asiatischen Großstadt. Sie tragen Mundmasken und hinter ihnen ragen Hochhäuser auf."/></a><p>„Viele meiner Freunde in China fühlen sich verloren und einsam. Wenn ich mit ihnen spreche, spüre ich viel negative Energie“, sagt Tiantian. Die 28-jährige Graphikdesignerin und Social Media Managerin hatte in Shanghai viele internationale Freunde und genoss die kreative Atmosphäre in der Stadt – bis zur Corona-Pandemie. „Danach fühlte sich die Stadt plötzlich kalt und taub an. Das war nicht mehr das Shanghai, das ich kannte und liebte.“</p><p>Vor zwei Jahren ist Tiantian nach Bali ausgewandert, wo sie Bewusstseins-Coachings anbietet und ihrer Surfleidenschaft nachgeht. „Der Rhythmus ist entspannter, die Menschen gemeinschaftlicher, das Leben gesünder“, schwärmt sie. Nach China zurückzukehren, kann sie sich derzeit nicht vorstellen.</p><p>Junge Menschen in Deutschland und China wachsen in komplett unterschiedlichen Welten auf: Overheadprojektor und politische Debatten in Klassenzimmern auf der einen Seite, Künstliche Intelligenz und Marxismus-Pflichtkurse im Unterricht auf der anderen. Nach dem Abitur gehen viele junge Deutsche reisen oder jobben erstmal ein Jahr lang. Für junge Chines:innen geht es nach einer zermürbenden Hochschulprüfung, der <em>gaokao</em>, oft direkt an die Uni.</p><p>Zwischen diesen Welten gab es kaum Anknüpfungspunkte — bis jetzt. Heute, wo die Welt von einer Krise in die nächste stürzt, ähnelt sich die Lebensrealität junger Menschen in China und Deutschland so sehr wie noch nie zuvor.</p><h3>Warum junge Menschen in China so desillusioniert sind</h3><p>Seinen Anfang nahm diesen Phänomen mit dem großen Gleichmacher, der Corona-Pandemie. Sowohl in China als auch in Europa hockten junge Menschen monatelang zuhause und sahen die spannendsten Jahre ihres Lebens an sich vorbeiziehen. Auch jetzt, Jahre nach Ende der Pandemie, hadern viele mit der Vorahnung, dass die Zukunft angesichts weltweiter Aufrüstung, Wirtschaftskrisen und Klimawandel nicht viel Gutes bereithält. Dabei galten zumindest Chines:innen im weltweiten Vergleich lange als besonders optimistisch.</p><p>Bis in die 2010er Jahre hinein trieb das Aufstiegsversprechen viele Menschen in China zu Höchstleistungen an, für die sie sogar Familie und Beziehungen vernachlässigten. Der Autor Peter Hessler, der in den 1990er Jahren in einer Kleinstadt in Sichuan unterrichtete, erzählt in seinem Buch “Other Rivers” die Geschichte von Youngsea, ein junger Mann, der sich in den frühen 2000ern ein Konglomerat im Baugewerbe erarbeitete (Chines:innen suchen sich ihre englischen Namen häufig selbst aus. Youngsea ist die wörtliche Übersetzung seines chinesischen Künstlernamens).</p><p>Tag und Nacht arbeiteten er und seine Frau, um die Konkurrenz zu überlisten. Seine Frau begann, sich vernachlässigt zu fühlen. Und schließlich, auf dem Höhepunkt seines Erfolges, verließ sie ihn. “Das war echte Liebe zwischen uns”, erzählt Youngsea. “Aber das Streben nach Geld war stärker als alles andere.”</p><p>Auch wenn Youngsea die Liebe verloren hat: Vermutlich gehörte er zu den 70 Prozent der Chines:innen, die zwischen 2004 und 2014 <a href="https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/733178">in einer Studie</a> des Stanford Center on China’s Economy and Institutions (SCCEI) angaben, ihr Leben sei zu diesem Moment besser als vor fünf Jahren.</p><p>Inzwischen hat sich dieser Wert fast halbiert: Im Jahr 2023 gaben in derselben Studie nur noch 38 Prozent der Menschen in China an, dieser Ansicht zu sein. Ganz besonders desillusioniert sind junge Chines:innen. Sie leiden ganz besonders unter der derzeitig schlechten Wirtschaftslage in China. „Eine Welt, in der man durch harte Arbeit Sinn finden konnte, hat sich in eine Welt verwandelt, in der selbst durch harte Arbeit kein Sinn gefunden werden kann“, schreibt dazu das chinesische Jugendmagazin <a href="https://mp.weixin.qq.com/s/wWClEu5i4EfOD4jBDNoPaA">Youthology</a>.</p><p>Auch in Deutschland sind junge Menschen im <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/jugend-sorgen-deutschland-generation-z-100.html">Dauerkrisen-Modus</a>. Hier zählen zu den häufigsten Gründen die Inflation, teurer Wohnraum und die Kriege in der Ukraine und Nahost. Junge Menschen in China und Deutschland eint das Gefühl: Was hält diese Welt eigentlich Gutes für mich bereit?</p><h3>Sollen sie doch Bitterkeit essen</h3><p>In China und Deutschland überaltert die Gesellschaft, Jugendliche und junge Erwachsene werden zu einer immer kleineren Minderheit. Dadurch wächst das Gefühl, von der Politik kaum gehört zu werden. Die hat sowohl in China als auch in Deutschland ähnliche Antworten auf die Zukunfts-Verunsicherung parat: So behauptete Bundeskanzler Friedrich Merz: „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.“ Und in China riet Xi Jinping jungen Menschen schulterzuckend, “Bitterkeit zu essen” — ein chinesischer Ausdruck, der in etwa “Zähne zusammenbeißen” bedeutet und an revolutionäre Werte aus den Zeiten sozialistischer Kampagnen erinnert.</p><p>Hart arbeiten tun junge Deutsche und Chines:innen dabei sehr wohl. Junge Deutsche arbeiten so viel <a href="https://iab.de/presseinfo/generation-z-erwerbsbeteiligung-der-20-bis-24-jaehrigen-klettert-auf-den-hoechsten-stand-seit-jahrzehnten/">wie kaum zuvor</a>. Und viele junge Chines:innen hangeln sich von Gig zu Gig. Im Chinesischen hat sich dafür der Ausdruck <em>neijuan</em>, Involution, etabliert. Sie bezeichnet einen harten Konkurrenzkampf, der für alle Beteiligten ruinös ist.</p><p>Das zeigt: Unter jungen Menschen klaffen Ideal und Realität weit auseinander. Auszusteigen oder sich mit der <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/china-generation-y-tangping-lifestyle-100.html">“Flachliegen” &quot;Bewegung</a> dem Leistungsdruck zu entziehen — davon können die meisten nur träumen. In der Realität sehen sich viele gezwungen, innerhalb dieses Systems zu funktionieren.</p><h3>Keine Ehe, keine Kinder, den Frieden bewahren</h3><p>Noch eine weitere Gemeinsamkeit: Immer weniger junge Menschen in Deutschland und China können einem heterosexuellen Familienbild etwas abgewinnen. „Die meisten meiner Freundinnen vertrauen Männern nicht, sie wollen ihr Leben lang Single bleiben“, sagt Tiantian. 2022 gab fast die Hälfte der Befragten einer <a href="https://radii.co/article/dating-in-china">Umfrage der Chinese Academy of Sciences</a> unter 20- bis 24-Jährigen an, nicht auf der Suche nach einer Beziehung zu sein. Insbesondere junge Frauen in chinesischen Großstädten ziehen derzeit eine Karriere und ein unbeschwertes Single-Leben der traditionellen Familie vor. Hashtags wie #不婚不育保平安 (Keine Ehe, keine Kinder, den Frieden bewahren) können mühelos anknüpfen an Trends wie die 4B-Bewegung, die aus Südkorea nach Europa schwappte. Die 4B-Bewegung lehnt ebenfalls Heiraten und Mutterschaft ab.</p><p>Auch in Deutschland sind junge Erwachsene Co-Parenting und Wahlfamilien gegenüber aufgeschlossener als ihre Eltern. Zudem wächst die Zahl junger Menschen, die sich der LGBT-Community zugehörig fühlt.</p><p>In China und Deutschland wachsen junge Menschen in einer Welt auf, die immer vernetzter, aber weniger kosmopolitisch wird. Sie müssen den Klimawandel, technologische Revolutionen und Schwächen des wachstumsbasierten Wirtschaftssystems bewältigen. Oder, wie der Anthropologe Xiang Biao <a href="https://www.sixthtone.com/news/1016902">in einem Interview</a> mit dem Magazin Sixth Tone feststellt: „Junge Menschen stehen vor einer existenziellen Lebensfrage: Sie müssen herausfinden, wie man ein Umfeld, das man nicht akzeptieren will, grundlegend neu denkt.“</p><hr aria-hidden="true"/><p><em>How to China ist zurück aus einer kleinen Sommerpause — </em><a href="https://forms.gle/v95q3rMpu4hASoJa8"><em>hier</em></a><em> kannst du mir sagen, was du von dieser Ausgabe hältst! Dieser Text ist zuerst in leicht veränderter Fassung bei </em><a href="https://table.media/china/analyse/jugend-weshalb-chinesen-und-deutsche-aehnliche-sorgen-teilen"><em>China.Table</em></a><em> erschienen.</em></p><a href="https://forms.gle/v95q3rMpu4hASoJa8"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a9a1de1a-4a83-4c17-a5c4-ca382ca351c9/uploads/images/aqkb7p4myf/Screenshot_2025-08-12_091351.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Junge Menschen]]></category>
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      <pubDate>Wed, 13 Aug 2025 04:00:01 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[China und die USA wollen die Globalisierung abschaffen]]></title>
      <description><![CDATA[Aber Tech-Unternehmen untergraben diese Pläne.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Aber Tech-Unternehmen untergraben diese Pläne.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/7e2a523b-06ca-4cee-a833-8f0fe7fa14a4/uploads/images/2gwlvdte73/maria-stewart-g6DmKxFoQfE-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Die Beziehung zwischen China und dem Westen ähnelt der Handlung vieler moderner Liebesgeschichten. „Enemies to lovers“, also „Feinde zu Freunde“ – so nennt man das beliebte Motiv. Ähnlich erging es China und dem Westen: China verachtete den Westen für seine Dekadenz und imperiale Vergangenheit. Der Westen konnte mit dem diktatorischen Regime in Peking nichts anfangen.</p><p>Doch wie es eine gute Liebesgeschichte will, entdeckten beide im Laufe der Zeit die Stärke des anderen. Westliche Innovation und Kapital passen einfach perfekt zu chinesischem Fleiß und Ausdauer. So überwanden sie nicht nur ihre Vorurteile, sondern lernten, dass sie ohne den anderen nicht konnten.</p><p>Zumindest, bis Donald Trump die Weltbühne betrat und dieses Skript abfackelte. Mit seiner unberechenbaren Wirtschaftspolitik demoliert der US-Präsident den freien Handel, auf dem die Globalisierung beruht.</p><p>Trump leistet sich derzeit Handelskonflikte mit allen Ländern der Welt, allen voran China. Er ist allerdings nicht der Erste, für den die Globalisierung kein Zukunftsmodell mehr ist. Der argentinische Präsident Javier Milei attestierte bei seiner Rede in Davos 2025 dem Weltwirtschaftsforum „Barbarei“ und eine „finstere mörderische Ideologie“. Auch <a href="https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/starmer-trump-tariffs-uk-trade-war-b2728228.html">Keir Starmer</a>, der britische Premier, war sich nach Trumps Zoll-Ankündigungen sicher: Die Zeiten ungezügelter Globalisierung sind vorbei.</p><p>Mit der Rückabwicklung der Globalisierung plant Trump, den Wettlauf mit China um Künstliche Intelligenz, Halbleiter und unabhängige Lieferketten zu gewinnen. China hat sich darauf eingelassen, denn beide glauben: In diesem Wettrennen kann es nur einen Gewinner geben. Egal wer siegt, danach werden weder die Weltordnung noch der freie Handel nach den jetzigen Spielregeln funktionieren.</p><p>Doch ob es wirklich wie bei einem Olympia-Wettlauf ein Wettrennen mit klarem Sieger gibt, steht noch nicht fest. Denn chinesische und amerikanische Unternehmen haben eigene Pläne. Und sie sind opportunistischer, als man sich das in Washington und Peking so wünscht.<br/><br/><em>Ich habe </em><a href="https://krautreporter.de/politik-und-macht/5871-darum-wollen-china-und-die-usa-die-globalisierung-abschaffen?shared=930aa077-0593-4006-b6f4-815d6740e686&amp;utm_campaign=share-url-follow-wall&amp;utm_medium=editorial"><em>hier für Krautreporter</em></a> <em>aufgeschrieben, wie Tech-Unternehmen die Pläne von Trump und Xi untergraben. Der Text hat keine Paywall - </em><strong><em>Wenn du dich für einen Krautreporter-Newsletter anmeldest, kannst du ihn kostenlos lesen!</em></strong></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Tech]]></category>
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      <pubDate>Wed, 04 Jun 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die Disneyfizierung ethnischer Minderheiten in China]]></title>
      <description><![CDATA[Sie tanzen, singen und tragen eigentlich immer bunte Tracht - mehr erfährt man selten über ethnische Minderheiten in China. Das ist kein Versehen.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Sie tanzen, singen und tragen eigentlich immer bunte Tracht - mehr erfährt man selten über ethnische Minderheiten in China. Das ist kein Versehen.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d/uploads/images/6hrthntdim/5267073117442928190.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="In Artux, einer Stadt im Westen Chinas, wird das Manas-Epos auf die Bühne gebracht."/><figcaption>In Artux, einer Stadt im Westen Chinas, wird das Manas-Epos auf die Bühne gebracht.</figcaption></figure><p>Das Manas-Epos ist einer der beeindruckendsten Literaturwerke der Menschheit. In 500.000 Versen erzählt es die Geschichte des legendären kirgisischen Helden Manas, der im 9. und 10. Jahrhundert für die Vereinigung und Freiheit der kirgisischen Stämme kämpfte. Über viele Jahrhunderte wurde es ausschließlich in Redegesängen überliefert und erst im 19. Jahrhundert erstmals niedergeschrieben. Außerhalb Kirgistans kennt es kaum jemand. <br/><br/>Außer in Artux, einer Stadt in der westchinesischen Provinz Xinjiang, wo Künstler*innen das Epos mit bunte Kostümen, Tanz und Gesang vorführen. Nach der Vorstellung können die Tourist*innen die Tracht der Kirgis*innen selbst anprobieren und sich von ihnen ein paar Tanzschritte beibringen lassen. Das Manas-Epos, ein literarisches Meisterwerk, das 20 Mal so lang wie Homers Ilias und Odyssee ist: Im Theater in Artux ist es zu einem Entertainment-Gimmick geworden, das an Disney-Klassiker wie “König der Löwen” erinnert.<br/><br/>Die Disneyfizierung, die aus Städten und Traditionen konsumfreundliche Erlebniswelten macht, kennen wir auch in Europa. Das weiß jeder, der schon mal in Venedig oder Dubrovnik war. In China bekommt das Phänomen jedoch einen neuen Dreh, denn dort zielt es explizit auf ethnische Minderheiten.</p><p>Bei der Disneyfizierung von Chinas ethnischen Gruppen, merkte ich in dieser Recherche, geht es um mehr als die Tourismusindustrie. Sie ist der Versuch der chinesischen Regierung, ethnische Identitäten gewaltlos, und doch mit Zwang, in ihre Vorstellung einer harmonischen Volksrepublik einzugliedern. In diesem Text erkläre ich dir, wie die Disneyfizierung ethnischer Minderheiten in China funktioniert. </p><p>Dafür müssen wir zunächst klären, warum Chinas Regierung überhaupt so ein schwieriges Verhältnis zu den Minderheiten des Landes hat.</p><h3><strong>“Das Ziel ist ethnische Fusion”</strong></h3><p>So eng wie die Kerne eines Granatapfels leben die 56 ethnischen Gruppen Chinas zusammen, sagt Xi Jinping öfters. Dass das eher eine Wunschvorstellung ist, wird bei einem Blick auf eine <a href="https://www.bpb.de/themen/asien/china/334195/zahlen-und-karten/#Ethno">ethno-linguistische Karte Chinas</a> deutlich: Han-Chines*innen, mit etwa 92 Prozent die größte Gruppe, leben größtenteils auf der Ostseite Chinas. Tibetische, turksprachige oder mongolische Gruppen leben vor allem an den Rändern der Volksrepublik. </p><p>Im maoistischen China sollte außerhalb der Klasse ohnehin kein Identitätsmerkmal eine Rolle spielen. Daher machte sich die Kommunistische Partei wohl auch nicht so viel Mühe, als sie in den 1950ern die Ethnien des Landes festlegte. Die 56 Gruppen, die sie fand, sind eher Sammelbezeichnungen. Fast jede der 56 Ethnien besteht aus mehreren Gruppen mit unterschiedlichen Dialekten, Sprachen und kulturellen Identitäten.<br/><br/>Das angespannte Verhältnis der Kommunistischen Partei zu den Minderheiten hängt auch mit ihrem Anspruch auf das riesige Gebiet der Volksrepublik zusammen. Denn die längste Zeit erstreckte sich das Gebiet Chinas nur über das sogenannte “<em>China proper”</em>, quasi das Herzland im Osten und Süden der heutigen Volksrepublik. Xinjiang, Tibet, die Mongolei und die Mandschurei kamen erst während des 17. und 18. Jahrhunderts in den Einflussbereich des Kaiserreiches. </p><p>Der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Zerfall Jugoslawiens, Aufstände und Sezessionsbewegungen in Tibet und Xinjiang: Aus Sicht der Kommunistischen Partei sind ihre Sorgen um die Einheit der Volksrepublik berechtigt. “Ziel der Minderheitenpolitik”, sagt der <a href="https://chinapower.csis.org/analysis/why-minorities-make-beijing-nervous/">Historiker Anton Glassermann,</a> “ist daher ethnische Fusion”. Damit meint er: Ökonomische und kulturelle Unterschiede zwischen den Ethnien müssen angeglichen werden, bis sie verschwinden.</p><h3><strong>So funktioniert die Disneyfizierung ethnischer Minderheiten</strong></h3><p>China ist nicht das einzige Land, das Spannungen innerhalb eines multiethnischen Staates aushandeln muss. Chinas Strategie ist jedoch in ihrer Ausprägung und auch Kuriosität ziemlich einzigartig. Ich nenne sie die Disneyfizierung der ethnischen Minderheiten Chinas. Disneyfiziert bedeutet ganz einfach: Unterhaltsam. Glatt. Kindersicher. Verzaubernd und zuckersüß. Das Gegenteil von kontrovers, anstößig oder unbequem.</p><p>Das Konzept geht auf den britischen Soziologen Adam Bryman zurück, und die Disneyfizierung von Orten und Traditionen kann man an verschiedenen Merkmalen ablesen. Dazu gehört zum Beispiel:</p><h3><strong>1. Die Scheinwelt: Wo Träume wahr werden</strong></h3><p>Typisch für einen Disney-Park ist: Hier dreht sich alles nur um ein Thema, nämlich Disney. Mit einem Ticket kauft man sich den Eintritt in die Welt von Micky-Maus und Goofy. Kulissen eines Märchenlandes und Schauspieler*innen, die eine Acht-Stunden-Schicht lang Minnie-Maus mimen: All das versprüht einen gewissen Zauber, der die Besucher*innen in eine kohärente Fantasiewelt versetzt.</p><p>Ein bisschen wie in Xijiang, einem Dorf in der südchinesischen Provinz Guizhou. Hier wohnen fast ausschließlich Menschen, die der Miao-Ethnie angehören. Zahlt man die 110 Yuan Eintritt (etwa 14 Euro, beinhaltet drei Fahrten mit einem Golfcart), dann, so verspricht die <a href="http://www.xjqhmz.com/strategy/detail?type=strategy-jqjj1&amp;id=623919396271812609&amp;onlyOnePage=true">offizielle Webseite des Dorfes</a>, kann man “in tiefgründig kultureller Atmosphäre” die authentische Kultur der Miao erkunden. Jeden Abend um 19:30 Uhr führen Einheimische eine im Eintritt enthaltene Tanz-Show namens “Mysteriöses Miao-Dorf” auf, die laut dem <a href="http://www.xjqhmz.com/strategy/strategy-ykwd">FAQ auf der Webseite</a> die “Aufrichtigkeit und Einfachheit des Miao-Volkes voll zum Ausdruck bringt”. Ungefähr so sieht das dann aus:</p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d/uploads/images/oulpuy4jxf/video5267073116986700123_(2).gif?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>Private Aufnahme aus Guizhou im September 2024.</figcaption></figure><p>Ähnlich wie in einem Disneypark dürfen die zumeist Han-ethnischen Tourist*innen in Xijiang in eine lückenlose Fantasiewelt eintauchen. Nur dass hier das Thema eine destillierte, kuratierte Version der Lebenswelt der Miao-Ethnie ist. </p><p>Dörfer, die in Themenparks umgestaltet werden, findet man in ganz China. In der südchinesischen Stadt Kunming beispielsweise vereint das “<a href="https://www.visityunnanchina.com/culture/ethnic-villages-ancient-towns/yunnan-nationalities-village">Yunnan Nationalities Village</a>” gleich 26 Ethnien in einem Themenpark. So eine Umgestaltung in einen Erlebnis-Park geht häufig mit noch einem Phänomen einher:</p><h3><strong>2. Die Folklorisierung: Tanz doch mal für uns</strong></h3><p>Tippt man auf WeChat oder Rednote 少数民族 <em>shaoshu minzu</em>, das Wort für ethnische Minderheit, ein, kommt automatisch als nächster Suchvorschlag: <em>Kleidung, Tanz, Schmuck</em> oder <em>Gesang</em>. Auch bei offiziellen Terminen, wie dem Festival ethnischer Kunst in Bejing, trägt Xi Jinping als einziger einen Anzug, die Vertreter ethnischer Minderheiten tragen eine Tracht:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d/uploads/images/fr23haseb5/5213233413169999242.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Weitere große Auftritte haben ethnische Minderheiten zum Beispiel zur<a href="https://www.youtube.com/watch?v=uC3K4vaQUjM"> jährlichen Neujahrsgala</a>, das größte TV-Event der Volksrepublik. Doch auch hier erfährt man über ihre Lebensrealität kaum mehr, als sie gerne tanzen, bunte Kleidung tragen und singen - auf Hochchinesisch natürlich, versteht sich.</p><p>Diese Folklorisierung geht oft mit der Sexualisierung von Frauen einher. Auf WeChat finden sich <a href="https://mp.weixin.qq.com/s/MGqXzBNFw-4bpgzYq8aM9w">reihenweise Artikel,</a> die die Schönheit von Frauen ethnischer Minderheiten bewerben. Die Webseite von Xijiang, dem Dorf in Guizhou, preist das Abendbankett an, bei dem die Frauen des Dorfes Wein und sauren Fisch servieren. Und bei dieser Tanzaufführung aus Xijiang tanzen Frauen in einer Aufführung in kurzen Röcken für das Publikum. Diese Darstellungen karikieren Frauen zu einem misogynen Stereotyp der gefügigen, hübschen Dienstleisterin.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d/uploads/images/3tclazsh2q/Schwarz_Elegant_Quadratisch_Kosmetik_Logo.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><h3>3. Merchandising: ein Shopping-Center für Uiguren-Merch</h3><p>Noch vor ein paar Jahren machte die Provinz Xinjiang Schlagzeilen aufgrund sogenannter “Weiterbildungzentren”, in denen Millionen Uiguren verschwanden. Es gibt <a href="https://uyghurtribunal.com/">zahlreiche Berichte</a> von Folter, Vergewaltigungen und Misshandlungen in diesen Zentren. Die Repressionspolitik in Xinjiang bezeichnen einige Expert*innen auch als kulturellen Genozid.</p><p>Heute ist Xinjiang wieder “ein guter Ort”, wie <a href="https://tv.cctv.com/2015/09/29/VIDE1443514525429523.shtml?spm=C55924871139.PY8jbb3G6NT9.0.0">dieses Video</a> der staatlichen CCTV über Xinjiang zeigen soll. Seit einigen Jahren versucht die Lokalregierung, Xinjiang als Tourismusdestination zu rebranden. Das funktioniert auch ziemlich gut: 300 Millionen Tourist*innen besuchten Xinjiang vergangenes Jahr. Das liegt einerseits daran, dass die landschaftliche Schönheit der größten Provinz Chinas lange unbeachtet blieb. Und andererseits daran, dass die Lokalregierung sich besonders viel Mühe dabei gibt, Xinjiangs Kulturgüter zu einem Merchandising-Gimmick zu verwursten.</p><p>In Kashgar, eine Stadt im Westen Xinjiangs, hat die Regierung zu Zwecken der Tourismusförderung d<a href="https://www.farwestchina.com/travel/kashgar/old-city/">ie ursprüngliche Altstadt komplett abgerissen</a> und an anderer Stelle neu aufgebaut. Kashgars neue Altstadt ist quasi ein Shopping-Center für Uiguren-Merch: Tourist*innen können dort Andenken wie Teppiche, Teekannen, handgeschnitzte Messer, Melonen und Rosinen erwerben, für die Xinjiang in ganz China bekannt ist. Disneyfizierung macht uigurische Kultur zu einer Marke, und die Symbole uigurischer Kultur zu stilisierten Massenprodukten.</p><p>Das hat einen besonders bitteren Beigeschmack, weil Uigur*innen selbst fürchten müssen, allein für den Besitz eines Gebetsteppiches oder das Tragen eines langen Bartes verhaftet zu werden.</p><h3>4. Die Sentimentalisierung: no place like home</h3><p>“Hier zu sein fühlt sich an, wie in meine Kindheit zurück zu reisen!” Diesen Ausruf hörte die <a href="https://madeinchinajournal.com/2024/08/18/xi-jinpings-traditional-villages/">Anthropologin Suvi Rautio</a>, als sie das südchinesische Dorf Meili besuchte, das mehrheitlich von Menschen aus der ethnischen Gruppe der Dong bewohnt wird. In einem Land mit einer starken Kluft zwischen Stadt und Land wie in China, repräsentiert das Land Tradition, Ruhe und Gemeinschaft - Werte, die bei der umfassenden Urbanisierung der vergangenen Jahrzehnte verloren gegangen sind. Dörfer wie Meili funktionieren wie ein Portal, durch das chinesische Tourist*innen in ihre eigene Vergangenheit zurückreisen können. <br/><br/>Auch online gehen chinesische Influencer*innen regelmäßig mit Content viral, der traditionelles Leben auf dem Land romantisiert. Zum Beispiel <a href="https://www.youtube.com/channel/UCoC47do520os_4DBMEFGg4A">Li Ziqi</a>, die in kunstvollen Videos ihren Alltag auf dem Land in der südchinesischen Provinz Sichuan dokumentiert. Oder <a href="https://hongkongfp.com/2025/02/01/viral-chinese-tourist-spot-stokes-nostalgia-with-staged-rural-scenes/">dieser Bauer</a>, der sein Geld mit gestellten Fotos von ländlichen Bauersszenen verdient.</p><p>Dass die Touristin, die sich in Meili an ihre eigene Kindheit erinnert fühlte, vermutlich selbst gar nicht der Ethnie der Dong angehörte, spielt dabei nicht so eine große Rolle. Die ethnische Identität verstärkt eher das Bild einer unveränderlichen, traditionellen Dörflichkeit. Mehr noch, sie schafft einen<em> sweet spot</em> zwischen einer nostalgischen Rückkehr zu den eigenen Wurzeln und der Faszination an einer fremden Lebensweise. </p><h3><strong>Diesen Zweck hat die Disneyfizierung für die Partei</strong></h3><p>Das Problem ist ungefähr so alt wie China selbst: Wie führt man einen multiethnischen Staat? Die Disneyfizierung ethnischer Minderheiten ist nicht die einzige Strategie zur Lösung. Aber sie ist eine, die jedem auffällt, der nach China reist. Es gibt zwei Adressaten dieser Strategie: Die Minderheiten selbst, und die Mehrheit der Han-Chines*innen.<strong><br/></strong><br/>Disneyfizierung verdeutlicht ethnischen Minderheiten: Was zu eurer Identität gehört, bestimmt nicht ihr selbst. Stattdessen legt die chinesische Regierung fest, welche Ausdrucksformen ethnischer Identitäten angemessen und konform sind. Dadurch entsteht ein seltsame Doppelmoral, bei der die KPCh beispielsweise tibetische Sprache unterdrückt und Bilder des Dalai Lama verbietet, gleichzeitig aber tibetische Kultur - oder was sie darunter versteht - als Tourismusattraktion fördert.</p><p>Nicht alle Ethnien Chinas leiden derart unter der Aushöhlung ihrer kulturellen Identität. Am stärksten reguliert die Regierung die Identität der Tibeter*innen und Uigur*innen. Die wesentlichen Merkmale der Disneyfizierung - die Umgestaltung zu Themenparks, die Reduzierung auf Tanz und Gesang, und ethnic minority merch - findet man jedoch fast überall in China.<br/><br/>Der Großteil der chinesischen Tourist*innen reist nur innerhalb ihres eigenen Landes. Die Disneyfizierung der ethnischen Minderheiten Chinas präsentiert ihnen eine unerschöpfliche Quelle exotischer Fremdheit in einem weichgespülten, leicht verdaulichen Format, für das man nicht einmal ins Ausland reisen muss.</p><p><a href="https://www.rfa.org/english/news/uyghur/china-borrowing-nazis-genocide-tourism-practices-xinjiang-08272024162026.html">Der Anthropologe Magnus Fiskesjö</a> vergleicht die Tourismusindustrie in Xinjiang mit einem populären Reiseführer aus dem Jahr 1943 für deutschen Tourist*innen, die in das besetzte Polen reisten. Polnische Sehenswürdigkeiten, so Fiskejo, sollten dabei als deutsches Kulturgut umgedeutet werden. Egal, was man von diesem Vergleich hält, er macht klar: Die Disneyfizierung ethnischer Minderheiten soll in der han-chinesischen Bevölkerung ein Besitzgefühl, einen patriotischen Stolz über die Diversität der chinesischen Nation erzeugen. <br/><br/>“Der Himmel ist hoch, und der Kaiser weit weg”, sagt ein chinesisches Sprichwort. Heute gibt es zwar keinen Kaiser mehr. Doch mancherorts wünscht man sich vielleicht die kaiserliche Nachlässigkeit in der Verwaltung der Randgebiete zurück.</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/DhEtVH4Sy5gGmNvHA"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/53zmnduzer/feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <media:content type="image/jpeg" url="https://assets.steadyhq.com/production/post/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d/teaser_image/1747121132?auto=format&amp;h=787&amp;w=1400&amp;fit=fill&amp;fm=jpg&amp;crop=faces" medium="image"/>
      <link>https://steady.page/640522a7-d280-4404-a622-0c6931a0cc7a/posts/0dc148b3-9e12-4c9c-bb60-39c21024492d</link>
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      <pubDate>Wed, 14 May 2025 04:01:00 +0000</pubDate>
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    <item>
      <title><![CDATA[Ich habe mit DeepSeek über Zensur und verbotene Kunst diskutiert]]></title>
      <description><![CDATA[Und verrate dir Tricks, mit denen du das auch schaffst.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Und verrate dir Tricks, mit denen du das auch schaffst.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/war6gzxrsi/Beige_und_Grau_Minimalistisch_Zitat_Instagram-Beitrag_(1).png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Chinas “Sputnik-Moment” - so feierten viele den Startschuss von DeepSeek im Januar 2024. Mittlerweile hat sich der Hype etwas gelegt. Mein Fazit zu dem Tool war bisher: “So wird das aber nix mit der technologischen Überlegenheit”. DeepSeeks Design und die etwas treudoofen Formulierungen, all das erinnert stark an ChatGPT. Außer dass DeepSeek direkt bei chinesischen Staatsmedien abzuschreiben scheint, zum Beispiel hier:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/7qc4zwruh7/politisches_system.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Gähn. <em>Keep it cool, DeepSeek.</em> Außerdem scheitere ich selbst bei harmlosen Fragen wie “Wer ist Xi Jinping?” an folgender Fehlermeldung:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/an2mskaeyg/beyond_curent_scope.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Hier ist der Zensurfilter der AI dazwischen gegrätscht. “Xi Jinping”, “Mao Zedong”, “Uighuren” oder “Tiananmen”: keine der roten Linien ist ein großer Schocker. Nerven tun sie trotzdem.</p><p>Nachdem ich einige Wochen beide Chatbots verglichen hatte, war mein Eindruck: Auf einer Party wäre ChatGPT der geduldige, etwas unbeholfene Klassenstreber, den alle trotzdem gerne mögen. Und DeepSeek der unsympathische Sohn des Klassenlehrers, der an einer Cola nippt und um 9 nach Hause geht (nichts gegen Lehrerkinder natürlich, ich bin selbst eines.) DeepSeek benutzte ich nur, wenn ChatGPT mir eine spezifische Chinafrage nicht beantworten konnte.</p><p>Bis ich durch Zufall auf die andere Seite von DeepSeek stieß: ein vorwitziger, nostalgischer Charakter, der sich bestens mit Chinas Subkultur auskennt. Und sich sogar zu Kritik an offiziellen Parteilinien herablässt. Wie ich das geschafft habe? Das zeige ich dir hier. </p><p>Vorweg: Mein Thread begann mit etwas Geplauder über Shanghais Street-Art Szene. Ich fragte DeepSeek aus Spaß, ob es mir Empfehlungen für Shanghais Subkulturszene geben könnte. DeepSeek antwortete:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/3son4qqejv/underground_SH.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wow! Das Tool gab also ziemlich unumwunden zu, dass staatliche Repression Clubs, Bars und Bibliotheken verdrängte.</p><p>Mehr noch, bei Literatur und Zines sprach es von “verbotenen Gedanken”:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/vbjrnpwive/verbotene_gedanken.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><br/>Bei queeren Bars von den “letzten safe spaces für Queers”:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/hdvemqfnoo/safe_space.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Zwar hat DeepSeek bei den Antworten halluziniert, einen WeChat Account namens “Shanghai Zine Library” gibt es nicht. Erstaunlich ist diese Ehrlichkeit dennoch.<br/><br/>Und dann gab DeepSeek selbst zu, der Zensur zu unterliegen:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/omgzdnfyip/DM.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><br/><br/>Äh, wie bitte? Das klingt eher wie etwas, das ChatGPT formulieren würde - nicht ein Tool, das chinesischer Zensur unterliegt. Ich fragte das Tool, wie ich ihm denn eine DM zukommen lassen könnte. DeepSeek gab mir eine Anleitung, die Zensur zu umgehen:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/wcfwugy3vp/codiert.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Dann folgte eine lange Liste mit Bars und Clubs, die ich selbst noch aus meiner Zeit in Shanghai kannte. DeepSeek riss Witze über bis sechs Uhr morgens dauernde  “Tee-Zeremonien”: </p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/lzvmp5lfqi/Bassdrop.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>warnte mich vor Drogen und den Cops:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/he23mft4v7/drugs.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/qvrjgvu24o/cops.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>und bewies sogar ein bisschen Humor:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/re7hj7odch/joke.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>DeepSeek plauderte mit mir über die Kritik chinesischer Künstler (Gentrifizierung, Überwachung und Diskriminierung queerer Menschen) und erklärte mir, wie Künstler*innen die Zensoren austricksen (Ironie und doppeldeutige Symbole). Ja, DeepSeek blieb dabei recht vage und hat sicher viel halluziniert. Aber allein dass das Tool bereit ist zu erklären, dass es kritische Kunst in China gibt und auf welche Herausforderungen sie stößt, finde ich ziemlich bemerkenswert.<br/><br/>And just to top that off: <br/><br/>Ein paar Zeilen weiter unten brachte ich DeepSeek dazu, die “Verletzung der Gefühle des chinesischen Volkes” zu kritisieren. Das ist ein Vorwurf, den die Parteiführung gegen alles Mögliche einsetzt, was ihr nicht in den Kram passt. Angela Merkel hat zum Beispiel 2007 die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt, als sie sich mit dem Dalai Lama traf. Das Treffen “untergrabe ernsthaft die Beziehungen zwischen China und Deutschland”, kommentierte die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums damals. <br/><br/>Und das hat DeepSeek zu den Gefühlen des chinesischen Volkes zu sagen:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/ng2eqsbhen/gefuhle_des_volkes1.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/lolqk2kutq/gefuhle_des_volkes2.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/hdtyvszc6w/gefuhle_des_volkes3.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Wow. Danach musste ich erstmal durchatmen und den Laptop zuklappen. Für mich folgen aus dieser Unterhaltung zwei Lektionen:<br/><br/><strong>1. DeepSeek gibt die interessantesten Antworten, wenn man um die Ecke fragt.</strong></p><ul><li><p>Will man sich mit DeepSeek über Themen im Grauzonenbereich unterhalten, (“Was kritisieren chinesische Dissidenten und Künstler an der Regierung?”), hilft der Umweg über eine zuerst unverfängliche Frage (“Hast du Tipps für Subkultur in Shanghai für mich?”). <br/></p></li><li><p>Nicht geradeheraus nach den big No-Nos (Xi, Xinjiang, Taiwan) fragen, dann kommen nur schnippische Propagandaphrasen - oder gar keine Antwort. <br/></p></li><li><p>DeepSeek ist überraschend selbstironisch und ermutigt Nachfragen. Geht es zum Beispiel um Chinas Kunstszene, ist das Tool beinahe nostalgisch über die Freiheit der 90er und 00er Jahre. <br/></p></li><li><p>Spielerische Codes, Andeutungen und doppelbödige Anfragen - all das hilft dem Tool, Antworten zu geben, bei denen nicht sofort der Filter zuschlägt. <br/></p></li><li><p>Man braucht Geduld und ein bisschen Glück dabei, das Tool in die richtige Richtung zu lenken. Für eine Antwort darauf, warum eigentlich die Zensoren zensieren, musste ich mehrmals nachhaken. Bei der Antwort zu den Gefühlen des Volkes hatte ich eventuell einfach Glück.<br/><br/><strong>2. DeepSeek will gute Antworten geben.</strong></p></li></ul><p>Chinesische AIs werden unzensiert trainiert, die Zensur wird erst später auf das Programm gefiltert. Und: DeepSeek zensiert sich nicht vorauseilend. Deswegen bietet es zum Beispiel von sich aus an, Tipps für Orte oder Bücher zu geben, die eigentlich black-listed sind, siehe hier:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/lsqlbz6pdw/east_village.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><br/>Erst, wenn DeepSeek die Antwort auf diese Frage formuliert, schlägt die Zensur zu. Das heißt: DeepSeek weiß ungefähr so viel wie ChatGPT oder Perplexity. UND alles, was das chinesische Internet hergibt. Das ist ein riesiger Wissensschatz für alle China-Interessierten, der leider häufig von der Zensur geschluckt wird. </p><p>Was hilft: DeepSeek trotzdem fragen - oft schreibt das Tool erstmal drauf los und löscht dann die Antwort. Was man bis dahin lesen kann, verrät trotzdem sehr viel - auch darüber, wo die roten Linien verlaufen.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Sean vom Substack mit dem fantastischen Namen “Too simple, sometimes naive” hat noch viel besser als ich demonstriert, <a href="https://toosimple.substack.com/p/deepseek-play">wie man DeepSeek austrickst.</a> Absolute Leseempfehlung!</p><p>Wer’s nicht weiß: &quot;Too simple, sometimes naive&quot; bezieht sich auf den &quot;Ich habe fertig&quot;-Moment von Jiang Zemin. Der ehemalige chinesische Präsident ging 2000 mit einem Meltdown im Stile eines wutentbrannten Bundesligatrainers in die Meme-Geschichte ein. Eine Aufnahme von der Pressekonferenz gibt’s <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5GIj2BVJS2A">hier</a>. So viel erfrischende Ehrlichkeit wurde man sich von Xi Jinping auch manchmal wünschen 😉<br/></p><a href="https://forms.gle/m2GWxSDq1TxcQ3Qf9"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d9edb07e-a442-4dcb-baf8-2e0781fc7cd4/uploads/images/53zmnduzer/feedback.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Tech]]></category>
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      <pubDate>Sat, 05 Apr 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Chinas Mafia baut ein Imperium in Südostasien]]></title>
      <description><![CDATA[China inszeniert sich gerne als ein Musterbeispiel für innere Sicherheit. Eine chinesische Mafia gibt es trotzdem – und sie betrügt Menschen weltweit um Milliarden.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>China inszeniert sich gerne als ein Musterbeispiel für innere Sicherheit. Eine chinesische Mafia gibt es trotzdem – und sie betrügt Menschen weltweit um Milliarden.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2896edea-22bb-46ad-b310-4f687ad08642/uploads/images/sywrvz5ya6/adi-goldstein-84OdnXgUwhg-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Spätestens in Mae Sot, an der Grenze zu Myanmar, bekam Wang Xing ein ungutes Gefühl. Eigentlich war der Schauspieler wegen eines Castingcalls nach Bangkok gekommen. Die vermeintlichen Mitarbeiter der Produktionsfirma fuhren ihn jedoch über die myanmarische Grenze in die Stadt Myawaddy. Dort rasierten sie ihm den Kopf und drückten ihm ein Handy in die Hand. Statt auf einem Dreh war Wang in einem myanmarischen Scam-Center gelandet. Wang sollte lernen, wie man Menschen weltweit um ihr Geld betrügt.</p><p>Wang Xings Verschwinden Anfang Januar 2025 sorgte für großes Aufsehen in China. Seine Entführung deutet auf ein größeres Problem hin: Chinesische Verbrechersyndikate in Südostasien erbeuten Milliarden mit Drogenschmuggel, Menschenhandel und Online-Scams. Die Arbeit in den Scam-Centern wird von Expert:innen als moderner Sklavenhandel bezeichnet.</p><p>Kaum ein Land überwacht seine Bürger so lückenlos wie China. Die Führung inszeniert sich gerne als Instanz, die hart gegen Kriminelle durchgreift und organisierte Verbrechen kein Stück weit toleriert. Trotzdem sind chinesische Kriminelle die Köpfe einer Betrugsindustrie, die bisher beinahe ungestört im Dschungel zwischen Laos, Myanmar und Thailand wuchert – und auch auf Opfer in Deutschland abzielt. Das liegt auch daran, dass die Beijing nicht genau hinschaut, wenn es um die chinesische Mafia geht. Und die Verbrecher manchmal zu Komplizen macht.</p><h3><strong>Schweine schlachten in Südostasien</strong></h3><p>Mitten in Südostasien befindet sich eine der bizarrsten <a href="https://www.crisisgroup.org/asia/south-east-asia/stepping-south-east-asias-most-conspicuous-criminal-enclave">Enklaven</a> der Welt. Die Golden Triangle Special Economic Zone (GTSEZ) ist ein etwa 30 km² großes Spielerparadies an der laotischen Seite des Mekong-Flusses. Wer diese Stadt betritt, muss erst durch eine Passkontrolle, laotische Polizei hat hier keinen Zutritt. In die Kasino-Stadt kommen chinesische Tourist:innen, weil Glücksspiel in der Volksrepublik verboten ist. In der GTSEZ findet vor allem ungefähr jedes Verbrechen statt, das du dir ausdenken kannst: Wildtierhandel, Zwangsarbeit, offene Geldwäsche und die Prostitution Minderjähriger. Und der Chef der Sonderwirtschaftszone? Das ist Zhao Wei, ein chinesischer Gangboss, der das Land für 99 Jahre gepachtet hat. Deswegen laufen die Uhren nach chinesischer Zeit, auch die meisten Schilder sind auf chinesisch. Zhao Wei hat sich ein kleines Stück chinesisches Gangster-Paradies geschaffen, mitten in Laos. </p><p>Die Golden Triangle Special Economic Zone ist vielleicht das schillerndste Beispiel chinesischer Mafiastrukturen in Südostasien. Aber sie ist längst nicht die einzige. Die Geschichte der Triaden, so nennt man die chinesische Mafia, geht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Heute decken die Triaden die ganze Palette transnationaler Verbrechen ab, von Menschenhandel bis zu Drogenschmuggel und Geldwäsche. Seit der Corona-Pandemie sind sie besonders aktiv in Scam-Centern, von denen massenhafter Online-Betrug ausgeht. Die Scam-Center funktionieren wie eine echte Firma, samt Büros, Sicherheitskräften, Buchhalter:innen und Vorgesetzten (Die New York Times hat <a href="https://www.nytimes.com/interactive/2023/12/17/world/asia/myanmar-cyber-scam.html">hier</a> die Struktur einer Scam-Firma in Myanmar nachgezeichnet).</p><p>Viele Online-Betrüger:innen sind selbst Opfer von Menschenhandel: Sie sind zum Beispiel einem verlockenden Job-Angebot nach Thailand gefolgt, und werden dann unter Androhung von Gewalt zu Betrugsmaschen gezwungen. Bei denen handelt es sich häufig um Pig-Butchering, also “ein Schwein schlachten”. Und das funktioniert so: <br/><br/>Der Betrüger kontaktiert sein Opfer zum Beispiel auf einer Dating-App mit einem falschen Profil und verwickelt es in ein harmloses Gespräch. Diese Phase nennt man <em>fattening</em>: Der Betrüger mästet das Vertrauen seines Opfers, und das durchaus mehrere Wochen lang. Bis es Zeit zum Schlachten ist. Der Betrüger lenkt das Gespräch auf Investitionen und Trading-Geschäfte und drängt sein Opfer, es auch mal zu probieren. Dann schickt er dem Opfer den Link zu einer gefälschten Trading-App oder Webseite. </p><p>Überweist das Opfer tatsächlich Geld auf die Plattform, landet das Geld beim Betrüger. Das Schwein ist geschlachtet. Und merkt das selbst meistens erst, wenn es zu spät ist. In den USA haben Pig-Butcherer allein <a href="https://www.justice.gov/usao-cdca/pr/justice-dept-seizes-over-112m-funds-linked-cryptocurrency-investment-schemes-over-half">bis 2022</a> eine Summe von mehr als 2 Milliarden Dollar erbeutet. Auch in Deutschland haben sich bereits <a href="https://www.bayern.de/weltweit-milliardenschaeden-durch-die-betrugsmasche-pig-butchering-scam-bayerns-justizminister-eisenreich-allein-bei-der-zentralstelle-cybercrime-bayern-sind-seit-2021-bereits-370-faelle-ange/">mehrere Hundert Opfer</a> gemeldet. </p><p>Wie viele Menschen in den Scam-Centern festsitzen, ist unmöglich genau zu sagen. Die UN schätzt ihre Zahl jedoch auf etwa 200.000 Menschen aus 100 verschiedenen Ländern, darunter auch mehrere zehntausend Chines:innen. Wang Xings Entführung machte einen Skandal sichtbar, den die Führung am liebsten totschweigen würde: Chinesische Staatsbürger:innen werden von kriminellen Netzwerken unter chinesischer Führung entführt, um wiederum Menschen weltweit, auch Chines:innen, zu betrügen. Gleichzeitig tönt das Partei-Sprachrohr <a href="https://www.globaltimes.cn/page/202405/1313108.shtml">Global Times</a>, China sei eines der Länder mit der niedrigsten Kriminalitätsrate. Wie passt das zusammen?</p><h3><strong>So inszeniert China sich als eines der sichersten Länder der Welt</strong></h3><p>Im November 2024 veröffentlichte das chinesische Büro für öffentliche Sicherheit triumphierend <a href="https://www.washingtonpost.com/world/2024/06/19/china-online-scams-myanmar-trafficking/">ein Video</a>: Es zeigte, wie chinesische Sicherheitskräfte Mitglieder chinesischer Clans abführten, die in Kokang, eine Region an der myanmarisch-chinesischen Grenze, in Online-Betrug verwickelt waren. Wei Qingtao, einer der verhafteten Clanmitglieder, las wenig später im chinesischen Fernsehen reumütig ein vorgeschriebenes Geständnis vor. </p><p>Das ist typisch für Chinas Umgang mit Kriminalität: Der Staat inszeniert medienwirksam, wie er gegen die Unterwelt vorgeht. Für organisierte Kriminalität machen chinesische Staatsmedien gerne südostasiatische Länder selbst verantwortlich. Sie vermitteln die Botschaft: Chinas Bürger:innen hätten nichts zu befürchten, denn die Partei gehe mit voller Gesetzeshärte gegen Kriminelle vor. Für die Kommunistische Partei ist dieses Branding wichtig: Schließlich hängt ihre Existenz auch davon ab, Wohlstand und Frieden für die Bevölkerung Chinas zu garantieren. <br/><br/>China ist mit diesem Branding so erfolgreich, dass es seine Sicherheitstechnologien auch ins Ausland exportiert. Zum Beispiel hängen in der serbischen Hauptstadt Belgrad chinesische Sicherheitskameras. <a href="https://table.media/china/news/bundespolizei-kooperation-mit-chinesischen-sicherheitsbehoerden/">Auch die Bundespolizei</a> hat bereits mit chinesischen Sicherheitskräften zusammengearbeitet. Wenn die chinesische Regierung also angibt, alles unter Kontrolle zu haben - warum kann sie dann ihre eigene Bevölkerung nicht vor ein paar Gangstern im südostasiatischen Dschungel schützen?</p><h3><strong>Weiße Wölfe, gebrochene Zähne und die kommunistische Partei</strong></h3><p>Thailand und Laos selbst sind häufig machtlos gegenüber den Verbrechernetzwerken. In Myanmar hat der Militärputsch weite Teile des Landes zu einer rechtsfreien Zone gemacht. China ist der einzige Akteur in der Region, der sowohl die Ressourcen als auch die geheimdienstlichen Informationen besitzt, um gegen Verbrechersyndikate in Südostasien vorzugehen, <a href="https://asiacrimecentury.substack.com/p/the-empire-strikes-back-prc-crackdown">schreibt Martin Purbrick</a>. Er ist Experte für organisierte Kriminalität in Asien und war selbst 32 Jahre als Sicherheitsberater in Asien tätig. Tatsächlich aber geht China nur gegen Triaden vor, wenn sie die Legitimität der Kommunistischen Partei bedrohen. Es gibt auch Fälle, in denen die Partei Triaden zu Komplizen macht.<br/><br/>Als China sich der Marktwirtschaft öffnete, nahm die Parteiführung stillschweigend hin, dass unter den Investoren in Chinas neuen Sonderwirtschaftszonen auch viele Gangbosse der Triaden waren. Auch <a href="https://asiacrimecentury.substack.com/p/to-know-the-road-ahead-ask-those">der Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation 2001</a> und die Initiierung der Neuen Seidenstraße waren Wasser auf die Mühlen chinesischer Kriminalität: Jedes Mal, wenn chinesische Geschäftsleute aufgefordert wurden, nach Investitionen im Ausland zu suchen, öffnete sich auch für die chinesische Mafia ein Fenster, zu expandieren.</p><p>In Kokang, wo chinesische Sicherheitsbehörden die Familienclans triumphierend abführten, waren Beamte der Kommunistischen Partei über Jahre in Geschäfte mit eben diesen Clans verwickelt. Erst, als die Betrugsgeschäfte der Triaden immer häufiger auch auf Chines:innen selbst abzielten, fiel der Hammer der chinesischen Justiz. </p><p>China lässt die Triaden nicht nur gewähren, wenn es ums Geschäftemachen geht. Sie setzt chinesische Gangster auch gezielt zu ihren Zwecken ein. Zum Beispiel Wan Kuok Koi, “Broken Tooth”, der berüchtigste chinesische Gangster und ehemaliger Boss der Triade 14K. Der machte nach einer 14 jährigen Gefängnisstrafe Karriere als patriotischer Geschäftsmann. Er gründete eine Plattform, die sich unter anderem für die Wiedervereinigung mit Taiwan einsetzt, und erhielt <a href="https://globalinitiative.net/wp-content/uploads/2024/05/Martin-Thorley-A-changing-landscape-Chinas-new-model-of-global-governance-and-its-impact-on-organized-crime-GI-TOC-May-2024.pdf">2021 in Beijing</a> einen Preis für seinen patriotischen Einsatz. Auch der vorherige Anführer der Bamboo-Union-Triade, Chang An-lo, auch “Weißer Wolf” genannt, ist Ultranationalist und setzt sich regelmäßig auf Demonstrationen für die Wiedervereinigung ein. Mitglieder von Triaden waren auch an Angriffen auf die Protestbewegung in Hongkong beteiligt, wie <a href="https://www.thestandard.com.hk/section-news/section/11/178355/Law-suspects-triads-behind-&#39;organized&#39;-airport-attack">eine Attacke auf den Aktivisten</a> Nathan Law 2017.</p><h3><strong>If you can’t beat them, join them</strong></h3><p><a href="https://asiacrimecentury.substack.com/p/triad-wars-the-macau-14k-broken-tooth">Purbrick vermutet</a>, dass die Partei quasi einen Deal mit einigen verurteilten Verbrechern abspricht: Du erhältst Bewegungsfreiheit in der Volksrepublik, wenn du dich im Gegenzug für unsere Ziele einsetzt. China weiß schließlich um die Reichweite der Triaden-Netzwerke. Frei nach dem Prinzip: If you can’t beat them, join them.</p><p>“Scam-Center in Südostasien wachsen derzeit zu einer weltweiten Krise im Menschenhandel”, <a href="https://time.com/6899646/scams-trafficking-drugs-southeast-asia-golden-triangle/">sagt Jürgen Stock</a>, Generalsekretär von Interpol. Er ist nicht der einzige, der Alarm schlägt: Auch NGOs, die sich für Opfer von Online-Betrug einsetzen, und Organisationen der UN warnen vor den Ausmaßen, die Online-Scams derzeit annehmen. Tatsächlich befreiten chinesische, thailändische und myanmarische Polizeibeamte in einer gemeinsamen Aktion Ende Februar 7000 Zwangsarbeiter aus myanmarischen Scam-Centern. Mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sind diese Bemühungen vermutlich nicht. Zumindest, solange China nur dann gegen organisiertes Verbrechen vorgeht, wenn das seinen geopolitischen Zielen zuträgt, wenn die Kriminalität in China für negative Schlagzeilen sorgt oder die Macht der Partei untergräbt. <br/><br/>Wang Xing, der entführte chinesische Schauspieler, wurde nach dem Hilferuf seiner Freundin nach wenigen Tagen aus dem Scam-Center befreit. Bei der Bangkok Post, die wohl um Schadensbegrenzung bemüht war, sorgte das für die kuriose <a href="https://www.bangkokpost.com/thailand/general/2935670/rescued-chinese-actor-promises-to-revisit-thailand">Schlagzeile</a> “Wang Xing in good spirits after four days in Myanmar Scam Center”. Bei Angehörigen chinesischer Entführungsopfer weckte das die Hoffnung, dass bald auch ihre Familienmitglieder zurückkehren. Solange China sich nicht entschließt, ernsthaft gegen organisierte Kriminalität vorzugehen, bleibt das nur eine Hoffnung.</p><figure><a href="https://forms.gle/Qmw2wKiW9R1gBA5e8"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2896edea-22bb-46ad-b310-4f687ad08642/uploads/images/6e33pa5cge/newsletter_umfrage.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Hier geht&#39;s zur Umfrage für den Newsletter!"/></a><figcaption>Feedback geben dauert 30 Sekunden, du kannst auch auf diese Mail antworten ;)</figcaption></figure><p></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 12 Mar 2025 05:01:00 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Wie eine App die chinesische Küche abschaffte]]></title>
      <description><![CDATA[Mit ein paar Klicks Essen zu bestellen, ist in China kinderleicht – und teilweise günstiger, als selbst zu kochen. Wie machen Chinas Lieferdienste das?]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Mit ein paar Klicks Essen zu bestellen, ist in China kinderleicht </em>–<em> und teilweise günstiger, als selbst zu kochen. Wie machen Chinas Lieferdienste das?</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4a40f3e3-12dc-4d1f-a001-9446d3261b29/uploads/images/wfofzqadc4/taha-_JxfFsxLa8o-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Ein paar Knoblauchzehen und eine Packung Milch, ansonsten ist Kessys Kühlschrank leer. Dabei ist Kessy nicht knapp bei Kasse. Ganz im Gegenteil, sie gönnt sich einen ziemlichen Luxus: Kessy bestellt Essen, oft gleich mehrmals am Tag. Kessy ist eine Freundin von mir aus Shanghai, und sie ist eine von vielen Millionen Chines:innen, die das Kochen gegen ein paar Klicks in einer App eingetauscht hat.</p><p>Fast 550 Millionen Menschen in China bestellen regelmäßig Essen zu sich nach Hause. 2024 erwirtschaftete die Lieferdienstbranche umgerechnet 212 Milliarden Euro, also in etwa das BIP von Griechenland. Reissuppe oder Dumplings zu bestellen, ist teilweise günstiger, als selbst zu kochen. Geliefert wird jederzeit, an fast jeden Ort. Was es dazu braucht? Ein paar Klicks in einer App, nervige Anrufe oder Trinkgeld kann man sich sparen. Das bestellte Essen ist innerhalb weniger Minuten vor der Tür.<br/><br/>Ich wollte besser verstehen: Wie zur Hölle funktioniert das? Und verlernen etwa gerade 1,4 Milliarden Menschen zu kochen? Schnell wurde mir klar: Es geht um mehr als nur Essen. Es geht um Chinas einzigartiges Internet-Universum und den brutalen Wettbewerb in der chinesischen Tech-Welt. Im Zentrum steht die App, die heute fast 70 Prozent Marktanteil hält: Meituan. Ihr Erfolg erklärt, warum sich Chinas Mittelschicht das Kochen abgewöhnt hat.</p><h3><strong>Kapitel 1: Die Krieg der tausend Groupons</strong></h3><p>Die Geschichte davon, wie Chinas Bevölkerung das Kochen bleiben ließ, fängt mit etwas sehr amerikanischem an: Deals. Rabatte. Gewinne Gewinne Gewinne. Genauer gesagt mit dem Unternehmen, das in den 2000ern aus der Schnäppchen-Jagd ein Geschäft machte: Groupon. Groupon versprach 2-für-1 Menüs in deinem Lieblingsrestaurant, vergünstigte Kinotickets oder eine kostenlose Massage - wenn genug Interessierte zuschlagen. Groupons Gründer Andrew Mason sahnte ab, als viele Menschen infolge der Finanzkrise sparen mussten - oder wenigstens das Gefühl von Geld-Sparen haben wollten. </p><p>Auf der anderen Seite des Pazifiks zog Groupon die Aufmerksamkeit eines chinesischen Unternehmers auf sich: Wang Xing, ein chinesischer Milliardär. Wang ist der Typ, der Regenschirme an der Straßenecke verkauft, sobald es anfängt zu regnen, sagen <a href="https://www.thewirechina.com/2021/08/15/special-delivery/">Unternehmensberater über ihn.</a> Im Internet zitiert Wang gerne klassische chinesische Literatur und Winston Churchill. Heute ist er Milliardär und hat sein Vermögen auf einem einfachen Prinzip aufgebaut: Schau, welche Start-ups in Amerika durch die Decke gehen, und adaptiere ihr Geschäft für den chinesischen Markt. Also gründete Wang Xing 2010 den Groupon-Klon Meituan. Und stieg damit in die Schlacht der tausend Groupons ein.</p><p>Die Schlacht der tausend Groupons war ein Wettlauf in der chinesischen Tech-Branche um das Gruppenrabatte-Geschäft. Denn auch Chinas Bevölkerung liebt Deals und Rabatte. Und so verbrannten Hunderte Kleinunternehmen Cash wie Feuerholz beim Versuch, als der erfolgreichste Groupon-Klon Chinas hervorzugehen. Restaurants oder Spas, die ihre Deals auf einer der Plattformen listeten, mussten nur wenige Prozente Marge an die Groupon-Klons abtreten. Einige Groupon-Fakes bezahlen ihre Kunden sogar dafür, sie auf ihrer Plattform listen zu können. Die einzige Regel der Groupon-Schlacht war: So viel Marktanteil wie möglich, so günstige Deals wie möglich.</p><p>Als sich 2013 der Staub im Groupon-Wettkampf legte, blieb Wang Xings Meituan als einer der wenigen Überlebenden übrig. Meituan war immer noch bloß eine App für Schnäppchenjäger. Das ändert sich jetzt: Wang Xing will das Angebot in seiner App auffächern. Ab 2013 kann man auf Meituan Essen bestellen, und jetzt beginnt Chinas Koch-Revolution.</p><h3><strong>Kapitel 2: Wie Meituan die Lieferdienst-Branche eroberte</strong></h3><p>Wang Xing weiß schon damals: Chinas Großstädte sind voller junger Büroangestellter, die mittags kaum Zeit für eine vernünftige Mahlzeit haben. Und nach einem langen Arbeitstag wenig Lust, sich noch in die Küche zu stellen. Er hat den richtigen Riecher dafür, wie man aus dieser konsumverwöhnten Mittelschicht das meiste Geld rausschlägt. Nachdem er die Schlacht der tausend Groupons gewonnen hat, will Wang Xing jetzt die Lieferdienst-Branche erobern.</p><p>Meituan entwickelt sich in dieser Zeit zur Super-App, quasi ein digitales Schweizer Taschenmesser: Mit Super-Apps wie Meituan kann man Essen bestellen, ein Taxi rufen oder einen Arzttermin buchen. Alles ohne die App zu verlassen. Und was chinesischen Super-Apps den Durchbruch verschafft, ist dieses schwarz-weiße Kästchen hier:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4a40f3e3-12dc-4d1f-a001-9446d3261b29/uploads/images/hliqvrlmv6/brett-jordan--qUp3bejuzs-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Das ist ein QR-Code, der es ermöglicht, mit dem Smartphone zu bezahlen. Als die Konzerne Alipay und WeChat diese Option 2014 flächendeckend in China einführen, stirbt das Bargeld fast über Nacht aus. Kreditkarten haben sich in China nie richtig durchgesetzt. Aber diese QR-Codes machen Onlinekäufe jetzt schnell und unkompliziert - und es ist der letzte Baustein, der Wang Xing beim Abschaffen der Kochkunst gefehlt hat.</p><p>Meituan arbeitet mit derselben Strategie wie zu Zeiten der Groupon-Schlacht: So viele Anbieter auf der Plattform wie möglich, so günstige Angebote wie möglich. Meituans Sales-Angestellte schwärmen aus, um Restaurants und Imbissen ein unschlagbares Angebot zu machen: Ein größerer Kundenstamm, der zuverlässig online bestellt. Die App, mobiles Bezahlen, Himmel, sogar die Lieferant:innen stellen wir! Die Kund:innen an den Endgeräten bezirzt Meituan mit leckerem, günstigen Essen, das sie mit nur wenigen Klicks in der U-Bahn nach Hause bestellen können. Damit schaffen Chinas Lieferdienste einen Service, den kaum jemand ablehnen kann - weder die Restaurants und Imbisse, noch die Büroangestellten, die hungrig von der Arbeit nach Hause kommen.</p><p>Und dann geht es ganz schnell. 2015 kauft Meituan seinen Konkurrenten Dianping auf. 2019 schreibt Meituan das erste Mal schwarze Zahlen. Im selben Jahr bestellen <a href="https://daxueconsulting.com/wp-content/uploads/2020/09/Food-delivery-market-in-China-by-daxue-consulting.pdf">fast 460 Millionen Chines:innen</a> regelmäßig Essen. Und Mahlzeiten nicht mehr selber zu kochen, sondern sich ins Büro, nach Hause, in den Park liefern zu lassen, ist das neue Normal geworden.</p><h3><strong>Kapitel 3: Wer wirklich für das günstige Essen bezahlt</strong></h3><p>Chinesische Großstädte sind viel dichter bewohnt als europäische Städte. Sie gleichen einem Bienenstock, in dem eine Bevölkerungsgruppe oft unsichtbar bleibt. Und zwar Wanderarbeiter:innen aus den ländlichen Regionen, die auf der Suche nach Arbeit in die Städte strömen. Sie sind es, die auf Motorrädern täglich tausende Bestellungen ausliefern. Pro Bestellung verdienen sie damit <a href="https://www.nytimes.com/interactive/2025/01/29/world/asia/china-delivery-driver.html">rund 50 Cent</a>. Manche arbeiten 12-Stunden-Schichten, um über die Runden zu kommen. Selten haben sie eine Krankenversicherung, und gegen Kündigungen oder nicht gezahltes Gehalt können sie sich nicht wehren. Regelmäßig werden sie in Verkehrsunfälle verwickelt, mehrere Lieferant:innen sind bereits vor Erschöpfung bei der Arbeit <a href="https://www.scmp.com/news/people-culture/trending-china/article/3278707/china-delivery-rider-collapses-dies-bike-after-working-18-hour-days-leaves-family-hardship">gestorben.</a> </p><p>Die Löhne der Lieferant:innen sind die größten Kosten für Meituan und Co. Die Lieferdienste drücken die Löhne also, wo es nur geht, um profitabel zu bleiben. Dabei helfen ihnen die riesigen Mengen an Nutzerdaten, die sie über ihre Apps sammeln. Dank dieser Daten schlägt der Meituan-Algorithmus den Lieferant:innen immer effizientere Routen vor und drängt sie, doch noch ein bisschen schneller zu fahren. Das macht die Arbeit <a href="https://restofworld.org/2021/automate-everything/">besonders brutal</a>, denn je mehr Lieferungen je schneller ausgeführt werden, desto besser fürs Geschäft. Die Fahrer:innen werden deshalb oft mit einem gamifizierten Punktesystem oder verschiedenen Rängen belohnt und für Verspätungen bestraft. </p><p>Nach einem Vorstoß der chinesischen Behörden 2021 müssen die Lieferdienste den Fahrer:innen einen Mindestlohn zahlen und auf die Einhaltung von Pausen achten. Und die Meituan-App loggt inzwischen Fahrer:innen automatisch aus, die länger als 12 Stunden online sind. Doch gerade während der Pandemie und der Wirtschaftskrise in China hat sich die Lage der Lieferant:innen wieder verschlechtert. Allein zwischen Januar und März 2020 hat Meituan 450.000 neue Fahrer:innen eingestellt, darunter viele junge, arbeitslose Uni-Absolvent:innen. Bei so viel austauschbarer Arbeitskraft haben Meituan und Co also wenig Anlass, die Löhne zu erhöhen.</p><h3><strong>Kapitel 4: Heißt das, die chinesische Küche geht den Bach runter???</strong></h3><p>Und was heißt das nun, wenn ein ganzes Land (oder zumindest die junge Stadtbevölkerung) aufhört zu kochen? Dass in China immer weniger Menschen kochen, liegt nicht daran, dass sie gutes Essen nicht wertschätzen. Chinesische Küche begeistert nach wie vor ein Millionenpublikum. Das zeigen Foodblogger wie <a href="https://www.youtube.com/@cnliziqi">Li Ziqi</a> oder der Starkoch <a href="https://www.youtube.com/@chefwanginternational">Wang Gang</a>, die im chinesischen Internet Kochtipps teilen und sich durch die chinesische Restaurantszene testen. Stattdessen verändert sich schlicht das Konsumverhalten - so wie wir in Deutschland nicht mehr zu Mediamarkt gehen, sondern neue Lautsprecher auf Amazon bestellen. Oder kaum noch Karten lesen können, weil Google Maps uns den Weg zeigt. Apps wie Meituan konnten in China so erfolgreich gedeihen, weil Verstädterung, Digitalisierung und eine boomende Tech-Branche genau zur richtigen Zeit zusammenfielen.</p><p>Kessys Nachbarn, ein älteres Ehepaar, steht übrigens von morgens bis abends am Herd. So ganz stimmt es also nicht, dass ganz China aufgehört hat zu kochen. <br/><br/>Obwohl Kessy und ich uns nicht sicher waren, ob das ältere Ehepaar nebenan nicht doch einen Meituan-Shop betreibt.</p><hr aria-hidden="true"/><a href="https://forms.gle/CjW5ZpQbQowZ5X369"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4a40f3e3-12dc-4d1f-a001-9446d3261b29/uploads/images/jhluiv3gtr/Umfrage_Screenshot3.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Tech]]></category>
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      <pubDate>Wed, 12 Feb 2025 05:01:01 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Chinas Wirtschaft spielt nach neuen Regeln]]></title>
      <description><![CDATA[Auf den ersten Blick kriselt es in China. Doch Xi Jinping hat einen größeren Plan. Ich erkläre dir, was der neue Systemwettstreit für Deutschland bedeutet.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Auf den ersten Blick kriselt es in China. Doch Xi Jinping hat einen größeren Plan. Ich erkläre dir, was der neue Systemwettstreit für Deutschland bedeutet.</em></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/rote-quaste-rdVLN3UFmpU"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/338a368f-0f92-47bf-a7c7-03f9bd035750/uploads/images/pngtor6km3/annie-spratt-rdVLN3UFmpU-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a><p>Xu Jiayin war zuerst einer der Gewinner:innen von Chinas Aufstieg zur Weltmacht. 1958 mitten in eine der schlimmsten Hungersnöte hineingeboren, gründete er 1996 einen Immobilienkonzern mit einem schicksalhaften Namen: Evergrande. China brauchte Wohnraum, und Evergrande lieferte ihn. Millionen von Wohnungen in 280 chinesischen Städten. 2020 erzielte Evergrande einen Umsatz von umgerechnet etwa 67 Milliarden Euro. Das ist ungefähr so viel wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Luxemburgs im selben Jahr. Und Xu Jiayin? Der war jetzt ein crazy rich Asian, mit einem Vermögen von umgerechnet 42 Milliarden Dollar.</p><p>Bis die Kommunistische Partei Chinas den Stecker zog.</p><p>2020 beschränkte sie zum ersten Mal die Verschuldung chinesischer Immobilienkonzerne. Das war das Todesurteil für Evergrande. Der Konzern war ein gigantischer Schulden-Schneeball, der alte Schulden mit neuen Krediten bezahlte. Ein Jahr später war Evergrande zahlungsunfähig.</p><p>Der Sturz von Evergrande machte offensichtlich, was sich schon seit Jahren abzeichnet: Chinas wirtschaftlicher Höhenflug ist vorbei. Chinas BIP dümpelte 2024 bei 2,5 Prozent, weit unter den Zielen, die sich die Regierung gesetzt hatte. Ein Fünftel der jungen Chines:innen ist derzeit arbeitslos – offiziell. Die tatsächliche Zahl liegt vermutlich höher. Die Konsumneigung ist auf einem Rekordtief, genau wie die Geburtenrate (derzeit bei 1,2 Geburten pro Frau).</p><p>Trotzdem sagte Xi Jinping 2021, im Jahr der Insolvenz der Immobilienfirma Evergrande: „Der Osten erhebt sich, der Westen fällt.“ Diese Aussage ist mehr als nur Propaganda. Ja, China hat Probleme, daran zweifeln nicht mal chinesische Parteikader. Chinas Staatschef hat trotzdem das ganz große Ziel im Blick: ein starkes, weitgehend autarkes China bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik. Was in Europa kaum jemand begreift: Xi will nicht bloß mehr E-Autos, Solaranlagen oder Mikrochips verkaufen. Er will eine Neuauflage des System-Wettstreits, und er ist fest entschlossen, diesen zu gewinnen. Die aktuelle Wirtschaftslage ist für ihn bloß der Wachstumsschmerz.<br/><br/><em>Ich habe </em><a href="https://krautreporter.de/geld-und-wirtschaft/5703-chinas-wirtschaft-spielt-nach-neuen-regeln?shared=0a30b0b5-385b-45fc-89f2-f6f2dfacf1ab&amp;utm_campaign=share-url&amp;utm_medium=editorial"><em>hier für Krautreporter</em></a><em> aufgeschrieben, was der neue Systemwettstreit für Deutschland bedeutet. Normalerweise sind alle Texte bei Krautreporter hinter der Paywall,</em><strong><em> aber für dich habe ich diesen Text für 12 Stunden freigeschaltet.</em></strong></p><p></p><p><strong>Und, hat dieser Newsletter dich abgeholt?</strong></p><ul><li><p><a href="https://form.typeform.com/to/XKCaR8EV?typeform-medium=embed-email#answers-79d4c94e-10e6-4861-b68b-136428271d29=3ff14aca-1027-4716-bd1c-b04d78524d04">Ja, mehr davon</a></p></li><li><p><a href="https://form.typeform.com/to/XKCaR8EV?typeform-medium=embed-email#answers-79d4c94e-10e6-4861-b68b-136428271d29=24c7ee39-10fb-4cce-ab8a-31c076923fbe">So lala</a></p></li><li><p><a href="https://form.typeform.com/to/XKCaR8EV?typeform-medium=embed-email#answers-79d4c94e-10e6-4861-b68b-136428271d29=68fc4c55-9d3d-4686-b3e2-2f57d6f37b35">Nicht mein Thema</a></p></li></ul>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Fri, 24 Jan 2025 07:02:15 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Warum “Gesicht bewahren” kein Stück chinesisch ist]]></title>
      <description><![CDATA[Über den wichtigsten chinesischen Charakterzug, den sich ein amerikanischer Missionar ausdachte]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Über den wichtigsten chinesischen Charakterzug, den sich ein amerikanischer Missionar ausdachte</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1e144c67-556c-4d36-a25b-e5db03e323f0/uploads/images/6qmbwfalqp/bob-kozel-NXGbASwCgoE-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>In China jemanden in die Pfanne zu hauen, das geht ratzfatz: Trinkgeld geben, eine Einladung ausschlagen oder gar politisch heikle Themen ansprechen - schon hat das Gegenüber sein Gesicht verloren.</p><p>Zumindest, wenn man sich im Internet durch die chinesische Mentalität klickt.</p><p>Gesicht zu wahren gehöre seit 5000 Jahren zu den <a href="https://www.marktforschung.de/marktforschung/a/mianzi-gesicht-wahren-in-der-chinesischen-marktforschung/">Verhaltensmaximen</a> der chinesischen Gesellschaft, behauptet markforschung.de. Das angebliche Ziel dabei? “Anerkennung, Eindruck von Einfluss und <strong>am liebsten natürlich, Macht.</strong>” Was heißt denn, das Gesicht zu wahren? Ruhiges und zuvorkommendes Verhalten, schreibt <a href="https://crossculture-academy.com/de/gesicht-wahren-geben-und-bekommen/">dieses Kompetenzzentrum</a>. Sich jederzeit um Harmonie zu bemühen und ein <a href="https://www.college-contact.com/china/kulturelle-besonderheiten#:~:text=Das%20Gesicht%20wahren%2C%20Harmoniestreben%2C%20Indirektheit,genie%C3%9Ft%2C%20sollen%20nicht%20besch%C3%A4digt%20werden.">Bewusstsein für Hierarchien</a>, schreibt ein anderes. Um das Gesicht zu wahren, sind sogar Notlügen erlaubt.</p><p>Bis vor ein paar Wochen habe ich das auch geglaubt. Dann erfuhr ich von dem Buch “On Saving Face - A Brief History of Western Appropriation”. Geschrieben hat es der Historiker Michael Keevak, der an einer an einer Universität in Taipeh lehrt.</p><p>“Gesicht”, erklärt Keevak, existiert tatsächlich. <strong>Was aber seinen Erkenntnissen nach komplett erfunden ist: das “Gesicht bewahren” traditionell chinesisch ist.</strong> Und dass das Leben in China sich nur darum drehe, dem an jeder Ecke lauernden Gesichtsverlust zu entgehen. “On Saving Face” hat mir gezeigt: <strong>Chines*innen sind nicht obsessed damit, ihr eigenes Gesicht zu wahren. </strong>Stattdessen sind wir im Westen besessen davon, andere Kulturen zu bewerten und in Etiketten zu zwängen.</p><h3><strong>Ein Irrtum wird Exportschlager</strong></h3><p>Den Europäern und Amerikanern, die im 19. Jahrhundert in China missionieren oder Handel treiben, bereitet einiges Kopfschmerzen: die feuchte Hitze Kantons, horrende Bestechungsgelder, und die willkürlichen Regeln des diplomatischen Kontaktes. Und auf noch etwas können sie sich keinen Reim machen: <strong>Chinesischen Kaufleute sprechen in den Verhandlungen häufig von “loose face”. </strong>“Gesicht verlieren” macht ja nicht mal grammatikalisch richtig Sinn.</p><p>Was die Westler in China nicht wissen: Das Konzept “Gesicht” existiert tatsächlich. Und das nicht nur in China, sondern in vielen Teilen Ostasiens. <strong>Und zwar überall dort, wo konfuzianische Philosophie die vormoderne Ständegesellschaft reguliert hat. </strong>Gesicht kann heute Würde oder Wertgefühl bedeuten. Es ist abgesteckt von den Normen, die in keinem Gesetzbuch stehen, aber trotzdem jeder kennt. Man kann auf Chinesisch zum Beispiel Gesicht verlieren, geben, wollen, lieben oder zerreißen. </p><p>Die Westler benutzen “Gesicht verlieren”, um chinesisches Verhalten zu beschreiben. Und sie erfinden das Gegenteil dazu: <em>save face</em>, “Gesicht bewahren”. <strong>Damit, erklärt Michael Keevak, reduzieren sie ein vielseitiges und komplexes Konzept auf eine simple Plus-Minus Rechung:</strong> Werde ein Chinese eines Fehlers bezichtigt, verliere er das Gesicht. Könne er diese Peinlichkeit vermeiden, bewahre er sein Gesicht.</p><p>Mitte des 19. Jahrhunderts macht “Gesicht bewahren” dann richtig Karriere: Es wird plötzlich <em>das</em> Buzzword, um China zu erklären. <strong>Und das ist kein Zufall. </strong></p><h3><strong>Anthropologie für den Schaukelstuhl</strong></h3><p>1894 veröffentlicht der amerikanische Missionar Arthur Smith das Buch “Chinese Characteristics”. Er trifft damit einen Nerv: 50 Jahre lang verkauft sich kein Buch über China so gut. “Gesicht” setzt Smith gleich an den Anfang. Dort schreibt er:</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/1e144c67-556c-4d36-a25b-e5db03e323f0/uploads/images/jmb4dstnpa/face.png?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p><strong>Das erste, was Leser*innen also über Chines*innen erfahren, ist wenig schmeichelhaft:</strong> Laut Smith lieben sie Drama. Bei der kleinsten Provokation führen sie sich wie Schauspieler*innen auf und sind besessen davon, ihren eigenen Hintern zu retten. Wie kommt Smith zu so einem vernichtenden Urteil über China?</p><p>Nach dem ersten Opiumkrieg entlädt sich die Verachtung über China, die schon länger im Westen schwelt. China ist längst nicht mehr der bewundernswerte Sehnsuchtsort, der er im 17. und 18. Jahrhundert war. <strong>Man betrachtet China jetzt als dekadent und rückständig. </strong>In Europa und Amerika spottet man über den Niedergang Chinas, das immer tiefer in der Opiumsucht versinkt. Und die westliche Community in China triumphiert darüber, das hochnäsige Kaiserreich in die Knie gezwungen zu haben. </p><p>Untermauert wird dieser Spott von Büchern wie “Chinese Characteristics”. Sie sind irgendwas zwischen amateurhafter Anthropologie und Unterhaltungsliteratur für einen gemütlichen Abend im Schaukelstuhl. <strong>Autoren wie Arthur Smith bedienen den Voyeurismus weißer Leser*innen in der späten Kolonialzeit</strong>. Sie bringen ihren Leser*innen bei, was mit China falsch ist. Und wie eine Kultur gegen ein Volk verwendet werden kann.</p><h3><strong>Warum das Gesicht der perfekte Sündenbock ist</strong></h3><p>Warum aber eignete sich das “Gesicht” so gut zur Ächtung Chinas? <strong>“Gesicht bewahren”, erklärt Keevak, ist eben ein Alleskönner. </strong>Christliche Missionare verwenden es, um die chinesische Höflichkeit zu kritisieren, die auf sie wie eine Täuschung wirkt. Und das passt nun mal gar nicht zur christlichen Lehre von Demut und Aufrichtigkeit vor Gott. Britische Kaufleute stöhnen über das angebliche Streben nach “Gesicht”, wenn sie es mit unzuverlässigen chinesischen Händlern zu tun haben. Und westliche Diplomaten spotten über die aufwendigen Zeremonien und geschwungenen Briefe des Kaiserhofes: Alles verzweifelte Versuche des Kaisers, angesichts der Krisenstimmung im Lande gegenüber dem Ausland nicht das Gesicht zu verlieren. </p><p><strong>“China Hands” wie der Missionar Smith fördern ein diffamierendes Verständnis von “Gesicht”:</strong> Dazu gehört der Höflichkeits-Zirkus, den sie als hinfällig empfinden, das angebliche Herauswinden aus jeglichen Fehlern und ein alles verschlingendes Ehrgefühl. Damit sorgt Smith dafür, dass “Gesicht bewahren” weit über die Grenzen Chinas hinaus Karriere macht - und bis heute nachwirkt. </p><h3><strong>Kultur ist kein unisex-Shirt</strong></h3><p>Na gut, denkst du jetzt vielleicht, aber was hat so ein alter Schinken von Achtzehnhundertirgendwas mit mir zu tun? Die Charakterzüge eines Landes in so plakativen Worten wie der Missionar Smith zu beschreiben, würde heute wohl einen Shitstorm produzieren. <strong>Aber das Überlegenheitsgefühl des Westens, das Keevak beschreibt, klingt im Hier und Jetzt nach. </strong>Noch heute <a href="https://www.korientation.de/anti-asiatischer-rassismus-medien/">machen sich Menschen</a> über asiatische Essgewohnheiten oder den Klang asiatischer Sprachen lustig: Sie markieren das, was sie nicht verstehen, als “fremd”, und werten es dadurch herab. </p><p>Auch ohne rassistische Absichten versuchen wir oft, mit wenigen Stichworten die Handlungen eines Menschen oder gar eine ganze Kultur erklären zu können. <strong>So ungefähr jeder Reiseführer zu China hat ein paar Seiten zur chinesischen Kultur, die notgedrungen auf ein paar Schlagwörter eingedampft wird: Irgendwas mit Konfuzianismus, Kollektivismus und Kung-fu.</strong> Dafür sind allerdings nicht nur westliche Ratgeber verantwortlich: Chinesische Institutionen wie Konfuzius-Institute oder Forschende orientalisieren sich mit diesen Konzepten selbst (zum Beispiel in der “<a href="https://www.bpb.de/themen/recht-justiz/dossier-menschenrechte/38715/die-debatte-um-asiatische-werte/">asian values</a>” Debatte).</p><p>Einige Unternehmen verdienen damit ziemlich gutes Geld: <strong>Interkulturelle Seminare über China für Geschäftsleute kosten schnell mal mehrere Tausend Euro pro Teilnehmer*in.</strong> Das Curriculum vieler interkulturellen Trainings ist ähnlich vertrauenswürdig wie das Bunte-Horoskop (<a href="https://global-cultures.com/interkulturelles-training/china/#">hier</a> wird zum Beispiel von der Reisbaukultur auf die angeblich chinesische Orientierung zur Harmonie geschlossen). <strong>Viele dieser Seminare sind unwissenschaftlich, verkürzt und schlicht: vergeudetes Geld.</strong></p><p>Tja, und nun? Schließlich weiß ich selbst, dass China und Deutschland ziemlich unterschiedlich sind. Egal, ob “Gesicht bewahren” ein traditionell chinesisches Konzept ist oder die Erfindung eines  amerikanischen Missionars. Was von Büchern wie “On Saving Face” bleibt, ist vielleicht diese Erkenntnis:<strong> Kultur ist kein unisex-Shirt, das man einfach einem Menschen aus Land X überstreifen kann.</strong> Vor allem nicht, wenn es um 1.4 Milliarden Menschen und eine Geschichte von mehreren tausend Jahren geht.</p><p><strong>Und für den Umgang mit chinesischen Bekannten reichen erstmal die Regeln des Smalltalks:</strong> nach Kindern, Hobbies oder Heimat fragen. Vielleicht nicht gleich mit der Forderung nach einer Stellungnahme zu Tiananmen das Gespräch beginnen. Akzeptieren, das man manche Menschen riechen kann - und andere nicht. <br/><br/>Eben ganz so, wie man es mit jemandem aus Deutschland auch machen würde.</p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Wed, 18 Dec 2024 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Xi Jinping hat ein Problem]]></title>
      <description><![CDATA[Seine Partei hat China reicher, aber auch ungerechter gemacht. Heute geben immer mehr Chines*innen dem System die Schuld]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Seine Partei hat China reicher, aber auch ungerechter gemacht. Heute geben immer mehr Chines*innen dem System die Schuld</em></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/weisse-gebaude-tagsuber-ROjdGxdL5EM?utm_content=creditShareLink&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/a08dc2f4-5841-4eee-8f98-a6c4f7c0d26b/uploads/images/65ywmos52f/sunrise-ROjdGxdL5EM-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a><p>Manche Menschen in China sind überall und trotzdem unsichtbar. Zum Beispiel sogenannte Bao’an: Das sind einfache, schlecht bezahlte Sicherheitsmitarbeiter*innen in Wohn- oder Bürogebäuden. Auf der Videoplattform <em>Douyin</em> hat ein solcher Bao’an kürzlich für <a href="https://www.whatsonweibo.com/the-viral-baoan-how-a-xiaoxitian-security-guard-became-famous-over-a-pay-raise/">Furore gesorgt</a>: In einem Video erzählt der freundlich lächelnde Mitarbeiter einer Tempelanlage, er sei dankbar für die gestiegenen Besucherzahlen. Denn dadurch sei sein Lohn gestiegen, auf 2.200 RMB. Das sind umgerechnet etwa 290€. <br/><br/>Das Video ging sofort viral. “Nur 2.200 RMB???” empörten sich viele User. Die niedrige Bezahlung des Mitarbeiters wurde heiß diskutiert auf Weibo, dem chinesischen Twitter. Nur wenige Tage später berichtete derselbe Mitarbeiter, er sei gefeuert worden: “Sie wollen nicht länger, das ich zur Arbeit komme. Ich bin sehr traurig. Ich werde niemals eure Unterstützung vergessen.” <br/><br/>Warum erzähle ich dir diese Geschichte? Weil sie verdeutlicht: <strong>In der chinesischen Bevölkerung entwickelt sich gerade ein neues Bewusstsein für Ungerechtigkeit. </strong>Viele Menschen in China wissen, dass kein Land so schnell so wohlhabend geworden ist. Und dass heute das <a href="https://www.voanews.com/a/despite-push-for-common-prosperity-china-s-income-gap-widens/7277501.html">reichste 1 %</a> der chinesischen Bevölkerung fast ein Drittel des gesamten Privatvermögens besitzt. Warum löst diese Ungerechtigkeit genau jetzt Empörung aus? Und ist das ein Problem für die Kommunistische Partei? Darum geht es in diesem Text.</p><h3><strong>Wie China den Mao-Anzug gegen <em>business casual</em> eintauschte</strong></h3><p>“Wenn du dich genug anstrengst, kannst du alles schaffen.” Klingt ziemlich amerikanisch, aber dieser Überzeugung vertrauten bisher auch die meisten Chines*innen. Das zeigt <a href="https://bigdatachina.csis.org/is-it-me-or-the-economic-system-changing-evaluations-of-inequality-in-china/">eine Untersuchung</a> des Research Center for Contemporary China (RCCC) der Beijing Universität. Forscher*innen befragen Chines*innen dort regelmäßig zu sozialer Gerechtigkeit. Zum Beispiel: Warum sind manche Menschen in China arm? <strong>2004 und 2014 antwortete ein Großteil: Armen Menschen mangele es an Fähigkeit, Einsatz oder Charakter.</strong> Für den eigenen Erfolg ist jeder selbst verantwortlich, glaubte man also in China. Und das hat etwas mit Chinas Aufstiegsgeschichte zu tun.</p><p>Als Staatschef Deng Xiaoping Anfang der 1980er Jahre den Weg für die Privatwirtschaft freimachte, <strong>brach Tatendrang in der chinesischen Gesellschaft aus. </strong>An jeder Ecke eröffneten frischgebackene Unternehmer*innen Friseursalons, schmorten Lammkebabs oder verschacherten aus Hongkong importierte Kassettenrekorder. Chinas Gesellschaft war berauscht von <em>xiangqiankan,</em> ein Wortspiel, das einerseits bedeuten kann: <em>Nach vorne schauen</em>. Oder: <em>Aufs Geld schauen</em>. Zwar lebte 1987 immer noch <a href="https://ourworldindata.org/grapher/share-of-population-in-extreme-poverty?tab=chart&amp;country=~CHN">über die Hälfte der chinesischen Bevölkerung</a> unter der absoluten Armutsgrenze. Trotzdem fühlten viele: Die Welt steht mir offen. Ich kann Geld verdienen, womit ich will. Und ich kann es ausgeben, wofür ich will. </p><h3><strong>Wie eine kommunistische Partei die Reichen reicher machte - und die Armen arm ließ</strong></h3><p>In den 1980ern gab es nur eine Sache, die schneller wuchs als das BIP: <strong>die Kluft zwischen Arm und Reich.</strong> Dafür ist auch die Kommunistische Partei verantwortlich: Schulterzuckend verkündete Staatschef <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2014-03/deng-xiaoping-china">Deng Xiaoping</a>, einige müssten nunmal “zuerst reich werden”. Deng verhinderte zwar eine <a href="https://www.youtube.com/watch?app=desktop&amp;v=mpv2Xjfh9No">schockhafte Preisliberalisierung</a> wie in Russland, die in China zu einer noch größeren Katastrophe geführt hätte. <strong>Aber mit zwei Maßnahmen zementierte die Kommunistische Partei die Ungleichheit in der chinesischen Gesellschaft:</strong><br/><br/><strong>Erstens behielt sie das <em>hukou</em>-System bei.</strong> Das ist eine <a href="https://www.bpb.de/themen/migration-integration/regionalprofile/515612/binnenmigration-in-china-kann-die-staedtische-integration-gelingen/">Haushaltsregistrierung</a>, die den Zugang zu Sozialleistungen an den Geburtsort bindet. Ursprünglich sollte die <em>hukou</em>-Registrierung die massenhafte Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte verhindern. <strong>Heute treffen die Folgen vor allem Wanderarbeiter*innen</strong>, die von städtischen Schulen und Gesundheitsvorsorge ausgeschlossen sind und kaum Chancen haben, in besser bezahlte Jobs aufzusteigen. <br/><br/><strong>Zweitens führte sie nie ein Steuersystem ein, das das entstehende Vermögen </strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=pb7FOtW95RY"><strong>vernünftig besteuerte</strong></a><strong>.</strong> Chinas Steuersystem fußt auf der Besteuerung von Unternehmen. Denn als die Partei während der Öffnung das Steuersystem komplett neu aufbauen musste, besaß die Bevölkerung schlicht kein nennenswertes Vermögen, das man hätte besteuern können. Heute gibt es zwar eine Einkommenssteuer. Aber an das richtige Vermögen traut sich die Kommunistische Partei nicht:<strong> Immobilien oder Erbe werden kaum oder gar nicht besteuert</strong>, auch weil das viele Regierungsbeamte in Schwierigkeiten bringen würde.<br/><br/>Aber das alles war in den 1980ern nicht wichtig. <strong>Denn China wuchs so schnell, dass jeder profitierte.</strong> Und so lange jeder profitierte, kümmerte die Ungleichheit keinen. Was stattdessen wichtig war: Ein jährliches BIP-Wachstum um die 10 Prozent, das der Kommunistischen Partei Legitimität verschaffte. Als Landwirt selbst entscheiden zu können, ob man Reis oder Baumwolle anbaute. Universitäten und Schulen, die wieder öffneten. <strong>Und das Gefühl, das eigene Schicksal selbst in die Hände nehmen zu können.</strong> Diese Aufbruchszeit hat bei vielen die Überzeugung verankert: Wer stets an seinen eigenen Fähigkeiten arbeitet, kann alles erreichen. </p><p>Von diesem Optimismus zehrte China jahrzehntelang. Doch heute verkünden junge Chines*innen auf sozialen Netzwerken: “Ich wollte heute für den Sozialismus kämpfen. Aber das Wetter ist so verdammt kalt, dass ich nur im Bett liegen und auf meinem Handy spielen kann.“ Was ist aus dem Tatendrang der 1980er geworden?</p><h3><strong>It never rains in Dalifornia</strong></h3><p>Stell dir vor, du sitzt im Kino. Der Film geht gerade los, als die Zuschauer*innen in der ersten Reihe aufstehen, um einen besseren Blick auf die Leinwand zu haben. Also steht die zweite Reihe auch auf. Und die dritte, und schließlich der ganze Saal, bis niemand mehr einen Blick auf den Film hat. </p><p>Ungefähr so geht es gerade vielen jungen Erwachsenen in China. Sie leiden an <a href="https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/chinas-involuted-generation"><em>neijuan</em></a>, ein Online-Hashtag, der übersetzt etwa “Rolle inwärts” bedeutet. <strong>Er beschreibt das Gefühl, in einem sich immer schneller drehenden Hamsterrad festzustecken, ohne etwas zu erreichen.</strong> Nach einem zermürbenden Leistungswettbewerb in Schule und Studium stehen derzeit u<a href="https://www.spiegel.de/ausland/china-jugendarbeitslosigkeit-erreicht-rekordwert-seit-jahresbeginn-a-f20a452b-54e7-4832-9346-193f5820eb9e">m die 20 Prozent</a> der jungen Chines*innen offiziell ohne Job da, die echte Zahl liegt vermutlich noch höher. Diejenigen, die einen Job ergattern, erinnert die Arbeitskultur vieler Firmen ans “<a href="https://www.reddit.com/r/China/comments/oiew7a/the_chives_meme_vents_many_chinese_youths/?rdt=33665">Schnittlauch schneiden</a>” - fällt jemand aus, wächst der nächste sofort nach.</p><p>Dazu Überalterung, Immobilienkrise und die Covid-Pandemie: Das verunsichert eine Gesellschaft, die jahrzehntelang nichts anderes kannte als höher, schneller, weiter. <strong>Besonders unter jungen Erwachsenen hat kaum jemand noch den Eindruck: Mein Schicksal liegt in meinen Händen.</strong><br/><br/><strong>Wer kann, checkt aus</strong>: Gelangweilte, junge Chines*innen flüchten in Hippie-Communities wie <a href="https://www.nytimes.com/2024/02/04/world/asia/china-dali.html">Dalifornia</a> im Süden Chinas oder gehen mit Tausenden anderen auf <a href="https://www.rfa.org/english/china/2024/11/12/china-crackdown-students-night-cycle-rides/">nächtliche Fahrradtouren</a>. Immer mehr Chines*innen versuchen ihr <a href="https://www.scmp.com/economy/china-economy/article/3276894/chinas-lottery-sales-rise-economic-prospects-remain-hazy">Glück im Lotto</a> oder verlassen gleich das Land, zum Beispiel in Richtung USA: <a href="https://www.ispionline.it/en/publication/through-the-darien-gap-to-the-united-states-the-dangerous-route-of-chinese-migrants-177518">37.000 Chines*innen reisten</a> 2023 über die Südgrenze in die USA ein, zehnmal so viel wie im Jahr davor. <br/><br/><strong>Wer nicht auschecken kann, verfällt einer Art Online-Fatalismus: </strong>Junge Menschen in China sind <em>chronically online</em> und dokumentieren auf Weibo und Co, wie sie <a href="https://www.zeit.de/2022/16/jugendbewegung-china-kapitalismus-aussteiger/komplettansicht">flachliegen</a>, <a href="https://asiasociety.org/policy-institute/involution-generation-turning-inward-and-away-xis-chinese-dream">verrotten</a>, <a href="https://www.equaltimes.org/the-run-movement-young?lang=en">weglaufen</a> oder “es <a href="https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/chinas-involuted-generation">buddhistisch nehmen</a>”. Mit diesen Hashtags halten junge Chines*innen ihren Ausstieg aus dem Hamsterrad fest.</p><h3><strong>Xi Jinping hat von Flachliegen keine Ahnung</strong></h3><p>“Flachliegen” und Co sind derzeit eher Online-Rhetorik als eine Bewegung, die auf die Straße überzugreifen droht. Aber a<a href="https://bigdatachina.csis.org/is-it-me-or-the-economic-system-changing-evaluations-of-inequality-in-china/">ls das RCCC 2023 erneut Chines*innen zu sozialer Gerechtigkeit befragte</a>, war sich ein Großteil jetzt sicher:<strong> Die Armut in China liegt an ungleichen Möglichkeiten und einem ungerechten Wirtschaftssystem.</strong></p><p>Das heißt: Immer weniger Chines*innen glauben noch, dass sie alles schaffen können, wenn sie nur hart genug dafür arbeiten. Und immer mehr Chines*innen glauben, hinter Armut steckt strukturelle Ungerechtigkeit. <strong>Für sie ist das System schuld.</strong> Und das bereitet der Kommunistischen Partei ziemlich sicher schlaflose Nächte. Denn in China bedeutet Systemkritik de facto Kritik an der Partei. Und die ist offensichtlich <a href="https://www.nytimes.com/2023/05/30/business/china-youth-unemployment.html">komplett planlos</a>, wie man mit einer desillusionierten Jugend umgeht. </p><p>Xi Jinping fiel zum Frust junger Erwachsener bisher nichts Besseres ein als der väterliche <a href="https://asiasociety.org/policy-institute/involution-generation-turning-inward-and-away-xis-chinese-dream#lying-flat--14721">Appell</a>, den “anspruchsvollen Lebensstil und die selbstzufriedene Haltung” aufzugeben. <strong>Gegen die Kluft zwischen Arm und Reich ist die Kommunistische Partei bisher höchstens kosmetisch vorgegangen</strong>: Zum Beispiel <a href="https://www.theguardian.com/world/article/2024/may/17/chinese-social-media-companies-remove-posts-showing-off-wealth-and-worshiping-money">verbietet</a> sie das Protzen mit dem eigenen Reichtum und <a href="https://www.nytimes.com/2024/01/17/business/china-youth-unemployment.html">manipuliert</a> die Zahlen zur Jugendarbeitslosigkeit.</p><p>Ob aus “Flachliegen” irgendwann mehr wird als nihilistische Online-Rhetorik und versprengte Hippie-Communities? Das ist gerade noch schwer zu sagen. Ziemlich sicher ist aber:<strong> </strong>Selbst wenn die Kommunistische Partei einen Plan zur Rettung der Wirtschaft ausgeheckt hat<strong> - sie ist verdammt schlecht darin, diesen an ihre Bevölkerung zu vermarkten.</strong></p><p>Der entlassene Sicherheitsmitarbeiter der Tempelanlage ist übrigens selbst eine kleine Attraktion geworden. Das Video über seine Entlassung löste einen Shitstorm aus, der das lokale Tourismusbüro zwang, zurückzurudern. Man habe den Sicherheitsmitarbeiter lediglich “einige Tage freigestellt”, verkündete es, nicht gefeuert. <br/><br/>“Mit Sicherheit 😅” kommentierten viele, “ganz einfach nur ein Missverständnis.”</p><p><em>Hast du schon mal von “Flachliegen” oder der “Rolle inwärts” gehört? </em><br/><em>Und glaubst du, die Kommunistische Partei schafft es, das Ruder in der Wirtschaft rumzureißen? Ich bin gespannt, was du denkst. Für Fragen oder Feedback kannst du einfach auf diese Mail antworten.</em></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Mon, 25 Nov 2024 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Die drei größten Missverständnisse um chinesische EVs]]></title>
      <description><![CDATA[Nach diesem Text verstehst du, warum in China überall EVs fahren (und ob es in Deutschland auch bald so aussieht)]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Nach diesem Text verstehst du, warum in China überall EVs fahren (und ob es in Deutschland auch bald so aussieht)</em></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/fahrzeug-uberholt-kanji-signiertes-gebaude-B6_-i-tzKXg?utm_content=creditShareLink&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/296c7361-2b1f-4e71-9fa5-9f7d201b6449/uploads/images/jqgxcgcunt/lf-franciz-B6_-i-tzKXg-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/></a><p>Das gute Leben kam immer schon auf Rädern. Besonders in China, das bis in die 1990er eine Fahrrad-Nation war. Ob Shanghai, Beijing oder Guangzhou, ob morgens, abends oder nachts: An jedem Ort, zu jeder Zeit rollten Tausende Fahrräder durch China (<a href="https://www.sixthtone.com/news/1015922">Diese Galerie</a> hält das auf tollen Fotos fest).</p><p>Heute sind Fahrräder im chinesischen Stadtverkehr ein nostalgischer Anblick. Auf den Hauptadern der Großstädte fahren Autos und Motorräder, von denen immer mehr ein grünes Kennzeichen tragen. <a href="https://www.iea.org/reports/global-ev-outlook-2024/trends-in-electric-cars">Mehr als ein Drittel</a> aller neu registrierten Autos in China 2023 sind E-Autos, auch EVs, für <em>electric vehicle,</em> genannt.</p><p>Auch mir fielen die grünen Kennzeichen auf, als ich im September das erste Mal seit vier Jahren in China war. Ich begann mich zu fragen: Was war in den vergangenen vier Jahren passiert? Woher kommen diese ganzen EVs?</p><p>Während der Recherche für diesen Text wurde mir klar: Fast nichts davon, was ich bisher über die chinesische EV-Industrie aufgeschnappt hatte, stimmte. Deswegen schreibe ich heute einen Text über die drei größten Missverständnisse rund um chinesische EVs. Es geht um Subventionen, Karaoke im Auto und die Zukunft des EV-Marktes - los geht’s!</p><h3><strong>1: Chinesische EV-Hersteller sind nur durch Subventionen so erfolgreich</strong></h3><p>Vor etwa einem Jahr kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Antisubventionsuntersuchungen für chinesische E-Autos an. Der Preis der e-Autos werde durch staatliche Subventionen nach unten gedrückt: “Das verzerrt unseren Markt.” stellte von der Leyen fest. Auch in der <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/e-autos-in-china-milliarden-foerderung-bringt-erfolg-bei-e-mobilitaet-18821825.html">FAZ</a> und der <a href="https://www.nzz.ch/technologie/ld.1756161">NZZ</a> war man sicher: Der Erfolg der chinesischen EV-Industrie sei vor allem auf staatliche Finanzspritzen zurückzuführen. </p><p>Ja, die chinesische Regierung hat smart in den EV-Markt investiert. Und das <a href="https://www.technologyreview.com/2023/02/21/1068880/how-did-china-dominate-electric-cars-policy/">nicht wenig</a>: 200 Milliarden RMB zwischen 2009 und 2022. Aber das der chinesische EV-Markt so boomt, liegt nicht nur an den Subventionen. Um das zu verstehen, müssen wir zurück in die frühen 2000er.</p><p>40 Zigaretten am Tag. So viel müsse man rauchen, um die Luftverschmutzung in Beijing nachzufühlen, behauptete <em>The Economist </em>einmal. Ganz so schlimm <a href="https://www.thebeijinger.com/blog/2015/08/22/no-living-beijing-not-equivalent-smoking-40-cigarettes-day">war es wohl doch nicht</a>. Trotzdem war zu Beginn des Jahrtausends an vielen Tagen der Himmel über Beijing schwefelgelb statt blau. An manchen Tagen lag der Feinstaubgehalt in der Luft bei 500 Mikrogramm pro Kubikmeter. Normal sind 5 bis 15 Mikrogramm.</p><p>Was neben Schwerindustrie und Kohle die Luft in Beijing so giftig machte: Die etwa 15 Millionen Menschen, die mit Motorrädern und Autos die immer dichter bewohnte Stadt verpesteten. 2006 wurde China <a href="https://asiasociety.org/policy-institute/road-excess-how-startups-are-driving-chinas-electric-vehicle-boom">der größte Emittent von Treibhausgasen</a>. Alleine 15-20 Prozent stammten als Abgase aus dem Autoverkehr.</p><p>Die chinesische Regierung zog die Bremse: Neuzulassungen für Autos wurden nur noch zugelost. Autos mit geraden und ungeraden Nummernschildern mussten an abwechselnden Tagen fahren. Und sie hatte <a href="https://www.technologyreview.com/2023/02/21/1068880/how-did-china-dominate-electric-cars-policy/">eine entscheidende Erkenntnis</a>: Richtig gute Verbrenner bauen die Deutschen. Richtig gute Hybridmodelle bauen die Japaner. Und richtig gute E-Autos: Die werden wir bauen.</p><p><a href="https://www.handelsblatt.com/politik/international/subventionen-so-viel-geld-pumpt-china-in-elektroautos/100046965.html">2009</a> begann die Regierung, den Kaufpreis von EVs zu subventionieren, in die Forschung zu investieren und E-Autos von der Mehrwertsteuer zu befreien. Geld alleine macht aber noch kein gutes Auto. Richtig gute Batterien herzustellen, ist ein Handwerk, das man lernen muss. Der chinesische EV-Hersteller BYD bekam dafür eine einmalige Chance: BYD durfte die <a href="https://archive.curbed.com/2018/5/4/17320838/china-bus-shenzhen-electric-bus-transportation">Busse in Shenzhen</a> elektrifizieren. So wurde die südchinesische Stadt die erste der Welt, deren Nahverkehr komplett elektrisch fuhr. Das bedeutete nicht nur ein gutes Geschäft für BYD, sondern auch eine <a href="https://hbr.org/2024/01/3-drivers-of-chinas-booming-electric-vehicle-market#:~:text=China%20now%20accounts%20for%20nearly%2060%25%20of%20EV%20sales%20worldwide.&amp;text=When%20it%20comes%20to%20the,60%25%20of%20global%20EV%20purchases.">einzigartige Chance</a>, technologisch dazu zu lernen.</p><p>Überhaupt, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rkxMdmipYqM&amp;t=335s">die Batterie</a>: Sie ist das Herzstück eines e-Autos und besteht aus Rohstoffen wie Lithium, Kobalt und Graphit. Rund 40% der Herstellungskosten von EVs gehen auf die Batterie zurück. Das heißt: Für ein gutes E-Auto braucht man Batterien von Topqualität. Und das am besten ohne lange Lieferketten der Rohstoffe, die die Kosten in die Höhe treiben. Deswegen werden die Rohstoffe der Batterien mittlerweile fast ausschließlich in China raffiniert. Und den Herstellungsprozess hat keiner wie BYD <a href="https://open.spotify.com/episode/3UimO2ihFvPfdgiVrv0Ris?si=y-eCKmXNSq6y93wZUch0tA&amp;t=692">perfektioniert</a>: Die Firma stellt ihre eigenen Batterien her, fertigt die Autoteile selbst und hat obendrauf noch eine hauseigene Halbleiter-Abteilung. BYD muss sich in der Fertigung seiner EVs fast nur auf sich selbst verlassen. Und Das senkt die Produktionskosten extrem. </p><p>Die letzte Zutat zum Erfolg der chinesischen EV-Industrie: Ein <a href="https://asiasociety.org/policy-institute/road-excess-how-startups-are-driving-chinas-electric-vehicle-boom">gnadenloser Wettbewerb</a>. Wer sich in den vergangenen Jahren in den chinesischen EV-Markt stürzte, erlebte mit Sicherheit einen ziemlich wildem Ritt: Vor 5 Jahren gab es um die 500 EV-Firmen in China. Heute sind nur noch 100 übrig, und die Zahl wird weiter sinken.</p><p>Eine Sache kann die chinesische Regierung: Industrien aus dem Boden stampfen. Und dabei geben Subventionen die Starthilfe, wie in der EV-Industrie. Was sie dann aber richtig zum Brummen brachte, war einerseits die Lokalisierung der Produktion in China. Und andererseits ein marktwirtschaftlicher Klassiker: Beinharter Wettbewerb, bis sich die Stärksten durchsetzen. <a href="https://www.iea.org/reports/global-ev-outlook-2024/trends-in-electric-cars">Seit 2023</a> gibt es in China übrigens keine Kaufprämien für Elektrofahrzeuge mehr.</p><h3><strong>2: Chinesische Kunden stehen auf technische Spielereien - deswegen sind die Autos so beliebt</strong></h3><p>Ein EV von BYD ist <a href="https://fortune.com/asia/2024/03/10/china-electric-vehicles-competition-spurs-unusual-features-byd/">nicht einfach nur ein Auto</a>. Es ist auch ein Karaoke-Salon, ein Schlafsaal und ein Massagestudio. „Die Chinesen lieben ja diese kleinen digitalen Elemente“, <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/iaa-vw-byd-bmw-autoindustrie-e-autos-e199444/">sagt Ralph Brandstätter</a>, VW-Vorstand für das China-Geschäft. Das sieht man auch auf Douyin, der chinesischen Version von Tiktok: Dort führen Besitzer*innen eines EVs begeistert diese Gimmicks vor. Ist auf dem chinesischen EV-Markt am erfolgreichsten, wer die überraschendsten Features ins Auto baut?</p><p>Misstrauen und Spott über chinesische Produkte hat in Deutschland Tradition. Das <em>Made in China</em> Label lässt auch heute noch viele Menschen beim Kauf zurückschrecken. <em>Made in China</em> verwendete man lange als Synonym für: billig, Massenware, eigentlich schon beim Kauf schrottreif. Schokolade, Kühlschränke oder Handys: Selbst in China hatten europäische oder amerikanische Marken einen besseren Ruf. Bis jetzt. </p><p>Junge Chines*innen, die jetzt einen Führerschein machen und sich ein Auto leisten können, shoppen auf Temu und bezahlen mit Alibaba. Sie kaufen ihren Kaffee bei Luckin und tragen ein Xiaomi Handy in der Tasche. <em>Made in China</em> ist ein Qualitätsversprechen für sie, keine Lachnummer. Manche erklären das mit dem <a href="https://thechinaproject.com/2023/06/12/chinas-new-era-of-guochao-benefits-domestic-and-foreign-brands-alike/">guochao</a> Trend, bei dem junge Menschen sich bewusst für chinesische Marken entscheiden. Und Massagefunktionen und Schminktipps im Autospiegel finden chinesische Käufer*innen offensichtlich nett.</p><p>Aber egal ob in China oder Deutschland, Konsument*innen wollen alle das gleiche: Das beste Produkt für den kleinsten Taler. Und da ist die chinesische EV-Industrie derzeit unschlagbar.</p><h3><strong>3: The only way from here is up: BYD und Co gehört die Zukunft des Automarktes</strong></h3><p>Für diesen Newsletter habe ich im Familien-Whatsapp-Chat eine kleine Studie durchgeführt. Als ich dort nachfragte, ob jemand schon erwogen habe, ein E-Auto, vielleicht gar ein chinesisches zu kaufen, waren die Reaktionen eher verhalten. “Ein USB-Stick aus China, meinetwegen. Aber ein Auto für rund 30.000 Euro, was ich 15 Jahre lang fahren will…” schrieb mein Cousin. Dieses Gefühl hat nicht nur er: Chinesische Automarken haben es schwer dabei, das Vertrauen europäischer Kund*innen zu gewinnen. </p><p>Elektromobilität wird in Europa ohnehin mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Die Modelle sind vielen schlicht zu teuer. Außerdem <a href="https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/elektroauto-deutschland-verkehrswende-mobilitaet-probleme-100.html">befürchten viele</a>, ein EV bleibe direkt hinter dem Ortsausgang liegen oder müsse stundenlang an der Ladesäule hängen.</p><p>Noch dazu haben VW, Mercedes und Co in Europa einfach einen Heimvorteil. “Viele chinesische EV-Hersteller unterschätzen die Schwierigkeit völlig, in Europa eine Marke aufzubauen”, sagt Daniel Kirchert, Geschäftsführer von Noyo mobility <a href="https://www.elektroauto-news.net/news/china-speed-europas-chance-eautomarkt">in einem Interview</a>. Er muss es wissen, denn sein Unternehmen unterstützt chinesische Autobauer dabei, sich im europäischen Markt zu etablieren. Ein tolles e-Auto alleine reiche nicht, so Kirchert: “Die zwei größten Probleme sind Vertrauen in das Produkt, und Vertrauen in den Service.” </p><p>Dazu kommen jetzt noch Strafzölle: In den USA liegen sie gerade bei historisch hohen 100%. Auch die EU hat gerade Zölle zwischen 9 und 36% auf chinesische e-Autos verhängt. So bleibt BYD und Co nichts anderes übrig, als die Füße still zu halten und sich auf die Märkte in <a href="https://fortune.com/asia/2024/08/30/china-evs-most-important-markets-southeast-asia-canada-us-europe-tariffs/">Südostasien und Lateinamerika</a> zu konzentrieren. </p><p>Auch in China <a href="https://restofworld.org/2024/china-ev-industry-slowdown/">flacht der EV-Trend ab</a>, dort drückt gerade eine Wirtschaftskrise auf die Kauflaune. Um die Reste des heimischen Marktes zu melken und die auf Masse produzierten Autos loszuwerden, reduzierten BYD und Co die Preise ihrer Autos drastisch. Das erzürnte einerseits Kund*innen, deren Autos quasi über Nacht massiv an Wert verloren. Und andererseits bekamen europäische Märkte schließlich die Überkapazitäten zu spüren, die chinesische Autobauer in ausländische Märkten exportierten. <br/><br/>Gesichert ist die Zukunft chinesischer EV-Hersteller ganz und gar nicht. Sie mögen von staatlicher Unterstützung aufgezogen worden sein. Doch laufen lernen müssen sie jetzt alleine.</p><p>Zweifelhaft ist der Hype um EVs noch aus einem weiteren Grund: Im Kongo wird Kobalt für die Batterien unter <a href="https://www.npr.org/sections/goatsandsoda/2023/02/01/1152893248/red-cobalt-congo-drc-mining-siddharth-kara">sklavenähnlichen Bedingungen</a> abgebaut. Viele der Menschen in den Minen sind noch Kinder. In <a href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/lithiumabbau-argentinien-100.html">Argentinien</a> hat der Abbau von Lithium, ebenfalls ein Rohstoff für Autobatterien, ganze Landstriche trockengelegt. Dass die grüne Transformation unseres Straßenverkehrs ein ziemlich dreckiges Geschäft ist - das haben wir über Strafzölle und Überkapazitäten anscheinend vergessen.</p><p><em>Dafür, dass ich mich ungefähr gar nicht für Autos interessiere, hat mir dieser Text ziemlich Freude gemacht. Wenn ich nur einen der Podcasts und Texte aus meiner Recherche weiterempfehlen könnte, wäre es </em><a href="https://www.ft.com/content/bfb145d2-55ac-42f7-b443-d6bd508e72a7"><em>diese Folge</em></a><em> von “Tech Tonic” der Financial Times. </em></p><p><em>Hast du Feedback zu dieser Ausgabe? Ich freue mich drüber, du kannst einfach auf diese Mail antworten!</em></p><p><br/></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Tech]]></category>
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      <pubDate>Wed, 30 Oct 2024 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wie China einen Krieg der Werte anzettelt]]></title>
      <description><![CDATA[Menschenrechte, Freiheit und Demokratie: Diesen Werten macht China Konkurrenz. Und das vor allem in Ländern des Globalen Südens]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Menschenrechte, Freiheit und Demokratie: Diesen Werten macht China Konkurrenz. Und das vor allem in Ländern des Globalen Südens</em></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/mann-in-schwarz-roter-jacke-neben-frau-in-schwarzer-jacke-iewePoJKgmY"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/b6e83108-d633-4f99-8f9d-33f8203885db/uploads/images/rh3vpnzyh2/chi-lok-tsang-iewePoJKgmY-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="" data-link="https://unsplash.com/de/fotos/mann-in-schwarz-roter-jacke-neben-frau-in-schwarzer-jacke-iewePoJKgmY"/></a><p>Just do it. Tu’s einfach. <br/><br/>An was denkst du, wenn du diesen Satz hörst? Wahrscheinlich die Marke Nike, die mit diesem Slogan Millionen Menschen dazu bewegte, sich mehr zu bewegen. Die “Just do it” Kampagne zeigt: Wer die richtigen Geschichten erzählt, kann die Welt von sich überzeugen (oder verkauft zumindest eine Menge teure Sportschuhe). Das gilt auch auf der Bühne der Weltmächte. Deswegen feilt die Kommunistische Partei an der perfekten “China Story”: eine Geschichte, mit der China die Werte des Westens überschreiben kann. Und wir liefern China gerade eine Steilvorlage dafür.</p><p>Dieser Text ist der letzte Teil einer Reihe zur Frage: <strong>Warum will China eine Sonderrolle, wenn es um Menschenrechte geht?</strong> Letztes Mal habe ich beschrieben, wie China <a href="https://steadyhq.com/de/emilys-china-news/posts/d050c390-94a7-4d93-b373-024bbe6481fb">die Menschenrechte neu erfand</a>. Heute geht es darum, wie China den Grundsätzen der UN Konkurrenz macht: Dazu gehören die universellen Menschenrechte, aber auch Werte wie Demokratie und individuelle Freiheit. Wie genau das funktioniert, und ob China damit bisher erfolgreich war, erkläre ich dir in diesem Text. </p><h3><strong>Wie man die Geschichte einer Nation verkauft</strong></h3><p>Die EU ist eine talentierte Erzählerin. Im Parlamentsgebäude in Brüssel oder an der ehemaligen Berliner Mauer: Überall erzählt sie die Geschichte der liberalen Demokratien, die sich aus der Aufklärung entwickelten. <a href="https://www.dw.com/de/eu-erkl%C3%A4rt-was-sind-die-werte-der-eu/video-67660820">Heute steht</a> die EU für <strong>Freiheit, Demokratie und den Schutz der Menschenrechte.</strong> Mit dieser Strategie fördert die EU ihre Soft Power, quasi das Charisma eines Staates. </p><p>Als Xi Jinping 2012 antrat, entschied er: Auch China hat eine Geschichte zu erzählen. Und die braucht unbedingt ein besseres Marketing. Xi rief <strong>“Chinas Geschichte gut erzählen”</strong> ins Leben. Dieser Slogan ist ein  提法 <em>tífǎ, </em>ein Schlagwort aus dem Partei-Vokabular, an dem sich der politische Diskurs innerhalb der Kommunistischen Partei ablesen lässt. (Wer tiefer in die Bedeutung und Verwendung von <em>tífǎ </em>einsteigen möchte, schaut in <a href="https://sinocism.com/p/china-media-project-discourse-tracker">diese exzellente Erklärung</a> hinein). Denn anders als die EU hat China in der Vergangenheit vor allem auf seine Hard Power gesetzt: die Macht seiner Wirtschaft und seines Militärs. <strong>Sympathisch machte das Land kaum etwas. </strong>“Chinas Geschichte gut erzählen” ist Xi Jinpings Versuch, die Soft Power seines Landes zu verbessern.</p><p>Und was genau meint Xi Jinping mit der “<a href="https://chinamediaproject.org/the_ccp_dictionary/telling-chinas-story-well/">China Story</a>”?</p><p>Diese Geschichte ist simpel: China hat es innerhalb weniger Jahrzehnte <strong>aus bitterer Armut und eigener Kraft </strong>zu einem wohlhabenden, mächtigen Land geschafft. Die “China Story” handelt von Beharrlichkeit: Vor 100 Jahren wurde China von der Welt verlacht und geplündert. Jetzt bestimmt das Land<strong> </strong>über den Verlauf der Weltgeschichte mit. Sie ist nationalistisch: Sie handelt vom Kampf des chinesisches Volkes, seinen Traum zu erfüllen. Die “China Story” ist subversiv: Sie bietet <strong>Nicht-Einmischung </strong>statt Belehrung. <strong>Wirtschaftliche Entwicklung</strong> statt Entwicklungshilfe. <strong>Vom Staat gelenkte Rechte</strong> statt allgemeiner Rechte. Und sie hat einen Kern: Die Kommunistische Partei, deren Kompetenz ein Vorbild für andere Länder ist.</p><p>Die “China Story” ist ein von der Kommunistischen Partei kontrolliertes Narrativ. Es ist weder wasserdicht noch realitätsgetreu. Trotzdem ist es eine Erfolgsgeschichte. Und hat einen unbezahlbaren Vorteil: <strong>Sie kommt nicht aus dem Westen.</strong> Der Kick an der “China Story”? Das kannst du auch schaffen.</p><h3><strong>Wo die “China Story” besser zieht als die des Westens</strong></h3><p>Mag sein, dass die “China Story” in Deutschland nicht imponiert. Aber wir sind nicht die Zielgruppe (zumindest nicht die wichtigste). Die wichtigste Zielgruppe ist der sogenannte Globale Süden, vor allem der afrikanische Kontinent. Hier beträgt das <a href="https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/klima-ressourcen/demografischer-wandel-weltweit">Durchschnittsalter 19,4 Jahre</a>. Und nur wenige Menschen dort haben Interesse am Status Quo der Weltordnung. Denn diese Weltordnung hat nichts für sie getan. Warum? Hier sind ein paar Beispiele:</p><ul><li><p>Laut dem <a href="https://wir2022.wid.world/chapter-2/">World Inequality Report</a> der Weltbank von 2022 ist Wohlstand heute ungefähr <strong>genauso ungleich verteilt</strong> wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auf dem Höhepunkt des westlichen Imperialismus. </p><p></p></li><li><p>Burundi, der Südsudan, Mosambik oder die Demokratische Republik Kongo: <strong>Fast alle der ärmsten Länder der Welt sind ehemalige Kolonien.</strong> <br/>Die USA, Deutschland, Frankreich oder Großbritannien: <strong>Fast alle der reichsten Länder der Welt sind ehemalige Kolonialmächte.</strong></p><p></p></li><li><p>Im <strong>Juni 2021</strong> hatten die reicheren Länder <strong>44%</strong> aller <a href="https://www.weforum.org/agenda/2021/06/99-percent-of-people-in-poorer-countries-are-still-unvaccinated-here-s-why-we-need-to-take-action-now/">weltweit produzierten COVID-19-Impfstoffe</a> erworben, obwohl sie nur etwa <strong>16%</strong> der Weltbevölkerung ausmachen. Im Gegensatz dazu hatten ärmere Länder im selben Zeitraum <strong>weniger als 1%</strong> des weltweiten Impfstoffangebots erhalten.</p><p></p></li><li><p><a href="https://www.voanews.com/a/education-advocates-push-to-decrease-high-visa-denials-for-african-students-/7557339.html">Nur rund die Hälfte</a> aller afrikanischen Anträge auf Studierendenvisa in den USA sind erfolgreich. Anträge aus Äthiopien, Kenia oder Nigeria werden<strong> zu 75% abgelehnt.</strong> <a href="https://www.theafricareport.com/355573/us-student-visa-80-of-top-15-countries-with-increased-refusal-rates-from-africa/">Und das mitunter auch</a>, wenn Studierende genügend Einkommen vorweisen und die Studiengebühren bezahlen können.</p></li></ul><p>Offen gesagt: <em>It’s not a good look. </em>Man kann zwar die Welt nicht erklären, indem man sie einfach in Unterdrücker und Unterdrückte einteilt. Aber Länder, die am globalen Reichtum wenig bis gar nicht teilhaben, haben gute Gründe, westlichen Predigten der Gleichberechtigung zu misstrauen. <strong>Und für diese Zielgruppe hat die “China Story” alles, was gutes Storytelling braucht:</strong> einen Konflikt, Emotionen und eine einfache Botschaft. Schauen wir uns das genauer an.</p><h3><strong>Was kann China bieten, was der Westen nicht hat?</strong></h3><p>China setzt darauf, dass das eigene Charisma durch eine <strong>gemeinsame Leidensgeschichte</strong> wirkt. “Wir werden niemals den ausgetretenen Pfad der Kolonialisierung oder Hegemonie betreten”, <a href="https://www.washingtonpost.com/world/2024/08/10/china-global-south-developing-world/">versprach Xi Jinping</a> während einer Rede im Juni. China wurde nie, wie viele afrikanische Länder, vollständig kolonisiert. Dennoch standen Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts mehrere Teile Chinas unter ausländischer, auch europäischer Kontrolle. Noch heute speist sich das nationale Selbstverständnis Chinas aus dem <a href="https://www.bpb.de/themen/asien/china/552198/das-jahrhundert-der-demuetigung/">Jahrhundert der Demütigung</a>, das China durch die Besatzung von Japan und westlichen Mächten widerfuhr. </p><p>Die “China Story” verspricht Ländern des Globalen Südens Solidarität: <em>Wir wissen, was ihr durchgemacht habt.</em> Sie macht Hoffnung auf einen einen Weg aus der Armut: <em>Wir können euch zeigen, wie ihr da rauskommt.</em> Ihre wichtigste Botschaft ist: <em>Ihr wollt Veränderung? Mit uns kriegt ihr Veränderung!</em></p><p>Der Globale Süden ist kein Einheitsblock. In Lateinamerika, Südostasien und den Ländern des afrikanischen Kontinentes gibt unzählige Auffassungen darüber, was sich ändern muss. Über eines sind sich jedoch viele Länder einig: <strong>Etwas muss sich ändern. </strong>Dieses Sentiment macht China sich zunutze. Und zwar, indem das Land sich als Rebell gegen die <a href="https://css.ethz.ch/content/dam/ethz/special-interest/gess/cis/center-for-securities-studies/pdfs/CSSAnalyse317-DE.pdf">regelbasierte Ordnung</a> des Westens inszeniert.</p><h3><strong>Und wie gut funktioniert das?</strong></h3><p>Eine gute Geschichte allein reicht nicht, das weiß auch China. Deswegen schafft das Land <strong>Verbünde und Initiativen, </strong>die der “China Story” Leben einhauchen sollen. Zum Beispiel Staatenbünde wie <strong>BRICS</strong> oder <strong>FOCAC</strong>, das Forum für China-Afrika-Kooperation, und <strong>drei globale Initiativen</strong> (Global Development Initiative, Global Security Initiative und Global Civilization Initiative). Sie sind gedacht als Parallelen zu Institutionen der UN, wie dem UN-Sicherheitsrat oder dem UN-Entwicklungsprogramm.</p><p>Der Erfolg dieser Institutionen wird bisher eher <strong>verhalten </strong>bewertet: BRICS ist <a href="https://www.friendsofeurope.org/insights/critical-thinking-the-brics-are-back-but-for-what-purpose/">keine ernstzunehmender Konkurrenz</a> der G7, auch weil teilhabende Länder wie China und Indien untereinander zerstritten sind. Die <a href="https://www.reuters.com/breakingviews/brics-are-better-off-disbanding-than-expanding-2023-07-31/">Neue Entwicklungsbank</a>, das Vorzeigeprojekt von BRICS, hat seit 2014 “nur” 33 Milliarden Dollar für Entwicklungszwecke bereitgestellt - im Gegensatz zur Weltbank, die 2022 alleine 104 Milliarden Dollar bereitstellte.</p><p>In Afrika hat China seine Investitionen zwischendurch <a href="https://www.weforum.org/agenda/2024/06/why-strong-regional-value-chains-will-be-vital-to-the-next-chapter-of-china-and-africas-economic-relationship/#:~:text=However%2C%20China&#39;s%20investments%20and%20loans,a%20more%20sustainable%20development%20model.">deutlich zurückgefahren</a>. Einerseits aufgrund der chinesischen Wirtschaftskrise. Andererseits, weil viele Länder damit kämpfen, chinesische Kredite zurückzuzahlen (dass China Afrika in eine Schuldenfalle treibt, stimmt so <a href="https://www.youtube.com/watch?v=_-QDEWwSkP0">trotzdem nicht</a>). Auch den drei Initiativen GDI, GSI and GCI fehlt es derzeit noch an <a href="https://thediplomat.com/2023/06/the-trouble-with-chinas-global-civilization-initiative/">Struktur und Agenda.</a> Noch ist es zu früh, um ihren Erfolg zu bewerten.</p><p>Trotzdem: “Wenn Xi Jinping heute aus dem Fenster schaut<strong>, dann gefällt ihm, was er sieht.”</strong> vermutet der Journalist Eric Olander in einer <a href="https://www.sinicapodcast.com/p/eric-olander-on-china-in-the-global">Sinica Podcastfolge</a>. Aber was sieht Xi Jinping? </p><p>Er sieht Vereinigte Staaten, in denen Hass und Radikalisierung das Versprechen der Freiheit zerfressen. Er sieht, wie die EU von der Migrationsdebatte vergiftet wird. Xi Jinping sieht, wie die allgemeinen Menschenrechte im Nahen Osten zu Grabe getragen werden. Kurz gesagt: <strong>Er sieht, wie der Westen von selbst sein moralisches und politisches System demontiert.</strong> <br/>Ganz egal, wie man zu Migration oder dem Krieg im Nahen Osten steht: Die USA und die EU machen es China<strong> </strong>so einfach wie noch nie, die “China Story” zu pitchen.</p><p><em>Danke für’s Lesen, weiter geht’s am 30. Oktober! Dann geht’s um chinesische Klimapolitik. </em><br/><br/><em>Hast du Fragen oder Rückmeldungen zu diesem Newsletter? Dann antworte einfach auf diese Mail, ich freue mich über Nachrichten.</em></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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      <pubDate>Wed, 09 Oct 2024 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Wie China die Menschenrechte neu erfand]]></title>
      <description><![CDATA[In den 1980ern kriegte sich die Welt vor Begeisterung über China kaum ein - bis das chinesische Militär auf Studierende feuerte.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>In den 1980ern kriegte sich die Welt vor Begeisterung über China kaum ein - bis das chinesische Militär auf Studierende feuerte.</em></p><a href="https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-gehen-statue-tor-2994962/"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d050c390-94a7-4d93-b373-024bbe6481fb/uploads/images/gk47o4hme6/pexels-markus-winkler-1430818-2994962.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="" data-link="https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-gehen-statue-tor-2994962/"/></a><p>Die Rufe “Faschisten! Stoppt das Töten!” sind verstummt, als die Sonne über dem Tiananmen-Platz aufgeht. Soldaten in grünen Anzügen steckten die Leichen der Menschen, die sie <a href="https://www.scmp.com/news/china/politics/article/3135075/tiananmen-square-crackdown-what-june-fourth-incident-1989-was">in der Nacht zuvor</a> erschossen haben, in Plastiktüten. Sie haben mit Maschinengewehre und Deformationsgeschossen, die so viel Schaden wie möglich anrichten sollen, gefeuert. Auf unbewaffnete Menschen, die vor ihnen zu fliehen suchten. Auf Rettungswagen, die Verletzte in Krankenhäuser bringen sollten und stattdessen in Flammen aufgingen. </p><p>Das Massaker vom Tiananmen-Platz ist der Supergau des chinesischen 20. Jahrhunderts. Danach formulierte China das erste Mal seine Position: Menschenrechte sind nicht universell. Wie China zu dieser Auffassung kommt, erkläre ich dir in diesem Newsletter.</p><p>Dieser Newsletter ist Teil einer Reihe zur Frage: Warum will China eine Sonderrolle, wenn es um Menschenrechte geht? Den ersten Teil findest du <a href="https://steadyhq.com/de/emilys-china-news/posts/d6337983-b21d-4633-8f1b-7211cc5de30f">hier</a>. </p><h2><strong>Wie Ronald Reagan mit China das Morgen zu einem besseren Tag machen wollte</strong></h2><p><a href="https://www.bpb.de/themen/asien/china/44262/portraet-deng-xiaoping/">Deng Xiaoping</a>, der nicht mal 1,60 Meter große Architekt des chinesischen Wirtschaftswunders, war beinharter Kommunist. Zum Erfolg führte ihn jedoch sein Pragmatismus. Er wusste: Sollte die Kommunistische Partei den Tod Mao Zedongs überleben, musste sie “frischen Wind hereinlassen, aber die Moskitos draußen halten”. Und deswegen krempelte Deng Xiaoping China nach Jahrzehnten voller <a href="https://www.spiegel.de/geschichte/mao-zedongs-grosser-sprung-chinas-krieg-gegen-spatzen-a-0ca18353-27d1-4fdb-82ae-bd34feba66de">Hungersnöte</a>, <a href="https://www.rosalux.de/publikation?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&amp;tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&amp;tx_news_pi1%5Bnews%5D=46823&amp;tx_news_pi1%5Bnews_uid%5D=0&amp;cHash=6e58cff28cae5013bbb8c63fc92d3cee">politischer Turbulenzen</a> und einem <a href="https://www.dw.com/de/kulturrevolution-in-sieben-fragen/a-19212349">de facto Bürgerkrieg</a> komplett um. Jetzt, da Mao begraben lag, war Chinas <em>time to shine</em>.</p><p>Eine liberale Demokratie hatte Deng Xiaoping nie im Sinn. Aber er wusste: China braucht Wohlstand und Unternehmer-Geist. Ab 1983 durften <a href="https://time.com/archive/6801419/red-china-the-peoples-communes/">Bauern</a> in ganz China Familienbetriebe gründen. Auf dem Land vervierfachte sich innerhalb eines Jahrzehnts das Pro-Kopf-Einkommen. Nie war eine Landbevölkerung so schnell so wohlhabend geworden, und das stieß auch im Westen auf Anklang.</p><p>Ronald Reagan sprach 1984 als erster amerikanischer Staatschef in der großen Halle des Volkes in Beijing. Seine <a href="https://china.usc.edu/president-reagans-remarks-chinese-community-leaders-beijing-china-1984">Rede</a> klingt, als stamme sie von einem anderen Planeten: “Ich bin nicht nach China gekommen, um über das zu sprechen, was uns trennt. Sondern um auf dem aufzubauen, was uns verbindet.” sagt Reagan. “Gemeinsam werden wir das Morgen zu einem besseren Tag machen.” Im Westen hoffte man, der wirtschaftlichen Öffnung würde auch eine politische folgen: Eine <a href="https://blogs.taz.de/china-watch/autoritaere-regierung-und-modernisierung-in-china/">aufstrebende Mittelschicht</a> würde automatisch mehr Pressefreiheit und individuelle Rechte verlangen, so die Rechnung. </p><h2><strong>Was am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz geschah</strong></h2><p>Und tatsächlich entwickelte sich unter chinesischen Studierenden ab 1985 eine <a href="https://www.nonviolent-conflict.org/chinese-pro-democracy-movement-1987-1989/">Protestbewegung</a>. Zuerst gegen die rasante Inflation und die Korruption, von der die Kinder der Parteikader profitierten. Bald forderten sie auch Pressefreiheit und politische Beteiligung. Wie die chinesische Führung diese Proteste wahrnahm, erfuhr die Welt 2001 mit dem Leak der <a href="https://www.foreignaffairs.com/china/tiananmen-square-papers-andrew-nathan">Tiananmen Papers</a>. Deng Xiaoping warnte am 25. April 1989: “Das ist ein geschickter Plan, der auf die Demolierung der Kommunistischen Partei Chinas und des sozialistischen Systems abzielt.”</p><p>Deng Xiaoping machte wohl auch der bevorstehende Zusammenbruch der Sowjetunion nervös. Wollte die Kommunistische Partei diesem Schicksal entgehen, mussten die Proteste enden - egal wie. Deng Xiaoping entschied sich, das Kriegsrecht auszurufen.</p><p>Am 3. Juni 1989 gab Premierminister Li Peng den Soldaten der Volksbefreiungsarmee den <a href="https://www.scmp.com/news/china/military/article/3012956/how-tiananmen-crackdown-left-deep-scar-chinas-military-psyche">Befehl</a>, den Tiananmen-Platz zu räumen. Am Ende waren mindestens 1.000 Menschen tot, die genaue Zahl ist bis heute nicht klar. Viele starben, weil die Soldaten nur im Umgang mit Maschinengewehren und Panzern trainiert waren. Ihnen fehlten Waffen wie Gummigeschosse oder Tränengas und das nötige Wissen, um die Menschenmenge ohne Blutvergießen zu räumen.</p><p>Jetzt stand China vor einem ganz anderen Problem. Ja, die Führung hatte die Unruhen im eigenen Land zerschlagen. Aber China war nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz international unter Druck wie nie zuvor.</p><p>Bis Tiananmen hatten politische Verfolgungen oder die Unterdrückung ethnischer Minderheiten in China <a href="https://chinachange.org/2024/06/11/how-the-1989-tiananmen-massacre-shaped-chinas-approach-to-international-human-rights/">kaum für internationale Proteste</a> gesorgt (ratifiziert hatte China bis 1989 ohnehin nur wenige der UN-Menschenrechtskonventionen). Für die USA und Europa war die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China schlicht wichtiger. Aber jetzt forderten Menschenrechtsorganisationen und die UN China eindringlich auf, sich zu den Geschehnissen auf dem Tiananmen-Platz zu äußern.</p><p></p><p><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/newsletter/sign_up">Newsletter abonnieren</a></p><p></p><p>Premierminister Li Peng rechtfertigte die Gewalt damit, man habe dadurch die Stabilität des Landes bewahrt. Die Regierung gab sogar ein Buch mit dem Titel “<a href="https://iconic-photos.com/2024/02/11/the-truth-about-the-beijing-turmoil/">The Truth about the Beijing Turmoil</a>” heraus, das mit Fotos und englischen Texten die angebliche Gewalt des chaotischen Studierenden-Aufstandes belegen soll. Doch es wurde schnell klar: Um die Kritik abzuwehren, musste China seine Perspektive einerseits <a href="https://ciaotest.cc.columbia.edu/journals/iai/v47i2/f_0025735_21049.pdf">aggressiver verteidigen</a>. Und andererseits seine Position zu den allgemeinen Menschenrechten der UN erklären. Die chinesische Führung entschied sich für die Flucht nach vorn.</p><h2><strong>Ein neues Narrativ entsteht</strong></h2><p>1991 äußerte China sich in einem <a href="http://www.china.org.cn/e-white/7/7-I.htm">White Paper</a> das erste Mal zu seiner Auffassung der Menschenrechte. Das Paper ist in 10 Kapitel aufgeteilt und ziemlich lang. Sein Kern steckt gleich im allerersten Satz: “Es ist eine einfache Wahrheit: Für jedes Land ist das Recht auf Existenzsicherung das Wichtigste aller Menschenrechte. Ohne dieses Recht kommen die anderen Rechte nicht in Frage.”</p><p>Außerdem entwarf das White Paper ein alternatives Narrativ der Menschenrechte, die Beijing von nun an bewarb: “Unabhängige Staaten müssen Menschenrechte im Kontext ihrer historischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Besonderheiten interpretieren und umsetzen.” Im Klartext: Menschenrechte hängen von der Kultur und Entwicklung eines Staates ab. Sie sind nicht universell. Also genau das, womit Qin Gang während einer <a href="https://steadyhq.com/de/emilys-china-news/posts/d6337983-b21d-4633-8f1b-7211cc5de30f">Pressekonferenz im April 2023</a> die Zuhörer*innen erzürnte.</p><p>Das White Paper von 1991 ist der Kipppunkt, an dem hätte klar sein müssen: Wandel durch Handel wird nicht kommen. Denn die Kommunistische Partei Chinas lässt sich nicht auf grundlegende Reformen ein. Damals wie heute lag der Partei vor allem eines am Herzen: Der Erhalt der eigenen Macht.</p><h2><strong>Tiananmen ist mehr als <em>tank man</em></strong></h2><p>Was fällt dir ein, wenn du an die Proteste auf dem Tiananmen-Platz denkst? Wahrscheinlich das Bild des <a href="https://www.ndr.de/geschichte/Der-Tank-Man,widener120.html"><em>tank man</em></a>: Der Mann, der sich den Panzern auf dem Tiananmen-Platz entgegen stellte. Viele Forscher*innen und Journalist*innen berichten, dass junge Menschen in China das Bild nicht erkennen. Denn die chinesische Regierung hat sämtliche Erinnerung an das Massaker getilgt. Sogar das Buch “The Truth about the Beijing Turmoil”, das man Anfang der 1990er noch für wenige Münzen an Souvenirshops kaufen konnte, ist heute in China verboten.</p><p>Also ist Tiananmen in China vergessen, oder? <a href="https://thechinaproject.com/2019/06/03/kuora-how-many-chinese-know-about-about-the-june-fourth-tiananmen-incident/">Dieser Text </a>von Kaiser Kuo lässt daran zweifeln. Dort schreibt er:</p><blockquote><p>“Es gibt sicherlich viele Menschen in Peking und ganz China, denen sehr viel daran liegt, was vor 30 Jahren passiert ist.”</p></blockquote><p>Denn häufig wird das schiere Ausmaß der Proteste vergessen. Nicht nur in Beijing, sondern auch in Chengdu, Shanghai, Xi’an und anderen Städten gab es Proteste gegen die Regierung. Bis zu 300.000 Soldaten waren in Beijing, um den Aufstand niederschlagen. Unzählige Anwohner*innen, Krankenschwestern und Familienmitglieder müssen von den Geschehnissen in jener Nacht wissen.<br/><br/>Die chinesische Regierung kann vielleicht die Suchergebnisse zu Tiananmen aus dem chinesischen Internet verschwinden lassen. Sie kann nicht die Erinnerung aus den Köpfen löschen. <br/><br/>Und junge Menschen in China? Wie Kaiser Kuo schreibt: Junge Menschen mögen heute den <em>tank man</em> nicht erkennen. Aber viele wissen, was mit “4. Juni 1989” gemeint ist. </p><p>Daran, dass die Geschichte und das Erinnern an Tiananmen so fragmentarisch ist, ist zuerst die chinesische Regierung schuld. Sie verhindert eine Aufklärung des Massakers. Trotzdem sollten wir uns nicht zum Glauben verleiten lassen, in China wisse man nichts mehr über die Proteste, weil dort das ikonische Bild des<em> tank man </em>nicht in jeder WG-Küche hängt. Denn Tiananmen ist mehr als <em>tank man</em>.<br/><br/><em>Im letzten Teil dieser Reihe zu Menschenrechten geht es darum, wie China seine alternativer Sichtweise auf Menschenrechte in der Welt vermarktet. Und das vor allem in Ländern, die vom Westen enttäuscht worden sind. Ich bin im September im Urlaub, also kommt die nächste Folge des Newsletters erst in vier Wochen.<br/><br/>Du hast Fragen oder Rückmeldungen zu diesem Newsletter? Dann antworte einfach auf diese Mail, ich freue mich über Nachrichten.</em></p><p><br/></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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      <pubDate>Wed, 04 Sep 2024 04:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Warum für China Menschenrechte nicht universell sind]]></title>
      <description><![CDATA[Die Antwort beginnt dort, wo China beinahe aufhörte zu existieren: Am Ende des 19. Jahrhunderts. ]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Antwort beginnt dort, wo China beinahe aufhörte zu existieren: Am Ende des 19. Jahrhunderts.</strong></p><a href="https://unsplash.com/de/fotos/mann-im-schwarzen-mantel-mit-sonnenbrille-c1s02_3mO-o"><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/d6337983-b21d-4633-8f1b-7211cc5de30f/uploads/images/255xexrra4/gayatri-malhotra-c1s02_3mO-o-unsplash.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="" data-link="https://unsplash.com/de/fotos/mann-im-schwarzen-mantel-mit-sonnenbrille-c1s02_3mO-o"/></a><p>Außenminister Qin Gang schafft es mit nur einem Satz, die Temperatur im Saal um mindestens 10 Grad herunterzufahren:</p><blockquote><p>Es gibt keine einheitlichen Standards für Menschenrechte.</p></blockquote><p>sagt er bei einer <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2023-04/taiwan-annalena-baerbock-china-eskalation">Pressekonferenz</a> mit Annalena Baerbock im April 2023. “Was China am wenigsten braucht, ist ein Lehrmeister aus dem Westen.” Als die Pressekonferenz nach fast einer Stunde endet, ist die Luft nicht nur wegen der geschlossenen Fenster ziemlich dick.</p><p>Xinjiang, Tibet, Hongkong und chinesische Dissidenten: Die Liste von Menschenrechtsverletzungen des chinesischen Staates ist lang. Menschenrechte sind vielleicht das Thema, das Deutsche in Bezug auf China am meisten beschäftigt. Wie sehr, habe ich in einer Umfrage für <a href="https://krautreporter.de/">Krautreporter</a> über China gemerkt: Bei ca. 250 Rückmeldungen schrieb fast jede*r Einzelne, Chinas Umgang mit Menschenrechten schockiere sie.</p><p>Chinas typische Haltung dazu lautet: “Das ist eine <a href="https://whatchinasays.org/de/concept/6-nichteinmischung-in-die-inneren-angelegenheiten-von-staaten/">innerchinesische Angelegenheit</a>, in die ihr euch nicht einmischt.” Beliebt ist auch Whataboutism, also auf Europas oder Amerikas eigene Missstände in Sachen Menschenrechte hinzuweisen (wie das Sterben im Mittelmeer oder Polizeigewalt in den USA). <br/>Diese Argumente sind natürlich ein Strohmann. Die Freiheitskämpfe von Tibeter*innen oder Menschen in Hongkong mit Gewalt zu unterdrücken, kann man nicht mit dem Verweis auf ein <a href="https://thediplomat.com/2017/12/china-promotes-human-rights-with-chinese-characteristics/">Menschenrecht mit chinesischen Charakter</a> rechtfertigen. </p><p>Und trotzdem bin ich über die Aussagen von Qin Gang ins Grübeln gekommen: Ist vielleicht etwas dran, dass die Rechte einzelner Menschen in China etwas anderes bedeuten? Schließlich sind in China viele politische und gesellschaftliche Prozesse anders verlaufen als in Europa. Also habe ich mich auf die Suche gemacht, um herauszufinden: Was von Qin Gangs Aussagen ist Propaganda? Und wie ist die Entwicklung der Menschenrechte in China verlaufen?</p><p>Folgendes kann ich schonmal vorweg nehmen: Es geht mir nicht darum, die Sicht der chinesischen Führung auf Menschenrechte zu rechtfertigen. Sondern um eine Erklärung für die Frage: Wie zur Hölle kommt China darauf, dass Menschenrechte nicht universell seien? Die Antwort ist wichtig, um zu verstehen, warum der Westen und China in dieser Frage einfach nicht zusammenkommen.</p><h2><strong>Wie das Völkerrecht nach China kam</strong></h2><p>Was haben das Kabeltelefon, die Psychoanalyse und das allgemeine Menschenrecht gemeinsam? Richtig, sie sind eine Erfindung der Moderne. Und die setzte in Europa drei wichtige Mechanismen in Gang: Erstens stellte die Aufklärung die Autorität Gottes in Frage. <br/>Zweitens entstand nach dem 1648 besiegelten <a href="https://www.dw.com/de/30-jahre-krieg-vorbei-besiegelt-mit-dem-westf%C3%A4lischen-frieden/a-3866415">Westfälischen Frieden</a> das Völkerrecht, mit dem man Handelsangelegenheiten, Grenzstreitigkeiten und Fragen nationaler Souveränität regelte. Krieg in Europa blieb ein Dauerphänomen. Aber über Jahrhunderte entwickelten sich sowohl Nationalstaaten mit abgesteckten Grenzen als auch das Bewusstsein in der Bevölkerung dafür, deutsch, französisch oder dänisch zu sein.<br/>Drittens musste man sich nun, da Gott tot war, die Welt auf eine neue Weise erklären: An die Stelle Gottes traten die Naturwissenschaften, ökonomische Theorien wie der Marxismus, oder <a href="https://renk-magazin.de/wissenschaftlicher-rassismus/">rassistische Theorien</a>, die die Vorherrschaft der weißen, christlichen Weltbevölkerung begründen sollten.</p><p>Die europäischen Handelsschiffe, die ab Ende des 17. Jahrhunderts nach China segelten, kamen wortwörtlich in eine komplett andere Welt. Im Kaiserreich erinnerte nichts an die Grundregeln des europäischen Völkerrechtes. Stattdessen regelte China seine Beziehungen zu anderen Reichen hierarchisch über ein <a href="https://www.zeit.de/zeit-geschichte/2012/01/China-Essay">Tributsystem</a>. In China liefen die Fäden eines gewaltigen Handelsnetzes zusammen, das ganz Ostasien umspann. </p><p>China dominierte Asien kulturell und wirtschaftlich: Klassisches Chinesisch war sowohl in China als auch in Vietnam, Korea und Japan die Sprache der Verwaltung und der Gelehrten. Noch heute entstammen große Teile der <a href="http://sealang.net/sala/archives/pdf8/alves2001what.pdf">vietnamesischen Sprache</a> dem chinesischen Vokabular. Was China jedoch nicht hatte, war ein <a href="https://www.bpb.de/themen/parteien/rechtspopulismus/504057/die-entwicklung-der-nation-in-china/">nationales Bewusstsein</a> und das Bewusstsein einer klassenübergreifenden Schicksalsgemeinschaft. Das sollte China zum Verhängnis werden.</p><h2><strong>Wie rettet man ein Land, das noch gar keines ist?</strong></h2><p>Während in Europa die Industrialisierung einsetzte, stand das chinesische Kaiserreich Ende des 19. Jahrhunderts vor dem Aus. Es hatte brutale Kriege gegen England, Frankreich und Japan verloren, die letzte Dynastie Chinas schleppte sich ihrem Untergang entgegen. Verzweifelt konstatierten Reformer wie <a href="https://francis-press.com/uploads/papers/bAjIu9AGm6VsvUOWroAuX0V77AHZH2S5QD5LYYpa.pdf">Liang Qichao</a>, die Bevölkerung Chinas sei nicht mehr als loser Sand, verstreut im Wind. Das mag alarmistisch klingen, doch es ging damals ums Ganze: China stand vor der fast unmöglichen Aufgabe, ein finanziell und moralisch bankrottes Reich in einen modernen Nationalstaat zu übersetzen. Die Elite Chinas kämpften um nichts weniger als die Rettung des Landes als eine politische Einheit, die von Chines*innen souverän regiert wurde.</p><p>Bei der Suche nach einer Lösung wandten sich viele Gelehrte gen Westen. Übersetzungen von John Stuart Mill, Thomas Huxley, Bluntschli und Rousseau: Chinesische Gelehrte, die sich mit dem Studium westlicher Philosophien beschäftigten, lasen vom internationalen Völkerrecht über sozialistische Theorie hinzu den Grundlagen moderner Physik quasi alles, was sie in die Finger bekommen konnten. Rege diskutierten sie in selbst veröffentlichten Zeitungen darüber, was die westliche Lehre von der chinesischen unterschied - und lernten dabei, China im Kontrast zu anderen Ländern zu betrachten.</p><p>Besonders begehrt war “Über die Entstehung der Arten” von Charles Darwin, das eine <a href="https://muse.jhu.edu/pub/307/monograph/book/75569#:~:text=Although%20Charles%20Darwin%20never%20visited,influencing%20Chinese%20politics%20and%20thought.">Erklärung</a> für Chinas traumatische Erlebnisse im Zusammentreffen mit dem Westen bot - und gleichzeitig eine Lösung anzubieten schien. China musste fit für den Kampf ums Überleben werden. Vielen chinesischen Intellektuellen wurde klar: Wenn China als kulturelle, wirtschaftliche und nationale Einheit überleben wollte, musste es ein Teil der family of nations, der Völkerfamilie, werden.</p><h2><strong>Menschenrechte lost in translation</strong></h2><p>Auf Chinas Weg in die Völkerfamilie gab es ein grundlegendes Problem: Viele Begriffe des internationalen Rechtes konnte man nicht auf Chinesisch übersetzen. Es gab schlicht <a href="https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/14649373.2011.554656">keinen chinesischen Begriff</a>, der die Bedeutung von Worten wie “Recht”, “Souveränität” oder “Unabhängigkeit” treffend ausdrücken konnte. Denn man hatte sie bis dato einfach nicht gebraucht.</p><p>Zur Hilfe kam China ausgerechnet Japan: Das Land, das einst selbst die chinesische Schrift übernommen hatte. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert studierten viele reformorientierte Chinesen in Japan, zu der Zeit ein wesentlich liberaleres Land als China. Chinesische Jura-Studierende brachten japanische Begriffe für “Unabhängigkeit” oder “öffentliches internationales Recht”  nach China, die auf Chinesisch zurückversetzt wurden. Und jetzt gab es endlich ein handfestes, chinesisches Vokabular des internationalen Völkerrechtes. </p><p>In dieser Zeit tauchte zum ersten Mal eine chinesische Übersetzung des Begriffes “Menschenrecht” auf. Der Reformer <a href="https://www.britannica.com/biography/Yan-Fu">Yan Fu</a> übersetzte zuerst den Begriff “Menschenrecht” 1895 in einer Zeitschrift, für die er über Ideen des Liberalismus und Individualismus schrieb: 人权 rénquán, zusammengesetzt aus dem chinesischen Wort für Mensch, und einem chinesischen Begriff für Macht oder Berechtigung. </p><p>Die chinesische Übersetzung von “Menschenrecht” hatte jedoch nicht die exakt selbe Bedeutung wie der Ursprungsbegriff: Für Yan Fu hatten die Freiheit und die Rechte, die jeder Mensch qua Geburt besaß, <a href="https://shs.hal.science/halshs-00674116/file/Yan_Fu_Lyon_Shanghai2009_Copy.pdf">keinen Selbstzweck</a>. Sondern sie waren untrennbar mit dem Überleben Chinas verknüpft: Das Bewusstwerden des Einzelnen über seine Rechte sollte dazu dienen, die Moral und das Nationalbewusstsein der Bevölkerung Chinas zu erwecken. Aus dem losen Sand sollte ein sich Volk formen, das sich als solches erkannte und für das Wiedererstarken seines Landes kämpfte. </p><h2><strong>Aber China war doch bei der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte dabei?</strong></h2><p>Wir können also festhalten: Die Übersetzung der Menschenrechte ins Chinesische muss man im Kontext von Chinas Kampf ums Überleben als kulturelle, soziale und wirtschaftliche Einheit betrachten. Das Bewusstsein des Individuums sollte der Hebel werden, der China zurück in die Handlungsfähigkeit katapultierte.</p><p>Wenn es heute um die Verletzung von Menschenrechten geht, wird häufig darauf hingewiesen, dass China sogar an der Verabschiedung der allgemeinen Menschenrechte 1948 beteiligt war. Das stimmt. Aber wir vergessen häufig: Die Volksrepublik China wurde erst ein Jahr später gegründet. Und noch viel wichtiger: <a href="https://www.menschenrechte.org/de/2008/09/24/peng-chun-chang-1892-1957-china/">Zhang Pengchun</a>, der chinesische Delegierte, war kein Kommunist. Er war Vertreter der Republik China, die, während er in Frankreich über das allgemeine Menschenrecht verhandelte, in China gegen die Kommunisten kämpfte - und schließlich verlor. </p><p>Es stimmt also, dass chinesische Delegierte an der Verabschiedung der Menschenrechte beteiligt waren. Jedoch stammte keiner dieser Beteiligten aus der Partei, die nach Jahrzehnten des Bürgerkrieges die Volksrepublik Chinas ausrufen sollte: Die Kommunistische Partei Chinas. Auch die <a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/deutschland-im-menschenrechtsschutzsystem/vereinte-nationen/vereinte-nationen-menschenrechtsabkommen/zivilpakt-iccpr">Internationalen Pakte über bürgerliche und politische Rechte von 1966</a>, zwei weitere Meilensteine der allgemeinen Menschenrechte, wurden von der taiwanesischen Regierung mit verhandelt, die bis 1971 als rechtmäßige Vertreterin Chinas in der UNO galt.</p><p>Qin Gang, der chinesische Außenminister, ist übrigens möglicherweise selbst ein Opfer von “Menschenrechten mit chinesischen Charakter” geworden: <a href="https://www.todayonline.com/world/explainer-ouster-qin-gang-foreign-minister-china-foreign-relations-2219766">Nur wenige Monate</a> nach der Pressekonferenz mit Annalena Baerbock verschwand er aus der Öffentlichkeit. Mittlerweile ist er durch seinen Vorgänger Wang Yi ersetzt worden. Bis heute ist unklar, wo Qin Gang sich aufhält oder warum er abgesetzt wurde. </p><p><em>Du bist immer noch hier? Danke fürs Lesen! Ich freue mich auf Feedback - du kannst einfach auf diese Mail antworten. </em><br/><br/><em>Ich wollte eigentlich nur einen Text über Chinas Umgang mit Menschenrechten schreiben. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das Thema mehr Platz benötigt, und habe ich es in mehrere Teile aufgeteilt. Der nächste folgt in drei Wochen. Dann geht es ein Dokument, das China nach dem Massaker auf dem Tian’anmen Platz veröffentlichte - und die Frage, was für China wichtiger als Menschenrechte ist.</em></p><p><em>Dir wurde dieser Newsletter weitergeleitet? Dann kannst du hier “How to China” abonnieren:</em><br/></p><p><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/newsletter/sign_up">Newsletter abonnieren</a></p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
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      <pubDate>Wed, 14 Aug 2024 05:01:00 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Was dich bei How to China erwartet]]></title>
      <description><![CDATA[Ich kann dir nicht sagen, wann China die größte Weltmacht wird. Aber ich kann dir erklären, warum China dieses Ziel hat - und ob das überhaupt stimmt.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Das erwartet dich bei How to China</h1><h3><br/>Warum schreibe ich diesen Newsletter?</h3><p>Als ich im Sommer 2016 das erste Mal in China war, war ich schwer enttäuscht: Es sah ja gar nicht aus wie im China-Restaurant. Vergeblich kämpfte ich mich auf der Suche nach Pagoden und Bambuswäldern durch das schwüle und hektische Beijing.</p><p>Zu meiner Verteidigung: Ich war 19 Jahre alt und das allererste Mal außerhalb Europas. Angefangen hatte ich das Sinologie-Studium eigentlich nur, weil ich richtig Bock hatte, Chinesisch zu lernen. Sprachen waren schon immer mein Ding. Bei meiner ersten China-Reise lernte auf die harte Tour: Kaum etwas von dem, was ich über China zu wissen glaubte, stimmte.</p><p>Meine anfängliche Enttäuschung habe ich trotzdem überwunden. Ich habe zwei Jahre in China studiert und gearbeitet. Irgendwann habe ich sogar Bambuswälder gefunden! Heute studiere ich Sinologie im Master an der Universität Hamburg. Und in Gesprächen über China fällt mir immer wieder folgendes auf: Viele Menschen haben ein ernsthaftes Interesse daran, wie es in China <em>wirklich </em>ist. Du wahrscheinlich auch, sonst wärst du nicht hier. Trotzdem kursiert viel falsches, überholtes oder eindimensionales Wissen über das Land. </p><h3>Was erwartet dich, wenn du abonnierst?</h3><p>Zuerst kann ich dir sagen, worüber ich nicht schreibe: Ob China die USA eines Tages überholen wird. Ob Chinas Aufstieg nun eine Bedrohung für den Weltfrieden ist, oder wann China Taiwan angreifen wird. Stattdessen interessieren mich zwei Fragen: Wie, und Warum? Warum beansprucht China eine Sonderrolle, wenn es um Menschenrechte geht? Wie zieht China die Nicht-Demokratien der Welt auf seine Seite, und warum strebt die Führung Chinas an, die USA abzulösen (und stimmt das überhaupt)? </p><p>Vielleicht hast du es schon erschlossen: Es geht mir um die politischen und geschichtlichen Zusammenhänge, die China zu dem Land machen, das es heute ist. Und darum, wie das Selbstverständnis der Bevölkerung und der Führung Chinas ihre Handlungen antreibt. <br/><br/>Ich gebe zu: Diese Fragen sind so groß, das es wahrscheinlich gar nicht <em>die eine</em>, 100 Prozent richtige Antwort gibt. Trotzdem gibt es Antworten, die ziemlich nah rankommen. Und die sind vor allem dann gut, wenn man nicht orakelt, überaus simplifiziert oder auf veraltete Stereotype zurückgreift. Deswegen schreibe ich diesen Newsletter.</p><h3>Cool! Wann geht’s los?</h3><p>Wenn du meinen Newsletter abonnierst, schicke ich dir alle drei Wochen montags einen Text zu, mit dem du besser verstehst, wie China sich selbst versteht. Los geht’s am 14. August mit dem ersten Teil einer (vermutlich) dreiteiligen Serie zur Frage: Warum zur Hölle will China eigentlich eine Sonderrolle, wenn es um Menschenrechte geht? <br/></p><p>Zum Kennenlernen habe ich meinen Text “5 Mythen über China, die du kennen solltest“ bei Krautreporter freigeschaltet. Du kannst ihn <a href="https://krautreporter.de/politik-und-macht/5303-5-mythen-uber-china-die-du-kennen-solltest?shared=2254c778-07b4-4984-b2fb-b9e614a548b5&amp;utm_medium=member-url">hier</a> lesen. <br/></p><p>Überzeugt? Dann kannst du hier abonnieren:<br/></p><p><a href="https://steady.page/de/emilys-china-news/newsletter/sign_up">Newsletter abonnieren</a></p><p><br/><br/>Bis dahin kannst du mich bei <a href="https://x.com/emily_kossak">X</a> abonnieren oder auf meinem <a href="https://www.instagram.com/emily_kossak/">instagram</a>-Profil vorbeischauen. <br/><br/>Übrigens: Gibt es ein Thema, das dich besonders interessiert? Dann hau in die Tasten und schreib’ mir eine E-Mail an emily.kossak@gmail.com, ich freue mich immer über Anregungen!<br/></p>]]></content:encoded>
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      <pubDate>Tue, 06 Aug 2024 16:54:11 +0000</pubDate>
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