Wo Lernen zur Infrastruktur wird

Liebe Leserin, lieber Leser,
wer wissen will, wie die Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit in Deutschland auf die Veränderungen durch künstliche Intelligenz blickt, sollte das Interview (Opens in a new window)lesen, das Andrea Nahles dieser Tage der ZEIT gegeben hat. Ihre zentrale Botschaft: KI ist kein Jobkiller, sondern ein „Megajobveränderer". Massenarbeitslosigkeit erwartet Nahles nicht; Abbau und Aufbau dürften sich nach den Prognosen des hauseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in etwa die Waage halten. Vielleicht würden bestimmte Berufsbilder verschwinden, dafür entstünden andere. Aber, und das ist die unbequeme Pointe ihres Befunds: Es gibt keinen KI-sicheren Beruf, nicht einmal den des von Nahles ironisch ins Spiel gebrachten Friedhofsgärtners. Berufserfahrung allein schütze niemanden mehr, KI greife „tiefer als andere Transformationen in das Getriebe der eigenen Tätigkeit ein". Ihre Empfehlung an die Beschäftigten heißt entsprechend: weiterbilden, weiterbilden, weiterbilden …
Dem schließen wir uns an. Die wichtigste Ressource einer Gesellschaft sind neugierige Bürgerinnen und Bürger, die Möglichkeiten haben, lebenslang zu lernen.
Lassen Sie uns dazu über den nationalen Tellerrand schauen.
Die USA reagieren privatwirtschaftlich auf den akuten Strukturwandel. Die frühere Handelsministerin Gina Raimondo und der ehemalige Gouverneur Eric Holcomb haben Ende Juni 2026 die überparteiliche Organisation Raise Us gegründet (Opens in a new window), die amerikanische Arbeitskräfte auf eine KI-geprägte Wirtschaft vorbereiten soll. Die Erzählung dahinter formuliert Raimondo selbst: Wer die besten KI-Systeme der Welt baue, dabei aber Millionen Amerikaner zurücklasse, habe nichts gewonnen, sondern den eigenen Niedergang automatisiert. Bemerkenswert ist die Geldgeberstruktur. Mit Amazon, Anthropic, Microsoft und der OpenAI Foundation finanzieren genau die Akteure, die den Umbruch vorantreiben.
Großbritannien geht den entgegengesetzten Weg und setzt auf staatliche Grundbildung für alle. Seit Januar 2026 kann jede erwachsene Person im Land kostenlose, staatlich geprüfte KI-Kurse belegen (Opens in a new window). Bis 2030 sollen zehn Millionen Beschäftigte qualifiziert werden. Das Ganze läuft unter dem Namen AI Skills Boost, der Abschluss wird mit einem staatlichen Badge bestätigt. Charakteristisch für den britischen Weg ist, dass KI-Kompetenz wie öffentliche Infrastruktur behandelt wird – allgemein zugänglich, kostenfrei, ohne Anlass.
Singapur organisiert die Aufgabe tripartistisch durch staatlich subventionierte Weiterbildung und kostenlosen Zugang zu KI-Werkzeugen für Kursteilnehmer. Ende April 2026 haben das Arbeitsministerium, der Gewerkschaftsdachverband NTUC und der Arbeitgeberverband SNEF die Bildung eines Tripartite Jobs Council (Opens in a new window) bekannt gegeben, der Beschäftigte und Unternehmen gemeinsam durch den KI-Übergang führen soll. Der Rat sei, so Arbeitskräfteminister Tan See Leng, das gemeinsame Bekenntnis, das Potenzial von KI in gute Arbeitsplätze für Singapurer zu übersetzen.
Österreich hat seit 2021 mit AIM AT 2030 eine nationale KI-Strategie. Sie umfasst neben Forschung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit auch vertrauenswürdige KI, Qualifizierung und gesellschaftlichen Dialog. Inzwischen gibt es mit Digital Austria / „Digital Überall“ (Opens in a new window)zwar neben weiteren Anbietern ein kostenloses, niedrigschwelliges öffentliches Angebot mit KI-Bezug, die Angebotslandschaft bleibt jedoch verteilt und weniger sichtbar als die Strategie selbst. Zugleich wurde die frühere Bildungskarenz zum 1. Jänner 2026 abgeschafft; die neue Weiterbildungszeit ist nun deutlich restriktiver geregelt.
Wer sich in Deutschland zu KI fortbilden will, hat im Grunde drei Wege: über den Arbeitsplatz, über die Agentur für Arbeit oder eigeninitiativ in der Freizeit. Der erste besteht entweder aus Angeboten, die sich direkt an den Arbeitgeber richten, oder aus Angebote, die Beschäftigte ansprechen. Entsprechende Angebote können durch Zuschüsse unterstützt werden. Der zweite Weg steht in der Praxis vor allem denen offen, die bereits arbeitslos sind oder kurz davor stehen. Bleibt der dritte: frei zugängliche Fortbildungsangebote, teil kostenfrei, teils kostenpflichtig. Was allen Zielgruppen gemeinsam ist? Für die meisten Menschen sind die Angebote schwer einzuordnen. Wo bekomme ich die für mich passende Einführung? Oder startet man besser mit einem Deep Dive ins maschinelle Lernen? Oder reicht eine Einführung in ChatGPT? Welcher Kurs passt zu mir, zu meinem Job, zu meinem Vorwissen, zu meinen Zielen? Diese Einordnung ist für viele die eigentliche Hürde: Es geht nicht um die Verfügbarkeit von Inhalten, sondern um die Orientierung im Angebot.
Auffällig ist, was in der Debatte fehlt. Über Lerninhalte wird viel gesprochen, über Förderprogramme auch. Über Zeit fürs Lernen fast gar nicht. Dabei so wichtig.
Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung. Zum Beispiel am 10. und 11.09. zu KI für Führungskräfte in Bielefeld (Opens in a new window) oder im Lehrgang Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung am bifeb (Opens in a new window) …
Christiane Carstensen, David Röthler und Sonya Dase
von Milenu (Opens in a new window)und Dase & Carstensen (Opens in a new window)
Empfehlen (Opens in a new window) Sie uns gerne weiter …
Außerdem im Infobrief:
Ethan Mollick im Gespräch
KI – Sind Sie drin?
20 Perspektiven auf KI
Erwischt!? Die Suche nach dem perfekten KI-Detektor
Sommerlektüre für den KI-Deep-Dive
Termine rund um KI und Erwachsenenbildung im DACH-Raum
Ethan Mollick im Gespräch
Ethan Mollick, Wharton-Professor und Autor von Co-Intelligence, hat sich weltweit als eine der einflussreichen Stimmen etabliert, wenn es darum geht, KI nicht nur technisch zu betrachten, sondern ihre Bedeutung für Arbeit, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft einzuordnen.
Auch in diesem Interview (Opens in a new window)mit Simon Sinek geht es weniger um völlig neue Thesen als um eine klare Einordnung des aktuellen Stands. Mollick korrigiert überzogene Erwartungen ebenso wie vorschnelle Ängste und bringt die Debatte immer wieder auf den Boden zurück.
Dabei rückt leicht in den Hintergrund, was vielleicht sein wichtigster Punkt ist. In einer von KI geprägten Welt wird nicht die Technologie allein den Unterschied machen, sondern der Mensch.
Denn wenn alle auf ähnliche KI-Werkzeuge zugreifen, wird die Technologie selbst kaum noch zum Wettbewerbsvorteil. Entscheidend bleibt, was Menschen einbringen, nämlich Erfahrung, Urteilsvermögen, Verantwortung und die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten und Sinn zu stiften.

KI – Sind Sie drin?
Die Website In the Weights (Opens in a new window)macht sichtbar, welche Personen in den Gewichten großer Sprachmodelle hinterlegt sind. Diese „Gewichte“ bestehen aus Milliarden numerischer Parameter, in denen KI-Modelle Muster aus ihren Trainingsdaten speichern. Wer dort erscheint, ist offenbar prominent oder relevant genug vertreten, dass das Modell Informationen über diese Person ohne zusätzliche Werkzeuge wie eine Websuche abrufen kann.
20 Perspektiven auf KI
Im Rahmen einer Ausstellung des Museums für Kommunikation Frankfurt kommen Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur in 20 kurzen Videoclips (Opens in a new window) zu KI zu Wort. Sie geben prägnante Einschätzungen zu zentralen Fragen unserer Zeit, etwa:
KI als Machtinstrument
Medienkompetenz im Zeitalter der KI
der ökologische Preis der KI
Deepfakes und Propaganda
KI im Klassenzimmer
Urheberrecht und KI
Kreativität und KI
KI zwischen Innovation und Verantwortung
Die Videos sind kompakt, verständlich und eignen sich gut, um sich einen schnellen Überblick über aktuelle Debatten zur KI zu verschaffen.

Erwischt!? Die Suche nach dem perfekten KI-Detektor
Gerade macht Pangram (Opens in a new window) die Runde, ein Tool, das angeblich zuverlässig erkennt, ob ein Text von KI stammt. In vielen Berichten klingt das nach Erlösung. Endlich ein klares Urteil, endlich Sicherheit im Umgang mit ChatGPT.
Das Problem ist nur: So einfach ist es nicht.
Wir haben Pangram selbst getestet. Ein Text, den wir vollständig mit KI geschrieben haben, wurde mit voller Überzeugung als „100% menschlich“ eingestuft.
Auch wissenschaftlich ist die Sache heikler, wie ein arXiv-Paper (Opens in a new window) von N. A. Garland von der Griffith University zeigt (Danke für den Hinweis an Barbara Geyer (Opens in a new window)). Sobald es in einer diversen Studierendenschaft Gruppen gibt, deren natürlicher Schreibstil sich statistisch mit KI-Output überschneidet, entsteht ein mathematisch unausweichlicher Zielkonflikt. Entweder der Detektor wird empfindlicher und beschuldigt mehr Menschen zu Unrecht. Oder er wird vorsichtiger und übersieht mehr KI-Texte.
Ein erhöhtes Risiko für Fehlverdächtigungen haben ausgerechnet diejenigen, deren natürlicher Schreibstil sich statistisch mit typischen KI-Texten überschneidet. Dazu zählen Nicht-Muttersprachler, Studierende in bestimmten Fach-Disziplinen sowie Menschen, die sich eng an Aufgabenstrukturen orientieren oder besonders klar formulieren.

Sommerlektüre für den KI-Deep-Dive
Wer in der Sommerzeit Lust hat, sich etwas tiefer in die aktuellen KI-Debatten einzulesen, findet gerade einige spannende Grundsatztexte. Besonders diskutiert wird zurzeit Europe 203 (Opens in a new window)1, ein bewusst zugespitztes, dystopisches Szenario zur Frage, wohin Europa in der KI-Entwicklung steuert und welche Handlungsfenster im Sommer 2026 noch offen gewesen wären. Man muss nicht jede Schlussfolgerung teilen. Aber gerade deshalb lohnt sich die Lektüre als Anlass zum Prüfen, Diskutieren, Widersprechen und Weiterdenken.
Ebenfalls lesenswert ist ein aktueller Blogbeitrag von Ethan Mollick (Opens in a new window) zur Verschiebung weg vom Chatbot als Text- und Ideenhelfer, hin zu agentischen Systemen, mit denen tatsächlich Arbeit erledigt wird. Wir haben auf diese Entwicklung in den vergangenen Monaten in diesem Newsletter immer wieder hingewiesen, weil sie aus unserer Sicht zu den wichtigsten Verschiebungen in der KI-Nutzung gehört, und hoffen, dass Sie ein kleines Sommerloch haben, das Ihnen erlaubt, hier einmal tiefer einzusteigen. Der Zeitpunkt ist günstig, denn Claude Fable 5 soll ab heute wieder zugänglich sein – ein sehr leistungsfähiges Frontier-Modell von Anthropic, das zeitweise unter US-Exportkontrollen fiel und gesperrt war (was uns direkt wieder zu Europa 2031 (Opens in a new window) führt).
Oder Sie besuchen uns in unseren aktuellen Auffrischungs-Workshops. Denn wer KI nur als Chatbot kennt, unterschätzt, was gerade passiert. Wer mit agentischen Systemen arbeitet, erlebt eine gänzlich andere Form von Produktivität.
Terminübersicht KI und Erwachsenenbildung im DACH-Raum
Eine Terminübersicht zu Fortbildungen, Events und Tagungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund um KI, Erwachsenenbildung und Bildungsmanagement finden Sie hier (Opens in a new window).
Neue eingetragene Termine:
19.08.26
Praxiswerkstatt KI in Seelsorge und Beratung (Opens in a new window)
10.00–18.00 Uhr, Präsenz, kostenfrei, EU-unterstützt
Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN Mainz
04./05.09.26
Lehrgang Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung Modul 3: KI in der Beratung (Opens in a new window)
bifeb, Strobl am Wolfgangsee
10./11.09.26
Standortbestimmung: KI und Führung (Opens in a new window)
Für Führungskräfte, Leitungen und Programmverantwortliche der Erwachsenenbildung
Präsenzveranstaltung im kleinen Kreis in den Ankergärten Bielefeld
Dase & Carstensen GmbH
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51° Nord ist eine Gemeinschaftsredaktion von Milenu (Opens in a new window) und Dase & Carstensen (Opens in a new window).