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ADHS: Störung, Neurodivergenz – oder beides?

Warum wir ADHS nicht länger nur durch Defizite verstehen sollten

Willkommen im Spektrum,

es gibt Sätze über ADHS, die viele Betroffene ihr Leben lang hören:

„Du musst dich nur mehr anstrengen.“
„Du bist zu chaotisch.“
„Du bist unorganisiert.“
„Du bist eben krank.“
Oder neuerdings auch:
„ADHS ist doch einfach nur eine Superkraft.“

Beides greift zu kurz.

Denn ADHS ist weder nur ein Defekt im Gehirn noch einfach eine romantische Variante von Kreativität, Energie und Anderssein. ADHS ist für viele Menschen beides zugleich: Belastung und Ressource, Verletzlichkeit und Stärke, Risiko und Potenzial – abhängig davon, in welchem Umfeld jemand lebt, lernt, arbeitet und bewertet wird.

Genau diese differenzierte Sichtweise greift ein neuer Artikel von Saskia van der Oord, Gert-Jan Vanaken und Blandine French auf:
„Can the Neurodiversity Approach Apply to ADHD? Exploring the Lived Experience of ADHD as Neurodivergence“

Die Autor stellen eine zentrale Frage:

Passt der Neurodiversitätsansatz eigentlich auch zu ADHS – oder funktioniert er vor allem bei Autismus?

Und noch wichtiger:

Spiegelt dieser Ansatz wirklich die Lebensrealität von Menschen mit ADHS wider?

Drei Modelle: Wie denken wir über ADHS?

Der Artikel vergleicht drei große Sichtweisen auf ADHS.

1. Das medizinische Modell

Im klassischen medizinischen Modell wird ADHS vor allem als Störung verstanden.
Im Zentrum stehen Symptome, Defizite, Funktionsbeeinträchtigungen und Behandlung.

Diese Sicht hat klare Vorteile:
Sie ermöglicht Diagnostik, Versorgung, Medikation, Nachteilsausgleich und therapeutische Hilfe.

Aber sie hat auch eine Schattenseite:
Wenn ADHS ausschließlich als Defizit beschrieben wird, erleben sich viele Betroffene selbst als „falsch“, „kaputt“ oder dauerhaft unzureichend.

Dann wird aus einer Diagnose schnell eine Identitätsverletzung.


2. Die Übermedikalisierungs-Kritik

Die zweite Perspektive sagt:
ADHS sei vor allem ein Produkt gesellschaftlicher Normen. Kinder und Erwachsene würden pathologisiert, weil sie nicht gut in Schule, Arbeitswelt oder gesellschaftliche Erwartungen passen.

Diese Kritik ist wichtig, weil sie auf reale Probleme hinweist:
Stigma, Anpassungsdruck, Leistungsnormen und die Gefahr, jede Abweichung sofort medizinisch zu etikettieren.

Aber auch diese Sicht kann zu kurz greifen.

Denn viele Menschen mit ADHS erleben ihre Diagnose nicht nur als Stigma, sondern auch als Entlastung. Und viele erleben Medikation nicht als äußeren Zwang, sondern als hilfreiches Werkzeug, um überhaupt handlungsfähig zu werden.

Eine rein anti-diagnostische oder anti-medikamentöse Haltung wird der Lebensrealität vieler Betroffener deshalb ebenfalls nicht gerecht.

3. Der Neurodiversitätsansatz

Der Neurodiversitätsansatz beschreibt ADHS nicht primär als Defekt, sondern als neurobiologische Variante menschlicher Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Motivation und Regulation.

Das bedeutet nicht:
„ADHS ist harmlos.“
Und es bedeutet auch nicht:
„ADHS ist nur eine Superkraft.“

Es bedeutet vielmehr:

ADHS ist eine andere Form der Selbstregulation – mit spezifischen Stärken, Verletzlichkeiten und Passungsproblemen.

Behinderung entsteht dann nicht nur „in der Person“, sondern oft im Zusammenspiel zwischen Person und Umwelt.

Also dort, wo ein ADHS-Gehirn auf starre, beschämende, überfordernde oder schlecht passende Anforderungen trifft.

Die entscheidende Verschiebung: Von Defizit zu Passung

Der vielleicht wichtigste Gedanke des Artikels ist dieser:

Viele Schwierigkeiten bei ADHS entstehen nicht allein durch die neurobiologische Besonderheit selbst, sondern durch den Mismatch zwischen ADHS-Regulation und neuronormativer Umwelt.

Neuronormativ bedeutet:
Die Welt ist häufig so gebaut, als hätten alle Menschen ein ähnlich stabiles Maß an Aufmerksamkeit, Zeitgefühl, Reizfilterung, Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und emotionaler Regulation.


Schule erwartet:
Sitzen. Zuhören. Frontal folgen. Hausaufgaben planen. Langfristig lernen.

Büroarbeit erwartet:
Priorisieren. Strukturieren. E-Mails beantworten. Termine einhalten. Selbstorganisation ohne Reibung.

Behörden erwarten:
Formulare verstehen. Fristen beachten. Dokumente sortieren. Abläufe durchhalten.

Beziehungen erwarten:
Antworten nicht vergessen. Emotionen regulieren. Konflikte ruhig klären. Bedürfnisse rechtzeitig benennen.

Für Menschen mit ADHS sind genau diese Anforderungen häufig nicht einfach „unangenehm“, sondern massiv energiezehrend.

Nicht, weil sie faul sind.
Nicht, weil sie unreif sind.
Nicht, weil sie sich nicht bemühen.

Sondern weil ihre innere Regulationsdynamik anders funktioniert.

ADHS-Merkmale: Nicht nur Defizite, aber auch nicht nur Stärken

Ein besonders wichtiger Punkt im Artikel:
Menschen mit ADHS erleben ihre Merkmale nicht durchgehend als Defizite.

Ablenkbarkeit kann quälend sein – aber auch bedeuten, dass jemand ungewöhnlich viel wahrnimmt.
Impulsivität kann Probleme schaffen – aber auch Spontaneität, Mut und Lebendigkeit ermöglichen.
Hyperfokus kann dazu führen, dass Grundbedürfnisse übergangen werden – aber auch tiefe kreative oder fachliche Leistungen ermöglichen.
Emotionale Intensität kann überwältigen – aber auch mit Empathie, Begeisterungsfähigkeit und Resonanz verbunden sein.

Das heißt:

ADHS-Merkmale sind häufig kontextabhängig.

In einem unpassenden Umfeld werden sie zum Problem.
In einem passenden Umfeld können sie teilweise zur Ressource werden.

Aber: Hier ist Differenzierung entscheidend.

Es wäre genauso falsch zu sagen:
„ADHS ist nur ein Defizit.“

Wie zu sagen:
„ADHS ist nur eine Stärke.“

Viele Betroffene leiden real.
Unter Erschöpfung.
Unter Scheiternserfahrungen.
Unter Scham.
Unter Ablehnung.
Unter innerer Unruhe.
Unter Desorganisation.
Unter emotionaler Überflutung.
Unter chronischem Selbstvorwurf.

Ein neuroaffirmativer Blick darf dieses Leid nicht wegreden.

Er fragt aber anders:

Nicht nur:
„Was stimmt mit dir nicht?“

Sondern auch:
„Welche Bedingungen machen dein Funktionieren unnötig schwer?“
„Welche Umgebung passt nicht zu deinem Nervensystem?“
„Welche Unterstützung würde echte Teilhabe ermöglichen?“
„Welche deiner Eigenschaften wurden bisher nur als Problem gelesen?“


Diagnose: Entlastung und Verunsicherung zugleich

Viele Erwachsene beschreiben ihre ADHS-Diagnose als Wendepunkt.

Plötzlich ergibt etwas Sinn.

Warum war Schule so schwer, obwohl man intelligent war?
Warum klappt Krisenmanagement manchmal besser als Alltagsorganisation?
Warum fühlt sich Routine an wie innerer Widerstand?
Warum bricht man bei scheinbar kleinen Anforderungen zusammen?
Warum ist man nicht „zu wenig diszipliniert“, sondern anders reguliert?

Eine Diagnose kann entlasten, weil sie Selbstvorwürfe reduziert.

Aus „Ich bin falsch“ wird:
„Mein Gehirn funktioniert anders.“

Aus „Ich habe versagt“ wird:
„Ich hatte keine passende Erklärung und keine passenden Hilfen.“

Aus „Ich bin chaotisch“ wird:
„Ich brauche andere Strukturen.“

Aber die Diagnose kann auch verunsichern.

Manche fragen sich:
„Bin ich jetzt krank?“
„Bin ich weniger belastbar?“
„Werde ich nur noch durch dieses Label gesehen?“
„Ist alles, was ich bin, jetzt ADHS?“
„Was ist meine Persönlichkeit – und was ist Symptom?“

Diese Ambivalenz ist klinisch enorm wichtig.

Eine ADHS-Diagnose ist nicht nur eine medizinische Information.
Sie ist oft auch ein biografisches Ereignis.

Deshalb braucht Diagnostik mehr als Fragebögen und Kriterien.

Sie braucht Einordnung.
Sprache.
Respekt.
Psychoedukation.
Und ein Narrativ, das weder pathologisiert noch romantisiert.

Medikation: Kein Verrat am Selbst, aber auch keine einfache Lösung

Besonders spannend ist die Sicht auf ADHS-Medikation.

In öffentlichen Debatten wird Medikation oft in zwei Extreme gezogen.

Die eine Seite sagt:
„Medikamente korrigieren ein krankes Gehirn.“

Die andere sagt:
„Medikamente machen Menschen nur gesellschaftlich gefügig.“

Beides ist zu einfach.

Viele Betroffene erleben Medikation viel ambivalenter.

Für manche bedeutet sie:
Endlich Gedanken sortieren können.
Endlich anfangen können.
Endlich weniger Reizüberflutung.
Endlich weniger innere Unruhe.
Endlich nicht mehr permanent gegen sich selbst kämpfen.

Für andere bedeutet sie auch:
Verändertes Körpergefühl.
Appetitveränderung.
Emotionale Dämpfung.
Sorge, nicht mehr „ich selbst“ zu sein.
Druck, funktionieren zu müssen.
Angst, ohne Medikament nicht zu reichen.

Der Artikel beschreibt Medikation daher als Balanceakt zwischen Körpergefühl, Identität, funktionalen Zielen und Umweltanforderungen.

Das ist aus meiner Sicht eine sehr hilfreiche Perspektive.

Medikation ist nicht automatisch Unterwerfung.
Aber sie ist auch nicht automatisch Befreiung.

Sie ist ein Werkzeug.

Und wie jedes Werkzeug muss sie zur Person, zur Situation, zum Ziel und zum Körper passen.

Entscheidend ist nicht die Frage:
„Medikation ja oder nein?“

Sondern differenzierter:

Was soll sich verbessern?
Für wen?
In welchem Kontext?
Mit welchen Nebenwirkungen?
Mit welchem subjektiven Erleben?
Mit welchem Ziel an Teilhabe, Selbstbestimmung und Lebensqualität?

Was bedeutet das für Therapie und Coaching?

Für die Praxis ergibt sich daraus ein sehr klares „Sowohl-als-auch“.

Wir brauchen Diagnostik.
Aber Diagnostik darf nicht zur Defizit-Erzählung werden.

Wir brauchen Behandlung.
Aber Behandlung darf nicht nur Anpassung an unpassende Systeme bedeuten.

Wir brauchen Medikation.
Aber Medikation sollte gemeinsam entschieden, überprüft und subjektiv eingeordnet werden.

Wir brauchen Skills und Strategien.
Aber wir dürfen nicht so tun, als müsste sich immer nur die betroffene Person verändern.

Wir brauchen auch Umweltanpassungen.

Mehr Flexibilität.
Mehr Nachteilsausgleich.
Mehr sensorische Rücksicht.
Mehr echte Pausen.
Mehr visuelle Struktur.
Mehr Wahlmöglichkeiten.
Mehr Verständnis für Aktivierungsdynamik.
Mehr Schutz vor Beschämung.

Denn viele Menschen mit ADHS scheitern nicht daran, dass sie keine Fähigkeiten haben.

Sie scheitern daran, dass ihre Fähigkeiten unter den falschen Bedingungen nicht abrufbar sind.

Der kritische Punkt: Neurodiversität darf nicht romantisieren

So wichtig der Neurodiversitätsansatz ist: Er hat auch Risiken.

Wenn man ihn missversteht, kann daraus eine neue Vereinfachung entstehen:

„ADHS ist keine Störung, sondern nur Anderssein.“
„Du brauchst keine Behandlung, nur Akzeptanz.“
„Probleme entstehen nur durch die Umwelt.“
„Medikation ist immer Anpassung an ein krankes System.“

Das wäre genauso einseitig wie das alte Defizitmodell.

Denn viele Menschen mit ADHS erleben massive funktionelle Einschränkungen – auch in wohlwollenden Umgebungen.

Es gibt Betroffene mit schwerer Impulsivität, Suchtrisiken, emotionaler Dysregulation, Unfallneigung, chronischer Desorganisation, Schulabbrüchen, beruflichen Krisen, Beziehungskonflikten, Erschöpfung und komorbiden Erkrankungen.

Ein neuroaffirmativer Ansatz muss dieses Leid ernst nehmen.

Er darf nicht sagen:
„Das ist alles nur Gesellschaft.“

Sondern eher:

ADHS ist real.
Beeinträchtigung ist real.
Umweltbarrieren sind real.
Stärken sind real.
Behandlung kann hilfreich sein.
Anpassung der Umwelt ist ebenfalls Behandlung.

Genau diese Spannung macht den Artikel so wertvoll.

Er ersetzt nicht Medizin durch Ideologie.
Er erweitert Medizin durch gelebte Erfahrung.

Meine Einordnung für ADHSSpektrum

Für mich passt der Artikel sehr gut zu einer Haltung, die ich bei ADHSSpektrum immer wieder betone:

ADHS ist keine Aufmerksamkeitsstörung im einfachen Sinn.
ADHS ist eine andere Dynamik von Regulation, Resonanz, Aktivierung und Passung.

Das erklärt, warum viele Betroffene nicht grundsätzlich „nicht können“, sondern sehr wechselhaft können.

Unter Druck plötzlich extrem leistungsfähig.
Bei langweiligen Aufgaben blockiert.
In Krisen klar.
Bei Alltagskram wie gelähmt.
Bei Interesse brillant.
Bei Fremdanforderung erschöpft.
In passenden Kontexten kreativ.
In starren Kontexten dysfunktional.

Das ist kein Widerspruch.

Das ist ADHS-Regulation.

Deshalb brauchen wir eine Sprache, die nicht beschämt.

Nicht:
„Du musst dich mehr anpassen.“

Sondern:
„Wir müssen verstehen, welche Passung du brauchst.“

Nicht:
„Du bist defizitär.“

Sondern:
„Dein Nervensystem hat andere Bedingungen für Zugriff, Energie und Selbststeuerung.“

Nicht:
„Medikamente machen dich normal.“

Sondern:
„Medikation kann ein Werkzeug sein, um deine selbstgewählten Ziele besser zu erreichen.“

Nicht:
„ADHS ist deine Superkraft.“

Sondern:
„ADHS ist ein Profil mit Risiken, Ressourcen und Kontextabhängigkeit.“

Die wichtigste Diskussionsfrage

Vielleicht ist die zentrale Frage nach diesem Artikel nicht:

Ist ADHS eine Störung oder Neurodivergenz?

Sondern:

Welche Beschreibung hilft Betroffenen am meisten, sich selbst zu verstehen, Unterstützung anzunehmen und ein Leben mit mehr Passung, Würde und Selbstbestimmung zu gestalten?

Für manche ist die medizinische Sprache wichtig.
Für andere ist sie verletzend.
Für manche ist der Neurodiversitätsansatz befreiend.
Für andere klingt er zu verharmlosend.
Für manche ist Medikation ein Wendepunkt.
Für andere bleibt sie ambivalent.
Für manche ist die Diagnose Erlösung.
Für andere zunächst Verunsicherung.

All das darf nebeneinander stehen.

Gerade deshalb brauchen wir Räume, in denen Menschen mit ADHS nicht nur Objekt von Diagnostik und Behandlung sind, sondern ihre Perspektive selbst einbringen.

Fazit

Der Neurodiversitätsansatz ist kein Ersatz für Diagnostik, Therapie oder Medikation.

Aber er kann verhindern, dass ADHS nur als Defizitgeschichte erzählt wird.

Er erinnert uns daran, dass Menschen nicht isoliert funktionieren.
Sie funktionieren in Umwelten.
In Beziehungen.
In Erwartungen.
In Systemen.
In Sprache.
In Selbstbildern.

Und genau dort entscheidet sich oft, ob ADHS vor allem als Behinderung, Belastung, Ressource oder Potenzial erlebt wird.

Vielleicht geht es am Ende nicht darum, ADHS schönzureden.

Sondern darum, ehrlicher zu werden.

Differenzierter.
Weniger beschämend.
Weniger normierend.
Mehr an der Lebensrealität orientiert.

Nicht Defizit oder Superkraft.

Sondern:

ADHS als neurodivergentes Regulationsprofil – mit echtem Unterstützungsbedarf, echten Stärken und einem tiefen Bedürfnis nach Passung.

LG Martin

🧠💡🌈👥🗣️✨🔗🎨💬🚀

Mehr ADHS-Aufklärung, Austausch und Community findest du hier:
https://steadyhq.com/de/adhsspektrum/ (Opens in a new window)

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Can the Neurodiversity Approach Apply to ADHD? Exploring the Lived Experience of ADHD as Neurodivergence Saskia van der Oord https://orcid.org/0000-0003-2771-0187 (Opens in a new window) saskia.vanderoord@kuleuven.be (Opens in a new window), Gert-Jan Vanaken https://orcid.org/0000-0002-3412-5675 (Opens in a new window),

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