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Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht

Es gibt Menschen, die haben eine Aufgabe und erledigen sie. Sagt die Legende.

Und dann gibt es Selbstständige mit ADHS.

Das ist keine Untergruppe von Menschen, das ist ein naturphilosophisches Ereignis. Eine Wetterlage. Eine Form von improvisierter Hochtechnologie, die mit einem zu lange leeren Schmierzettel und drei offenen Tabs beginnt und mit einem Farbcodierungssystem endet, das theoretisch geeignet wäre, eine mittelgroße Raumfahrtmission zu steuern, praktisch aber vor allem dazu dient, den Versand einer einzigen Rechnung um elf Tage zu verzögern.

Denn natürlich geht es nie nur um die Rechnung.

Die Rechnung ist lediglich die zivilrechtliche Oberfläche eines viel tiefer liegenden Dramas, und dieses Drama lautet: Wenn ich diese eine einfache Sache jetzt wirklich tue, dann kann niemand mehr übersehen, dass ich entweder
a) genial bin,
b) völlig unfähig bin oder
c) beides gleichzeitig,

was bekanntlich die Grundspannung jeder selbstständigen Existenz ist, insbesondere wenn das Gehirn auf ADHS-Betriebssystem läuft und zugleich eine heimliche Nebenfirma namens Impostor Syndrome GmbH & Co. KG gegründet hat, deren einziger Geschäftszweck darin besteht, in entscheidenden Momenten zu flüstern:

„Bevor du anfängst, solltest du vielleicht erst noch ein besseres System bauen.“

Und wer wäre man, dieser vernünftigen Stimme nicht zu folgen?

Also baut man ein System.

Nicht irgendein System. Nein.
Ein System, das das Problem nicht löst, sondern es in eine höhere Dignität überführt.
Aus „Ich muss ein Angebot schreiben“ wird „Ich brauche zunächst eine belastbare Angebotsarchitektur“.
Aus „Ich sollte diesen Workshop bewerben“ wird „Ich muss erst den Funnel neu denken“.
Aus „Ich rufe den Kunden zurück“ wird „Vielleicht wäre jetzt der richtige Moment, mein gesamtes CRM auf ein neurodivergenzfreundliches Second-Brain-Ökosystem umzustellen“.

Es ist wichtig, hier die Feinheit zu sehen: Das ist keine klassische Prokrastination.

Klassische Prokrastination wäre Netflix, Chips, horizontales Verzweifeln.

Nein, das hier ist produktive Prokrastination, also die Königsdisziplin. Man tut ununterbrochen Dinge. Man ist hochaktiv. Man recherchiert Tools. Man vergleicht Notion-Templates. Man entwickelt ein 7-Ebenen-System mit täglichen, wöchentlichen, monatlichen und „intuitiv emergenten“ Review-Zyklen. Man entwirft in einem Anfall von Klarheit sogar eine Matrix, in der Aufgaben nach Dringlichkeit, emotionaler Reibung, erwartbarer Scham und astrologischer Wetterlage priorisiert werden.

Das Problem ist nur: Die ursprüngliche Aufgabe liegt daneben und beobachtet das Ganze mit jener stillen Enttäuschung, die sonst nur Zimmerpflanzen und Steuerberater ausstrahlen.

Warum macht man das?

Weil einfache Aufgaben gefährlich sind.

Komplexe Systeme dagegen haben etwas ungemein Tröstliches. Sie erzeugen das Gefühl, man sei noch nicht gescheitert, sondern lediglich noch in der Vorbereitungsphase eines außerordentlich anspruchsvollen Unterfangens. Wer ein unnötig kompliziertes System baut, verschiebt den Moment der Wahrheit. Solange ich noch an der Struktur arbeite, kann niemand sagen, dass das Ergebnis mittelmäßig ist. Es gibt ja noch gar kein Ergebnis. Es gibt nur ein Board. Ein Dashboard. Ein Framework. Ein Masterplan. Eine Philosophie.

Das System wird also nicht trotz der Angst gebaut, sondern wegen der Angst. Es ist ein Schutzwall aus Unterpunkten. Ein Burgring aus Tabellen. Eine gotische Kathedrale der Vermeidung, in der jede Säule aus dem Gedanken besteht: „Wenn ich alles perfekt vorbereite, kann ich später vielleicht gefahrlos unperfekt handeln.“

Was natürlich nie passiert.

Denn Perfektion ist in diesem Zusammenhang kein Ziel, sondern ein Türsteher. Sie steht vor dem Nachtclub namens „Einfach mal anfangen“ und sagt: „Heute leider nicht. Heute nur Gäste mit vollständig ausgereifter Markenstrategie, emotionaler Stabilität und einem Content-Plan für die nächsten zwölf Wochen.“

Gerade Selbstständige mit ADHS sind dafür anfällig, weil Selbstständigkeit im Grunde ein Lebensmodell ist, bei dem niemand von außen kommt und sagt: „So, Martin, jetzt machst du bitte exakt Schritt eins, dann Schritt zwei, und am Ende bekommst du einen Keks.“ Stattdessen sitzt man da mit maximaler Freiheit, was zunächst nach Traum klingt, tatsächlich aber oft bloß die luxuriöse Form von Orientierungslosigkeit ist.

Freiheit ist nämlich nur für Menschen entspannend, die intern eine funktionierende Projektleitung installiert haben. Andere erleben Freiheit eher als eine Art offenes Feld bei Nacht, in dem aus jeder Richtung Möglichkeiten angerannt kommen, brüllend, winkend, PowerPoint schwenkend.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Selbstwert.

Denn wenn du angestellt bist, kann eine misslungene Präsentation theoretisch immer noch an der Teamdynamik, den Prozessen oder der Unternehmenskultur liegen. Wenn du selbstständig bist, hat jeder ungesendete Newsletter, jede halbfertige Landingpage und jede nicht geschriebene Rechnung die Tendenz, sich in einen moralischen Kommentar über deinen gesamten Wert als Mensch zu verwandeln. Plötzlich ist ein simples Angebot nicht mehr bloß ein PDF mit Preisangabe, sondern ein psychologischer Lügendetektortest: Bist du wirklich kompetent? Darfst du dafür Geld nehmen? Wird man in drei Minuten merken, dass du in Wahrheit nur ein sehr sprachbegabter Kobold mit Browserzugang bist?

Und genau da kommt die Überkomplizierung ins Spiel, geschniegelt, charmant, mit Klemmbrett.

Sie sagt:
„Nein, nein, wir schicken dieses Angebot jetzt natürlich noch nicht raus. Vorher entwickeln wir eine neue Methodik, vielleicht ein mehrdimensionales Preismodell mit drei Leistungspfaden, sechs Bonusmodulen und einer semantisch fein kalibrierten Positionierung. Sonst wirkt das ja unseriös.“

Was sie meint, ist:
„Bitte tu nichts, woran du gemessen werden könntest.“

Das Tragische — und Komische — ist, dass diese Strategie nach außen oft sogar beeindruckend aussieht. Menschen sehen dein Whiteboard, deine Farbcodes, deine Modelle, deine fein granulierte Struktur und denken: Wahnsinn, wie professionell. Niemand ahnt, dass diese Architektur möglicherweise nur die luxuriöse Verpackung einer einzigen vermiedenen E-Mail ist.

Es gibt wahrscheinlich in Deutschland Menschen, die in den letzten vier Jahren komplette digitale Unternehmensuniversen gebaut haben, bloß um nicht einmal irgendwo freundlich zu schreiben: „Hallo, anbei das Angebot.“

Ich sage das nicht vorwurfsvoll. Ich sage das mit der zärtlichen Sachkenntnis eines Menschen, der weiß, dass man in zwei Stunden ein revolutionäres Wissensmanagement-System erschaffen kann, nur weil man Angst vor einem 14-Minuten-Telefonat hat.

Die Lösung ist leider unerquicklich unglamourös.

Sie lautet fast nie: „Du brauchst noch ein besseres System.“

Sie lautet häufiger:
Du brauchst ein System, das klein genug ist, um deine Angst nicht intellektuell zu verkleiden.

Also statt „Ich entwickle meinen Gesamtworkflow neu“ vielleicht eher:
Welche konkrete Handlung würde ich tun, wenn ich nicht beweisen müsste, dass ich ein außergewöhnlich kompetenter Sonderfall bin?

Meist ist die Antwort unerquicklich banal:
die Mail schicken,
die Rechnung schreiben,
den Entwurf veröffentlichen,
den Preis nennen,
den Kunden zurückrufen,
das halbgute Ding rausgeben, bevor das perfekte Ding in einem Notion-Friedhof beerdigt wird.

Denn irgendwann muss man sich entscheiden, ob man Unternehmer sein will oder Kurator seiner eigenen Vorbereitung.

Und vielleicht ist genau das die besondere Tragikomik von ADHS-Selbstständigkeit:
Man hat oft brillante Ideen, enorme Energie, absurde Mustererkennung, Kreativität bis zum Rand der Halluzination — und benutzt all das dann gelegentlich nicht, um die Welt zu verändern, sondern um einen Vorgang, der in Wahrheit aus drei Schritten besteht, in ein sechsteiliges Opernlibretto zu verwandeln.

Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Weil kompliziert sich sicherer anfühlt.
Weil Systeme nicht zurückschreiben.
Weil Tabellen einen nicht entlarven.
Weil Vorbereitung würdevoller aussieht als Angst.
Und weil man manchmal lieber Architekt des eigenen Aufschubs ist als Anfänger im offenen Feld.

Die gute Nachricht ist: Man muss nicht aufhören, komplex zu denken. Das wäre ungefähr so realistisch, wie einem Gewitter zu sagen, es solle künftig bitte linear auftreten.

Aber man kann lernen, Komplexität dort einzusetzen, wo sie nützt — und nicht dort, wo sie nur verhindert, dass etwas Endliches, Menschliches, Angreifbares entsteht.

Oder anders gesagt:

Vielleicht ist Reife als selbstständiger Mensch mit ADHS nicht der Moment, in dem man endlich das perfekte System findet.

Sondern der Moment, in dem man merkt, dass ein unperfekt verschicktes Angebot dem Selbstwert zwar kurzfristig unangenehm ist, dem Kontostand aber erstaunlich gut bekommt.


Bevor du weiter nach dem perfektiven System suchst :

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