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Muna

02/24

Als Kind hatte Muna ganz viele Albträume. Sie entwickelte mit acht Jahren die Fähigkeit zu erkennen, wann sie sich in einem Traum befand. Dann konnte sie sich selbst aufwecken und dem Traum entfliehen. Doch zwischen dem Albtraum erleben und dem Traum entweichen, entstand ein Zwischenstadium. Es war ein sich wiederholendes Muster: Sie verbrachte den Traum mit verschiedenen Figuren, die sie aus ihrem echten Leben kannte. In den Träumen ereignete sich nichts gravierendes. Irgendwann merkte Muna, dass sie träumte und wendete sich an die begleiteten Figuren. Sie fragte: „Du, sag mal, ist das hier nicht ein Traum? Etwas ist anders?‟ „Nein, nein. Du träumst nichts. Das ist echt!‟ Dies sagten die ihr bekannten Menschen mit einer deutlichen Klarheit. Klar, aber nicht einschüchternd, sondern eher beruhigend, sodass Muna diesen Figuren Glauben schenkte. Erst als Muna aufwachte, merkte sie: Es war doch ein Traum! Sie war erschrocken darüber, wie diese Figuren, mit denen sie im echten Leben viel Zeit verbrachte, sie anlogen. Es war komisch ihnen am nächsten Tag zu begegnen. Sie hat sich verraten gefühlt. Dabei wussten die Menschen nichts von ihrem Traum. Deswegen hat Muna den Verrat auch schnell wieder vergessen.

Das hier ist anders. Der Verrat ist echt. Der Albtraum ist echt. Die Menschen sind es auch. Muna begann zu verstehen, dass die Figuren damals in ihren Träumen sie nie angelogen hatten. Sie sagten ihr ihre Wahrheit. Die Figuren dachten wirklich, der Traum sei echt. Sie konnten nicht weiter sehen, sie konnten die Ungereimtheiten nicht erkennen. Mit der Klarheit, mit der sie die Realität ausriefen, war Muna früher verunsichert. Doch jetzt nicht mehr. Muna lernte als Kind ihre Träume zu erkennen. Irgendwann war es sogar eine Routine geworden. Dabei tat sich ein Zwischenstadium auf: Sie wusste, dass sie träumte. Aber sie konnte den Traum noch nicht verändern oder sich aufwecken. Zum Glück dauerte es nicht all zulange bis sie dies auch lernte.

Sie hätte nicht gedacht, dass ihr das gleiche Gefühl des Zwischenstadiums noch einmal begegnen würde. Während ihre Albträume eine nette Anekdote aus der Kindheit waren, ist es dieser Albtraum nicht. Sie war sich nicht sicher: War es schlimmer, dass die Menschen dachten, sie seien moralisch überlegen, wenn sie die Moral ausriefen und den Abgrund nicht erkannten, obwohl er sich doch so offensichtlich ereignete? Oder war es egal, was die Menschen ausriefen, weil der Abgrund ist da. Er nimmt Menschen, Träume, Zukunft. Dem Abgrund ist es egal, ob die Menschen ihn erkannten. Er wird größer und immer größer. Aus ihren früheren Albträumen konnte sich Muna dann aufwecken. Aus diesem nicht.

Muna sah ein Video von einem kleinen Mädchen. Sie war verwundet, wahrscheinlich war ihre gesamte Familie tot... Das medizinische Personal wollte die Kopfwunden des Mädchen versorgen. Doch das Mädchen sprach: „Warte, warte. Ist das echt oder ist das ein Traum? Sagt es mir? Ist das echt oder ist das ein Traum?‟ Die Erwachsenen wussten nicht so richtig, wie sie darauf reagieren sollten. Sie versuchten sie zu beruhigen, aber sie antworteten nicht auf ihre Frage. Also stellte das Mädchen die Frage erneut und so wiederholte sich der Kreislauf. Muna ist immer wieder erschrocken, wenn sie an das Video dachte. Eine Frage, die sie sich selbst als Kind so oft stellte, wurde zur einer grausamen Feststellung der Realität. Leider werden die Menschen von diesem Alptraum nie erwachen, außer der Tod reißt sie mit sich.

Alles fühlte sich falsch an. Nicht echt. Die Gespräche in ihrer WG, in ihrem Bekanntenkreis, auf der Arbeit. Ihr Körper war durchsetzt vom Gefühl des Entsetzens. Es war kein kurzer Schreck, in dem der Körper zusammenzuckt. Es war das Entsetzen, das langsam jede Zelle einnahm, sodass ihr Körper vollständig darin eingehüllt wurde. Sie müsste mit ihrer Umgebung argumentieren, aber wozu? Jedes Mal, wenn sie dies tat, erzählten ihr die Menschen doch eh das, was sie eigentlich dachten, obwohl sie keine Ahnung hatten. Ein Gedanke oder eine Meinung braucht keine Grundlage. Das verstand Muna.

Wenn sie dennoch in Diskussionen kam, dann wurde ihr abverlangt, sich vom Terror zu distanzieren. Wenn sie Argumente brachte, dann wurde Muna Zuschauerin einer Performance, die nur weiße Menschen beherrschen: Die Art und Weise ihrer Sprechpausen, ihrer vermeintlich verständnisvollen Blicke, um doch die wütende Seele des Gegenübers zu besänftigen und ihr aufzuzeigen, wie dumm das Gegenüber eigentlich ist. Tief im Herzen denken die Weißen, sie seien zivilisierter. Das wütende Gegenüber ist doch so emotional, es kann sich keinen Überblick über die Situation machen.

In ihrem Kern sind Araber doch ein dummes Volk, ein gewaltvolles Volk, dass so töricht ist, auf die emotionalisierenden Bilder von Toten zu setzen. Wissen sie denn nicht, dass wahre Berichterstattung aus dem schicken Schreibtisch in Berlin Mitte entsteht, mit einer nicht nur räumlichen sondern auch emotionalen Distanz? Wissen sie denn nicht, dass es immer zwei Seiten gibt und sich die wahre Berichterstattung in der Mitte abspielt? Auch wenn getötet wird, als gäbe es keinen Morgen? Man muss alle Seiten hören, vor allem die machtvolle Seite, die Menschen ins Gefängnis stecken, Häuser bombardieren, Gift einsetzen, Gewalt ausübenund unterdrücken. Schließlich geben auch Menschen an schicken Schreibtischen mit viel Distanz ihren Befehl dazu.

Was willst du dummer Araber mit deinem Bild von leidenden Menschen? Bist du zu dumm zu verstehen, dass deine Einzelschicksale nicht bedeutend sind? Einzelschicksale zählen nur für weiße Menschen. Betroffenheit zählt nur für weiße Menschen. Wenn du weinst, dann wein wie die Weißen. Gefasst, mit einer Träne, vielleicht einem kleinen Schrei. Wie in den vielen ausgezeichneten Filmen und nicht wie ihr das tut, laut, am Rande des Bewusstseins, nur weil eure komplette Familie ausgelöscht wurde, bis auf ein Mitglied.

Zum Glück gibt es uns weiße Menschen. Zum Glück gibt es Europa. Jemand in dieser Welt muss ja die Vogelperspektive haben und im entscheidenden Moment intervenieren, damit auf keinen Fall Hilfe ankommt und der Abgrund immer größer wird und immer mehr Menschen mit sich reißt.

Deswegen wollte Muna am liebsten nicht mehr drüber sprechen. Egal, was Muna tat, der Abgrund wurde größer. Machmal heißt es, die Welt zeigt ihr wahres Gesicht. Aber Muna glaubte das nicht. Egal, wie böswillig ihr Verhalten war, die Weißen sitzen trotzdem tiefenentspannt auf ihrem Stuhl und erklären das mit einer Ruhe, die ihnen nur eine gefühlte moralische und objektive Überlegenheit geben kann. Muna fragte sich weiterhin, ob die Figuren absichtlich logen oder ihre Wahrheit aussprach. Aber es war doch auch scheißegal. Sie wollte das Leben der Weißen jedenfalls nicht. Sie wollte nicht in einem Gebilde voll von Lügen leben. Wie sich Menschen daraus befreien können, keine Ahnung.

Es half alles nichts. Muna stand auf. Nachdem sie mal wieder viel zu wenig geschlafen hatte. Jeden Tag konnte sie nicht mehr. Jeden Tag musste sie weitermachen. Sie stand auf und setze sich mit einem Çay an den Küchentisch. Zum Glück war ihre WG nicht da. Sie konnte ihren Anblick nicht ertragen. Ihre Freude. Ihre Unbekümmertheit. Sie scrollte durch die sozialen Medien. Ohne Sinn und Zweck. Ohne Freude. Ohne die Regung eines Gefühls. War sie eine Hülle oder war sie ein Mensch. So ganz klar war es ihr nicht, aber es war auch noch früh am Morgen.

Araba, du bist sooo dumm.

Glaubst du wirklich deine Gefühle interessieren Jemand?

Glaubst du dein Leid? Glaubst du deine Tränen?

Du bist nichts wert.

Weniger als das.

Du bist eine Gefahr.Wenn du weinst, weinst du aggressiv.

Wenn du lachst, lachst du bedrohlich.

Wenn du läufst, läufst du angsteinflößend.

Wenn du spricht, möchte man die Straßenseite wechseln.

Wenn du stirbst, hoffst du auf unser Mitgefühl.

Araba, du bist sooo dumm.

Glaubst du wirklich, wir fallen auf dich rein.

Wenn du von Menschlichkeit sprichst.

Vom Wunsch nach Menschlichkeit.

Dafür müsstest du erstmal ein Mensch sein.

Doch DU

bist ein Tier.

Weniger als das.

Du bist eine Gefahr.

Wenn du stirbst, stirb leise.

Deine Sippschaft klagt

und das sind Schmerzen in meinem Ohr.

Wenn dein Kind stirbt,

mach doch ein neues.

Ihr seid ein Clan

austauschbar.

Mitglieder aber keine Menschen.

Ihr schreit um eure Kinder

Doch das interessiert uns nicht.

Ihr könnt noch so viel schreien

Schrei doch

Schrei doch lauter

Wein doch

Weine doch lauter.

Stirb, dann bist du endlich still.

Ich will meine Ruhe von euch.

Dein Schrei voll Leid bedroht meine Existenz.

Du bist eine Gefahr.

Du bleibst ein hasserfülltes Monstrum.

Zur Liebe nicht fähig.

Du kannst nicht wütend sein

du kannst nur Hass empfinden.Du kann nicht gütig sein

Du kannst nur Hass empfinden

Du warst mal schlau

Doch jetzt schau dich an.

Du bist nichts weiter als eine Gefahr.

Stirb.

Dann ist es eine Gefahr weniger.

Wieso bist du immer noch am Leben?!

Warum gehst du noch auf die Straße?

Haben wir nicht für Recht und Ordnung gesorgt.

Haben wir dir nicht Diktatoren gebracht.

Das wolltest du so, weil für einen wie dich ist Demokratie zu kompliziert.

Demokratie

Die Herrschaft des Volkes.

Du bist kein Volk, du bist kein Mensch.

Du bist ein Tier.

Tiere dürfen nicht sprechen.

Muna begriff, dass sie Zeit ihres Lebens den Krieg und die Vertreibung kennt. Auch wenn sie ihn nie mit eigenen Augen gesehen hat. Qaṣef, Hareb, America, Bush, Jinsiya, Maṭar, Lghurba, Ḍareb.

Die Begriffe des Krieges, sind Begriffe mit denen sie aufgewachsen ist. Sie waren für sie so selbstverständlich wie Essen, Spiele, Schule, Hausaufgaben. Erst als sie erwachsen wurde, machten ihr diese Begriffe Angst. Sie verstand erst dann das Ausmaß des Leides, das dahinter steckte. Das tiefeinsetzende Leid, dass dich zersetzt. Auch wenn dieses normal geworden ist. Für die Menschen, die leiden, ist Leid nie normal. Jedenfalls dachte das Muna. Was wusste sie schon. Sie wusste eigentlich gar nichts.

Ihre Eltern sagten ihr, dass sie stolz auf sie waren. Das hatte Muna eingefordert, dass ihre Eltern ihr sagen, sie sind stolz auf sie. Wegen bestimmten Sachen. Ihre Eltern haben gelernt, ihr zu sagen warum. Sie zeigten nicht mehr einfach, dass sie stolz auf sie waren unabhängig davon, was Muna machte.

Sie waren nicht mehr einfach nur stolz, weil Muna ihre Tochter war und weil man auf seine Tochter eben stolz war. Muna hatte ihnen aufgezeigt, dass es eine unzivilisierte Art war so die Liebe zu seinem Kind zum Ausdruck zu bringen. Liebe und Stolz muss kommuniziert und begründet werden. Im Nachhinein war Muna zu ihren Eltern so dominant, dass es schmerzte. Aber vergangen ist vergangen.

Wir hätten uns doch alle eine andere Vergangenheit gewünscht.

Es war schon 12 Uhr. Muna musste los. Sie war mit Jamal verabredet. Das war das erste Mal, dass sie keine Lust hatte ihren guten Freund zu sehen. Muna sah schon kommen, dass sie sich beim Essen anschweigen. Weil Jamal merken wird, dass es Muna nicht gut geht. Aber er ihr auch nicht zu nahe treten möchte. Sie war jedenfalls zu spät ran. Duschen war auch nicht mehr drin. Also zog sie sich halbherzig um, band die Haare zusammen, schminkte sich, um sich zu bedecken und ging los. Jamal war da, er nahm die gedrückte Stimmung Munas auf. Wie Muna vorhergesehen hat, aßen sie sich schweigend gegenübersitzend im Imbiss. Es hatte doch etwas wohltuendes und sie war Jamal sehr dankbar dafür.

04/24

Abdul saß in seinem Zimmer. Wie mit diesen Feelings umgehen, wusste er auch nicht. Plötzlich ist Aljazeera News sein Feed geworden. Das stündliche Update, um die Illusion aufrechtzuerhalten uptodate zu sein. Um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass er die Zeit nicht verpasst hat. Die Zeit ist nicht zurückzudrehen. Die Zukunft ist ungewiss. So ungewiss, dass eine Vorstellung von Zukunft nicht möglich. Eine Zukunft existiert nicht. In die Vergangenheit kann er nicht zurück. Alles, was Abdul bleibt, ist diese verdammt beschissene Gegenwart.

Seine Probleme wirken so unsäglich klein. Ihm war immer bewusst, dass er ein Fehler im System war. Missraten. Unklar, was mit dieser Existenz anzufangen ist. Was sollte Jemand wie Abdul hier in diesem Drecksland. Er wusste es ja selber nicht.

Seine Probleme wirkten so klein. So klein im Vergleich zum Grauen, dass er sich schämte überhaupt Überforderung über seine missratene Existenz zu empfinden.

Missed Opportunity – Er hat nie die Gelegenheit genutzt, Wurzeln zu schlagen. Er hatte so viel Zeit. Traurig nur, dass seine Persönlichkeit sich in so einem Schneckentempo bewegte, dass die Gegenwart Tatsachen geschaffen hat. Er wird niemals Wurzeln schlagen können. Er wird niemals eine Brücke schlagen zu seiner Vergangenheit.

Missed Opportunity – Er hätte sein Fehlersein im System nutzen können. Er hätte mit einem gezielten Wurf mit seinem Schwert das Herz der Bestie treffen können. Hätte er eine Strategie gehabt. Wäre er ehrgeiziger gewesen, verbissener gewesen, charismatischer gewesen. Hätte er die Massen mobilisiert. Das hat er nicht und das wird er auch nicht. Was ihm in 25 Jahren nicht gelungen ist, wird ihm in sechzig Jahren nicht gelingen. Selbst, wenn es noch etwas geben würde, was die Bestie nicht schon weggeätzt hätte. Die Bestie wird weiterleben und sie nennt sich der deutsche Staat.

Es bleibt ihm nur seine missratene Existenz, welche sich aus ein paar intelligenten Sprüchen speiste. Er war nutzlos. Zurückgeblieben, an einem Ort, an dem er nie hätte sein sollen. Zwischen Bro sein und Shu habub, was blieb ihm da schon übrig.

Also drehte sich Abdul die nächste Kippe, dann den nächsten Joint, die nächste Kippe, den nächsten Joint. Seine Tage verschwammen und waren nicht mehr auseinanderzuhalten. Denn sie sahen alle gleich aus. In der Uni war er schon lange nicht mehr. Im Seminar zu sitzen, nichts fühlte sich ferner an. Er bekam ständig Anrufe seiner friends, seiner Familie. Aber er wollte niemanden sehen. Er schämte sich für seine Überforderung. Sein Scham, seine Überforderung, seine Gedanken alles kreiste im Kreis in seinem Zimmer, hinterließ Spuren.

Wenn er mutiger wäre, dann würde Abdul einen großen Knall verursachen. Wie Aaron Bushnell. Er könnte es inszenieren, wie Semra Ertan. Es war nicht das erste Mal, dass er darüber nachdachte. Aber dann kam ihm immer seine Familie in den Sinn. Seine Mutter würde sich in Tränen auflösen. Sie würde nicht aufhören zu weinen. Cry me a river. Lächerlich im Vergleich zu dem, was seine Mutter empfinden würde. Seine Schwester, sie würde es auch kaum verkraften. Sie war so schon bemüht genug ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Mit der Zeit wurde sie ernster und ernster. Ihre Ernsthaftigkeit würde sie nie mehr verlassen. Ihre Lippen würde sie nur noch zusammengepresst halten. Nicht mal diese Option blieb ihm offen.

An Emres Reaktion wollte Abdul gar nicht erst denken...Die letzten Tage hatte Abdul Emre mehrmals weggedrückt, das tat ihm auch sehr leid und es war echt nicht korrekt. Er gab sich einen Ruck und rief ihn an. „Ich komme vorbei.‟, war das Einzige, was ihm sein Freund am Hörer sagte.

Es dauerte keine halbe Stunde und Emre betrat das Zimmer. Hier roch es viel zu sehr nach Gras und Tabak. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich, Abdul war in keinem guten Zustand. Wenn Emre an ihre Anfangszeit dachte...Abdul hatte immer so viel Energie, war laut, machte Scherze, provozierte, wechselte wieder zum Flirt. Oft konnte sich Emre zurücklehnen und genoss die Energie, zusammen lachten sie immer viel. Dieser Abdul war nicht mehr wiederzuerkennen, er saß gedankenverloren auf seinem Bett. Nur Gott weiß, in welchen Gedankenspiralen er sich verloren hat.

Emre setzte sich zu ihm und nahm ihn in den Arm, er strich ihn über das Haar, küsste ihn auf dem Kopf. Abdul fing an zu weinen, er weinte und weinte. Er holte oft schwer Luft, musste an sich halten nicht loszuschreien.Nur eine Person hatte jemals Abdul weinen und gleichzeitig schreien gesehen und das war seine Schwester Muna.

Irgendwann versiegten die Tränen, als Emre in die Küche ging, um sich Tee zu kochen, griff Abdul zu seinem Handy.

„Was geht? Lange nichts von dir gehört, wollen wir mal telefonieren?‟, schrieb Abdul an Muna.

„Sorry, ich hatte viel zu tun und nach der Arbeit keine Kraft. Ich melde mich nochmal bei dir.‟

Mehr an Antwort bekam Abdul nicht.

„Ich denk an dich.‟, schrieb er.

„Ich auch an dich. Hab dich lieb.‟, antwortete sie ihm.

Abdul wusste, dass etwas mit Muna nicht stimmte. Wie mit ihnen allen etwas nicht stimmte. Wer weiß, wann sie sich melden würde. Es würde bestimmt noch lange dauern. Für ihn blieb seine Schwester unerreichbar.

Abdul hatte Gewissensbisse, dass er Emre so scheiße behandelt hat. Er hatte wirklich großes Glück mit seinem Freund. Emre würde sagen, er tut das doch gerne blabla. Das ganze Weinen hatte ihn müde gemacht, ihn aber auch gelöst. Sie unterhielten sich noch über dies und jenes, zum Glück nicht über Krieg und Genozid. Irgendwann schlief Abdul in Emres Armen ein.

10/24

Jamal saß mit einem Buch im Café. Ein bisschen fehl am Platz fühlte er sich schon. Es roch nach Waffeln, warmer Schokosoße und ganz viel Zucker. Der Laden zog vor allem Jugendliche und Familien mit Kindern an. Es war laut, die Menschen lachten, sie unterhielten sich über Tische hinweg. Also reger Betrieb. Neben Waffeln verkaufte der Laden auch leckeren Kaffee, fand Jamal. Mit einem Buch hier zu sitzen war einfach falsch. Wie sollte er sich bei der Geräuschkulisse überhaupt konzentrieren? Warum sollte er überhaupt lesen? Wollte er beweisen, wie bohème er war? Chill mal und trink einfach deinen Kaffee, Junge. Dachte sich Jamal, lag das Buch beiseite und musste ein bisschen über sich schmunzeln.

Es hätte noch andere Orte geben können, an denen er sich mit Muna hätte verabreden können. Aber heute zog es ihn hierher. Hier wirkte es fast so als sei die Welt in Ordnung, als gehe das Leben weiter. Seltsam, dass dieses Gefühl gerade hier entstehen konnte. Hier saßen Menschen, die ganz bestimmt Verwandte im Libanon und Palästina hatten. Viele der Jugendlichen wurden bestimmt schon auf den Demos von den Bullen zusammengeschlagen und danach noch gesellschaftlich verurteilt für ihre Teilnahme an einer Demonstration während der deutsche Staat durch seine Kriegswaffen ihre Verwandten umbrachte. Die 90er waren schon schlimm, aber Jamal konnte sich nicht ausmalen, wie ein Vierzehnjähriger das verarbeiten soll.

Aber ja, hier in diesem kleinen Ort ging das Leben für alle hier Anwesenden weiter. Die Menschen trafen sich trotz ihres Schmerzes, sie lachten trotz ihren Schmerzes. Das Leben ging irgendwie weiter trotz ihres Schmerzes. Es war zwar mehr Schein als Sein. Aber es blieb ihnen nichts anderes übrig. Jamal wünschte sich diesen Ort niemals verlassen zu müssen. Mit seinem Kaffee, dem süßlichen Geruch der Waffel und der Geräuschkulisse aus Gelaber und Gelächter verweilte er im siebten Himmel des Denials.

Jamal war abgelenkt von seinen Gedanken und bemerkte nicht, dass Muna ihm schon Gegenüber saß. Aber sie schien es auch nicht zu irritieren. Sie lächelte leicht als Jamal aus seinem Tagtraum erwachte. Zur Begrüßung umarmten sie sich. Muna wollte sich einen Capuccino holen und fragte Jamal nach seinen Wünschen. Dieser überlegte einen Moment und war jetzt doch neidisch auf die ganzen Waffeln um ihm herum, sodass er sich eine Waffel mit Erdbeeren, Bananen und Schokosoße wünschte. Muna zögerte einen Moment und schritt dann zur Kasse.

Sie trug eine kurze schwarze Jacke, darunter einen schwarzen Kapuzenpulli, dunkle Jeans und schwarze Schuhe. Ganz schlicht, sportlich, bemerkte Jamal. Früher war Muna immer so elegant angezogen. Ihr Lieblingsoutfit war eine weiße Bluse unter ihrem dunkelblauen Pullover (Muna hätte bestimmt die exakte Farbe benennen können), goldenen Ohrringe mit türkisen Kristallsteinen. Dazu die passende Jeans und Boots. An und für sich nicht ausgefallen. Aber Muna hatte ein Auge für Details, sodass der Pulli mit dem entsprechenden Material perfekt zur Jeans passte usw. Ihre kinnlangen Haare waren elegant aber nie spießig und ihr MakeUp ein bisschen dramatisch; geschminkte Augen, smokey eyes, die Lippen trug Muna gerne dezent, maximal Lippenbalsam. Sie war natürlich nicht immer so gestyled. Manchmal wenn Jamal sonntags auf einen Kaffee vorbeikam, trug auch sie ihren Pyjama. Aber selbst der war aus einem schönen hellblauen Samt und aufeinander abgestimmt ihre dunklen Mütze, aus denen die kinnlangen glatten Haare herauslugten. Lässig aber elegant. Er hatte zwar Muna in letzter Zeit häufiger gesehen, aber erst jetzt fiel ihm der Kleidungsstilwechsel auf.

Jamal musste über Muna in letzter Zeit häufiger nachdenken. Es hatte sich vieles bei ihr verändert. Sie war ganz und gar nicht mehr die Alte. Aber hatte dieses schreckliche Jahr bei ihnen allen nicht auch Spuren hinterlassen? Ja, das stimmt. Natürlich fällt es ihm viel leichter Muna von außen zu betrachten als sich selbst. Er zog sich mehr in seine Traumwelt zurück, das merkte er. Auch er musste müde und abgeschlagen wirken, wie all seine Freund*innen. Aber von all seinen Freund*innen war Muna die, um die er sich im Moment am meisten sorgte.

Muna hatte immer so einen wachen Blick, sie war immer im Hier und Jetzt. Ihr Blick signalisierte Jamal oft, ich bin bei dir, ich sehe dich, ich höre dir konzentriert zu. Aber dieses Glänzen in ihren Augen war weg.

Früher gab es immer kleine Aufmerksamkeiten. Sie nähte gerne, bestickte und strickte. Oft brachte sie Jamal etwas kleines als Geschenk mit – ein neues Brillenputztuch, ein Schal, Kissenbezüge, seine jährliche Mütze. Sie war sehr auf höfliche Gesten bedacht und ein bisschen perfektionistisch war sie auch. Doch mittlerweile war sie fast so gastfreundlich wie ein Alman. Sie stellte den Çai hin, weil es sich so gehörte. Kein Zucker, keine Zitronenscheibe dazu, keine Milch auch nicht die passende Untertasse. Die liebevollen Details, sie verschwanden.

Obwohl Muna so ernst wirkte – schon immer. Umgeben von einer Eleganz wie aus einer anderen Zeit, war ihr Lachen trotzdem so oft und so durchdringend, dass ihre regelkonforme Strenge von sehr viel Wärme umgeben war. Dieses Lachen vermisste Jamal. Wann hatte er sie das letzte Mal lachen gehört?

Was war nur aus Muna los, wo war sie. Das würde er gerne wissen. Jamal mochte es durch kleine Gesten seinem Gegenüber zu signalisieren, dass er für sie da ist, sie ihm was bedeuten und er sich um sie kümmern wird. Entweder durch eine Karte, einen spontanen Besuch oder eine alltägliche praktische Hilfe. Doch bei Muna hatte er das Gefühl, das würde eher ein Zusammenzucken verursachen. Er musste vorsichtig sein. Eine unüberlegte Handlung und ihr Kartenhaus, das sie so mühsam aufrechterhielt, würde in sich zusammenfallen.

Die beiden Freund*innen verbrachten ihren Nachmittag im Café. Gaben ein Update über ihr Leben, tauschten sich über dies und jenes aus. Beide blieben bei der Oberflächlichkeit. Das war früher anders. Damals zeigten sie sich mit ihren Unsicherheiten, mit ihren Verletzungen. Sie stellten sich unbequeme Fragen. Ihre Gespräche waren emotional intensiv, aber erfüllend und oft vergaßen sie die Zeit. Doch diesmal hatten beide Angst vor der Tiefe. Sie wussten nicht, was sie erwarten würde und auch nicht, ob sie dem standhalten können. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, schritt Jamal mit seinen Sorgen im Schlepptau zurück nach Hause.

08/24

Muna, mein Schatz

Habibti

Wo bist du?

Wir haben den Kontakt verloren

Muna,

irrst du weiter in deinem Zimmer umher?

Bist du weiterhin fassungslos?

Weinst du dich weiterhin in den Schlaf?

Verfolgst du weiterhin das Grauen, den Horror?

Muna, mein Schatz

ich vermisse dich

Bitte, irr nicht weiter und komm zurück

Muna,

wunderst du dich über die Massaker in den Krankenhäusern?

Fragst du dich, wie sich ein Hungertod anfühlen muss?

Trauerst du um die Kinder?

Die Kinder

All die Kinder

Muna,

bist du weiterhin entsetzt?

Über ihre Unmenschlichkeit

Bist du weiterhin wütend über ihre Barbarei

über ihre Kriegswaffen

über ihr Unbeteiligtsein

Muna, mein Schatz

du darfst weiter wütend sein

Aber bitte komm zurück, ich vermissen dich

Muna,

du bist wütend nicht nur wütend über sie

Ich weiß

Wir konnten sie nicht aufhalten

Du verabscheust uns

Ich weiß

Wir geben klein bei

Aber sag uns, wie bewegen wir den Berg?

Du schämst dich

Wir schämen uns alle

Für diese große Katastrophe

Wir haben versagt

Ich weiß

Wir rauchen unseren Schrecken weg

Wir trinken unsere Trauer weg

Wir blenden aus

Was sollen wir tun?

Sag es mir bitte

Geht unser Leben nicht trotzdem weiter?

Bitte schau mich nicht so schockiert an

Über diese Frage

Sie schockiert mich auch

Muna, mein Schatz

ich wünschte, ich könnte wieder fassungslos sein

Ich wünschte, ich könnte schockiert sein

Ich wünschte, meine Wut würde zurückkommen

Ich wünschte, meine Trauer

Nur meine Hoffnung versuche ich zu bewahren

Auch wenn sie mir immer wieder zu entschwinden droht

Muna,

Ich weiß

Du wirst nicht mehr zurückkommen

Um dieses Jahr zu überstehen, habe ich dich weggepackt

In eine Box ganz tief in meinem Inneren

Hier irrst du weiterhin umher

Du trägst die Gefühle

Die ich nicht mehr tragen kann

Das Einzige, was bleibt ist die Scham

dich hier weggesperrt zu haben

Es tut mir leid.

Mein Schatz.

10/24

Muna spazierte nach dem Treffen mit Jamal nach Hause. Sie hatte das Bedürfnis ihre Beine zu bewegen, den Wind in ihrem Gesicht zu spüren und ihren Gedanken nachzugehen.

Jamal hatte sich verändert. Das ist ihr heute noch einmal mehr schmerzlich bewusst geworden. Früher ließ sich Jamals Anwesenheit im ganzen Raum spüren – auch wenn ihm sein Charisma gar nicht bewusst war und er jeden Verweis darauf abwimmelte. Das Lachen, dieses durchdringende laute Lachen, das den Raum zum Beben brachte, es schwindet. Jamal hatte Mühe sich beisammen zu halten, merkte Muna. Sein Lächeln versuchte seine übermüdeten Augen zu überdecken. Sein unruhiges Wippen der Beine versuchte zu verhindern, dass Jamal in seinen Gedanken und seiner Traumwelt abdriftete. Er versuchte diesen unbegreiflichen Horror zu verstehen, gesellschaftlich einzuordnen und zu analysieren. In der Hoffnung, daraus Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Er versuchte, einen Ausweg zu finden, Muna kannte ihren Freund. Doch hier gibt es keinen Ausweg und keine Lösung.

Muna wusste nicht, ob diese Erkenntnis sie bitter machte oder ihre Bitterkeit sie zu bitteren Erkenntnissen verleitete. Viele Freund*innen sagten: „Wir dürfen die Hoffnung niemals aufgeben.‟ Auch Muna sagte das. Manchmal wirkte es künstlich, manchmal kostete sie dieser Satz viel Kraft und ganz selten spürte sie diese Hoffnung. Hätte die Büchse der Pandora nicht verschlossen sein können.

Dieses Jahr hatte sie alle verändert. Sie bemerkte eine Kühle in sich, die ihr manchmal Angst bereitete. Sie war ganz plötzlich gekommen, über Nacht und seitdem einfach da. Muna konnte wieder schlafen. Ihre Tränen versiegten. Ihre Erschöpfung schwand. Sie wunderte sich über diesen Wechsel. Der politische Horror bewegte nicht mehr viel in ihr. Ihre Außenwelt, ihre Freund*innen, sogar für ihr eigenes Leben schwand das Interesse.

Muna war an ihrer Haustür angelangt. Es war spät, sie sollte ins Bett gehen.

Muna

Muna.

Ich weiß nicht, wie es mit dir weitergehen soll

Oder mit uns

Frisst dich die Kälte auf

Was verschlingt die Gleichgültigkeit noch

Verwandelst du dich in die Hülle deiner selbst

Oder sollte sich die Box öffnen

Werden die Emotionen freien Lauf haben

Wirst du in den Abgrund gerissen

Du irrst umher, Muna

Wir alle tun es

Ob allein oder zusammen

Niemand weiß, ob dieses Labyrinth

Ob es einen Ausweg hat

Ob wir verdammt sind

unser Leben lang umherzuirren

Sollten wir es in Brand stecken

werden auch wir verbrennen

11/24

Muna hatte schlecht geschlafen. Dieses Jahr war es eh ganz schlimm mit dem Schlafen, auch wenn sie in letzter Zeit besser einschlafen konnte und sich nicht mehr in den Schlaf weint. Wie viele Stunden hat sie wohl geschlafen, es waren maximal 4 Stunden, oh je... Aber das Jammern nützte nichts. Was Muna nicht leiden konnte, war bis mittags rumzudösen und zu versuchen doch noch einzuschlafen. Das hatten ihre Expartner*innen immer getan, wirklich alle und sie fand es so unglaublich nervig. Sie akzeptierte immer das Ergebnis ihrer nächtlichen Bemühung und startete ob ausgeschlafen oder übermüdet in den Tag.

Muna sprang unter die Dusche, machte Musik an, Mashrou Leila. Gestern hatte sie noch mit ihren Eltern telefoniert. Abdul war gerade dort zu Besuch, aber wohl nur ganz kurz. Beim Telefonieren hörte sie den Fernseher im Hintergrund am anderen Hörer. Er lief 24/7. Nun war wieder die Zeit in ihrem Leben gekommen, in dem keine Serien durchgängig zu sehen waren, sondern Nachrichten. Das kannte sie schon zu ihrer Kindheit. Dann in ihrer Jugend. Jetzt wieder in ihrem Erwachsenenalter. Diese Nachrichtensender die 24/7 über Genozid und Krieg berichteten. Statt Wettervorhersagen, gibt es Aufzeichnungen auf der Karte welche Gebiete bekämpft werden, wo die Bomben eingeschlagen sind. Sie, arabs, waren dazu verdammt, den Krieg immer wieder in ihrem Wohnzimmer willkommen zu heißen. Muna erinnerte sich noch an die Zeit, als die Namen der Verstorbenen eingeblendet waren und ihre Eltern gebannt auf den Bildschirm schauten aus Sorge den Name ihrer Angehörigen zu lesen.

Manchmal hatte es etwas Verbindendes den Tag vor dem Bildschirm zu verbringen. Es war eine Gratwanderung, sich in den Abgrund zu stürzen und in die Nacht zu weinen oder durch das gemeinsame Schauen eine Distanz zu dem Geschehenen herzustellen. Es ließ sich schwer erklären. Aber beide Optionen gab es. Manchmal wünschte sich Muna, sie könnten zusammen arabische Nachrichten in der WG schauen. Aber A würde niemand das hocharabisch verstehen, einschließlich Muna. Und B würden die Almans das nicht packen. Es würde sie noch wochenlang beschäftigen. Die Bilder vom Krieg. Munas Eltern waren zu weit weg, als dass sie zusammen schauen konnten.

Diese Gedanken gingen Muna durch den Kopf, als sie sich die Zähne putzte, sich anzog, schminkte und zur Arbeit ging. Indem sie Mails beantwortete, an ihren Designs werkelte, auf Teammeetings ging, ihre Ergebnisse der letzten Woche präsentierte, brachte sie ihre sechs Arbeitsstunden hinter sich.

Auf dem Nachhauseweg kam ihr eine kalte Brise entgegen. Da erinnerte sie sich, dass Jamal wieder seine Mütze verloren hatte. Jamal war so ein verträumter Typ. Jedes Jahr strickte sie ihm eine Mütze und jedes Jahr verlor er sie! Er versuchte, es zu verheimlichen, weil es ihm so unangenehm war. Muna wusste, wie wichtig es ihm war ihre Gesten zu schätzen. Je mehr er sich unter Druck setzte, desto wahrscheinlicher verlor er auch schon die nächste Mütze. Aber so war es mittlerweile Tradition. Jedes Jahr eine Mütze für Jamal. Dieses Jahr war sie nun wirklich spät dran.

Aus Pflichtbewusstsein ging Muna in den nächsten Strickladen, holte sich Garn und Stricknadeln. Sie wusste, wenn sie nach Hause ging, würde nichts Produktives mehr passieren. Am ehesten würde sie die Decke anstarren oder mit ihren Mitbewohner*innen über Belangloses sprechen. Weil es nur noch beides gab: Belanglosigkeit oder Genozid. Früher störte es Muna kaum, dass ihre Mitbewohner*innen nett, aber so unpolitisch waren. Aber jetzt merkte sie, wie Welten zwischen Ihnen standen. Ihre Gleichgültigkeit würde sie niemals erreichen. Hoffte sie.

Sie ging zu ihrem Lieblingsgeschäft, aber so viele Strickläden gab es nicht mehr, seien wir mal ehrlich. Sie suchte einen schwarzen Garn aus, den sie jedes Jahr für Jamal aussuchte. Dabei musste sie schmunzeln. Sie hatte den Jungen schon lieb.

Daneben war gleich einer ihrer Lieblingsbäckerei bzw. ihr Lieblingscafé. Es war eine Mischung aus beiden und hier war sie lange nicht mehr gewesen. Gamze, die Besitzerin und Verkäuferin des Ladens begrüßte Muna ganz nett: „Spatz, setz dich schon mal. Ich hol dir die Karte, ja?‟ Wie befohlen nahm Muna Platz. Sie wählte einen Tisch am Fenster, mit einem Sessel in dem sie versinken konnte und der so platziert war, dass sie die Passant*innen von außen beobachten konnte.

Kurz nachdem es sich Muna zurecht machte, ihre Tasche ablegte, die Jacke auszog, ihre Utensilien auf den Tisch stellte, kam Gamze an ihren Platz. Wischte zunächst den Tisch ab, platzierte die Blumen neu, setzte sich und fragte: „Wie geht´s deiner Familie?‟

Muna zögerte zu antworten, da begriff Gamze, stand auf und brachte Muna die Karte. Gamze lächelte Muna an, legte die Hand auf ihre Schulter: „Heiße Schokolade? Aber nicht, dass du nochmal so lange weg bleibst! Du kannst doch wenigstens einmal Hallo sagen. Machst du das?‟ „Mache ich.‟ „Inshallah‟, bekräftigte Gamze Munas höfliche Antwort. Zu der heißen Schokolade bestellte Muna noch einen Sandwich mit Käse, Tomaten und Rucola, getoastet natürlich.

Die Verkäuferin erinnerte sie an ihre Tante. Sie war ihr ein bisschen zu aufdringlich, aber so waren die Geschwister ihrer Eltern nun mal auch. So lange sie von Gamze nicht gefragt wurde, wann sie heiraten würde…Siehatte lange keinen Kontakt mehr mit den Geschwistern ihrer Eltern, ob ihre Eltern zu ihnen noch Kontakt hatten? Sie wusste so wenig und war so weit weg von ihnen. Muna kam hier früher gerne her, weil sie sich geborgen fühlte. Wie früher zu Hause. Sie dachte traurig an ihre Eltern, wie lange hatte sie sie nicht mehr besucht? Hatte sie ihre Eltern mit allem nicht allein gelassen? Statt sich ein schlechtes Gewissen zu machen, wollte Muna nach dem nächsten Termin schauen, um sie zu besuchen. Später, aber jetzt fing sie an die Mütze zu stricken.

Sehr bald wurde ihr auch die heiße Schokolade gebracht. Sie hatte das große Glück, in einer so liebevollen Umgebung aufgewachsen zu sein. Sicher aufgewachsen zu sein. Auch wenn sich das nicht immer so anfühlte. Als Muna anfing zu stricken, war die Mütze ganz klein. Sie hätte auch auf den Kopf eines Kindes gepasst…Es überkam sie eine tiefe Trauer ganz plötzlich.

Doch sie strickte weiter für ihren guten Freund Jamal. Der gerade eine schwere Zeit durchmacht und ihr sagen würde: „Gib die Hoffnung niemals auf.‟ Mit einem Lächeln auf den Lippen und übermüdeten Augen. Sie würde antworten „Niemals.‟ Manchmal gekünstelt, manchmal mit viel Anstrengung und ganz selten auch mit viel Hoffnung.