Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein
Eine Kolumne von Christina Emmer
#2 - Familienessen
Der Kaffee wird gerade eingeschenkt und der Kuchen auf den Tisch gestellt, als ich zum dritten Mal auf die Uhr schaue.
Zum Essen mit der Familie eingeladen. Das heißt für mich im Grunde: Mittagessen, vielleicht noch ein Kaffee danach. Dann kommt so nach und nach allgemein Aufbruchsstimmung auf.
Doch irgendwo zwischen der Nachspeise zum Mittagessen und dem Kuchenessen um 3 fällt das Wort “Abendessen”… und mir dämmert langsam, dass diese Esseneinladung offenbar anders gemeint war, als ich gedacht hatte.
“Wäre da nicht der Hund allein daheim, wäre es ja egal” denke ich und fühle mich zunehmend unbehaglich, weil ich weiß, dass ich jetzt langsam etwas sagen werden muss.
Die Ankündigung, nicht mehr zum gemeinsamen Abendessen bleiben zu können, wird dann auch tatsächlich zum sehr unangenehmen Moment.
Der erste Versuch läuft gefühlt ins Leere - hat mich keiner gehört? Beim zweiten Versuch wird die Stimmung spürbar angespannt - kann doch nicht mein Ernst sein, es ist so viel vorbereitet. Thema erledigt.
Ich bin erst einmal still, aber gleichzeitig fängt ein Teil in mir an, sich zu ärgern.
Denn ja, es ist wahr, der Hund ist allein. Für ein paar Stunden - wie ich es geplant hatte - ist das auch kein Problem. Und hätte ich vorher gewusst, wie lange das “Essen” geplant ist, hätte ich dafür gesorgt, dass sich jemand um ihn kümmert - also grundsätzlich auch kein Problem.
Aber da liegt ja der eigentliche Punkt.
Ich wusste es nicht.
Und wenn ich ehrlich bin, merke ich genau in diesem Moment, dass es nicht nur der Hund ist.
Von 12 Uhr mittags bis 19 Uhr abends zusammensitzen, essen und reden - das ist mir eigentlich viel zu viel.
7 Stunden!
Essen, sitzen, reden, essen, sitzen, reden und nochmal mehr essen, sitzen und reden. Mit 6 anderen Menschen. Größtenteils Familiensmalltalk - wie ich es liebevoll nennen möchte.
Ich mag meine Familie. Ich mag sie wirklich alle.
Ich bin nur nicht der Typ für 7 Stunden Familytalk.
Ich fühlte mich eigentlich nach Mittagessen und Kuchen schon proppevoll. Nicht nur vom Essen, sondern voll von sozialer Interaktion.
Es ist also da um Viertel nach 3 nicht mehr nur eine Frage von Hundebetreuung oder nicht. Es ist auch eine Frage von Selbstfürsorge geworden. Und ich kann spüren, dass das kein Argument sein wird. Also bleibe ich beim Hund.
Doch ich komme nicht umhin, mich innerlich immer wieder zu fragen:
Warum fühlt es sich manchmal so falsch an, für sich selbst zu sorgen?
Zum Glück ärgere ich mich immer noch. Denn der positive Nebeneffekt von Ärger ist Entschlusskraft und so bleibe ich dabei:
Ich muss leider gehen.
Ich finde einen Grund, aufzustehen und packe langsam meine Sachen zusammen. All das fühlt sich an, als würde ich durch unsichtbares Gelee laufen, ein Gelee aus unausgesprochenen “Das finden wir nicht gut”-Gefühlen. Es ist zäh und dick und alle Floskeln des Abschieds sind nun irgendwie zu süß.
Am Ende sage ich noch: “Beim nächsten Mal plane ich das besser ein.”
Das ist keine Lüge, aber auch nicht ganz die Wahrheit.
Ich werde es besser planen.
Besser kommunizieren.
Früher klären.
Für mich.
Alles Liebe
Christina
PS: Schreib mir Deine Gedanken dazu in die Kommentare!
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