Wie cis- und heteronormative gesellschaftliche Strukturen das Storytelling prägen
Nur ein Youtube-Zufallstreffer - einer, der es in sich hat. Eine „True Crime“-Dokuserie; manchmal gucke ich so was.
Angesichts des Pride-Month - der Queer History-Month ist gerade vorbei - führt die Beschäftigung mit “Missing Kenley” indirekt in die Anfänge der Pride-Bewegung in Kanada. In der Serie bleibt jedoch gerade diese Dimension unerzählt - Geschichtsklitterung durch Weglassen.
In den frühen 90er Jahren bewegten sich queere Menschen in Kanada in einem Klima zwischen Aufbruch und Bedrohung. 1990 machte eine gewaltsame Polizeirazzia auf die Montrealer Warehouse-Party Sex Garage sichtbar, wie ungeschützt queeres Leben war - und löste eine Welle des Widerstands aus. Aus ihr ging 1993 das Pride-Festival Divers/Cité hervor - die Keimzelle der Pride-Bewegung in Kanada. Das vorweg. Nun zur Serie.
Der Youtube Algorithmus bot mir vorgestern die erwähnte True Crime-Serie an, “Missing Kenley”, zum Verschwinden von Allan „Kenley” Matheson im Herbst 1992. Also genau in dem oben skizzierten Zeitraum. Er verschwand in Neu-Schottland, einem Teil Kanadas.
“Missing Kenley” spekuliert, vermutet und denunziert allerlei Queeres rund um dieses Verschwinden. Das machte mich wütend und ließ mich nachrecherchieren: wie kommt der Autor und Regisseur darauf, die Story so zu erzählen? Welche Hypothesen lassen sich daraus generell über Erzählmuster im außerordentlich populären „True Crime“-Genre formulieren? Den oben skizzierten historischen Kontext für Queers im Kanada jener Jahre recherchierte ich noch hinzu, weil er in dieser Serie ignoriert wird. Dazu final mehr.
Allan Kenley Matheson verschwand in einer sehr kleinen Universitätsstadt in Neu Schottland mit Namen Wolfville - nachdem er lediglich zwei Wochen an der dort ansässigen Acadia-Universität studierte.
Solche Vermisstenfälle bilden im „True Crime Genre“ ein eigenes Subgenre (und sie sind leider auch besonders spannend). Sie lassen dann, wenn der Fall nie aufgeklärt wurde, breiten Raum für Spekulationen.
Im Falle verschwundener junger Männer taucht erstaunlich häufig die Hypothese auf, sie könnten schwul gewesen sein. So, als sei es prinzipiell gefährlich, sich außerhalb der Bahnen des anerkannt Normalen zu bewegen - das Risiko, dann Opfer des Bösen zu werden, scheint in Strukturen der True Crime-Tropen besonders ausgeprägt zu sein. Fast, als sehne man sich nach Bestrafung der Devianten.
Das soll tatsächliche Gewalt gegen Schwule und andere Queers gerade nicht verharmlosen. Klar gibt es da einen erheblich höheren Gefährdungsgrad. Diesen machen solche Podcasts, Serien und was sonst noch so alles kursiert jedoch nie an gesellschaftlichen Strukturen fest - eher an dem Ausbruch von Individuen aus der braven, sittlichen Ordnung. Imaginiert werden Triebtäter, Serienkiller oder Selbstmorde in den mir bekannten Fällen - die deutlich anders erzählt werden als dann, wenn eine junge Frau verschwindet. Dafür gibt es auch gute Gründe - „Missing Kenley“ ist ein Fall, in dem jedoch deutlich wird, dass gesellschaftliche Kontexte gar nicht wahrgenommen oder ausgeblendet werden.
Für jene, die Missing Kenley nicht kennen, sei kurz erzählt, worum es in der Serie geht. Rein deskriptiv und ohne Annahmen bezüglich dessen zu formulieren, was tatsächlich geschah.
Es handelt sich um eine „investigative“ True-Crime-Dokumentarserie des US-amerikanischen Filmemachers Ron Lamothe. Er lehrt an der Lesley University Geschichte und Dokumentarfilm. Sie entstand in einem Zeitraum von rund zehn Jahren, eine Langzeitbeobachtung, erschien 2022 und feierte am 21. September 2022 - dem 30. Jahrestag des Verschwinden Kenleys - in Wolfville Premiere. Die Serie umfasst fünf Episoden in zehn Teilen und ist über Amazon Prime Video sowie zahlreiche weitere Streamingdienste abrufbar.
Im Zentrum steht das Verschwinden von Allan „Kenley” Matheson, einem damals 20-jährigen Erstsemester aus Glendale auf Cape Breton, wahrscheinlich am 21. September 1992. Ein hübscher Kerl, der als feingeistiger Weltenbummler skizziert wird. Er bereiste zuvor Mittel- und Südamerika, der Serie zufolge, arbeitete in Baumpflanzprojekten in Kanada, zeigte sich philosophisch interessiert und galt sowohl als introvertiert als auch sehr naturverbunden, liebte „Outdoor“-Aktivitäten.
Etwa zwei Wochen nach Beginn seines ersten Semesters an der Acadia University im kleinstädtischen Wolfville verschwand er spurlos. Es gab keine Zeugen, es wurde kein Leichnam gefunden, und zunächst trat kein Verdächtiger hervor; der Fall gilt bis heute als ungelöst.
Über Jahrzehnte kamen weder die lokale Polizei und die Royal Canadian Mounted Police noch von der Familie beauftragte Privatermittler zu einem Ergebnis.
Die Serie rollt den Fall noch einmal auf, prüft die verschiedenen Theorien zu Mathesons Verbleib und verschränkt diese Ermittlungslinie mit einem biografischen Porträt des jungen Mannes; eine treibende Stimme ist dabei seine Schwester, die zur selben Zeit an derselben Universität studierte und seither nach Antworten sucht.
Die folgende Kritik richtet sich allein gegen die Art, wie die Serie aus diesem Material eine Geschichte formt - nicht gegen den Versuch, den Fall aufzuklären.
“Missing Kenley” erwähnt, dass er mit ungutem Gefühl sein Studium an der Acadia-Universität antrat. Gerüchte von der „Frosh Week“ nährten seine Ängste - Rituale für Erstsemester, die in so genanntes „Hazing“ münden könnten. Demütigungsrituale, die von exzessivem Koma-Saufen bis hin zu schlimmeren Erniedrigungen reichen können, sind Bestandteile dieser Praxis unter Männern. Ob diese in Wolfville üblich waren, das weiß ich nicht - das erzählt und recherchiert jedoch auch die Serie nicht. In genau dem Zeitraum, da Kenley verschwand, begann jedoch eine intensivere Erforschung dieser „Hazing“-Praxen (Opens in a new window), denen sich vor allem jüngere Männer zu unterwerfen hatten.
Die Aufbereitung des Stoffes hätte diese Einübung in Strukturen toxischer Männlichkeit verfolgen können. Hat der Autor/Regisseur aber nicht. Eine Recherche, die mögliche Vorgänge während der „Frosh Week“ ernst nähme, hätte einen dokumentierten Todesfall von 2011 an derselben Universität - ein Erstsemester, der nach exzessivem Komasaufen in einem Wohnheim dort verstarb - nicht als Fußnote, sondern als möglichen analytischen Schlüssel verwenden können.
Die Serie berichtet von für Kenley ungewöhnlich ausgeprägtem Alkoholkosum bei einer Party unmittelbar vor seinem Verschwinden und führt diesen darauf zurück, dass er sich einsam in seinem Zimmer „vorglühend“ betrunken habe und daraufhin ausfällig und Mitstudentinnen gegenüber auch übergriffig sich verhielt. Warum also keine Kontextualisierung im Sinne möglicher „Hazing“-Praxen? Dieser Zustand exzessiver Trunkenheit könnte ein Indikator dafür sein.
Über diesen konkreten Fall hinaus ließe sich die Erzählung in das einbetten, was sie sonst nur streift: die Sozialstruktur einer winzigen Universitätsstadt in Nova Scotia. Die Hochschule bildet das wirtschaftliche Zentrum, fungiert als soziale Bühne und Gerüchteküche zugleich; in ihr lebte eine Initiationskultur, die offizielle Veranstaltungen im Rahmen des universitären Lebens für „trocken” erklärte und den Alkoholexzess damit lediglich eine Etage tiefer, in die unbeaufsichtigten Räume der Studierenden selbst, verschob; eine Kultur, in der Rituale des Dazugehörens durch Trinkfestigkeit als üblich galten und Abweichung sanktioniert wurde: toxische Männlichkeit in Reinform. Wer nicht mitmachte, galt als schwach und wurde von sich etablierenden Netzwerken ausgeschlossen. So die Überlieferung. Ich war ja nicht dabei.
Eine solche Erzählung müsste keinen einzelnen Schuldigen benennen. Sie würde Gewalt dort verorten, wo die Serie sie gerade nicht sucht: in einer Normalität, die exzessives Trinken als Mutprobe organisiert und ein institutionelles Interesse daran hat, Schädigungen des eigenen Rufs abzuwenden. Das hätte auch auf die Ermittlungen der Polizei Auswirkungen haben können. Wolfeville ist angewiesen auf das positive Image seiner Universität. Das kann, bewusst oder unbewusst, Auswirkungen auf die Spurensuche gehabt haben. Weil ein Student, der aus eigenem Willen das Weite sucht und in die freiere Welt außerhalb der Universität aufbrach, besser in so ein Storytelling der Behörden passte. Eben so deuteten die Ermittler den Fall. In einer Doku-Reihe kann man die Frage zumindest stellen, ob das so war. Es muss nicht, könnte aber so gewesen sein.
Stattdessen formuliert die Doku-Serie zunächst - mehr oder minder anlasslos - einen Verdacht über Kenleys sexuelle Orientierung. Fast so, als müsse ein sensibler, überdurchschnittlich gut aussehender junger Mann, der zudem auch noch eine nonkonforme Vita aufwies, derlei „Tendenzen“ in sich tragen, wo er doch bestimmten Männlichkeitsvorstellungen so wenig entsprach. Die Frage nach seiner individuellen Form des Begehrens stellt der Filmemacher immer wieder, obwohl der Großteil der Antworten auf eine eher heterosexuelle Orientierung hindeutet.
Der Weg des Storytellings in solche eine Richtung hinfort von potenziell mörderischer Normalität zieht „Missing Kenley“ konsequent durch. Dass es zumindest spekulativ möglich wäre, dass z.B. ein „Unfall“ im Zusammenhang mit potenziell exzessivem Alkoholkonsum während der „Frosh Week“ von Anderen wahlweise hätte vertuscht werden können oder ohne deren Wissen geschah, das berücksichtigt die Serie nicht. Es müssen stattdessen die „Abnormen“ ins Spiel gebracht werden.
So auch ein verurteilter und inhaftierter „Serienkiller“ - so zumindest der Titel einer der Folgen: „The Serial Killer & The Seeker“. Nachgewiesen wurde Andrew Paul Johnson, der mit „Serial Killer“ gemeint ist, jedoch kein Mord. Er verbüßt aufgrund von Freiheitsberaubung und schwerer Sexualdelikte eine lebenslange Haftstrafe auf unbestimmte Zeit und gilt als „gefährlicher Straftäter“. Johnson entführte eine geistig behinderte junge Frau, gab sich als Polizist aus, um zwei 12jährige Mädchen in sein Auto zu locken, masturbierte vor Kindern und sammelte Vorstrafen aufgrund schwerer Körperverletzung.
Die kanadische Bundespolizei verdächtigte ihn weiterer Morde, darunter auch der Fall einer vermissten Frau. Nachgewiesen wurden ihm die Taten nicht. „Serial Killer“ bezog sich somit auf Mutmaßungen der Polizei, für die es zwar Indizien gab, die jedoch zu keiner Verurteilung diesbezüglich führten.
Was Johnson wohl nachweislich dem Urteil zufolge tat, ließe sich insofern wohl unter „Heterosexuellenkriminalität“ verbuchen mit stark pädophilen Zügen.
Doch vorsichtshalber geht „Missing Kenley“ dazu über, auch ihn „anzuschwulen“. Er wird in einem Exklusiv-Interview im Gefängnis zu möglichen bisexuellen Neigungen befragt und „gesteht sie ein“. So lässt sich eine mögliche Verbindung zum Fall Kenleys konstruieren. Weil Johnson sich kurz vor dessen Tod auf derselben Urlaubsinsel befunden haben könnte wie Kenley.
Wieder wird die mögliche Gefahr durch einen in diesem Fall bisexuellen „Verführer“ beschworen. Dieser habe vielleicht Kenley in ein Auto gelockt. Eine Prise Dahmer kommt in „True Crime“ immer gut. Die Gefahr darf auf keinen Fall in der cis- und heteronormativen Mehrheitsgesellschaft selbst verortet sein.
CN: Transfeindlichkeit
Als finaler Twist wird on top auch noch zwei lange Folgen hindurch eine Transfrau als möglicherweise in die Tat involvierte Person aufgebaut - die große, vermeintlich „pathologische“ Gefahr beschwört die Doku-Serie auf diese Art.
Die eigene Familie denunzierte diese Frau. Deren Unterstellungen gehen so weit, dass ihr von ihren Angehörigen die weibliche Geschlechtsdentität abgesprochen wird: Sie sei gar nicht wirklich transgeschlechtlich. Ihre Geschlechtsangleichung sei nur ein Mittel gewesen, sich von dem männlichen Täter von einst zu dissoziieren. So Aussagen einer ihrer Schwestern, wenn ich mich richtig erinnere. Sogar einen in die Verdächtigte gefahrener „Dämon“ beschwört sie, der die Geschlechtsangleichung als Form der „Besessenheit“ in ihr verursachte. So das große, dramatisierte Finale der Serie, bevor zum Schluss noch mal kurz nach der Leiche Kenleys gesucht wird.
Dass Angehörige die Transition von Familienmitgliedern häufig dämonisieren, insbesondere in zutiefst baptistisch geprägten Regionen wie Neu-Schottland, dass es obskur erscheint, dass ein komplexes, geschlossenes Familiengefüge die „Anormale“ in die Ermittlungen mutwillig hinein stupst, sich quasi gegen sie verschwört - auf den Gedanken kommt der Filmemacher nicht.
„Missing Kenley“ macht sich diese Annahmen nicht zueigen, breitet sie jedoch genüsslich aus. Der Dokumentarist verschiebt so die Verantwortung: Die Erzählung übernimmt die Rolle, die Interviews und Aufnahmen rund um diese Familie bis hin zum inszenierten Einsatz von Hypnosetechniken zur Erinnerung an Dialoge mit der Transfrau von einst als Höhepunkt zu inszenieren, statt all das als das auszuweisen, was es eben auch sein könnte - dass die Umgebung der Verdächtigten eine Transition nicht in ihr Weltbild integrieren kann und deshalb lieber an ein selbst imaginiertes “Monster” glaubt.
Dieser Twist ist der eigentliche Gegenstand der Kritik, und zwar als im Bezug auf die Erzählweise, nicht als Tatsachenbehauptung bzgl. der Familie.
Die Inszenierung folgt einer Logik, die für ein bestimmtes Storytelling charakteristisch ist: Gewalt wird nicht im Inneren der Gemeinschaft, sondern an ihrem äußersten Rand verortet. Das Erzählen externalisiert die Bedrohung und projiziert sie auf die marginalste verfügbare Figur. Die „normalen” Beteiligten bleiben dabei in der Position der Zeugen, der Trauernden, der Erzähler - während die abweichende Gestalt zur Projektionsfläche für die Ängste der Mehrheit wird. Dass die Wahl derzeit ausgerechnet auf eine Transfrau fällt, ist kein Zufall des Falls, sondern eine Eigenschaft des Genres: Es greift nach der Figur, deren Dämonisierung sozial am wenigsten kostet.
Ginge es um eine überführte Täterin - okay. Transfrauen sind auch keine besseren Menschen als cis Personen. Aber so wirken die skizzierten Mechanismen in der Dramatisierung des Falls.
Die Serie kann keine Auflösung liefern und geht den Weg über mögliche „deviante“ Sexualität des Verschwundenen und einen „der Bisexualität überführten Gewalttäter“ bis hin zu einer Transfrau. Sie deutet ein mögliches Vertuschen durch „normale“ Mitstudenten zwar an, aber vertieft nicht, warum und was sie hätten vertuschen wollen.
Besonders aufschlussreich ist, was die Serie verschweigt, gerade weil sie so ausgiebig über Sexualität spekuliert. Ließe sie dieses bleiben, okay. Macht sie aber nicht. Kenleys mögliche Homo- oder Bisexualität, und beides ist im Falle jedes Menschen möglich, klar, wird in den Film hinein suggeriert.
Sie macht dieses, ohne den Kontext zu benennen, der diese Spekulation überhaupt erst bedeutungsvoll machen würde: die in jenen Jahren in kanadischen Städten eskalierende Gewalt gegen schwule Männer und die hypermaskulinen Vorstellungen, mit denen diese Gewalt korrespondierte. Wenn man so ein Thema schon anschneidet, dann muss der Kontext auch erwähnt werden. Wird er aber nicht.
Die frühen 1990er waren in Kanada ein paradoxer Moment - Initiativen gegen die Diskriminierung von Homosexuellen in Kanada und ein gewaltiger gesellschaftlicher Backlash vollzogen sich gleichzeitig. 1992 war das Jahr, in dem das Verbot für offen schwule Personen im kanadischen Militär fiel, während in den Städten eine Reihe tödlicher Übergriffe auf Schwule Angst und Wut auslösten, eine brutale Razzia der Polizeibei einer Warehouse-Party eine Welle des Protestes auslöste - siehe oben - und spektakuläre Morde an Schwulen Aufsehen erregten.
So der an Kenneth Zeller 1985 - er wurde von einer Horde von High School-Schülern in einem Park in Toronto zu Tode geprügelt, ausreinem Schwulenhass. Oder der Fall Joe Rose 1989: eine jugendliche Gang griff einen jungen schwulen HIV-Aktivisten in einem Bus in Montreal an und erstach ihn, weil er pinke Haare trug. Dieser Mord führte im frankophonen Kanada zu massiven Protesten und markierte den Beginn einer aggressiveren Selbstverteidigungs- und Protestkultur queerer Student*innen. Am 29. November 1992 attackierte eine Jugendgang, bestehend aus vier Neo-Nazi-Skinheads, den homosexuellen Yves Lalonde im Angrignon Park in Montréal und ermordete ihn. Am 11. Dezember 1992 schlug eine Gruppe von Teenagern den 37-jährigen Lehrer Daniel Lacombe an einem Straßenrastplatz in Joliette (Québec) so schwer zusammen, dass er während des Angriffs einen tödlichen Herzinfarkt erlitt. Auch dieser Ort war als Crusing-Treffpunkt bekannt. 3 Jahre zuvor, im August 1989, erregte der Fall Alain Brosseau Aufsehen. Tatort Ottawa: Eine vierköpfige Jugendgang lauerte dem 33-Jährigen auf der Alexandra Bridge auf. Die Jugendlichen hielten ihn fälschlicherweise für schwul, schlugen ihn brutal zusammen, raubten ihn aus und warfen ihn schließlich von der Brücke in den Tod.
Schwulenfeindlichkeit zeigte sich in jenen Jahren, da Kenly verschwand, in Kanada außerordentlich gewalttätig. Im selben Zeitraum formierte sich eine queere Bewegung.
Zu all dem fällt in der Serie kein Wort. Es wird angedeutet, weitestgehend ohne weitere Belege, Kenley könnte vielleicht versucht haben, einen Kommilitonen „anzubaggern“. Somit wird „gay panic“ als ein Motiv für Gewalt suggeriert. Ein klassischer Move, der im Allgemeinen oft als Legitimation schwulenfeindlicher Verbrechen herangezogen wurde. Aber wenn man schon über so etwas spekuliert - wieso dann nicht auch wenigstens in Erwägung ziehen, dass es sich auch um ein homophobes Verbrechen gehandelt haben könnte?
Diese Auslassung ist kein bloßes Versäumnis. Sie hat eine Funktion. Indem die Erzählung den Hass auf Queers nicht weiter thematisiert und auf eine historische Kontextualisierung verzichtet, sie zugleich an einer einzelnen Figur als „Problem” festmacht - als ein gefährliches, das sogar zum Tode führen kann -, überschreibt sie auch queere Historie.
Wo eine queere Vergangenheit von Verletzlichkeit, Gewalterfahrung und Selbstorganisation stehen müsste, steht nun das individualisierte Bild der queeren Person als potenzieller Bedrohung, einer Transfrau, und zudem von Schwulsein als Risiko. Nicht etwa, weil Horden queerfeindlicher Akteure immer mal wieder jemanden totschlagen und in genau diesem Zeitraum auch tatsächlich solche Gangs mordeten. Nein, weil jemand zum falschen Mann ins Auto gestiegen sein könnte.
Die historische Realität, in der queere Menschen weit häufiger Opfer als Täter solcher Eskalationen wurden, verschwindet hinter einer Dramaturgie, die das Verhältnis umkehrt. Das ist die Bewegung der „Gay-Panic”-Logik, nur an die Figur der Transfrau weitergereicht: Abweichung erscheint als Gefahr, und die Gefahr erklärt die Gewalt. Dass als Motiv der “Streit um ein Mädchen” angeführt wird, geschenkt.
Symptomatisch wird das Erzählen vor allem in der ungleichen Verteilung von Sorgfalt. Die Spuren, die zur Transfrau führen, werden intensiv, fast zwanghaft verfolgt; sie tragen den Spannungsbogen bis zum Finale.
Die Widersprüche dagegen, in die sich Kenleys engstes Umfeld verwickelt - das unerlaubte Betreten seines Zimmers, bevor er als vermisst galt, häufig veränderte Aussagen darüber, wann und wo er zuletzt gesehen wurde, sein Rucksack mit dem Lehrmaterial für die Universitätskurse, der zunächst in seinem Zimmer gesehen wurde und sodann verschwand, als solle suggeriert werden, dass er freiwillig ins Ungewisse flüchtete, die Rückgabe einer Baseballkappe, die er bei letzten Sichtungen getragen haben soll, durch eine Freundin an die Polizei ein paar Monate später, woran sie sich in der Serie nicht erinnern wollte -, werden zwar gezeigt, aber nicht als Symptom eines strukturellen Problems gedeutet. Sie bleiben isolierte Merkwürdigkeiten, statt zur Frage zu werden, was eine eng verflochtene Peer-Gruppe unter dem Druck einer Initiationswoche dazu bringen könnte, kollektiv zu schweigen. Etwas, das in Fällen eines möglichen, nie bewiesenen „Hazings“ sozusagen üblich war. Das soll nicht heißen, dass das in diesem Fall so geschah. Aber wenn man verschiedene Möglichkeiten in einer Serie wie „Missing Kenley“ durchspielt, wieso dann diese nicht?
Die naheliegende strukturelle Lesart - Männlichkeit, die sich im Komasaufen beweist, und eine Gruppe, die ihre Konformität über alles stellt - wird nicht einmal als Rahmen angeboten, obwohl das Material der Serie selbst durchaus in diese Richtung deuten könnte.
Genau hier liegt die Asymmetrie. Dem abweichenden Außen widmet die Erzählung ihre ganze ermittlerische Energie; dem konformen Inneren gewährt sie die Schonung des Unausgesprochenen. Die eine Spur wird zum Twist veredelt, die andere zur Anekdote geschrumpft. Diese Ungleichbehandlung entscheidet die Erzählung, bevor irgendein Beweis vorliegt - zugunsten der bequemeren, sozial billigeren Antwort.
Was “Missing Kenley” damit vorführt, ist weniger ein Urteil über einen ungeklärten Fall als ein Verfahren des Genres. „True Crime“ braucht ein Gesicht für die Gefahr, und es zieht das einzelne, abweichende „Monster“ der strukturellen Erklärung vor - denn das „Monster“ lässt sich visualisieren, die Struktur nicht.
Ob im Fall Kenleys irgendetwas davon zutrifft, bleibt offen und ist für diese Kritik unerheblich.
Worauf es ankommt, ist die Form: Eine Erzählung, die das verfügbare „Monster“ der unbequemen Struktur vorzieht, sagt mehr über die Bedürfnisse ihres Publikums und die Konventionen ihres Genres aus als über das, was sie aufzuklären vorgibt.