Ein autobiographisch geprägter Rückblick auf die SPD der 70er und 80er Jahre (und meinen Vater)
Mein Doktorvater sollte Hans-Joachim Lenger (Opens in a new window) werden. Dazu kam es nicht; er verstarb sehr plötzlich, bevor ich meine Arbeit fertig gestellt hatte. Eine von ihm mehrfach wiederholte Anekdote, die ich nicht verifizieren kann, ist die folgende: als Jürgen Habermas Ende der 80er Jahre einen Vortrag im Audimax der Universität Hamburg hielt, vermutlich der 1989 anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde (Opens in a new window), habe Hans-Joachim ihn zusammen mit ein paar Mitstreitern der HfbK-Studentenzeitung “Spuren” angesprochen. Er möge doch mit in die Kunsthochschule kommen, Jean-François Lyotard sei in der Stadt. Ganz Europa warte doch auf einen Dialog oder auch Streit zwischen dem Denker des postmodernen Wissens und seinem harschen Kritiker Habermas, der Lyotards Ansätze - darunter die Verabschiedung der großen Erzählung der Emanzipation - des “Jungkonservatismus” bezichtigt hatte. Ein Streit, der damals auch in den Feuilletons tobte, mit teilweise krassen Ausschlägen geführt wurde. Habermas jedoch wollte nicht - er sei mit einem SPD-Gremium verabredet. Hans-Joachim konnte das noch Jahrzehnte später kaum fassen.
Habermas, Jahrgang 1929, war zwei Jahre jünger als mein Vater - Walter Bettges (Opens in a new window) -, als der Nationalsozialismus besiegt wurde. In einer der kleinen Einführungen in sein Werk, ich glaube, es ist die von Walter Reese-Schäfer, ist ein Zitat zu lesen: “Ich wähle die SPD und habe sie immer schon gewählt”. Aus der Erinnerung zitiert. Habermas gehörte lange Zeit zu jenen linken Kritikern der deutschen Sozialdemokratie, die ihr dennoch nahe standen. Hauke Brunkhorst schreibt in seinem Nachruf in den “Blättern”:
Als ich die Interviews für die Dokumentation “Habermas - Philosoph und Europäer” führte, berichteten mir zwei Interviewpartner von Treffen in einem Frankfurter Restaurant namens “Dionysos”, angesichts von Habermas’ Aversion gegen das Denken Nietzsches nicht frei von Ironie, während derer unter seiner Ägide Konzepte für die erste rot-grüne Koalition in Hessen diskutiert wurden. Unter den Teilnehmern Micha Brumlik, mittlerweile selbst verstorben - möge sein Andenken ein Segen sein. Und, als ich ihn darauf ansprach, auch Joschka Fischer. Der hatte an dem Tag des Interviews so viel Lust auf das Gespräch vor der Kamera sitzend wohl nicht; als ich ihn auf diese Runde beim Griechen ansprach, öffnete sich sein Gesicht, er begann zu erzählen und das außerordentlich spannend.
Auch Alexander Kluge war SPD-Mitglied. Er wusste Netzwerke in ihr zu nutzen, als er sich die Fensterprogramme im neu gegründeten Privatfernsehen für DCTP sicherte. Oskar Negt, Jahrgang 1934, der mit Kluge unter anderem das bahnbrechende “Öffentlichkeit und Erfahrung” veröffentlichte, zeitweise als Assistent von Habermas arbeitete und wegen Mitgliedschaft im SDS aus ihr ausgeschlossen (Opens in a new window) wurde, trat später wieder in sie ein und bewährte sich als Weggefährte und Berater von Gerhard Schröder. Um aus Protest gegen Hartz IV seine Tätigkeiten jedoch niederzulegen. Er verstarb im Jahr 2024; er möge in Frieden ruhen.
Negt prägte unter anderem meine eigene Schulausbildung. Nicht, weil ich ihn je getroffen hätte - Lehrer von mir hatten bei ihm studiert. Ich habe mein Abitur an der IGS Langenhagen (Opens in a new window) gemacht. Langenhagen ist eine eigenständige Stadt - dazu später mehr, wie es dazu kam, dass sie es blieb - und doch so etwas wie eine nördliche Verlängerung Hannovers. Hier befindet sich auch der Flughafen. Mein Bruder, Jahrgang 1961, gehörte zu den ersten Jahrgängen auf dieser damals neuen Schulform, eben der Gesamtschule. Diese war hoch umstritten, ein zunächst sozialdemokratisches Projekt. Die gesellschaftliche Segregation zementierte man zuvor im viergliedrigen Schulsystem, Haupt- und Realschule sowie Gymnasium und “Sonderschule”. In Langenhagen gab es alle 4 Schulformen. In der Grundschule wurde bereits gesiebt - oft den Einkommensverhältnissen der Eltern folgend. Die zukünftigen Hauptschüler würden im Verlauf ihres Lebens nur unter hohem Aufwand bessere Lebenschancen erhalten als ihre Eltern. Realschüler konnten später eher noch die Möglichkeit nutzen, auf Gymnasien zu wechseln und dort ihr Abitur zu versuchen. Dass eine solche Differenzierung in der Integrierten Gesamtschule nicht vorgenommen wurde, das war in den 70er Jahren neu.
Oskar Negt gehörte zu jenen, die solche Schulformen voran trieben, indem er sich für die Gründung der Glocksee-Schule in Hannover einsetzte (Opens in a new window). Die IGS Langenhagen präsentierte sich als schnöde Waschbeton-Anlage direkt neben dem Gymnasium; zeitweise lernten in diesem Schulzentrum um die 3500 Schüler gleichzeitig. Unser Schuldirektor, Dieter Galas (Opens in a new window), fungierte zugleich als Landesvorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft in Niedersachsen wie auch als deren stellvertretender Bundesvorsitzender, war SPD-Mitglied und machte später unter Schröder im Kultusministerium Karriere. Die Lehrer, die es an die von ihm geleitete IGS zog, waren sehr jung, stark von 1968 geprägt, sehr gute Lehrer! - und manche eben auch Studenten von Negt. So auch mein “Werte und Normen”-Lehrer Gustav, bei dem wir Auszüge aus “Öffentlichkeit und Erfahrung” ebenso lasen wie aus Ernst Blochs “Prinzip Hoffnung”.
Dieter Galas saß zudem im Rat der Stadt. Mein Vater amtierte zugleich als ehrenamtlicher Bürgermeister von 1969 bis 1981, stand somit in engem Kontakt zu Galas - es gab für den gewählten Repräsentanten der Stadt lediglich eine Aufwandsentschädigung und einen Dienstwagen mitsamt Fahrer. Im Beruf agierte mein Vater als Finanzrichter und saß für 2 Jahre auch als Teil der SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtages . Er wurde zum Vizepräsident des Niedersächsischen Finanzgerichts ernannt wie auch Mitglied des Staatsgerichtshofes, dem Niedersächsischen Verfassungsgericht.
Ich bin aufgewachsen mit SPD-Fähnchen und Kugelschreibern in Nagel-Form, auf denen stand “Wir machen Nägel mit Köpfen - SPD”, im Keller (zumindest bis zur Scheidung meiner Eltern), wurde von Gleichaltrigen im Kindergarten als Sohn des Bürgermeisters gemobbt und in der Schule von Wildfremden geschubst. Ich hatte natürlich auch Vorteile. Wir lebten in einem Reihenhaus, ich hatte mein eigenes Zimmer, mein Vater verdiente gut - schon die Schulform brachte es mit sich, dass die meisten meiner Freunde jedoch 3 oder 4-Zimmer-Wohnungen in “Neue Heimat”-Siedlungen bewohnten, sich mit Geschwistern ein Zimmer teilten und die Eltern Berufe ausübten wie Gabelstaplerfahrer oder zu jenen gehörten, die im Flughafen die Koffer aus den Flugzeugen entluden und auf die Bänder wuchteten. Viele der Mütter jobbten, so z.B. als Reinigungskraft in der Realschule, neben der ich aufwuchs.
Während meine Mutter, Jahrgang 1938, Sozialarbeit studierte und sich eher mit 10 Jahre Jüngeren, Langhaarigen und Freundinnen im “Indien-Shop-Kleid”, umgab, bewegte ich mich väterlicherseits in einer außerordentlich intakten, sozialdemokratischen Lebenswelt. Dazu gehörten die Gewerkschafter, in deren Reihenhausgärten Kartoffelpuffer gegrillt wurden, Waltraut Krückeberg von der “Lebenshilfe (Opens in a new window)” , die später selbst Bürgermeisterin wurde, in der Arbeiterwohlfahrt Aktive und eben viele aus der SPD.
Ich habe das, vielleicht idealisiert, als eine außerordentlich solidarische Gemeinschaft in Erinnerung, die sich an “Gulaschkanonen” traf, Erbsensuppe aß und die Struktur in der Stadt nachhaltig prägte. Unter der Ägide von Walter Bettges und des damaligen Stadtdirektors Brandt, der hauptberuflich agierte, wies die Stadt Gewerbeflächen aus; Firmen wie die Reemsta oder auch Polydor mit dem ersten CD-Werk in Deutschland siedelten sich an. Heute gehört Langenhagen zu den reichsten Gemeinden Niedersachsens. Klar, auch wegen der verkehrsgünstigen Lage: Zugang zur A2 und A7, zum Mittellandkanal, an der Bahn-Hauptstrecke nach Hamburg und Frankfurt gelegen, über den hannöverschen Bahnhof auch an die West-Ost-Achse gebunden - und dann ist da noch der Flughafen. Es wurde ein Stadtzentrum geplant und gebaut, die U-Bahn bis nach Langenhagen hinein verlängert, die zuvor am “Berliner Platz”, fast noch Hannover, endete. Dort wurde, nebenbei erwähnt, Ulrike Meinhoff verhaftet. Kurz: Man investierte in die Infrastruktur (aber nicht in Ulrike Meinhoff, keine Sorge). Im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform 1972 kämpfte mein Vater gegen die Eingemeindung durch Hannover - erfolgreich. So blieb Langenhagen eine eigenständige Stadt.
Als Bürgermeister hielt er einmal in der Woche eine Sprechstunde im damaligen Rathaus ab, heute ist dieses das “Haus der Jugend und des Sports” - die Menschen standen Schlange und ich erinnere mich an Fälle, wo er sich persönlich um Menschen kümmerte. So z.B. um einen Spätaussiedler aus Russland, der einfach nicht so richtig Fuß fasste und den wir zusammen besuchten. Er entwickelte ein Alkoholproblem, auch, weil er immer all die Schützenvereine besuchen musste, die aus Kaltenweide, aus Krähenwinkel, aus Godshorn und aus Brink (es gab in jedem Stadteil, lauter eingemeindete Dörfer, solche - ob nun wirklich auch in Krähenwinkel, das weiß ich nicht mehr).
Zugleich pflegte und förderte Walter Bettges ein Netz von Städtepartnerschaften. Zum Teil expandierte dieses, weil Langenhagen ein sehr gutes Profi-Blasorchester unterhielt - mein Vater flog als eine Art Conférencier mit. So knüpfte er Kontakte bis nach Joinville im Süden Brasiliens, wo heute ein Gedenkstein für ihn steht. Es besuchten uns Chöre und Jugendgruppen von dort, ebenso Menschen aus Southwark, einem Stadtteil Londons, mit denen wir durch den Harz fuhren und mit dem auch eine Partnerschaft existierte - ein Fußball-Spiel bei ihm guckte ich zusammen mit einem Studenten aus Ghana. Bei einer Reise nach Rouen, wo sich Kriegsteilnehmer aus Deutschland und Frankreich mitsamt ihrer Familien trafen, fuhren wir noch in Le Trait an der Seine vorbei - weil der Stadtteil Godshorn zu diesem Ort eine gelebte Freundschaft pflegte. Auf dem Weg in den Italienurlaub machten wir halt in Stadl Paura, Oberösterreich, und besuchten den dortigen Bürgermeister. Eines der letzten von ihm geförderten Projekte bestand in der Unterstützung eines indischen Dorfes, das Brunnen und Wasserleitungen bauen wollte und dafür Sponsoren suchte - als Hilfe zur Selbsthilfe. Ich erinnere mich noch gut daran, als für Langenhagener Verhältnisse ungewöhnlich gekleidete Menschen im Patio eines Bungalows in Krähenwinkel bei Parteifreunden von ihm, darunter eine Lehrerin unserer Schule, sich an ihn wandten und wir mit ihnen in das Arbeitszimmer des Flachbaus gingen. Ich fand sie spannend und wollte zuhören. Da trugen die Männer in ihren Gewändern das Anliegen an ihn heran. Er setzte sich gegen Widerstände dafür ein, dass die Erlöse des immer gut besuchten Stadtfestes im Flughafen dem Brunnenbau in Indien zugutekamen. Letztlich das, was auch VIVA CON AGUA später machen sollte.
Kriegsteilnehmer: Das schließt die Brücke zu Habermas, Kluge und Negt. Sie waren alle nur wenig jünger als mein Vater, Negt der jüngste - und doch alle von der Erfahrung des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs geprägt. Walter Bettges war Jahrgang 1927, stammte aus einer Eisenbahnerfamilie als eines von 6 Kindern; eher der “Unterschicht” zuzuordnen. Er lief als begeisterter Pimpf in der HJ mit, wurde Flakhelfer - stationiert in Celle, sah er noch Bergen-Belsen. Von außen. Aber er erkannte, was es war. Um dann im “Volkssturm” inmitten Westfalens dennoch Nazi-Deutschland verteidigen zu wollen. Unweit von Osnabrück, glaube ich, bekam er einen Panzergranatensplitter ins Bein. Die Wunde entzündete sich. Es musste mehrfach amputiert werden - und es blieb immer weniger von dem Bein übrig. So bewegte er sich seitdem auf Krücken oder mit Prothese durchs Leben. Die Kriegsversehrtenrente ermöglichte ihm das Abitur und ein Jura-Studium in Göttingen. Er folgte Gustav Heinemann in den späten 50er Jahren in die SPD, weil dessen Kampf gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands ihn beeindruckt hatte.
Das erste Mal, dass ich bewusst vom Holocaust erfuhr, muss 1974 gewesen sein. Ich wurde kurz darauf 8 Jahre alt - zumindest ist es das erste Mal, dass ich mich daran erinnere, dass der Genozid Erwähnung fand. Mein Bruder und ich reisten mit meinem Vater nach Vodice in Jugoslawien, genauer: Dalmatien. Hier befand sich ein Monument, das der gefallenen Soldaten im 2. Weltkrieg gedachte - in der Region rund um Vodice und Sibenik waren dieses vor allem antifaschistische Kämpfer, die im Widerstand gegen die Nazis fielen. Ich erinnere mich dunkel, wie er mir das erläuterte - ich wurde mit 7 eingeschult, es muss also kurz vor der 2. Klasse gewesen sein. Im Speisesaal der Hotelanlage saßen wir Mittags mit einer jüdischen Familie aus Amsterdam zusammen. Die Eltern waren dem Holocaust entkommen und konnten gut deutsch. Mein Vater zeigte sich erstaunt, dass sie sich mit ihm, einem ehemaligen Hitlerjungen und Wehrmachtssoldaten, überhaupt an einen Tisch setzten - und erklärte mir sodann, warum. So erfuhr ich von jenem singulären Menschheitsverbrechen, das im Namen Deutschlands verübt wurde. Wir aßen oft mit diesen sehr netten Niederländern, besuchten auch zusammen Restaurants in der Altstadt. Er trat in den 60er Jahren aus einer nicht-schlagenden Studentenverbindung für Juristen aus, weil ihm da zu viel antisemitische Sprüche geklopft wurden. Als er das erzählte, musste er mir erst mal erklären, was das ist, “Antisemitismus” - da war ich noch sehr jung.
Als ich in juveniler Naivität Jahre später, 1982, mit gerade mal 16, inmitten der Friedensbewegung, in die sich auch eine Art negativer Nationalismus einschlich, “WIR wissen, was Krieg bedeutet, deshalb sind wir jetzt mit unseren Großvätern dagegen!”, Broder hat das zu recht zerfetzt, mich angesichts der Massaker von Sabra und Schatila dazu hinreißen ließ zu sagen, dass Israel mit den Arabern ja so umginge wie die Nazis mit den Juden - da hat er mir so was von den Kopf gewaschen, und das völlig zu recht. Sonst selten aufbrausend, nun aber sehr - das wirkte, so dass mir eine solche Aussage oder auch nur Gedanke anschließend nicht mehr in den Sinn kam. Das hat gesessen, und dafür bin ich ihm sehr dankbar.
Er war zu dem Zeitpunkt abgewählt, seine linken Parteifreunde kamen an unsere friedensbewegten Büchertische vor dem “City Center Langenhagen”, um bei mir Werke zu kaufen, die sie ihm dann zum Geburtstag schenkten - während er auf Seite von Helmut Schmidt im Falle des NATO-Doppelbeschlusses stand. Als Kohl ans Ruder kam - ich erinnere mich auch, wie zum Zeitpunkt dessen konstruktiven Misstrauensvotums überall in der IGS die Fernseher liefen und kein Unterricht mehr stattfand -, wetterte er gegen die “Pferdeäpfel”-Theorie in der Ökonomie, auch “Trickle-Down-Effect” genannt - man müsse den Gaul nur ordentlich füttern, dann fiele für den Pöbel hinten schon etwas ab -, der damals als “Angebotspolitik” auch in Deutschland populär wurde.
Das war zugleich der Anfang vom Ende der Sozialdemokratie in Deutschland.
Er hat immer vor Schröder gewarnt, fand ihn unglaubwürdig. Zu dessen Wahlkreis zählte Langenhagen. Kurz vor seinem Tod 1991 besuchte mein Vater eine SPD-Veranstaltung in Wolfenbüttel, zu dem Zeitpunkt noch in Kreistag und im Rat der Stadt aktiv und mittlerweile mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Schröder empfing ihn mit den Worten “Was willst Du denn noch hier?”.
Als Schröders Beileidsschreiben als mittlerweile Ministerpräsident von Niedersachsen bei uns eintraf, bekam ich einen Wutanfall.
Warum ich das alles schreibe? Es gab sie mal, diese sozialdemokratische Welt. Bei aller Idealisierung, die sich hier bestimmt einschleicht, scheint sie mir einer untergegangenen Epoche zu entstammen.
Ach, weil immer alle darüber reden, dass diese Sozialdemokraten sich ja angeblich keine Gedanken über die Menschen im Osten gemacht hätten: meinen Vater befiel auf der Transitstrecke nach Berlin immer Angst. Zusammen mit anderen, ich meine, rund um einen Sportverein, hatte er sich als Fluchthelfer betätigt - und er befürchtete, dass das gespeichert sei und er verhaftet werden könnte. Deshalb hat er sich auch nicht “rüber” getraut. Wir fuhren mit einer Künstlerin aus Polen, die er unterstützte, durch den Harz, es gab intensive Kontakte nach Bratislava, nein, nicht zu den Regimetreuen, auch zu Künstlern - wir waren solidarisch mit der Solidarnosc. Wir haben “Schwerter zu Pflugscharen” sehr deutlich wahrgenommen. Kurz vor dem Mauerfall besuchte uns häufiger die Cousine meiner Mutter aus Woltersdorf bei Ost-Berlin, gegen Ende der DDR ging das zu besonderen Anlässen, wenn sie Mann und Kinder zu Hause ließ - auch zum 60. Geburtstag von Walter Bettges. Wir wussten sehr genau, was in der DDR los war, und keiner hatte auch nur die geringste Sympathie mit der SED - während Franz-Josef Strauß ihr Milliardenkredite vermittelte.
Als mein Vater noch kurz vor seinem Tode in den Osten fuhr, um zu prüfen, ob seine Mithilfe beim Neu-Aufbau des Justizsystems erwünscht wäre, beschimpfte man ihn als “Scheiß-Wessi”. Dann ließ er es sein.
Sein Selbstverständnis als Sozialdemokrat, der als Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat Teil des Nazi-Systems gewesen war, zielte auf das, was man damals “Völkerverständigung” nannte. Sein Engagement war für ihn so etwas wie eine Lehre daraus, Teil des Schlimmstmöglichen gewesen zu sein. Was er nie verschwieg. Bei uns wurde viel über den Nationalsozialismus gesprochen. Er sah im Nationalismus die größte Gefahr und wusste auch warum - dazu brauchte er ja nur auf seine Prothese schauen. Ihm war klar, dass er nur aufgrund dieser Amputation überhaupt studieren konnte als Kind von “ganz unten”, seine Mutter verlegte noch Eisenbahnschwellen in NS-Arbeitsdiensten - und zog daraus den Schluss, dass gelebte Solidarität und so etwas wie “Ökonomie für den Menschen” in sozialdemokratischen Infrastrukturen auch politisch umsetzbar war. Er sah seine Pflicht darin, nicht Politmanagement zu betreiben, sondern in den Vereinen, bei den Schützen, beim Roten Kreuz usw. auch Präsenz zu zeigen und im Konkreten Menschen zu helfen.
Er war nur wenig älter als Habermas und Kluge und schon 39, als ich geboren wurde. Er las auch nicht Habermas, guckte meines Wissens keine Filme von Alexander Kluge, und Kontakte zu Oskar Negt sind mir nicht bekannt, aber auch nicht ausgeschlossen.
Trotzdem zeigt sich da insgesamt so etwas wie ein Spektrum sozialdemokratischer Generationserfahrung. Die Genannten haben alle auf die selben historischen Konstellationen reagiert unter unterschiedlichen Voraussetzungen und auf differente Art und Weise - in der und um die SPD herum.
Ich habe mich zumindest immer bemüht, in ganz anderen Lebensbereichen diesem Erbe mit verschobenen Akzentsetzungen wenigstens irgendwie gerecht zu werden.
Bei der aktuellen SPD habe ich jedoch den Eindruck, dass sie diese Generation von Sozialdemokraten wahlweise einfach vergessen hat - oder sie insgeheim sogar verachtet.
Und das tut immer wieder neu sehr weh ...