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"Handle nur nach derjenigen Maxime, die nie zum Algorithmus werden könnte"

oder "Das "DRIFTEN DURCH TRANSDUKTIONEN"- MANIFESTO

Die Systeme haben gewonnen. Fast.

Habermas hat es beschrieben, als es noch aufzuhalten schien: die Kolonisierung der Lebenswelt durch Markt und Staat, durch Geld und Macht, durch Verwaltungssprache und Systemimperative. Hätte es schon Algorithmen in Alltagspraxen gegeben - er hätte sie mit erwähnt. Algorithmen SIND IMPERATIVE.

Die Lebenswelt – dieser fragile Raum, in dem Menschen noch miteinander sprechen, fühlen, zweifeln, lieben –, sie wurde nicht einfach nur zerstört. Schlimmer: Sie wurde erst annektiert und anschließend simuliert, so durchdrungen.

Wie, das kann von Foucault gelernt werden. Die von ihm gelehrten Dispositive, das sind Ensembles aus politischen Strategien, Diskursen - also schlicht Formationen dessen, was über die Welt geäußert wird -, Wissenskonfigurationen und daraus abgeleiteten Praxen, die produktiv und regulierend in die Gesellschaft eingreifen und deren Kräfteverhältnisse organisieren.

Für sie braucht es Architekturen. Formulare. Interfaces. Digitale Plattformen, die Kommunikation aussehen lassen wie Kommunikation, während sie Subjekte produzieren, die nur noch konsumieren, klicken, affirmieren und reagieren.

Das Schlimmste daran: Es fühlt sich nach Freiheit an. Nach Wahlmöglichkeit. Nach von Algorithmen kuratierter Individualität - Präferenzmustern, die mir sagen, wer ich bin, während ich mich in den Resonanzen anonymer User spiegele und mir so selbst entgleite.

In der Medienwissenschaft trivialisierten Forschende, zum Beispiel Jean-Luc Baudry, Dispositive zurück in einen ideologisierten Manipulationsapparat, der Menschen in Passivität bannt und lähmt - vor dem Bildschirm, im Kino. Die kannten Medienproduktion aber in der Regel auch nicht von innen und dachten noch in Kategorien wie “Herrschaft”, nicht Macht. Macht hingegen formt und durchdringt das Körperinnere, organisiert das Affektive und operiert mit Hilfe von Ressentiments und Angstproduktion. Klar, “Doomscrolling” kann auch lähmen. Algorithmische Dispositive und individualisierte Feedformationen suggerieren jedoch zugleich die Möglichkeit von Teilhabe und Artikulation, wenn die neueste Welle russischer Desinformation durch die Whatsapp- und Telegram-Gruppen gejagt wird oder der Untergang des Abendlandes durch Transmenschen beschworen wird. Und das auch noch als Teilbereich eugenischer Praxen, die derweil von denen geplant werden, die eben diese Desinformationen zirkulieren lassen. Transmenschen seien “Groomer”? Hahaha. Nach den Epstein-Files dürfte klar sein, was selbst nunmehr als Mem bei Instagram und Bluesky zirkuliert: “Every accusation is a confession”. All diese Propagandisten machen das, was sie anderen unterstellen, ganztägig und sorgen zugleich für die Affektproduktion der von ihnen dergestalt Regulierten - indem sie Ressentiments produzieren, die von eigenen Schandtaten ablenken sollen.

Solche Widersprüche machen den Mächtigen aber nichts aus. Sie haben Mechanismen aus der Quantenwelt, wo unvereinbar Scheinendes plötzlich durch die Beobachtung und Verknüpfung mit Information möglich ist, jede Welle zugleich ein Teilchen ist, je nachdem, wie man das erfasst, in den Grundmechanismus eines permanenten Verwirrungszustandes durch endlose Feedbackschleifen des Bullshittens gewandelt.

Dazu brauchen sie Architekturen und Apparaturen - wie auch Methoden der Parzellierung des Raumes. Nur so gelingt die Kolonisierung der Lebenswelt. Die Rechenzentren, in denen die in Social Media produzierten Subjekte als Objekte der Macht mittels Palantir ICE zugänglich gemacht werden sind Teil dieser Maschinen. Apps, Smartphones, Homecomputer auch. Individualisierung durch biometrische Daten. Signale und Codes der Feindmarkierung - Migranten z.B. zu solchen zu erkären - in Memen und KI-Slop integrieren. Menschen dazu anregen, diese Signale in den Feedbackschleifen von Social Media zu distribuieren, in denen jeder Widerspruch dem System sofort einverleibt und als Teil der Macht genutzt wird. Auch das ein Gedanke Foucaults.

Aber.

Andy Warhol hat eine Suppendose gemalt. Nicht um sie zu feiern. Um sie so lange anzustarren, bis sie anfängt, zurückzuschauen. Lichtenstein hat Kriegscomics in Museen gehängt – nicht als Ironie, sondern als Autopsie: Hier liegt das Dispositiv, entblößt auf Leinwand, seine Raster sichtbar, seine Verführungen bloßgestellt.

Pop ist nicht die Kapitulation vor dem System. Pop ist der Moment, in dem das System sich selbst im Spiegel sieht und nicht erkennt, dass es beobachtet wird. In dem seine Meme, Ideologeme und Subjektivierungen explizit und reflexiv zugänglich werden - um so Brüche in den algorithmischen Dispositiven zu erzeugen. Dann, wenn man sie gegen den Strich bürstet.

Das ist keine Ideologiekritik. Das ist Driften - durch ästhetische Praxen. Handle nur nach derjenigen Maxime, die nie zum Algorithmus werden könnte. Unterlaufe Zuschreibungen, indem Du sie in Ästhetiken transferierst, die Identifikationen erschweren.

Das sind alte queere Praxen jenseits des Bekenntnisses zu etwas. Inmitten von Dispositiven, die Forderungen nach Sichtbarkeit gegen uns wenden, müssen wir sie umcodieren. Die Feedbackschleifen mit etwas füllen, das sie nicht mehr fassen können.

Driften

Drift ist die Praxis des kontrolliert Absichtslosen. Der dérive durch Bedeutungsräume, die das System für sich beansprucht hat. Man betritt ein Dispositiv – einen Film, einen Track, ein Bild, eine Theorie – und folgt nicht dem vorgesehenen Weg. Man lässt sich treiben, bis die Architekturen selbst sichtbar werden. Bis zu spüren, wo die Macht sitzt. Nicht als abstraktes Wissen. Als körperliche Erfahrung.

Denn das ist, was Habermas vergessen hat: Die Lebenswelt ist nicht nur Sprache. Sie ist Leib. Sie ist der Moment, in dem ein Bassline etwas in der Magengrube verschiebt. In dem ein Lichtenstein-Raster die Augen zwingt, die eigene Wahrnehmung wahrzunehmen. In dem eine Filmeinstellung die Zeit verlangsamt und man plötzlich denkt, ohne es zu wollen. Indem der Plot eine Richtung einschlägt, die gegen das Genre verstößt. Da, wo Rhetoriken ausgelacht, entwertet, persifliert werden. Wo Menschen, die als Moralisten veralbert und gemobbt werden, so schlagartig wie gezielt radikal amoralisch handeln oder die zu Opfern Gemachten, alles in Fiction, klar, raffiniert zurückschlagen. Lisbeth Salander, sie lebe hoch!

Das gibt es gerade im deutschsprachigen Raum sehr selten - im angloamerikanischen wie auch im ostasiatischen sind solche ästhetischen Praxen üblich. Mitten in der Macho-Mafia-Story betritt “Boys Love” den Bildschirm, oder immer neue Schichten der sich am System gegen ihre Platzzuweisung bedienenden Ausgebeuteten werden frei gelegt - in den Kellern von Villen. Klar, der Film “Parasite” ist gemeint.

Transduktion

Transduktion ist, was dabei passiert.

Ein Signal wechselt das Medium – und verändert sich dabei.

Philosophie und Politische Theorie wird zu Film. Film wird zu Musik. Musik wird zu Theorie. Aber nicht als Übersetzung, nicht als Illustration: als Umwandlung, Transformation, bei der jedes Medium das andere verdreht, bis beide andere Sinnlichkeiten erscheinen lassen als zuvor. Die Feedbackschleife bleibt kein Kreis. Sie wird zur Spirale. Jede Rückkehr verändert den Ausgangspunkt.

Foucaults Machtdispositive operieren, indem sie Körper dressieren. Einst ins Fabriken, Schulen, Gefängnissen. Heute abstrahieren sie, formalisieren, digitalisieren, individualisieren – bis das Subjekt glaubt, es sei ein aktiver Nutzer von neuen Kommunikationsmedien. Doch es bleibt dabei ein Konsument, nur ein Datenkontenpunkt, der ggf. von Sicherheitsorganen malträtiert werden kann.

Driften und Transduktion erinnern hingegen den Körper an sich selbst. Das ist das, was wahrnimmt und empfindet, nicht lediglich reagiert, plötzlich spürbar. Das ist keine Therapie. Das ist Erkenntnistheorie mit Lautstärkeregler.

Warhol hat nicht Philosophie illustriert. Die hat ihn noch nicht mal interessiert. Aber er hat sie in medialen Praxen experimentell durchgespielt. Marcuse kritisierte die Konsumkultur. Warhol hat sie zelebriert – in Siebdruck, dem Nachbau von Brillo-Kisten und silbernen Ballons. Er riss dabei die Sakralisierung der Kunst als bürgerliches Distinktionsmerkmal vom Sockel und verlachte sie als einer, der selbst in Armut aufwuchs und von daher Suppendosen sehr gut kannte. Seine Superstars tanzten Gender-Theorie, bevor es die gab - im Factory-Lärm und bei Party-Exzessiven. Er feierte Abbild und Langeweile, als das Direct Cinema sich als “Fly on the Wall” und Organ der Wahrheit inszenierte - indem er stundenlang einen schlafenden Freund oder das Empire State Building zeigte und damit Vorstellungen von Authentizität dem Lachhaften preisgab. Er inszenierte die Wiederholung, die sich so lange wiederholt, bis die Wiederholung sich selbst wiederholte, dass sie als Prinzip des maschinierten Arbeitsalltags zugleich aufschien und implodierte.

Das ist keine Metapher. Quantenmechanisch gesprochen: Erst der Beobachtungsakt verändert den Zustand. Warhol hat Suppendosen beobachtet, bis sie in einen anderen Zustand kollabierten. Das nennt man Kritik. Er arbeitete intermedial und eben mit Mitteln der Transduktion - Fotos wurden Kunstwerke, ja, selbst “Malen nach Zahlen”, Unikate zu Serien, Performance zu Bestandteil von Musik, eigentlich nicht neu - aber mit Peitschen knallende BDSM-Performances zum Sound von Velvet Underground bei Psychiater-Kongressen, Warhol hat das inszeniert, das ist Transduktion pur.

Die tanzenden Wellen der Quantenphysik wissen, was Systeme nicht wissen können: dass Interferenz nicht Störung ist, sondern eine sich Codierungen entziehende Information. Dass dort, wo zwei Wellen oder Frequenzen sich überlagern, etwas entsteht, das keine von beiden allein enthält. Sie können sich wechselseitig auslöschen oder aber verschränken und so Emergenz erzeugen.

Klar, nur eine Metapher. Aber eine, die vielleicht sogar KI-Slop zum Implodieren bringen kann. Als ich Claude bat, mir erst die Grundsätze der Kybernetik, dann deren Bezüge zu Watzlawick, Helmut Schelsky und der System-Lebenswelt-Differenz von Habermas zusammenzufassen und anschließend, das Ganze in ein Prosagedicht wie Ginsbergs “Howl” umzuschreiben, da wusste das System nicht mehr weiter. Geht also. Das muss nur mediale Praxis werden. Transduktive.

Das Programm

Philosophie tanzen. Theorie hören. Bilder denken.

Die Lebenswelt ist nicht verloren. Sie spukt. Sie interferiert. Sie wartet darauf, dass jemand driftet, bis er die Basis des Wahrnehmens wiederfindet – leiblich, sinnlich, unabstrahierbar.

Systeme kolonisieren. Dispositive kontrollieren. Driften durchkreuzt und transformiert Welt in transduktive Praxen.

Betreibt man sie konsequent, verfügen sie zumindest idealerweise über das Potenzial, Dispositive zu sprengen und durch Wiedergewinnung der Leiblichkeit Freiheitsspielräume zu generieren.

Zumindest im Falle jener, die noch nicht interniert oder umgebracht wurden.

Nicht mit der Körperlichkeit im Gym. Beim Tanzen, in der freien musikalischen Improvisation. Im Umgang mit Körper durchdringenden Affekten, die sich nicht mehr einfach so triggern lassen, sondern das Lustprinzip wieder finden. Die andere Formen expressiver Wahrhaftigkeit suchen. Möglichst jenseits des vermeintlich “herrschaftsfreien Diskurses”, der eh nur noch simuliert (z.B. in Talkshows und auf der Bühne des Thalia-Theaters), jedoch nie und nirgends geführt wird.

Es heißt, inmitten der Kolonisierung der Lebenswelt unsere Leiber wiederzugewinnen und dabei all die Ressentiments aufzulösen, die uns nur verkrampfen.

Mensch sein ist an Körperlichkeit gebunden. Das macht uns verletzlich - und ist doch das, was wir der KI voraushaben.

Es ist unsere einzige Möglichkeit.

Topic Gesellschaft

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