Noch in den 1980er Jahren war Science-Fiction verboten. Heute soll das Literaturgenre Chinas Weg an die technologische Spitze unterstützen.

1962 ist China wieder eine Weltmacht, war der Philosoph Liang Qichao sicher. In „Die Zukunft des neuen China“ spekulierte Liang über einen Wiederaufstieg Chinas als mächtige Technologie-Nation. Der Roman setzt 1962 ein, oder im Jahr 2513 nach Konfuzius. China ist eine konstitutionelle, konfuzianische Monarchie. Chinesisch ist Weltsprache, und die Beliebtheit Chinas führt im Westen zu einem Brain Drain, dem Abfluss junger Wissenschaftler ins Ausland.
Ganz so, wie Liang Qichao es sich ausmalte, kam es zwar nicht. Aber heute steckt China tatsächlich im Wettrennen um die technologische Vormacht.
Chinesischer Science Fiction erlangt mittlerweile auch im Westen viel Aufmerksamkeit, besonders seit dem Erfolg der „Three Body“-Trilogie von Liu Cixin, die sogar Netflix verfilmte. Chinas Regierung hat große Pläne für das Literaturgenre: Chinesischer Sci-Fi soll nicht nur helfen, Chinas Jugend für Wissenschaft und Innovation zu begeistern. Das Genre soll auch im Westen den Entwurf einer Zukunft kommunizieren, in der China die führende Technologie-Nation der Welt ist.
Chinas Sci-Fi-Autoren konnten als Kinder nur heimlich lesen
„Derzeit wollen sich alle mit Sci-Fi beschäftigen“, sagt der chinesische Autor Wu Yan. Wu ist Direktor des Science and Human Imagination Research Center an einer Universität in Shenzhen und selbst seit Jahrzehnten Autor von Science-Fiction-Geschichten. Heute unterstütze die Regierung die Sci-Fi-Industrie, sagt Wu. Doch das war längst nicht immer so.
Als Kind musste sich Wu heimlich in Bibliotheken schleichen, um lesen zu können. Es waren die 1970er Jahre, China steckte mitten in der Kulturrevolution. “Ein Freund führte zuhause kleine Experimente durch, er hat mein Interesse an Wissenschaft geweckt”, erklärt Wu. Heimlich las er jedes Buch über Physik und Chemie, das er in die Hände bekam.
Sci-Fi galt als westliches und liberales Genre bis in die 1980er-Jahre als „geistige Verschmutzung“. Trotzdem gelangten Übersetzungen von Sci-Fi-Autor*innen wie Isaac Asimov nach China. Auch Wu Yan begann, selbst Sci-Fi-Geschichten zu schreiben und zu veröffentlichen, damals noch in wissenschaftlichen Fachzeitschriften. In der Aufbruchsstimmung der 1980er Jahre wurde das Genre immer beliebter. Das liegt auch an Wu Yan selbst: Er ist nicht nur Autor, sondern auch Gründer der China Science Fiction Convention, die wesentlich zu Chinas Sci-Fi-Aufstieg beitrug.
Wie Sci-Fi Chinas technologischen Aufstieg ankurbeln soll
„Chines*innen sind brillant darin, Dinge herzustellen. Aber sie erfinden nichts, sie haben keine Vorstellungskraft”, erklärte ein chinesischer Beamter (Opens in a new window) auf einer der ersten Science-Fiction-Conventions in China Mitte der 2000er. Chinas Regierung hatte eingesehen: Soll China langfristig die technologische Vorherrschaft erlangen, dann braucht das Land innovative Technologien – und Menschen, die von ihnen träumen. Chinesischer Sci-Fi erlebt seitdem eine Renaissance.
Beim Smartphone-Hersteller Xiaomi ist Liu Cixins „Three Body“-Trilogie heute Pflichtlektüre. Sie soll die Mitarbeiter*innen fit machen für die Schlacht um Anteile auf Chinas umkämpften Tech-Markt. Auch der Milliardär Chen Tianqiao sagt, er verdanke dem Sci-Fi-Autoren Yang Ping seine Karriere. Inspiriert von Yang stieg Chen in die Gamingbranche ein und gründete schließlich mit Shanda einen der wertvollsten Internetkonzerne Chinas. Heute investiert Chen vor allem in Künstliche Intelligenz und Hirnforschung.
Wissenschaft und Science Fiction verschmelzen in China miteinander. Die China Science Fiction Convention fand dieses Jahr als Teil des Zhongguancun‑Forums statt, Chinas wichtigster Jahreskonferenz im Bereich Wissenschaft, Technologie und Innovation. Zudem hat die Regierung unter anderem im „Nationalen Aktionsplan (Opens in a new window) zur Förderung wissenschaftlicher Kompetenzen“ Sci-Fi eine tragende Rolle eingeräumt. Insbesondere die Film-Industrie soll angekurbelt werden, in geeigneten Regionen sollen Themenparks entstehen.
„Kein Land tut so viel für Sci-Fi wie China“, sagt der italienische Sci-Fi-Autor Francesco Verso. Er ist selbst zu vielen Sci-Fi-Conventions nach China gereist. Bei vielen Veranstaltungen, so Verso, zahle die lokale Regierung die Anreise und Unterbringung der Autor*innen. Er vermutet, dass die Regierung mit seinen Bemühungen um Sci-Fi auch der dystopischen Stimmung unter Chinas Jugendlichen entgegenwirken will: “Sci-Fi ist ein Genre für junge Menschen. Und wenn es der Jugend gut geht, dann geht es dem Land gut.”
https://steady.page/de/emilys-china-news/posts/a9a1de1a-4a83-4c17-a5c4-ca382ca351c9 (Opens in a new window)Aus Versos Berichten spricht auch Neid auf den Fortschrittsglauben der chinesischen Politik. Er ist untrennbar verbunden mit der Machtlosigkeit, die China um die Wende zum 20. Jahrhundert erfuhr. Damals war China der Welt bloß als der “kranke Mann Asiens” bekannt. Viele Intellektuelle waren sicher: Sollte die chinesische Zivilisation ihren gewaltsamen Eintritt in die Moderne überleben, dann nur mithilfe von moderner Wissenschaft und Technologie. Dieser unbeirrbare Zukunftsoptimismus ist noch heute einer der wichtigsten Motoren der chinesischen Politik.
Science Fiction soll China zur kulturellen Macht formen
Chinas Science-Fiction-Industrie spielte 2024 mit mehr als 14 Milliarden Euro eine beträchtliche Summe ein. 2023 war Chengdu Gastgeber der Worldcon, der größten und internationalsten Science-Fiction-Konferenz. Besucher*innen aus Kolumbien, Frankreich und Estland gaben chinesischen Medien begeisterte Interviews. (Opens in a new window)
Der Kommunistischen Partei kommt Chinas Sci-Fi-Erfolg gelegen. Ihr Vorsitzender Xi Jinping rief erst kürzlich (Opens in a new window) die Kreativen des Landes dazu auf, China zu einer „kulturellen Macht“ (文化强国) zu machen. Chinas Sci-Fi-Autor*innen bewegen sich damit in einem Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und Instrumentalisierung, das auch anderen Kreativen des Landes bekannt vorkommen dürfte. Die Regierung hofft, im Ausland popkulturelle Volltreffer wie Japan oder Südkorea zu landen.
Das könnte mit Sci-Fi tatsächlich gelingen: Im Ausland sowie in China ist die Fan-Community riesig und voller Leidenschaft. Chinesische Fans wie Wu Yan haben jahrzehntelang auf die Förderung gewartet, die sie derzeit bekommen. Und Chinas Autor*innen wissen besser als Parteikader, wie man Geschichten mit chinesischen Charakteren und Schauplätzen erzählt – ein schöner Nebeneffekt für Chinas Soft-Power-Interessen.
Han Song, einer der berühmtesten Sci-Fi-Autoren Chinas, stellt heute fest: „Wenn man in China aus dem Fenster schaut, schaut man in die Zukunft.“ Bargeld ist in China so gut wie abgeschafft. Rund die Hälfte aller neu verkauften Autos in China fährt elektrisch oder hybrid. Und in sogenannten Smart Cities wie Hangzhou und Shenzhen steuern KI-Technologien den Verkehr und die Überwachung der Bürger*innen. China wird es nicht schwer haben, sich als das Land der Zukunft zu vermarkten.
Liang Qichao hat seinen utopischen Roman über Chinas Rückkehr an die Weltspitze nie fertiggestellt. Auch welchen Ausgang das technologische Wettrennen zwischen China und dem Westen nimmt, ist derzeit noch unsicher. Bis dahin ist chinesischer Sci-Fi einer der einzigartigen Räume, in denen Auseinandersetzungen mit dem chinesischen Fortschrittsdiktat geduldet sind.
Dieser Text ist zuerst in veränderter Fassung bei China.Table (Opens in a new window) erschienen.
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