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Newsletter - dein kreativer Journaling Kurs #21

Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #21

Was dich inspiriert – wie du deine Muse findest

 

1. Die Muse entmystifiziert


In der griechischen Mythologie gibt es gleich neun Musen, die Töchter von Zeus und Mnemosyne. Mnemosyne ist die Personifikation der Erinnerung, was eine beinahe poetische Poite hat: Kreativität entsteht aus Erinnerung und Spiel. Dabei hatte jede Muse ihr Spezialgebiet: Calliope war für epische Dichtung zuständig, Erato für Liebeslyrik,Terpsichore für Tanz, Urania für Astronomie und so weiter. Man kann sich das in etwa so vorstellen wie die himmlische Redaktion der Künste. Ursprünglich waren sie weniger zarte Feenwesen, sondern eher ernsthafte Hüterinnen der Kultir: wer sie ehrte, drufte schöpferisch tätig sein. Philosophisch betrachtet ist also die „Muse“ der Versuch, die unberechenbaren Momente geistiger Klarheit zu personifizieren. Statt zu sagen „mein Gehirn hat gerade in einem Synapsensturm reizvoll zwei Gedanken verknüpft“ sagt man „Calliope hat mich geküsst. Das klingt magisch und für uns heute nicht mehr so recht greifbar, aber dennoch hat das Bild der Muse überlebt, weil sie erlaubt, Kreativität nicht als Leistung, sondern vielmehr als Begegnung zu sehen und zu erleben.

Ich glaube natürlich nicht an antike Göttinnen und daran, dass Inspiration eine Laune der Götter ist, sondern eher ein innerer Resonanzraum. Oder um es mal neurobiologisch vollkommen zu entzaubern: Inspiration passiert, wenn das Gehirn für einen Moment aus dem gewohnten Tunnelblick kippt und seine Netzwerke anfangen, ungewöhnliche Verbindungen zu bauen. Also kein Flüstern aus höheren Sphären, sondern ein elektrochemisches Ping aus deinem eigenen Nervengeflecht.

Historisch gesehen gibt es also neun Musen, faktisch sind es unendlich viele, denn so gesehen hat jeder seine eigene – kein Zauberwesen, sondern dein Inneres, das zu leuchten beginn, sobald du ihm erlaubst zu spielen statt nur zu funktionieren. Um sich von seiner Muse küssen zu lassen braucht es also keine Mythologie. Es genügt zu wissen, dass in dir ein kleines, hochkomplexes Netzwerk arbeitet, dass dann und wann in der Lage ist, dich selbst zu überraschen. Kreativität ist also kein Geschenk von außen, sondern ein Selbstgespräch in höherer Frequenz, eine, die du heute zum ersten Mal hört. Und wenn man darum weiß, wird aus der entzauberten Muse etwas viel Intimeres, nämlich ein Stück von dir, das immer schon glänzen wollte.

2. Warum Inspiration ein Körpergefühl ist

Es gibt sie immer mal wieder: Die Momente im Prozess des Schreibens, die sich „inspiriert“ anfühlen. Und dieses Gefühl ist unglaublich kostbar, wenn man es wertschätzen lernt (wie eine gute Freundin, wie eine echte Muse) anstatt seine Ergebnisse zu bewerten. Mitunter haben wir das in der Schule gelernt: Der Prozess war gut und richtig, wenn das Ergebnis entsprechend „gut“ ist und eine gute Note erhält. Die meisten haben durch Schule gelernt, dass das Ziel wichtiger ist als der Weg – und das ist unglaublich schade. Ich habe es zweimal in meinem Leben richtig nirderschmetternd krass erlebt, dass ich mich beim Schreiben wie von Erkenntnis geleitet und erleuchtet fühlte, jedoch am Ende ein Rotstift-gesiegeltes „mangelhaft“ stand. In der Folge einer solchen Bewertung geschieht, was geschehen muss: Wir misstrauen dem Gefühl der Inspiration und verlernen am Ende ganz, mit unserer Muse in Kontakt zu sein.

Doch wie fühlt sich „inspiriert“ eigentlich an? Natürlich kann ich nicht für uns alle sprechen, sondern nur von mir. Inspiration fühlt sich in meinem Körper warm und weit an, mitreißend wie ein Fluss, der ungefähr Badewannen-Temperatur hat. Mitreißend auf der einen Seite und so behaglich „ich will hier nie wieder raus“ auf der anderen Seiten. Und in mir schwingt so ein fröhliches „Sina, du bist genial“, das ich eigentlich behalten möchte. Vielleicht magst du, als eine Art Mini-Journaling-Impuls mal beschreiben, wie sich Inspiration in deinem Körper zeigt und wie körperliche Signale dein Schreiben leiten können.

Das Schöne ist: in der Schule und im Studium (und, ja, auch in meiner Arbeit als Autorin) musste ich ich mit meiner Schreibtätigkeit immer wieder auch einer Bewertung und einem Publikum stellen – und das härtest Publikum war in der Tat das Ein-Mann-Publikum in Gestalt meines Kirchengeschichts-Professors. Mutig, wer da drüber stehen und seine Muse fest im Arm behalten kann, denn Kritik kann wie die Eisbucket-Challenge in deiner warmen Badewanne sein. Die gute Nachricht an dieser Stelle: Wenn du nicht beruflich schreibst und auch den Klauen der Schule schon seit Längerem entkommen bist, dann ist Journaling eine wunderbare Gelegenheit, um die Verbindung zu deiner inneren Erleuchtung zu erleben und zu pflegen und einfach nur zu genießen. Denn auch beim Tagebuch schreiben gibt es Momente der Erleuchtung und der Inspiration und das Schöne ist: niemand nimmt sie dir durch Kritik oder Bewertung. Inspiration zu erleben ist kein Luxus, sondern eine erstaunlich pragmatische Ressource: Sie macht, dass dein Geist beweglich bleibt und aufmerksam und schafft Verbindung mit dir selbst. Psychologisch gesehen ist der Flowzustand, in den uns diese innere Begeisterung versetzt, ein wunderbares Tool zur Selbstregulierung, weil in diesem Zustand Stresshormone gemindert sind und unsere Fokussierung uns das Gefühl gibt, kompetent und lebendig zu sein. Wenn das mal kein echter Faktor für seelische Gesundheit ist.

3. Quellen der Inspiration erkennen

Um nun regelmäßig Inspiration zu erleben ist es gut, wenn man seinen inneren warmen Strom zu fließen bringen kann. Dafür gibt es drei natürliche Inspirationsströme:
• Beobachtung (der Blick in die Außenwelt: Geräusche, Farben, andere Menschen),
• Erinnerung (der Blick in deine Innenwelt: Szenen, Gefühle, alte Geschichten) und nicht zu vergessen:
• Imagination (also die unendliche Möglichkeitswelt in deinem Inneren, die mit „Was wäre, wenn …?“ Fragen ein ganzes Paralleluniversum erschaffen kann).

Dabei wirken Quellen der Inspiration oft unscheinbar und verraten sich eher durch ein kleines Zucken, ein inneres Aufmerken oder ein Ziehen in der Brust. Für mich fühlt es sich an wie eine innere Sternschnuppe – aber wie das so mit Sternschnuppen ist: um die wahrzunehmen, muss man schon aufmerksam sein. Eine gute innere Haltung, die dich auf Musen-Küsse einstellt, ist Neugierde gepaart mit einer Prise Achtsamkeit. Wer unterm Sternenhimmel liegt und in sein Handy starrt, kann keine Sternschnuppen sehen. Ebenso verscheuchen wir Inspiration durch innere Hektik, Unaufmerksamkeit und das Getriebensein unserer digitalen Realität.

Eine Quelle der Inspiration zeigt sich darin, dass du in ihr etwas von dir selbst wiederfindest. Wir spüren das an innerer Resonanz. Und das zeigt schon die Krux: Wir erkennen Inspirationsquellen nicht daran, dass sie besonders laut sind, sondern dadurch, dass wir bereit sind, wieder etwas leiser zu werden.
Kleiner Journaling-Impuls dazu: Nimm dir einen festen Zeitrahmen ohne Handy neben dir und schreibe alles runter, was noch so in deinem Kopf ist (Brain-Dump), um eine gewisse innere „Leere“ zu kreieren. Und dann finde den Funken: Falls du eine Idee hast, wie sich „Inspiration“, „Flow“ oder der Zustand innerer Resonanz anfühlen, dann versuche diesem Gefühl in dir Raum zu geben. Konzentriere dich auf dieses Gefühl in deinem Körper und überlege, wann du diese Fülle und dieses Kribbeln zuletzt gespürt hast. Notiere, was dich innerlich bewegt: Orte, die dich berühren, Menschen, die dich inspirieren, Bücher, Filme, Lieder, die dich nie loslassen, Momente, die sich dir eingebrannt haben. Erkennst du Muster? Wie kannst du mit deinen Quellen in Kontakt bleiben?

4. Die Muse einladen – bewusst statt zufällig

Du hast es dir sicher schon gedacht: „Von der Muse geküsst“ klingt wie ein Blind-Date, das überraschend mit knutschen endet. Aber schöner ist doch, wenn du mit der Quelle deiner innigsten Küsse unter einem Dach lebst. Mit deiner Muse Tür an Tür zu leben schaffst du durch Rituale, die Inspiration begünstigen: Durch wiederkehrende Uhrzeit, bestimmter Ort, kurzer sensorischer Auslöser wie Geruch, Musik, Licht. Und dadurch, dass du dir Momente der Inspiration nicht durch Ergebnis-Kontrollen und deinen inneren Kritiker kaputt machen lässt. Um deine Muse einzuladen, musst du Raum schaffen. Mehr Raum haben wir außerdem stets dort, wo wir das Handy weglegen. Wir sind via Smartphone zwar mit dem World Wide Web verbunden, aber es disconnectet uns nur allzu oft von uns selbst. Da, wo wir Inspiration im Außen suchen, ist unsere Aufmerksamkeit nach innen nicht mehr so wach und so erwartungsvoll. Es gibt nichts Schöneres, als im Prozess des Schreibens zu spüren: Da sind Geistesblitze, Ideen, ein Verstehen, das plötzlich tief geht und Raum nimmt. Erkenntnis uns Weisheit, die gleichsam in dir sind, aber dich auch noch überwältigen und überraschen können. Und plötzlich fließen Worte, Sätze und ganze Welten aus dir heraus auf das Papier, die noch viel spannender sind, als es jedes Außen könnte.

5. Blockaden enttarnen: Was verscheucht deine Muse?

Schreiben macht Spaß, wenn wir dabei ganz bei uns sind und dabei über uns selbst hinauswachsen. Von der Muse geküsst kann ein Gute-Nacht- oder ein Guten-Morgen-Kuss sein, aber dieser Kuss ist kein Küsschen: Die Muse liebt Aufmerksamkeit, Ruhe und Offenheit – alles, was uns stresst oder ablenkt, vertreibt sie. Sie verschwindet also, wenn wir perfekt sein wollen und jede Idee und jeden Satz sofort kontrollieren, bewerten und korrigieren wollen. Wenn wir uns vergleichen, sei es mit anderen, mit Trends oder mit Erwartungen. Wenn wir zu viel Denken und uns in Grübelschleifen verlieren. Wenn wir zu viel Ablenkung um uns scharren: Handy, Lautstärke oder jede Art von Multitasking.

Gewahrsein statt Gewusel, Präsenz statt Perfektion und Leere statt Lautstärke sind die innere Haltung, die wir brauchen. Schreiben ist nicht gleich schreiben, bzw. es ist mehr als der Prozess des Füller-über-Papier-Führens, um Worte zu fixen. Schreiben kann zu einem tief fühlbaren Erlebnis werden, das dich noch mal ganz anders mit dir selbst verbindet und durch den Prozess selbst über dich hinauswachsen lässt. Aber das ist eben kein Automatismus, sondern geschieht, wenn die richtigen Rahmenbedingungen gegeben sind. Mein Tipp: Begib dich mal ohne dein Handy und mit deinem Journal an einen Ort, den du für seine Schönheit oder eine Vibes bewunderst und schreibe dort. Nimm dir bewusst Zeit, dort zu sein (und zwar nicht nur anwesend, sondern bewusst mit Herz und Seele) und dich emotional ansprechen und von Freunde überwältigen zu lassen - und dann schreibe! Und vergiss nicht, dass dieser Moment von dir nichts fordert! Denn dann (im zwanglosen Offensein) vielleicht passiert das, was die Künstler „Inspitation“ nennen: der Moment erschafft sich selbst, während Kopf und Hand deine Gedanken zu Papier bringen.

7. Eine persönliche „Inspirations-Landkarte“ erstellen

Ich habe für alles mögliche Listen: Dinge, die mein Nervensystem beruhigen, Dinge, mit denen ich mit eine Freund machen kann, Dinge, die mich aus emotionalen Tiefs zuverlässig herausholen. Usw. Das mag seltsam erscheinen, aber alles, was wir uns notieren, vertieft das Bewusstsein und macht es auf diese Weise zum Nobrainer. Wir greifen öfters zu diesen Maßnahmen, die wir aufgeschrieben haben, WEIL wir sie aufgeschrieben haben. Daher eine kleine Journaling Übung für mehr Inspiration: Schreibe 10 Dinge auf, die dich zuverlässig inspirieren (Orte, Stimmungen, Materialien, Tätigkeiten). Auch eine Idee, für die Bastler unter euch: beklebt den Einband oder die erste Seite eures Journals mit Orten und Dingen, die euch be-geistern (denn nichts anderes ist ja in-spiration, also wenn spirit euch erfüllt!), denn wenn ihr diese zuverlässig vor Augen habt, wird Sehnsucht euch dahin führen, diese Orte und Momente öfter aufzusuchen.
Und dann ergänze deine Liste um 5 Dinge, die dich unerwartet inspirieren könnten. Erkennst du Muster oder Zusammenhänge?

Falls du diesen Moment „geküsst von der Muse“ erlebst, erlebst wie die Worte nur so fließen und dich berühren und überraschen, dann notiere dir das, um es nicht zu vergessen und dich zu erinnern: Deine Muse ist kein fernes Feenwesen, sondern ein lebendiger Anteil in dir!

Viel Spaß beim Schreiben und Ausprobieren – und bis nächste Woche

Eure Sina

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Topic Journaling Kurs

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