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Newsletter – dein kreativer Journaling Kurs #14

Verschiedene Schreib-Methoden:

Die Fragment-Technik: Splitter schreiben statt Perfektion zu suchen

1.Einstieg

Ich habe ein wunderbares, makelloses und wundervolles Bild von mir in meinem Kopf, wie ich um 5Uhr gut ausgeschlafen aus dem Bett steige, mir Tee koche, ein paar Kilometer auf dem Laufband jogge und dann, frisch geduscht und leicht erschöpft, einige Seite schreibe. Der Füller zieht seine Spuren über das kartonbraune Papier in gleichmäßigen Schwüngen, während sich mein Geist aufklart. Ich fühle mich athletisch und bestens sortiert und beschließe noch ein paar Zeilen zu lesen, während träge (träger als ich heute Morgen) die Sonne aufgeht. Diese Vision von mir ist an manchen wenigen Tagen nicht weit von der Realität entfernt, aber ganz grundsätzlich muss man sagen: Das ist Quatsch. Es gibt gute Tage, normale Tage und schlechte Tage, aber das Konstanteste an meiner Morgenroutine ist dennoch: mein tägliches Schreiben. Keine andere Routine hat es so sehr in den Nobrainer-Rang geschafft wie meine tägliche Schreibübung, was vor allem daran liegt, dass sie eine wundervolle Perfektions-Resistenz besitzt.

Die idealen Bilder darüber, wie unser Leben in Zukunft besser klappen wird, kennen wohl die meisten von uns. „Morgen aber“ nehmen wir uns vor – besser essen, mehr bewegen, weniger Handy-Gedödel. Und dann ist morgen plötzlich „heute“ und da sieht die Welt ganz anders aus. Viele Menschen führen zwei Leben: Ein reales und ein fiktives, das sie gerne hätten und das ein kleines bisschen perfekter und glamouröser läuft als ihre Realität. Auch unsere Schreib- und Journaling vorhaben sind davor nicht gefeit. Besonders Menschen, die sich eine Routine erst noch aneignen wollen, kleben oft an Idealen und heimlichen Perfektionismus Phantasien, die mit der Realität nicht viel zu tun haben. Meine Schreib-Gewohnheiten sitzen vermutlich deshalb so fest im Sattel des täglich grüßenden Murmeltiers, weil an ihnen noch nie etwas perfekt war – noch nicht mal mein Anspruch an sie.

Perfektionismus beim Journaling ist ein stiller Blockierer: „das klingt nicht gut genug“, „so chaotisch darf das nicht aussehen“, „Ich schreibe banal wie eine Grundschülerin“, „ich wiederhole mich nur“ sind dann das niederschmetternde Fazit und statt uns frei zu schreiben, entsteht der Druck, etwas Schönes, Klares und Vollständiges festzuhalten. Das kann dazu führen, dass man den Stift gleich wieder weglegt, mitten im Schreiben stoppt oder nur oberflächliche Dinge notiert – und übermorgen dann gar nichts mehr. Mein tägliches Schreiben ist deshalb so Krisen-resistent, weil es keinem speziellen Anspruch genügen muss. Nie schreibe ich so stumpfsinnig, so fehlerbehaftet und so banal wie in diesen morgendlichen Minuten, wenn ich mein Tagebuch aufschlage. Das musste noch nie schön oder sinnvoll sein und in vielen Fällen lesen ich mir das Geschriebene auch nie wieder über. Meine Schreibroutine ist fester Teil meines Lebens wie es eben ist und nicht der irrealen Version eines schönen Lebens wie es sein könnte, wenn wir alles richtig machen.

Perfektionismus macht aus einem Werkzeug für Selbstreflexion eine Bühne für Selbstkritik, weil wir glauben, es gäbe da ein richtig und ein falsch. Aber das stimmt nicht. Jeder Satz, jedes Wort, ja, sogar jedes unfertige Fragment ist wertvoll – weil es den Moment spiegelt. Und das darf einfach so sein wie der Moment nun mal ist. Journaling ist ein Spiegel deine ambivalenten Lebens – des realen, nicht des perfekten.

Und genau hier setzt die Methode des „Splitter-Schreibens“ an: Sie versucht, den Perfektionismus auszutricksen, indem man absichtlich unfertig, unvollständig und roh schreibt – und sich genau daran gewöhnt: Es ist gut wie es ist!

2. Methodenlehre: Das Prinzip des Splitter-Schreibens

Wie Splitter-Schreiben konkret funktioniert, ist der Sache nach schnell erklärt: Splitter schreiben heißt, nicht auf einen perfekten Text zu warten, der sich in deinen Gedanken formt und formvollendet auf das Papier fließt, sondern bewusst kurze, rohe Gedankenfetzen, Sinneseindrücke oder einfach nur Fragmente zu notieren. Das muss nicht unbedingt geplant sein oder täglich eingeübt werden, du kannst diese Übung auch gezielt dann anwenden, wenn du vor dem leeren Blatt sitzt und das Gefühl hast, nicht anfangen zu können, oder wenn du großen inneren Unwillen und destruktives „das wird nie was“ empfindest. Nimm dir bewusst vor: In diesem Moment ist „Unfertigkeit“ nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich erlaubt. Erlaube dir bei der Splitter-Technik auch besonders, mal spezielle Regeln oder Zeichensetzung außer Acht zu lassen. Schreibe alles klein, trenne nicht durch Kommata, sondern durch Punkte oder verzichte gleich ganz auf Interpunktion. Denn du brauchst an dieser Stelle keine ganzen Sätze. Je nachdem, wie es dir leichter fällt, kannst du deine Wort-Fragmente mit Spiegelstrichen untereinander schreiben, als Mindmap anlegen oder lege dein Journal quer statt hochkant. Das kann zum Beispiel so aussehen:

Frust. Wieder zu wenig schlaf. Schlaff. Keine Lust. Haussache nervt. Ich will nicht. Lass bleiben. Zu enge Jeans. Egal oder nicht? Egal. Wut unter meiner Zunge. Hasse reden. Rot im Schaufenster. Möchte Kaffee. Meinung zu Frau K.? Später. Mag heute nicht. Freitag, ZT 24 – Zufall?

Sobald der innere Kritiker sich meldet, vermerke das als Splitter „Kritikerin“ und schreib einfach weiter. Fall du dich in einen Reimflow reinschreiben solltest (mir passiert das manchmal), dann herzlichen Glückwunsch, denn dir scheint heute echt egal zu sein... - Schwein. Klein. Fein. Manchmal pflege ich die Splitter-Technik auch im Sinne einer „was ich jetzt schreiben würde, wenn ich mehr Lust dazu hätte“ Liste: Blöde Lehrerin, Unsicherheit, zu wenig Bewegung, zu schwaches Küken. Unfertigkeit ist erlaubt, an dieser Stelle sogar explizit erwünscht. An manchen Tagen ist mein einziger Anspruch an mein Journaling, dass sich der Stift über das Papier bewegt hat. Man mag das nicht meinen, dass ich mir etwas, was mir so sehr am Herzen liegt wie das Schreiben teilweise so egal sein lassen kann. Aber doch: ich kann. Und genau deswegen sind schreiben und ich so gut Freunde, weil alle Stimmungslagen und Formen okay sind. Je mehr ich „ist schon okay, wie du innen drin aussiehst“ gegenüber meinem Journal pflege, desto freundlicher sagt mein Tagebuch genau DAS zu mir. Wir sind ein Alltags-Team und lügen uns keinen Perfektionismus vor, den es nicht gibt. Das ist großartig und der Grund dafür, dass es so wenig Tage ohne das Schreiben gibt bei mir.

3. Praktische Umsetzung

Im Prinzip weißt du jetzt schon alles darüber, wie Splitter-Schreiben funktioniert und in welchen Phasen es dir nützlich sein kann. Dennoch hilft vielleicht eine Mini-Übung, einen besseren Zugang zu bekommen.

Übung 1: Vielleicht besitzt du neben deinem Tagebuch, also einer Journaling-Kladde, noch einen Kalender für deine Termine. Versuche, so oft du dran denkst und deinen Kalender zur Hand nimmst, 5 Splitter aufzuschreiben, die deinen aktuellen Tag beschreiben – ohne Satzbau, ohne Schönschrift, einfach Gedankenstücke. Das können Verben oder Substantive sein, Gefühle, konkrete oder abstrakte Begriffe. Wenn du das über einen längeren Zeitraum regelmäßig getan hast, blättere mal in deinem Kalender zurück: Kannst du anhand deiner Begriffe und „Splitter“ eine Erinnerung an den jeweiligen Tag wach rufen? Erinnerst du dich noch an den Tag im Sommer, an dem du „Badesee, Roman ausgelesen, Sushi DIY, nervige Nachbarin und zerbrochene Lieblingstasse“ aufgeschrieben hast?

Übung 2: Höre dein Lieblingslied oder ein Lied, das dir in letzter Zeit viel bedeutet hat. Gebe den aufkommenden Gefühlen Raum und lasse Text und Melodie auf dich wirken. Notieren anschließend in deinem Tagebuch „Splitter“, die du mit diesem Lied in Verbindung bringst. Ich verspreche dir: in ein paar Jahren wirst du solche Notizen beim Durchblättern LIEBEN.

Übung 3: Die Übung „Body Scan“ kennen die meisten vermutlich aus der Meditationspraxis. Beginne, wenn du nicht weißt, wie du anfangen sollst, deinen Tagebuch Morgen mit einem Körper-Splitter Body-Scan. Notiere in Splittern, was dir auffällt und wie du dich fühlst: Schwere Beine, warmer Bauch, Spannung im Nacken, Herz klopft schneller. Diese Notizen sind nicht banal, sie verbinden dich mit dir selbst und verhelfen dir zu Achtsamkeit und Bewusstsein. Für mich sind Körper-Splitter ein sehr häufiger Einstieg in meine morgendliche Schreibroutine. Wenn ich in kurzer Notizen gescannt habe, wie sich mein Körper anfühlt, fließen die Worte über das, wie es mir seelisch geht, oft viel natürlicher und leichter.

Übung 4: Nutze Splitter immer dann, wenn du etwas nicht so genau weißt oder nicht so klar siehst. Zum Beispiel können Splitter hilfreich sein bei der Fragestellung: Wie stellst du dir dein Leben in 5 oder 10 Jahren vor? Denn vielen Menschen fällt es schwer, ausführliche Gedanken zu formulieren oder auch nur zusammenhängende Bilder zu sehen, wenn es um eine unbekannte Zukunft geht. Aber vielleicht blitzt in deiner Phantasie etwas auf, was du notieren möchtest: ein Gefühl, ein kleines Bild, ein Eindruck. Mein Leben in 5 Jahren? Ich notiere: „Gummistiefel vor der Haustür, Stolz, Gewächshaus für Beratungen, Mini-Schweine, Apfelernte“. Und du?

Übung 5: Beende deinen Tagebuch Eintrag mit einem Splitter für morgen, dann wirst du zu deinem eigenen Sidekick. Wenn du für heute fertig bist mit dem Schreiben, notiere schon mal das morgige Datum und werde zu deinem eigenen, zukünftigen Stichwortgeber, indem du dir für Morgen einen Splitter in Form eines Halbsatzes vorlegst. Zum Beispiel: „Heute ist das vorherrschende Gefühl in mir...“ oder „Wenn ich einen Wunsch für diesen Tag hätte, dann...“, „Heute überrasche ich mich selbst mit...“.

4. Wirkung und Nutzen

Ihr merkt schon: Splitter schreiben ist ein Türöffner, der vor allem eines verhindern soll: Perfektionsdruck. Wenn du dich von der Idee verabschiedest, immer gleich einen fertigen Text produzieren zu müssen, entsteht ganz viel Raum für Leichtigkeit und Entlastung. Statt lange zu grübeln, womit du anfangen sollst, rettest du einfach fix deine Gedanken aufs Papier und spürst: Schreiben darf roh sein und unvollständig und unordentlich. Splitter können auch wie Türen zu deinem eigenen Inneren sein, denn sie ermöglichen schnellen Zugriff auf Gefühle, Eindrücke und Erinnerungen. Es ist manchmal schwer, seine eigenen Emotionen in epischer Breite zu reflektieren und manchmal fehlen schlichtweg auch Worte. Unsere Gefühle selbst nehmen wir vielleicht manchmal nur bruchstückhaft und vage wahr – und genau so darfst du sie auch verschriftlichen. Oft tauchen im Splitter schreiben Dinge auf, die gar nicht sichtbar würden, wenn es schön und ausführlich und eloquent sein soll, wenn Texte immer Hand und Fuß, Syntax und Satzbau brauchen. Mein Tagebuch ist voll von Andeutungen und aufploppenden Bauchgefühlen, von Flüchen und schnell notierten Geistesblitzen. Splitter können für sich stehen, aber manchmal wird auch mehr draus. Was gestern nur ein schnell hingekritzelter Gedanke war, hallt in deinen Gedanken nach, entwickelt sich weiter und ist morgen vielleicht schon eine echte Idee, die sich formulieren lässt. Seit Wochen suchen wir ein Eigenheim. Angefangen hat es vielleicht mit dem Gedanken-Schnipsel „Vermisse Badewanne. In Mietwohnungen macht Badsanierung keinen Sinn“.

Splitter schreiben bietet also einen leichter Zugang zu Gefühlen, Erinnerungen und Intuitionen und ist nicht selten Rohmaterial für tiefergehende Texte oder Reflexionen, die folgen dürfen.

5. Einladung zur Reflexion und Ausblick

Stelle dir selbst die Frage: Wie fühlt es sich für dich an, nicht den Anspruch auf einen fertigen Text zu haben, sondern Splitter zu sammeln? Nutze die Methode eine Woche lang zum Einstieg für dein Journaling und beobachte, was sich verändert. Lass die Splitter-Methode dein Notnagel sein, wenn du deine Journaling Zeit schwänzen willst. Sag zu dir selbst: Better done than perfect – dann notiere ich eben heute einfach nur ein paar Splitter.

Und wenn du gern tiefer gehen würdest, dich für die leisen, aber kostbaren Dinge im Leben interessierst: Am Montag erscheint meine neue Kolumne – diesmal wird es gehen um die „Hosentaschen-Variante von Glück und Lebensräumen“ - ein Thema, das sich die Instagram Community gewünscht hat.

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Hier kannst du meine Kolumne lesen (und abonnieren) https://steady.page/en/feelslikesina/about

Ich freue mich, wenn du am Montag wieder mitliest – und vielleicht schon ein paar Splitter deines Wochenendes im Gepäck hast.

Eure Sina

Topic Journaling Kurs

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