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Fall und Wahn

Ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer fiel mein damaliger Mitbewohner, der nie in seinem Leben irgendein geopolitisches Interesse gezeigt hatte, eines Abends unerwartet aus dem Küchenfenster. Drei Stockwerke tief, auf Beton, zwei Meter neben einen rettenden Wacholder. Ich fand ihn im Lichtkegel der Hoflampe, alle Viere von sich gestreckt. Blut trat aus seiner Schnauze. Das Tier keuchte, kotete sich ein und starb mit einem letzten Krampf. Sein Sturz versetzte mir einen Schlag, unvermittelt und wuchtig. Aber der Schmerz ließ lange auf sich warten. Blieb sogar aus. Als nichts kam, raffte ich mich auf. Wie ein Apparat trug ich das Tier hinauf, bettete es und wachte bis zum Morgen über dem Kadaver. Ich hätte gern geweint. Aber mir klangen die Worte meines Vaters in den Ohren: Weinen ist nicht unsere Art.

Nur einmal hatte ich Vater weinen gesehen. Im November ‘89. Dafür aber hemmungslos und lange, wie im Wahn. Er weinte, als wolle er sich all der Tränen seines Lebens auf einen Streich entledigen. All der Tränen, die er sich bis hierher versagt hatte, und auch allen kommenden. Ausgerechnet sein Geheule kam mir nach dem Sturz des Tieres in den Sinn. Ich hätte gern geheult. Aber nur ein stumpfes Etwas presste mir von innen gegen meinen Schädel. Ein Klumpen aus Zorn und Schuld. Ich merkte, dass ich wollte, dass sich etwas in mir mühte, aber auch wie die Hydraulik mir ins Leere pumpte. Bis der Druck hinter meiner Stirn in einem migränischen Gewitter über mich hernieder ging. Eine Weile harrte ich noch aus, dann kroch ich räudig in mein Bett, schaute der Aura beim Tänzeln zu und dachte: Noch habe ich nicht viel verloren in meinem Leben. Als Kind einen Großvater, fern und fremd in der Volksrepublik Polen; am Vorabend der Pubertät eine Spange in der Regionalbahn. Die Migräne verklang, aber mein Kummer blieb. Eierte umher. Am ersten Tag trat ich im Zorn ein Loch in meine Küchentür. Und dachte an die Hausverwaltung. Am zweiten prügelte ich auf ein Sofakissen ein und kam mir danach albern vor. Am dritten Tag schleuderte ich die Spielzeuge des Tieres durch die Wohnung. Alles leichte Gegenstände, die keinerlei Wucht erzeugten, sondern weich gegen die Wand flogen und unbefriedigend zu Boden fielen. Freunde wollten mich zum Essen locken, weil ich das Haus nicht mehr verließ. Und noch Wochen später ertappte ich mich dabei, wie ich stoisch an die Decke starrte. Der Schmerz umspülte mich, träge und behäbig. Ein kuratierter Kummer. Eine lächerliche Theatralik.

Zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer liefen im Fernsehen ein gutes Dutzend Sondersendungen. Pfiffige Redakteure hatten das endlose Bildmaterial in handliche Minuten eingekocht. Demo, Demo, Demo, dann Schabowski, Gedränge an der Bösebrücke, Kleidung aus dem Westen oder aus Silastik, Schnurrbärte und Dauerwellen, Schnitt auf Schlagbaum, Schnitt auf Grenzer, Schläge auf Trabantendach. Dann dieser eine Mann. Immer der gleiche. Dreher-Jürgen: „Ick hab’ jeseh’n, wie de Mauer [unsaubere Aussprache] und jetzt seh’ ick, wie se wieder wegkommt!“ Längst waren mir Tränen in die Augen gequollen. Erst vergorene, die wie Pfropfen aus mir heraus trieben. Beim Trabbidach dann sämige in eiliger Frequenz. Bei Dreher-Jürgen schließlich Wolkenbruch. Mein ganzes Gesicht verzerrte sich und glitt in Rotz und Lake auseinander. Als das ZDF zurück ins Studio schaltete, fasste ich mich wieder, wollte aber mehr davon und wechselte so lange von Sender zu Sender, bis ich auf einen anderen Einspieler stieß: Schabowski, Schlagbaum, Sturzbäche. Ich legte meine ganze Traurigkeit in diese Bildmontage, meinen Kummer, wie einen Parasiten in den kollektiven Freudentaumel. Ich nahm ihn in Beschlag, nahm ihn als Geisel. Was aus der Glotze zu mir strömte, war ein Freibrief für Gefühligkeit, den ich gierig einzog und durch meine Tränengänge lotste. Erst weinte ich um meinen Mitbewohner, das Tier, das verlorene, mit zitteriger Lippe und gerafftem Kinn, dann, als ich schon dabei war, auch um mich. Immer wenn es nötig wurde, schaltete ich um: ARD, RBB, MDR. Dort meißelten die Mauerspechte ihre Löcher in den Sichtbeton, ein feinmaschiges Netz. Und ich, Schmarotzer, seihte meinen grobkörnigen Ballast hindurch, meinen kalkulierten Kummer durch diesen deutsch-deutschen Katalysator. Ich wurde immer leichter, immer weniger, fast verweinte ich mich, bis es mir verging und ich ins Bett.

Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer habe ich die Lesezeichen meines Browsers um ihre Vokale erleichtert. Aus Platzgründen, sauber eingekocht: WTTR; WHTSPP; SPRKSS; FCBK; TWTTR; MRFLL. Der letzte Link, ein YouTube-Video, hat mir lange gute Dienste geleistet, aber nun verliert der Clip mehr und mehr an Wirkung. Dreher-Jürgen und Schabowski spielen sauber, aber ohne Leidenschaft. Nur wenn ich mich mühe, geht es noch. Wenn ich die Bilder einbette in eine kleine Predigt, Monolog im Stirnlappen. Dann denke ich an Flandern und Verdun. Heiligabend in den Schützengräben. Wie sie Fußball spielen im ersten Winter. Der letzte Akt an unbeschwerter Menschlichkeit. Bevor sie hinabsteigen in den Morast und unten bleiben für Vaterland und Kaiser. Wie der Kontinent und das Jahrhundert in Düsternis versinken: WLTKRG; HTLR; WLTKRG; HLCST. Dann KLTR KRG und TSCHRNBYL. Der ganze Wahnsinn einer Zeit. Und dann: wie er sich plötzlich umkehrt, montags, immer montags, schwelend, schwellend, und im November ‘89 in Friedlichkeit und Wohlgefallen gipfelt. Kulminierter Kummer. Ende einer alten Zeit und Anfang einer neuen. Endlich. In der es gut und immer besser wird. Nur diese kleine Predigt braucht es. Wenn ich die Bilder sehe und sie halte, kommen mir die Tränen. Und wenn auch das nicht hilft, dann denke ich an Vater. Wie er an jenem Abend im November auf der Couch saß und heulte wie ein Szlosshund.

Er hätte nicht geweint, sagt Vater.
Habe er wohl, sage ich.
Nein, insistiert er. Weinen sei nicht unsere Art. Wütend wäre er gewesen. Wahnsinnig wütend. Wann wären sie geflohen? Zweiundachtzig? Die sieben Jahre hätten sie noch rumgekriegt. Was uns diese dumme Flucht gekostet habe. Und dann machen die die Mauer auf! Neunzig Monate! Dreiundneunzig! Das hätte er mal ausgerechnet. Dreiundneunzig. Nicht mal hundert. Mit links hätten sie das abgesessen. Sei doch alles halb so schlimm gewesen damals. Hätte man gar nicht machen müssen. Auswandern. Ach, und die Zahnspange, sagt er. Wo wir schon dabei sind. Das sei nur eine Beißschiene gewesen. Doch, doch, ganz sicher, sagt er. Wie ein kleiner Boxer hätte ich ausgesehen. Und die läge noch im Keller, in der alten Szrankwand, hinten in der Szublade.
Nicht in der Regionalbahn? frage ich.
Nicht in der Regionalbahn, sagt er. Das seien Handschuhe gewesen. Nagelneue Handschuhe. Zahnspange, sagt er, hätte es nie gegeben.
Ich hätte weinen können. Aber Weinen ist nicht unsere Art.

Herzlich willkommen zur neunzehnten Ausgabe von »Feine Auslese«.

F / A

#1 / Ich glaube ja noch immer …

… , dass es gut wäre, dem journalistischen Kodex mal ein bisschen ins Getriebe zu gucken. Ob noch ein allgemeines Bewusstsein darüber herrscht, dass Kritik am laufenden politischen Betrieb nicht unbedingt das Gleiche ist, wie ständig dessen bevorstehenden Untergang und Kollaps an die Wand zu malen. Die politischen Unzulänglichkeiten und Verfehlungen dieser Regierung hin oder her, aber ich mag gerade wirklich keine Neuwahlen. Auch wenn ich dankbar bin für jeden beschwichtigenden Geist, der meinen leicht fatalistischen Kopf dahingehend gerade rückt. Aber darum geht es: Diesen Alarmismus herunterzukochen, der gerade so en vogue ist. Denn dem halbmündigen Bürger durch klick- und gewinnmaximierende Schlagzeilen einzureden oder vorzugaukeln, es wäre ein absolutes Desaster, was da im Kanzleramt passiert, das ist auch eine Art von Steigbügelhalterei. Aber bloß nicht falsch verstehen: I’m still not loving Friedrich Merz.

F / A

#2 / Toujours la tristesse

Off-Tag in Hamburg. Eppendorf. Schöne Gegend. Hole einen Kumpel ab. Wohnhaus. Altbau. Ich soll im Hausflur warten. Nach einer Minute geht im Hochparterre die Tür auf. Eine Frau schaut heraus, starrt mich entgeistert an und fragt: »Wohnen Sie hier?«
»Nein«, sage ich.
»Besser ist das«, sagt sie und schließt die Tür.

F / A

#3 / Feine Ablese

Angelesen: Unser nächtlicher Badeort (Opens in a new window) von Stig Dagerman

Da schreibt einer, kaum 30, einer, der nie 40 werden wird, im Schweden der Nachkriegsjahre Erzählungen, die so verhaftet sind, fast festgekettet an seiner eigenen Gegenwart, und 70 Jahre später steht man da, längst älter als er jemals wurde, und man könnte die meisten seiner Texte, wenn man es nicht besser wüsste, für zeitgenössisch halten. Das ist Stig Dagerman. Der Existenzialist. Wovon man sich keinesfalls abschrecken lassen sollte. Einer, der über Menschen schreibt, oft Kinder. Der die wunderliche Gabe hat, über Bande zu erzählen. Das Große durch das Kleine. Das Berührende durch das Sachliche. Das Warme durch das Kalte. Es steckt auch eine hohe Dosis Düsternis in seinen Texten, etwas Grausames, eine unausgesprochene Gewalt oder eine Androhung davon. Vielleicht ist das das Einzige, was an ihm unzeitgemäß ist. Die Erkenntnis, in welcher Sanftheit, in welcher Abstinenz stumpfer Gewalt die meisten von uns leben. Aus dem Schwedischen übersetzt von Paul Berf. Richtig guter Vorname.


Ausgelesen: Gewässer im Ziplock (Opens in a new window) von Dana Vowinckel

Ich bin immer sehr angetan, wenn jemand über Zorn schreibt. Oder Frustration. Besonders Frauen. Vor allem Frauen. Zorn zurückerobern, erzählerisch, ist auch ein Schritt gegen das Patriarchat. Gegen Denis Scheck. Wie viele Subscriber wird es mich kosten, hier Denis Scheck zu erwähnen? Dana Vowinckel schreibt über eine Kleinstfamilie, längst zerbrochen, drei dysfunktionale Teile, die vielleicht ein letztes Mal erkennen, dass sie nicht wieder zusammengefügt werden können. Auch eine emotionale Achterbahnfahrt ist ein Roadtrip. Im Buchclub hat uns der saubere Perspektivwechsel gefallen. Gestört hat uns Kleinkram, nur eine kleine (Geschmacks-) Sache will ich gern erwähnen: Es gibt ein erzählerisches Potenzial im letzten Drittel des Buches, das hätte nochmal richtig knallen können. Also so richtig. Hat es leider nicht. Vielleicht Absicht, vielleicht nicht. Jemand hat gesagt: »Sack zumachen wird halt nicht gelehrt in Hildesheim und Leipzig.« Keine Ahnung, ob das stimmt, aber als Kampfsatz super. Trotzdem: Mochte ich.


Abgelesen: Tja…

Tut mir leid, das jetzt so sagen zu müssen, aber irgendwie war alles halbwegs gut, was ich in letzter Zeit gelesen habe. Auch schön! Wenn ich unbedingt eins raushauen soll, dann muss ich auf die Backlist gucken. Und für die Backlist im hinteren Oberstübchen ist nur noch eine gefühlige Kritik vorhanden, keine argumentativ gültige. »Allegro Pastell« zum Beispiel. Mochte ich nicht. Aber frag mich mal, warum. Keine Ahnung. War mir zu meta, glaube ich. Ist natürlich kein Argument. Klingt so, als sei es mir zu hoch gewesen. Aber das trifft es nur so halb. Habe nur das Gefühl im Puffer der Erinnerung, dass da ein Eingeweihter was für Eingeweihte schreibt. Milieucodes. Distanzsprache. Postironie. Wie wenn ich beim Lesen das Gefühl bekomme, dass der Autor gern auf mich verzichten würde. Ist schon ok, ein Buch zu schreiben, das gar nicht alle ins Boot holen möchte. »Benjamin im Stroboskop« (Opens in a new window) zum Beispiel. Ist aber nicht das Gleiche wie ein Buch zu schreiben, das strauchelnde Schwimmer auf Abstand halten soll.

F / A

#4 / Das Letzte von der Rolle

Trotz aller Arten Unbehagen
gibt es eines doch zu sagen:
Ein gutes Händchen habe ich
für Menschen Komma freundschaftlich.

Ein rechter Riecher unterm Hut,
der mir verkündet: Der ist gut!
Ein linker Riecher in der Brust,
der mir verkündet: kein Verlust.

Ich hab erstaunlich schnell kapiert,
dass Quantität nichts kompensiert.
Ein kleines Grüppchen guter Leute
sticht kompromissbasierte Meute.

Es muss auch keine Clique sein,
ich treff’ mich immer gern allein.
Muss weder in der Mitte steh’n,
noch richtungsweisend vorne geh’n.

Das Leben ist ein Baum mit Zweigen,
die selten gleiche Richtung zeigen,
die voneinander kaum was wissen
und auch nichts wissen wissen müssen.

Mich macht der kleine Tagtraum froh:
Das andachtsvolle: »Ach, hallo!«.
Das sanftgesagte: »Du bist das?«,
wenn ich beizeiten biss ins Gras.

Wenn sich am letzten Tag auf Erden
alle mal begegnen werden.
Die Alten, Neuen, Stillen, Rüden,
am Grab zu einem Ganzen fügen.

Ich werde nicht herunterschauen,
nicht funkeln wie ein Stern zur Nacht.
Doch ich schaue uns entgegen
und ich denke: Gut gemacht!

F / A

#5 / Feiaahmnt.

Ich muss schon zugeben, dass mir von allen prokrastinatorischen Handlungen das Newsletter-Schreiben die liebste ist. Ich hoffe, das merkt man. Wenn ihr jemanden kennt, dem mein gelegentlicher Rundbrief gefallen könnte, schickt den kleinen Racker gerne weiter. Und wenn ihr mir was Nettes dazu sagen möchtet: Antworten geht auch immer. Supporten kann man via Steady (Opens in a new window). Aber machen wir uns keine Illusionen, mehr als 6 Ausgaben pro Jahr gibt mein inneres Reservoir an Herzblut nicht her. Fehlt auch nicht mehr viel von meinem literarischen Side-Tracking und es kommt der Schlägertrupp von Randomhouse und bricht mir beide Beine. Was meinen Verlag übrigens freut, ist der Erwerb meines Romans »Schlesenburg (Opens in a new window)«. Was den Autor freut, ist eine kleine Rezension bei Amazon und Co. Und wem Supporten über Steady zu viel Commitment ist: Es geht auch eine PayPal-Spende (Opens in a new window). Falls ich mir morgen am Bahnhof in München was zu essen kaufen muss. Zwei Tage als Berliner in Bavaria City. Das war’s dann wohl mit der Kreditwürdigkeit. Also bitte nicht der Schufa sagen.

»Schlesenburg« | Taschenbuch | btb-Verlag (Opens in a new window)
F / A

#6 / Nachklang

🔊 David Byrne mit »drivers license« 🔊

https://open.spotify.com/intl-de/track/2MTz9AjGhnRvZi4agwP6BG?si=2f50b9995b7149a9 (Opens in a new window)

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