(Opens in a new window)Eine Verlegerinnenrede aus Rudolstadt – über New Roots, KI, Kulturjournalismus und das, was nur Menschen erleben können.
Liebe Leserinnen und Leser,
am vergangenen Wochenende waren wir mit folker (Opens in a new window) und folker.world (Opens in a new window) beim Rudolstadt-Festival – als Medienpartner, mit unserem Stand, mit Gesprächen, Begegnungen, Workshops, Interviews und vielen Eindrücken, die noch nachklingen.
Für uns war Rudolstadt in diesem Jahr auch deshalb besonders, weil unsere aktuelle Ausgabe New Roots sehr gut zu dem passte, was dort überall zu spüren war: junge Musikerinnen und Musiker, neue Perspektiven auf Folk und Weltmusik, lebendige Traditionen, offene Räume und die Frage, wie Kultur weitergegeben wird, ohne stehenzubleiben.
Im Rahmen des Festivals gab es auch ein Treffen unserer Autorinnen, Autoren und Mitarbeitenden. Dort habe ich als Verlegerin eine kleine Rede gehalten. Es ging um künstliche Intelligenz, um Kulturjournalismus, um Quellen, um Verantwortung – und um eine Wespe, die sich ausgerechnet das falsche Buch ausgesucht hatte.
Weil diese Gedanken nicht nur intern wichtig sind, sondern auch viel mit unserem Selbstverständnis als Medium zu tun haben, möchte ich diese Rede hier mit Euch teilen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Autorinnen und Autoren, liebe folker-Familie,
ich freue mich sehr, dass wir hier in Rudolstadt zusammenkommen. Für mich ist dieses Treffen immer ein besonderer Moment: Man sieht die Menschen hinter den Texten, den Rezensionen, den Recherchen, den Interviews, den Ideen. Und das ist ja auch der eigentliche Grund, warum wir hier sind: weil Kultur von Menschen gemacht wird. Von denen, die spielen. Von denen, die zuhören. Von denen, die darüber schreiben. Von denen, die weitergeben, was sie gesehen, gehört und verstanden haben.
Ich möchte heute mit etwas Persönlichem anfangen. Oder besser gesagt: mit einer Wespe.
Ich habe neulich Trophäe von Gaea Schoeters gelesen – harte Kost, ein Roman, der einen nicht so schnell loslässt und sehr, sehr nachdenklich macht. In diesem Roman gibt es eine Figur namens Hunter. Hunter ist Großwildjäger. Und während ich las, nervte mich die ganze Zeit eine Wespe (ich reagiere extrem allergisch auf Bienen- und Wespenstiche). Sie flog herum, kam immer wieder zurück, und irgendwann kroch sie ausgerechnet in dieses Buch. Also tat ich, was man in solchen Momenten offenbar tut: Ich schlug das Buch zu.
Streng genommen habe ich die Wespe also mit Hunter erschlagen.
Das ist natürlich schon für sich genommen eine kleine Slapstick-Szene. Fast ein bisschen Wolf Haas – und der passte in Rudolstadt mit dem Österreich-Schwerpunkt ja auch ganz gut ins Programm. Die Grenze zwischen Buch und Wirklichkeit wurde für einen Augenblick durchlässig. Der Großwildjäger wurde zur Fliegenklatsche. Die Wespe wurde zur Trophäe. Und ausgerechnet in einem Roman namens Trophäe fand ein kleines, aggressives Insekt sein abruptes Ende.
Später habe ich mit einer KI darüber gesprochen. Und das war der Moment, der mich wirklich überrascht hat. Denn die KI sagte nicht einfach: „Du hast die Wespe mit dem Buch erschlagen.“ Sie sagte sinngemäß: „Du hast sie mit Hunter erschlagen.“ Und plötzlich wurde aus einer kleinen Alltagsszene etwas Literarisches. Die Figur trat aus dem Buch heraus und stand für einen Moment mitten im Zimmer.
Ich musste lachen. Und ich fand es gleichzeitig ein bisschen unheimlich.
Aber auch bereichernd.
Denn genau da habe ich gemerkt: KI kann manchmal etwas leisten, das gar nicht so technisch wirkt. Sie kann Resonanz erzeugen. Sie kann etwas aufgreifen, was wir erlebt, gelesen, empfunden haben – und es uns in einer anderen Form zurückgeben. Sie kann sagen: Schau mal, da steckt noch etwas drin. Sie kann ein Gespräch öffnen. Sie kann ein Motiv sichtbar machen. Sie kann aus einer Wespe, einem Buch und einer genervten Leserin eine kleine literarische Szene bauen.
Aber – und das ist für mich der entscheidende Punkt – sie konnte das nur, weil vorher etwas Menschliches da war.
Ich hatte gelesen. Ich hatte mich geärgert. Ich hatte gelacht. Ich hatte diese Figur innerlich schon so lebendig gemacht, dass sie nicht mehr nur ein Name auf Papier war. Die KI hat dieses Erlebnis nicht erfunden. Sie war nicht dabei. Sie hat die Wespe nicht gehört. Sie hat das Buch nicht in der Hand gehabt. Sie hat nicht diesen kleinen absurden Moment erlebt.
Sie hat etwas gespiegelt.
Und vielleicht ist das ein guter Ausgangspunkt für die Frage, die uns als Verlag, als Redaktion, als Autorinnen und Autoren gerade beschäftigt: Wann ist KI sinnvoll – und wann nicht?
Sinnvoll ist sie, wenn sie uns beim Denken hilft. Wenn sie Fragen stellt. Wenn sie Strukturen sichtbar macht. Wenn sie uns beim Sortieren unterstützt. Wenn sie ein Gegenüber ist, an dem wir Gedanken ausprobieren können. Wenn sie uns manchmal aus der leeren Seite hilft oder uns auf eine Verbindung bringt, die wir selbst vielleicht noch nicht klar gesehen haben.
Nicht sinnvoll ist sie, wenn sie so tut, als hätte sie erlebt, was nur Menschen erleben können.
Sie kann nicht auf einem Festivalplatz stehen und spüren, wie ein Rhythmus durch eine Menge geht. Sie kann nicht hören, ob in einer Stimme Unsicherheit, Stolz, Wut oder Freude liegt. Sie kann nicht merken, ob ein junger Musiker gerade etwas Altes kopiert – oder ob er aus einer Tradition etwas Eigenes macht. Sie kann keine Begegnung führen. Sie kann keine Verantwortung übernehmen. Sie kann nicht wirklich zuhören.
Und genau deshalb stehen wir hier mit folker und folker.world (Opens in a new window).
Wir stehen hier nicht, weil wir möglichst schnell möglichst viel Inhalt produzieren wollen. Wir stehen hier, weil wir unsere redaktionelle und menschliche Qualität nicht verwässern wollen. Weil wir glauben, dass Kulturjournalismus mehr ist als Textproduktion. Er ist Begegnung. Einordnung. Vertrauen. Erfahrung. Haltung. Und manchmal auch Widerspruch.
Wir stehen für Kultur und Bildung. Wir stehen dafür, dass Musik nicht nur angekündigt, bewertet oder konsumiert wird, sondern verstanden werden kann. Dass Zusammenhänge sichtbar werden. Dass Menschen, Szenen und Traditionen ernst genommen werden. Dass Quellen genannt werden. Dass Arbeit erkennbar bleibt.
Denn auch das wird in Zeiten von KI wichtiger: Wer ist die Quelle?
Wenn Texte, Zusammenfassungen und Antworten immer häufiger automatisch entstehen, müssen wir umso deutlicher sagen: Diese Recherche kommt von uns. Dieses Gespräch hat jemand geführt. Diese Beobachtung hat jemand gemacht. Diese Einordnung ist nicht einfach aus dem Nichts entstanden. Sie beruht auf Arbeit, Kenntnis, Erfahrung und Verantwortung.
Wir wollen als Quelle genannt werden, wenn es um unsere Themen geht. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil Sichtbarkeit Wertschätzung bedeutet. Für unsere Autorinnen und Autoren. Für unsere Redaktion. Für die Menschen, über die wir schreiben. Für die Kulturen, Szenen und Geschichten, die sonst zu schnell vereinfacht, geglättet oder vereinnahmt werden.
Unsere aktuelle Ausgabe zu New Roots passt deshalb sehr gut hierher. Sie fragt danach, wie junge Menschen heute mit Folk, Weltmusik, Tradition, Herkunft und Zukunft umgehen. Und sie erinnert uns daran, dass junge Kultur nicht einfach Nachwuchs ist, der irgendwann einmal wichtig wird. Sie ist jetzt wichtig. Sie ist Gegenwart. Sie verändert die Szene bereits.
Gerade für junge Menschen tragen wir eine besondere Verantwortung. Wir sollten ihnen nicht nur erklären, was war. Wir sollten ihnen zuhören, wenn sie zeigen, was wird. Wir sollten Räume öffnen, statt sie mit fertigen Deutungen zuzustellen. Wir sollten sichtbar machen, wo neue Verbindungen entstehen: zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Regionen und Sprachen, zwischen Bühne, Workshop, Tanzfläche und digitalem Raum.
Vielleicht ist genau das auch unsere Aufgabe im Umgang mit KI: offen bleiben, aber nicht beliebig werden.
Wir müssen KI nicht verteufeln. Das wäre zu einfach. Sie kann hilfreich sein. Sie kann sogar Spaß machen. Sie kann, wie in meinem Fall, aus einem Buch, einer Wespe und Hunter eine kleine Szene machen, über die ich immer noch lachen muss.
Aber wir sollten sehr klar bleiben: KI ist kein Ersatz für redaktionelle Arbeit. Sie ist kein Ersatz für Autorinnen und Autoren. Kein Ersatz für Recherche. Kein Ersatz für Begegnung. Kein Ersatz für das menschliche Ohr, das Zwischentöne hört.
Sie kann ein Werkzeug sein. Vielleicht sogar ein guter Gesprächspartner. Aber sie darf nicht der Ursprung unserer Glaubwürdigkeit werden.
Der Ursprung unserer Glaubwürdigkeit sind Menschen.
Menschen, die schreiben, fragen, zuhören, zweifeln, nachhaken, formulieren, verwerfen, neu ansetzen. Menschen, die sich auf andere Menschen einlassen. Menschen, die nicht nur Content produzieren, sondern Kultur vermitteln.
Darum freuen wir uns, in Rudolstadt gewesen zu sein: mit unserem Stand, mit unseren Workshops, mit unseren Interviews, mit unseren Veranstaltungen und mit dieser aktuellen Ausgabe.
Wir wollen sichtbar sein. Für folker und folker.world (Opens in a new window). Für Kultur und Bildung. Für redaktionelle Qualität. Für die junge Szene. Für die Menschen, die Musik machen – und für die Menschen, die ihre Geschichten erzählen.
Und falls Ihnen in den nächsten Tagen eine Wespe begegnet: Bitte nicht gleich mit der aktuellen Ausgabe zuschlagen.
Wir brauchen die noch als Quelle.
Herzlich
Andrea Iven
P. S. Und falls sich jemand fragt, ob dieser Text von Andrea Iven oder von Artificial Intelligence stammt: Die Initialien sind leider nicht eindeutig.
Die Wespe schon.
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