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Die Empowerment-Lüge

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger


Selbstwirksamkeit – Buchhandlungen quellen über mit Selbsthilfebüchern. Jeden Monat frische Neuerscheinungen. Die Auswahl ist riesig. Auf Social Media das gleiche Bild. Empowerment für Frauen ist inzwischen ein gigantischer Markt. Auf den ersten Blick erscheint die Idee einer radikalen, individuellen Selbstwirksamkeit für Frauen verlockend. Die Vision: Frauen brauchen nur genug Zuspruch, um zu erkennen, dass sie alles schaffen können. Aber was, wenn das eine einzige, große Lüge zulasten von Frauen ist?

Frauen können alles schaffen. Gleichzeitig: Fast an jedem Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch die Hand eines Mannes, dem sie vertraut. Dieser harte Bruch kommt nicht von ungefähr. Während Frauen erzählt wird, dass Sicherheit und Schutz in ihrer Hand liegen, scheitern sie an Strukturen und Gesellschaftsnormen, die genau das verhindern.

Empowerment im Sinne plakativer Pop-Psychologie steht dafür, Frauen zu erzählen, dass gute Entscheidungen den Unterschied machen. Wie sehr diese Perspektive im Umkehrschluss Victim Blaming beinhaltet, darüber wird kaum gesprochen. Denn kehrt man die These um, spricht sie von Frauen, die Gewalt erleben, weil sie keine guten Entscheidungen getroffen haben. Die Fehler gemacht haben, bei der der Wahl des missbräuchlichen Partners. Von Frauen, die zu lange geblieben sind und damit vermeintlich falsch entschieden haben.

Die Psychologie weiß: Wer Fehler macht, erntet weniger Empathie. Hart ausgedrückt ist die Bereitschaft im Menschen größer, sich auf die Seite von Gewinnern, als von Verlierern zu stellen. Für den Umgang mit Opfern bedeutet das Selbst schuld ist das Gefühl, dass sich bei dieser Sichtweise einstellen darf. Und eine Art Selbstrechtfertigung für Distanz von ihnen.

Und so erscheint es plötzlich fast plausibel, dass Frauen nach Gewalt ohne Unterstützung, Wohnung, Geld, Schutz oder sogar Kinder dastehen. Schließlich haben sie sich das ja (ein Stück weit) selbst so ausgesucht.

Toxisches Empowerment

Wer heute simples Empowerment propagiert, will das so nicht sagen. Vielleicht meint er oder sie es nicht einmal bewusst. Doch hinter der Anleitung zur Selbstwirksamkeit steckt eine unausgesprochene, manchmal unbewusste Sicht auf Opfer, die sie einordnet, abwertet und zum Co-Urheber des eigenen Unglücks ernennt. Positiv besetzt meint der Begriff vor allem Frauen, die es geschafft haben. Die Vorbilder sind in Sachen Karriere, die Hindernisse überwunden haben. Die auf der anderen Seite von Gewalt, Struggle und Überforderung sind.

Schwierig ist diese Perspektive vor allem deshalb, weil sie die Realität von Betroffenen ausblendet. Nicht jedes Problem lässt sich aus eigener Kraft lösen. Manche Hürde ist im Wissen errichtet, dass Frauen sie nach Gewalt mit Trauma, Armut und der Verantwortung für traumatisierte Kinder nicht überwinden können. Dennoch wird ihnen erklärt, dass ihr Scheitern in erster Linie mit ihnen selbst zu tun hat.

Wie sehr diese Sichtweise verbreitet ist, berichten Betroffene regelmäßig aus dem Hilfesystem. Wohlmeinend wird ihnen erklärt, wie sie stärker, mutiger, selbstbewusster sein könnten. Das mache sie nicht weiter zu Opfern und zugleich zu besseren Müttern. Von Gewalt betroffene Frauen empfinden diese Einordnung als ungerechtfertigt und erniedrigend. In so gut wie keinem Fall bleiben Frauen aus fehlender Courage. Sie bleiben, weil sie es müssen. Weil Täter mit Mord, Kindstötung und erweitertem Suizid drohen. Sie bleiben, weil eine Trennung sie finanziell vernichtet. Sie bleiben, um ihre Kinder zu schützen oder weil das Umfeld massiv Druck auf sie ausübt. Würde Frauen vor allem der Mut fehlen, wie es Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), jüngst auf einer Pressekonferenz zu Gewalt gegen Frauen feststellte, könnte mehr Frauen geholfen werden. Doch es ist nicht Mut, der ihnen fehlt. Es sind Strukturen die fehlen, für das, was nach dem Mut kommt.

Empowerment für Frauen liegt im Trend. Das Konzept der Selbstbefreiung entstand in den 1950er-Jahren im Umfeld der Schwarzen Bürger:innenbewegung in den USA. Befreiung und der Kampf um Demokratie einer ganzen Bevölkerungsgruppe standen im Vordergrund. Die Art und Weise, wie der Begriff heute insbesondere im Feminismus westlicher Frauen eingeordnet wird, weist gleichzeitig Gemeinsamkeiten und fatale Abweichungen auf. Zugute halten kann man der Verwendung des Begriffs, dass es weiterhin um demokratische Rechte, wie etwa das Recht auf Abtreibung oder das Recht auf den Schutz vor Gewalt geht. Doch alles was danach kommt, verlegt die Debatte gefährlich weit hinüber in die Verantwortlichkeit einzelner Frauen und entbindet den Staat und seine Strukturen aus der Verantwortung.

Gläserne Decke beim Selbstschutz

Eine gläserne Decke, wie sie Marilyn Loden 1978 als unsichtbare Karrieregrenze nach oben für Frauen im Beruf beschrieb, existiert für Frauen auch in Sachen Schutzrechte und Selbstwirksamkeit.
Von Frauen zu erwarten, sich nur genug für den eigenen Schutz und die Selbstermächtigung zu stärken, lässt strukturelle Hindernisse außen vor. Auch starke Frauen können nicht alleine Barrieren einreißen, die genau zum Zweck ihrer Beschränkung errichtet wurden. Es braucht mehr, als die Illusion von Power und Zuversicht, um reale Wirksamkeit zu erzeugen.

Und genau hier entlarvt sich die Empowerment-Debatte. Denn mehrmals um die tatsächliche Wirkungsmacht von Frauen, geht es um die Illusion davon. Frauen sollen das Gefühl haben, wenn sie nur das Richtige tun und stark genug werden, dann können sie sich schützen. Das zementiert in ihnen die innere Schuldfrage und ein Bewusstsein, dass sie an Gewalt vor diesem Erreichen selbst schuld sein müssen. Das hält Frauen in einer Spirale aus Schuld und einer Zielsetzung, die immer ein Stück weit unerreichbar bleibt. Denn Taten geschehen auch dann, wenn Frauen alles richtig machen. Den ultimativen Schutz haben Frauen selbst nicht in der Hand. So ist jede neue Erfahrung ein Rückschlag der eigenen Wirksamkeit.

Wenn Strukturen unerwähnt bleiben

Bleibt die Frage, warum wir es als westliche Gesellschaften so sehr lieben, Frauen zu erzählen, dass sie es schaffen können, wenn sie sich nur genug anstrengen. Die Antwort ist banal und sie kommt von verschiedenen Seiten.

Ein System, das Frauen klein halten will, braucht Frauen, die sich die Schuld geben und sich ständig selbst optimieren wollen. Es braucht Frauen, die nie ankommen können. Nie genug sind. Es hält ihnen die Vorbilder besonders erfolgreicher oder besonders schöner Frauen vor die Nase, wie dem Esel die Karotte auf dem Pfad. Die Wahrheit ist: Diese Vorbilder sind für manche Frauen bei aller Anstrengung nie zu erreichen. Strukturelle Hürden wie Armut, Krankheit, Behinderung, Care-Arbeit, Gewaltbetroffenenheit, Trauma teilen nicht alle Frauen. Wer Frauen vergleicht, obwohl nichts vergleichbar ist, ermutigt nicht, es dem Vorbild gleichzutun. Er wertet ab und instrumentalisiert hierfür Frauen, die ohne gleichwertige Hindernisse zum Ziel kamen. Das System kann zudem auch Frauen gut gebrauchen, die andere Frauen in check halten und stetig bewerten, ob sie klug genug handeln. Ein solches System erhält und kontrolliert sich im Sinne des Patriarchats hervorragend selbst.

Die andere Seite der Antwort sind Frauen selbst. Die einen werten sich auf, als diejenigen, die keine Gewalt erleben, weil sie schon immer alles richtig machen. Den anderen, mit Gewalterfahrung, gefällt der Gedanke, dass es etwas gibt, das sie tun können, um nicht (wieder) Opfer zu werden. Selbstwirksamkeit wird zum Anreiz und Must have, in die Geld für Coachings und Literatur investiert wird. Denn der Gedanke handlungsunfähig zu sein, ist zu schmerzhaft. Die Vorstellung, es dem Zufall zu überlassen, ob und wann noch einmal etwas passiert, ist bedrohlich. Also trägt der Gedanke, es selbst in der Hand zu haben, über dieses Gefühl hinweg.

Empowerment braucht Gemeinschaft

Gibt es einen Weg, wie Empowerment wirklich wirksam wird? Den gibt es. Aber er liegt nicht primär in der Idee, einer individuellen Stärkung von Frauen. Frauen, die noch mehr tragen, noch mehr aushalten, einzeln noch mehr kämpfen, sind nicht die Lösung. Sie sind der Schlüssel zur persönlichen Selbsterschöpfung und gerade damit zum Systemerhalt.

Wer Frauen wirklich stärken will, schafft Strukturen, die das Kollektiv stärken. Einzeln werden Frauen immer bedroht sein, egal wie stark sie sind. Außer, sie spielen mit im Patriarchat. Doch das ist nicht dasselbe wie Stärke und Erfolg. Und dieses oben sein hält im Zweifel nur kurz.

Erst gemeinsames Handeln ermöglicht einen Wandel. Gemeinsam unüberhörbar, gemeinsam laut, gemeinsam sichtbar. Dann lassen sich selbst Strukturen überwinden, die Frauen traditionell einschränken, wie Einschränkungen durch Kinderbetreuung, fehlende finanzielle Ressourcen, wenig zeitliche Ressourcen, wenig Sichtbarkeit. Ein Netzwerk aus Frauen kann gemeinsam das, wozu individuelles Empowerment Frauen nicht befähigt.

Modernes Empowerment ist die Illusion, alleine die eine Frau sein zu können, die es gut genug macht. Doch ein an Männern ausgerichtetes System ist nicht dafür gemacht, dass Frau es einzeln schafft. Frauen zu stärken, bewegt sich regelmäßig auf einem sehr schmalen Grat zwischen Stärken und in die Irre führen. Eine Frau, die Souveränität gelernt hat und solide für sich entscheidet, ist handlungsfähig. Doch immer nur so weit, wie das System es für sie vorgesehen hat. Danach ist dennoch Hilfe nötig. Wo Barrieren sind, braucht es andere Frauen und viele gemeinsam, die sie einreißen. Frauen wurden seit Jahrzehnten damit beschämt, bloß nie überfordert zu sein. Doch das Leben im Patriarchat überfordert Frauen. Es ist wichtig, das genau so zu benennen. Überforderung ist ein Indiz für ungesundes Strukturen. Hindernisse. Nicht für das Versagen eines Individuums.

Wo Barrieren sind,
braucht es andere Frauen
und viele gemeinsam,
die sie einreißen.

Selbstwirksamkeit ist erst der Anfang. Sie endet dort, wo die Gemeinschaft für Frauen ein- und aufstehen muss. Nicht weil Frauen schwach sind, sondern weil Frauen nur gemeinsam einen Wandel bewirken.

Topic Stimme gegen Gewalt

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