(Opens in a new window)19/03/2026
Liebe Leute,
heute gibt's keinen substantiellen Text von mir – ich bin immer noch ein wenig überwältigt von der Tatsache, dass der englische Zero Books Verlag mein kleines rosa Buch auf Englisch herausbringen will, und mache mir ehrlich Sorgen, wie ich unser Herbstevent, das zweite deutsche Buch, und eine gute englische Übersetzung meines erstens Buchs alles in den nächsten 6-7 Monaten gewuppt kriegen werde, aber muss ja irgendwie 😬
Was es aber gibt, ist ne Sache, auf die ich, und vielleicht manche von Euch auch, schon ne Zeitlang warten: einen Genoss*innenbeitrag von der Orgacrew unseres Events, das bis vor kurzem noch den etwas ineleganten Namen “Zukunftstrainingslager (Opens in a new window)” hatte, und jetzt “Mutual Aid H.E.A.T.” heißt. Der Beitrag wird Euch nochmal in mehr Detail erklären, was wir – die mittlerweile auf 20-30 Menschen angewachsene Crew, bestehend in Teilen aus Veteran*innen der Kollapscamp-Orga, aber auch aus Menschen, die vollkommen andere politische Erfahrungen haben – im September planen; UND er wird erklären, wie ihr am Event teilnehmen könnt, wie ihr sicherstellen könnt, dass ihr keine Anmeldefristen o.ä. Verpasst.
Wir haben uns Mühe gegeben, das Event in ziemlich viel Detail zu erklären, weil... naja, wenn ich meinem Freund und Genossen Riot Turtle aus Wuppertal (Opens in a new window) glauben darf, weil es so ein Event wie unser Mutual Aid Heat hat es in 50 Jahren Aktivismus, die er miterlebt hat, noch nicht gegeben. Wir wollten sicherstellen, dass Ihr wisst, worauf Ihr Euch einlasst, denn wir planen, im Vorfeld des Events schon viel mit den Teilnehmer*innen zu kommunizieren, und den Zeitraum nach dem Event schon vor dem Event vorzubereiten: denn es geht uns nicht nur um ein one off Event nachdem Alle einfach wieder nach Hause gehen. Es geht uns darum, zur Entstehung resilienter, handlungsfähiger Organisierung beizutragen.
Letzter Punkt von mir, zum Namen der Veranstaltung. Zuerst mal bedeutet “mutual aid” einfach nur “gegenseitige Hilfe”, und H.E.A.T. steht für “hostile environment awareness training”, ein szenariobasiertes und hochintensives Trainingsformat, das für Personen entwickelt wurde, die in Krisen- und Katastrophenregionen arbeiten. Das klang in unseren Ohren deutlich cooler, als der viel zu … buchstäbliche Name von vorher. Und ein radikales Projekt muss halt auch ein bisschen cool sein muss, um Resonanz zu erzeugen.
Nach dieser etwas länger als geplanten Vorrede, hier habt Ihr sie: Infos, Details, und die Einladung zum Mutual Aid H.E.A.T. Im September dieses Jahres.
Mit freudigen und gleichzeitig arbeitsgestressten Grüßen,
Euer Tadzio
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Zukunftstrainingslager + Mutual Aid HEAT : gemeinsam handeln lernen.
Stellt Euch vor, es ist Katastrophe: Internet und Telefon fallen aus, Verunsicherung macht sich breit. Stellt Euch vor, Ihr seid bei einem CSD oder in einer Geflüchtetenunterkunft, und plötzlich steht ein Haufen Nazis vor Euch. Stellt Euch vor, dass ganze viele krank werden, und keine Ärztin kommt, weil die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. Oder stellt Euch vor, dass die Nahrungsmittellogistik kriselt, und es auf einmal nicht mehr genug zu essen gibt. Stellt Euch vor, dass um Euch herum die Normalität kollabiert, dass Menschen beginnen, sich isoliert und ängstlich zu fühlen. Was braucht Ihr dann, um euch sicher zu fühlen? Was macht euch unsicher und wie könnt ihr sicherstellen, dass ihr handlungsfähig seid?
Und dann stellt Euch vor, Ihr seid vorbereitet, habt eine ganze Reihe von Notfallskills trainiert und gemeinsam ausprobiert, könnt Euch und Anderen in der Katastrophe praktisch helfen. Um das zu ermöglichen, laden wir Euch zu einem einwöchigen Intensivkurs ein: eine Mischung aus Trainingslager und dem Eintauchen in eine fiktive Welt, in denen wir das gemeinsam Gelernte live durchspielen (wir nennen das vorsichtig: "Mutual Aid HEAT": hostile environment awareness training). Vier Tage Training in der fiktiven Welt, zwei Tage das Gelernte in Szenarien durchspielen, danach gemeinsam die Erfahrung reflektieren, dazwischen Bewegungsgeschichte lernen, miteinander Zeit verbringen, um - zentral für "solidarisches Preppen" - Beziehungen aufzubauen.
Wann & wo? 20.-27.9, Alte Hölle, Brandenburg. Ankunft Sonntagnachmittag, Beginn Sonntagabend mit einem gemeinsamen Plenum, ab Montagmorgen starten die Trainings und Szenarien, Abreise Sonntagmittag.
Warum? Wir wollen mit diesem Event dem Ziel näherkommen, in Katastrophen praktisch und emotional handlungsfähige Strukturen zu schaffen. Dafür braucht es neue Formate, die mehr in die Tiefe gehen. Dieses Event ist der Versuch, eine neue Art des Aktivismus zu lernen. Eine, die weiß, dass im Kollaps mehr Risiken auf uns zukommen, dass es mehr Vorbereitung und Ausbildung braucht als im Kampagnenaktivismus der vergangenen Jahrzehnte.
Wer? Wir planen ein Event für diejenigen, die die Bedrohung durch Kollaps und Autoritarismus so ernst nehmen wie wir; die wissen, dass wir uns jetzt auf Klimakatastrophen, auf autoritäre Machtübernahmen, auf Systemzusammenbrüche vorbereiten müssen, nicht erst in ein paar Jahren; und die wissen, dass sich für eine Zukunft mit zunehmenden Katastrophen vorbereiten bedeutet, jetzt Zeit und Ressourcen in diese Vorbereitung zu investieren. Wir wollen, dass aus diesem Event praktische Organisierung entsteht, weshalb es auch kein “offenes” Event ist. Stattdessen werden wir schon im Vorfeld des Camps mit potenziellen Teilnehmenden kommunizieren und einen Auswahlprozess organisieren. Wir freuen uns besonders über Kollektive und Gruppen, die teilnehmen wollen, oder “Delegierte” schicken. Wie viele? Wir gehen von 150 - 200 Teilnehmenden aus, im Schnitt 50 pro “Trainingsstrang”. Da wir wahrscheinlich nur begrenzt an institutionelle Fördergelder heranzukommen, werden wir Teilnehmer*innenbeiträge erheben müssen, können aber auch versprechen, dass keine Teilnahme daran scheitern soll, dass mensch keine Kohle hat. Ohne praktische Solidarität keine solidarische Kollapsbewegung.
Was? Das Zukunftstrainingslager wird in vier Trainingsstränge (Kommunikation; Kollektiver Selbstschutz; Versorgung und Logistik; Medizinischer und emotionaler Support) aufgeteilt sein. Jede*r Teilnehmer*in meldet sich für nur einen dieser Trainingsstränge an und ist den kompletten Zeitraum vor Ort - wir wollen uns fokussieren und in die Tiefe gehen:
Training Nr. 1: Kommunikation: Was tun, wenn Telefon, Internet und Strom ausfallen?
Anfang des Jahres fiel in Teilen Berlins nicht nur der Strom aus, und vielen blieb die Wärme weg – in den vom großen Stromausfall betroffenen Bezirken konnte auch niemand mehr telefonieren. Telekommunikation ist in unserer Gesellschaft absolut zentral für gesellschaftliche Teilhabe im Allgemeinen, aber auch für die Organisierung jederlei Demo, Party, jedes Dates und jeder Familienfeier. Und wir sehen in autoritären Regimen, dass Kontrolle über Internet und Kommunikation zentrale Mittel sind, um Widerstand zu neutralisieren oder kleinzuhalten. Was also, wenn alle Telekommunikation plötzlich ausfällt?
Auf solche Szenarien wollen wir uns vorbereiten: wir wollen miteinander lernen, in Notfallsituationen effektiv und solidarisch miteinander kommunizieren zu können, ob live und in Person, per Sprechfunk oder Radiosender, oder mit einem “Lora/Meshtastic”-Netzwerk. Wir planen ein viertägiges Intensivtraining zu Kommunikation in der Katastrophe, denn ohne Kommunikation kann es keine solidarischen Netzwerke in Katastrophen geben.
Training Nr. 2: Kollektiver Selbstschutz: was tun, wenn wir angegriffen werden?
Alltägliche Attacken auf migrantisierte und trans Menschen, auf Frauen und Queers, auf Menschen mit Behinderung; organisierte Anschläge auf Geflüchtetenunterkünfte, Naziangriffe auf CSD, militanter Antifeminismus als politisches Projekt: die faschistische Gewaltkatastrophe ist keine Zukunftsmusik, sie betrifft jetzt schon massiv und steigend eine immer größere Anzahl marginalisierter Communities. Und: ob die Polizei “uns” dabei schützt, darüber steht zumindest ein großes Fragezeichen, für manche ist die Polizei selbst eine der größten Quellen von Gefahr und körperlicher Gewalt. Was also tun, wenn wir angegriffen werden, und niemand anderes uns verteidigt?
Um selbstwirksame Antworten auf diese Fragen zu entwickeln, planen wir ein Training zum Thema “Kollektiver Selbstschutz”. Natürlich ist die beste Strategie immer die, die potenzielle Gegner*innen von Angriffen abschreckt, aber sollte das nicht funktionieren, werden wir auch lernen, uns selbst gegen Menschen zu verteidigen, die uns mit oder Waffen angreifen; wie wir uns zusammen bewegen müssen, um Gruppen wie z.B. Demos sicherer zu machen, und wie wir uns für und in solchen Notfällen organisieren können.
Training Nr. 3: Versorgung und Logistik: Was tun, wenn's nichts mehr zu essen gibt?
Die Supermärkte sind zu, weil Stromausfall, die Lieferketten funktionieren nicht mehr, weil Transportkollaps, oder, oder, oder.Das Essen bleibt weg: was tun? Wie fangen wir an, die Versorgung unserer Nachbar*innenschaft, unserer “Community” sicherzustellen? Wie bauen wir solidarische Logistik-Netzwerke auf, die in so einer Situation in der Lage sind, sich und andere mit Nahrungsmitteln zu versorgen?
Um uns auf so eine Situation vorzubereiten, planen wir ein viertägiges Intensivtraining zum Thema “Nahrungsmittelversorgung und -Logistik”. Was ein bisschen schwerfällig klingt ist, halten wir für zentrales Wissen in einer von Kollapsdynamiken bestimmten Zukunft: wer weiß, wo es was zu essen gibt, wer Menschen mit Essen versorgen kann, stellt den Kern einer Gemeinschaft dar. Wir wollen anfangen zu lernen, diesen Kern im Notfall bilden zu können, und vom landwirtschaftlichen System über Transport und Logistik bis zu “wie und was koche ich für Großgruppen?” lernen, einander auch in der Katastrophe mit gutem Essen zu versorgen.
Training Nr. 4: Medizinischer und emotionaler Support
In einer Zukunft voller Kürzungen, Katastrophen und Kollaps ist es unrealistisch, davon auszugehen, dass immer medizinische und psychologische Notfallversorgung da ist. Wir selbst sind vielleicht noch nicht unmittelbar betroffen, aber für viele Menschen existiert diese schon heute nicht mehr. Egal ob Hitzewelle, Flutkatastrophe oder Naziangriff, es ist nie falsch, zu wissen, wie wir selbst Anderen helfen können, die verletzt, bewusstlos oder traumatisiert sind. Wer weiß, was im Notfall zu tun und was zu lassen ist und was mit den vorhandenen Ressourcen umsetzbar ist, ist Angriffen und anderen Katastrophen nicht länger hilflos ausgeliefert.
Um uns auf solche Situationen vorzubereiten, planen wir ein viertägiges Intensivtraining zum Thema NECAM Notfallversorgung, Emotional Care & Alltags-Medizin – unsere Großeltern wussten nicht zufällig von Sachen wie “Wadenwickeln” etc. Aber es wird nicht nur um das Erlernen “technischer” Fähigkeiten gehen, denn wir wollen lernen, wie wir in Notfallsituationen miteinander umgehen, wie wir uns gemeinsam bewegen, wie wir Situationen überblicken. Wer schon mal bei Demos Demosanis erlebt hat: das sind unsere Vorbilder.
Gemeinsamer Höhepunkt: Mutual Aid HEAT
In einem praxisnahen Training, das in einer fiktiven Welt stattfindet, erhältst du die einzigartige Gelegenheit, aus dem Alltag auszubrechen, Training und Aktivismus neu zu erleben! Dieses Training bietet dir die Möglichkeit, in einem sicheren Rahmen Handlungen auszuprobieren, Emotionen zu verarbeiten und von Menschen begleitet zu werden. Kennen wir nicht alle das Phänomen, dass wir in einem Training waren, etwas Neues gelernt haben und sobald wir es anwenden sollen, das Gelernte nicht mehr abrufbar ist?
Standard-HEAT-Trainings gehen immer wieder aus einer Szene heraus, bauen kurze Rollenspiele ein und machen theoretisches Wissen in kurzen Abständen erfahrbar. Wir werden eine Welt schaffen, in der ihr als Teilnehmer*innen von Anfang an immer weiter mit dabei seid. Wiederkehrende Charaktere und Szenarien, die aufeinander aufbauen, machen erlebbar, was es heißt, handlungsfähig in einer Storyline zu sein. Weil Deine Entscheidungen und Dein Verhalten mit Dir und Deiner Gruppe nicht nach jeder Szene enden, schaffen wir ein Miteinander, in dem ein Bewusstsein dafür geschaffen werden kann, langfristig solidarisch miteinander in der Krise umzugehen, sich zu organisieren und über das Theoretische hinaus solidarisch zu bleiben.
Neben Teilnehmer*innen brauchen wir auch Menschen die bereit sind, bestimmte Rollen im Rahmen unserer Trainings zu übernehmen und die bei der Koordination der Rollenspieler:innen helfen. Du hast bereits Erfahrungen als Rollenspieler*in gesammelt, möchtest Menschen in ihrem Lernprozess begleiten und eine fiktive Welt mit Leben füllen? Dann melde Dich gerne bei uns. Wir sind noch auf der Suche nach Menschen, die sich vorstellen können, Teams von 3-5 Rollenspielern zu koordinieren (Raum Halten, Übungen anleiten, Theater pädagogische Übungen etc.) und nach Rollenspielern die einen oder mehrere Charakter tiefer ausarbeiten wollen.
Solltet Ihr Interesse haben, als Rollenspieler*in, Rollenspieler*innen Koordinator*in oder als Teilnehmer*in am Start zu sein, schickt eine E-Mail an folgende Adresse:
zukunftstrainingslager@systemli.org (Opens in a new window) (pgp key auf Anfrage)
Eure Mutual Aid H.E.A.T. Orgacrew