Skip to main content

“Sei einfach leise”, oder: die Dominotheorie der Arschlochisierung

Screenshot aus Handmaid's Tale, Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/tv/tv-fahrplan-fuers-wochenende-the-handmaid-s-tale-wildes-herz-und-bojack-horseman-a-855b4489-6139-49e6-b668-55e6e92336c7

12/02/2026


Liebe Leute,

es tut mir leid, schon wieder so alarmistisch zu klingen, aber: ist Euch bewusst, dass in der gegenwärtigen rechten Offensive Alles auf dem Tisch liegt, dass diese sich anschickt, jedes, absolut jedes einzelne Recht und Privileg abzuräumen, das sich subalterne (ausgebeutete, unterdrückte) Subjekte in den letzten ca. 170 Jahren erkämpft haben? Und dass es perspektivisch deswegen nicht einmal für jenes privilegierteste aller Subjekte, den weißen, wohlhabenden, staatsbürgerschafthabenden cishetero Mann, wirklich “sichere” Rückzugsräume geben wird, weil es Ziel der rechten Offensive ist, einen öffentlichen Raum herzustellen, in dem nur sie und ihre Stimmen seh- und hörbar sind, und wer Dinge sagt, die dem Führer und seiner SA missfallen, dann halt in Zweifelsfall keine Bürger*innenrechte mehr hat? Denn: jedes Recht einer Kreatur, die aus Sicht der Rechten unterhalb des Führers steht, schränkt die absolute Handlungsfreiheit des Führers ein, und ist als solches kein absolutes Limit, sondern eine Schranke, die es zu überwinden gilt.

Ich betone die Tatsache, dass es mittelfristig auch für die privilegiertesten Subjekte in einer kollabierenden, arschlochisierenden Welt keine wirklichen Schutzräume geben wird, weil die Beispiele rechter Landnahme, auf die ich mich gleich beziehen werde, zuerst einmal verschiedene subalterne Subjekte betreffen – ich hoffe aber, ich muss nicht zum zweiten Mal in der Geschichte dieses Blogs das berühmte Niemöller-Gedicht zitieren, damit klar ist: wer heute zulässt, dass Rechte die Rechte Anderer, ohnmächtigerer Subjekte einschränken, liefert sich damit mittelfristig selbst an den faschistischen Galgen.




Dominotheorie

Die Älteren unter Euch werden sich vielleicht noch an die “Dominotheorie” aus dem Kalten Krieg erinnern, die besagte, dass der Übergang eines Landes zum “Kommunismus” unausweichlich eine Kettenreaktion in anderen Ländern auslösen würde, was wiederum die Investition erheblicher Ressourcen begründete, um kein einziges Land “Kippen” zu lassen. Die Theorie war damals ziemlicher Schrott, aber im gewissen Sinne gehe ich davon aus, auch beeinflusst von dem, was wir mittlerweile über betriebliches und community “organizing” wissen, dass jeder rechte Erfolg im Abräumen eines Rechts einer von ihnen verhassten Gruppe ihren gesellschaftspolitischen Blutrausch anheizen, sie noch mutiger, motivierter und stärker machen wird.

Und wo wird angesetzt? Natürlich an den Rändern, gegen die Ränder. Zuerst werden die Rechte der Schwächsten abgeräumt, jener, die im deutschen Verbändestaat keine Lobby haben, am besten derer, vor denen auch die “humanistische Mitte” ein wenig Angst hat (zb eher “dunkelhäutige” MigrantEN), oder, von denen sich auch die Mitte ein wenig “überfordert” fühlt. Angesetzt wird bei erst kürzlich erkämpften und daher am wenigsten gesellschaftlich abgesichterten Rechten von trans Menschen, und in der Hinsicht haben sie die Schlacht fast schon gewonnen: die meisten nicht zumindest potenziell “cis-passing” trans Menschen, mit denen ich spreche, fühlen sich jeden Tag, den sie sich draußen auf der Straße bewegen, aktiv unsicher und bedroht. Ihre Fähigkeit, im öffentlichen Raum sie selbst zu sein, einfach nur zu existieren, ist jetzt schon keine praktische Realität mehr. Score one for the fascist assholes' offensive.




Dominosteine

Ihr habt vermutlich von Pascal Kaiser gehört, dem queeren Profimännerfußball-Schiedsrichter, der seinem Freund im FC Köln-Stadion einen öffentlichen Heiratsantrag machte. Daraufhin gab's einen Riesenshitstorm, Kaiser wurde “gedoxxt” (seine Adresse veröffentlicht), es gab eine mediale Diffamierungskampagne – dass daran wohl nicht alles falsch war, dass Kaiser in der Kölner Schwulenszene tatsächlich eine umstrittene, vage zwielichtige Figur mit nicht unerheblichen Schulden bei vielen Kneipiers ist, ändert nichts an der Tatsache, dass ein öffentlicher heterosexueller Heiratsantrag nie zu einer derartigen Reaktion geführt hätte – und am Ende stand, was zu erwarten war: Kaiser wurde zu Hause angegriffen und verprügelt, nicht nur einmal, sondern zweimal (Opens in a new window), bedrückende Fotos seines geschwollenen, brutalisierten Gesichts machten die Runde in den sozialen Medien.

Was war passiert? Naja, der deutsche Männerfußball ist im Grunde Ground Zero deutscher toxischer cishet Männlichkeit (nicht nur, aber auch, liebe linke Fußballfans, und denkt bitte dran, dass ich seit 40 Jahren Fußballtorwart bin), und Pascal Kaiser beging mit seiner Verschwulung dieses geheiligten Raums eine Kardinalsünde, für die er büßen musste, ganz einfach. Die Message dahinter: “nein, Ihr Schwuchteln, nur, weil wir Euch jetzt erlaubt haben, zu heiraten, und Euch manchmal auf der Straße Händchen halten lassen, seid Ihr nicht gleich, habt Ihr nicht die selben Rechte, seid ihr uns unterlegen und untergeben: geht zurück in den Schrank, da gehört Ihr hin.” Dass fast gleichzeitig in den USA die Trump Regierung beschloss, die Pride Fahne vom Stonewall Memorial zu verbannen (Opens in a new window), war da nur das symbolische icing on the cake.

Dass ich mit einem Angriff auf einen queeren cis Mann anfange, ist vielleicht nachvollziehbar, ich könnte die Geschichte aber auch von jedem anderen “progressiven” Recht anfangen.

Zum Beispiel das Recht auf gewerkschaftliche Organisierung, die “Koalitionsfreiheit”: die steht noch ziemlich fest, aber dass Elon Musks Tesla in Grünheide gerade einen Gewerkschaftsvertreter per Security aus einem Betriebsratstreffen abführen ließ, lässt mich langfristig übles ahnen.

Zum Beispiel das Recht auf Teilzeit, über Jahre und Jahrzehnte von der Frauen- und Arbeiter*innenbewegung erkämpft: steht mittlerweile zur Disposition, denn die Debatte um “Lifestyleteilzeit” o.ä. wird uns in Zukunft immer stärker von den Kapitalist*innen aufgedrückt werden, denn das Recht, in Teilzeit zu arbeiten, begrenzt die absolute Verfügungsgewalt der Kapitalist*innen über die von ihnen gekaufte Arbeitskraft. Schaut nach Japan, wo Sanae Takaichi jetzt schon “work, work, work” als neue Agenda ausgegeben hat. Wer schläft, ist ne Memme…

Zum Beispiel das Völkerrecht: abgesehen davon, dass dessen Gültigkeitsbereich immer sehr viel kleiner war, als wir uns das in der spätimperialen Welt einredeten, wird das, was vom Völkerrecht bleibt, von der globalen Arschlochoffensive in der Pfeife geraucht – Völkerrecht isch also over.

Das Recht auf ökonomische Unabhängigkeit: ihr habt eventuell davon gehört, dass die sich allgemein progressiv und bewegungsnah gebende GLS-Bank die Konten antifaschistischer Organisationen wie zum Beispiel der Roten Hilfe geschlossen hat, die Postbank tat kürzlich das Selbe mit Konten der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) getan

You get the overall idea, I hope.

_____________________________________________________

Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung

_____________________________________________________

The Endgame: “quiet, piggy!”, oder “sei einfach leise”

Wenn wir unsere Geschichte in der Zeit der absoluten Könige und König*innen anfangen lassen, sehen wir, dass jedes einzelne bisschen gesetzlich verbriefter Handlungsfreiheit für nichtkönigliche Subjekte erkämpft wurde. Vom Adel, vom Bürgertum, von der Arbeiter*innenbewegung, der Frauenbewegung, von antikolonialen und queeren, von Umwelt- und anderen sozialen Bewegungen. Vor diesen Kämpfen und Bewegungen konnte der König einfach freihändig entscheiden, wem der Kopf abzuhacken sei, wer sprechen dürfe, wer nicht, was sagbar sei, was nicht. In den USA sehen wir: dahin geht die Reise, dahin wollen die Rechten zurück, zur absoluten Macht des Führers.

Der Führer, der einer für ihn nervigen Journalistin während einer seiner merkwürdigen inflight Pressekonferenzen mit “quiet, piggy!” einschüchtern wollte. Der zum 250 Geburtstag der USA dieses Jahr ein MMA-cage-match im Weißen Haus veranstalten will, MMA wiederum ein Sport, dessen führender Vertreter kürzlich einem migrantisch gelesenen Journalisten, der eine unziemliche Frage stellte (über die Verbindungen zwischen MMA und Rechtsextremismus) mit “sei einfach leise, ist am besten (Opens in a new window)” über den Mund fuhr.

Die Logik dieser Aussagen, die in Wahrheit politische Claims sind, Landansprüche artikulieren, habe ich oben schon dargelegt: im öffentlichen Raum soll nichts mehr sagbar, hörbar, sichtbar sein, Rechte haben, was dem Führer nicht passt, wo “der Führer” wiederum die tatsächliche Verkörperung der Bedürfnisse und Wünsche seines “Volkes” ist (deswegen glauben Rechte auch nicht, dass sie selbst mal den Wünschen des Führers widersprechen und so in der Repressionsfalle landen könnten, weil sie eine im Kern mystische Vorstellung der Verbindung zwischen “Volk” und “Führer” haben – wenn er sie absolut repräsentiert, kann es da keine Gefahr geben). Die rechte Offensive will die meisten Menschen- und Bürger*innenrechte der meisten Menschen aufheben, die hierzulande leben.

Und das betrifft auch Euch, liebe abwartende, viel zu optimistische, liebe “attentistische Mitte”. “Trumpism’s brutal tactics don’t end with migrants (Opens in a new window)”. Sie enden erst, wenn sie besiegt wurden, nicht nur an der Wahlurne, sondern in der Gesellschaft, oder, wenn sie jede Barriere zwischen dem Führer und der absoluten Macht abgeräumt haben. Diese “Barrieren” sind das, was den meisten von uns jetzt noch ein relativ sicheres Leben ermöglicht.

Und wenn die Dominos erstmal fallen, dann fallen sie nunmal.

Wehret den... Ach, Ihr wisst schon.

Mit besorgten Grüßen,

Euer Tadzio

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Friedliche Sabotage and start the conversation.
Become a member