FLUIDITÄT DES EIGENEN SEINS. Wir erwischen Sänger Mirza Radonjica an einem sonnigen Tag, aber in einer stressigen Phase – nicht wegen der Band, sondern weil er jetzt Besitzer eines Eisdiele in Kopenhagen ist. „Bravissimo“, echtes italienisches Eis, direkt am Wasser. Ein guter Ausgleich zur Musik. Doch schnell wechselt unser Gespräch vom Sommerfeeling zu bewölkteren Themen: das Eingestehen eigener Fehler, Mirzas schwierige Beziehung zu seinem Vater und das Gefühl, sich immer wieder selbst aufzulösen. Denn genau davon handelt „Dissolution“, das neue Album von SIAMESE.

Foto: Alexander Christensen
Das Offensichtlichste zuerst: Euer Haupt-Songwriter Andreas Krüger hat letztes Jahr die Band verlassen. Was hat sich dadurch alles verändert?
Es war nervenaufreibend. Jahrelang hatte ich einen mit Platin ausgezeichneten Produzenten in meiner Band. Ich wusste sofort, dass die neue Platte roher und schlichter werden würde. Aber wir mussten diesen Schritt gehen. Ich kann ganz klar sagen, dass Andreas einer der loyalsten Freunde ist, die es gibt, aber wir haben uns in so unterschiedliche Richtungen entwickelt, dass es nicht mehr funktionierte. Wir hätten noch zusammenarbeiten können, aber dann hätte ich es gehasst, Musik zu machen. Und der einzige Grund, weshalb ich kreativ arbeite, ist der, dass ich dabei noch Kind sein, mich ausprobieren kann – das wurde mir genommen.
https://youtu.be/EbPKFf6fyI4?si=XvOkQX-C87fyHe98 (Opens in a new window)Der organischere Sound passt zu den Inhalten des Albums. Du sagtest mal, dass du in deiner Musik nicht mehr deine persönliche Geschichte verarbeiten möchtest, mit „Dissolution“ hast du jetzt aber genau das getan.
In meinem Leben habe ich Missbrauch und Alkoholismus erlebt. Es gab immer eine böse Seite in meiner Erzählung. Irgendetwas daran hat mich neugierig gemacht. Mich hat die Idee fasziniert, sich in die Position des Bösewichts zu versetzen und es einzugestehen, wenn man Fehler macht. Ich denke, das kommt daher, weil ich in einer Familie aufgewachsen bin, in der die Vaterfigur das nie getan hat. Er war schließlich ein ‚echter Mann‘, weißt du. Auf „Dissolution“ gebe ich Schuld zu. Das ist sehr schwierig, vor allem wenn die Person im Raum ist, an die man seine Worte richtet. Das fühlt sich an wie eine Operation am offenen Herzen. Durch die Arbeit an dem Album habe ich mich auch mit meinen Unsicherheiten und Erlebnissen beschäftigt, von denen ich lange dachte, sie seien normal, und mir wurde klar: Es war keinesfalls normal, jahrelang in einem Geflüchtetenlager auf engstem Raum mit meinen Eltern und meiner Schwester zu leben, mit einem gewalttätigen Vater, der jeden Tag getrunken hat – und ihn dennoch zu lieben, bis heute. Das war sehr widersprüchlich, ich habe viel Zeit in meinem Leben in diesem Zwiespalt verbracht.
„Dissolution“ dreht sich um die Idee, dass nichts im Leben für immer bleibt, wie es ist.
Ja. Ich verändere mich die ganze Zeit, löse mich auf und finde in neuer Form zusammen. Wie war ich mit 20 Jahren? Ziemlich selbstbewusst, ich dachte, ich habe die Welt verstanden. Ich war mir absolut im Klaren über mein Verhältnis zu meiner Familie, zu meiner Ex-Frau – bis ich das plötzlich nicht mehr war. Heute weiß ich zu schätzen, dass ich mich permanent verändere. Der Titeltrack dreht sich um eine Liebesbeziehung, in der man sich selbst nicht mehr wiederkennt. Ich bin mir sicher, viele Leute können sich damit identifizieren. Und das gibt es in vielen anderen Situationen auch, in Freundschaften oder auch im politischen Kontext. Aktuell wird versucht zu verhindern, dass Musiker eine Meinung zu Dingen haben. Es wird schwieriger, etwas in der Öffentlichkeit zu sagen.
https://youtu.be/ai1y1m0xD_Q?si=21ukVfdVKMv2W0Kp (Opens in a new window)Verängstigt dich Veränderung oder siehst du darin eher die Chance?
Das ist eine richtig gute Frage, denn bis vor kurzem hat jede Neuerung mir eine Heidenangst eingejagt. Und vor allem hatte ich lange Zeit große Angst zu sterben. Das verschlimmerte sich, als ich Vater wurde. Aber vieles kann angsteinflößend sein: ein Album veröffentlichen, älter werden, Dinge nicht mehr tun können, die man früher getan hat. Es gab eine Zeit, in der ich so ängstlich war, dass ich zeitweise nicht richtig atmen konnte. Das verarbeite ich so ein bisschen im Song „Reaper“. Darin frage ich: „Is god still there, because I’m scared he has left me“. Ich bin nicht religiös, aber den Gedanken, dass da draußen nichts mehr ist, sich alles einfach irgendwann auflöst, finde ich völlig verrückt. Irgendwann habe ich jedenfalls realisiert, dass ich so nicht leben kann. Ich kann nicht die ganze Zeit Angst haben, etwas zu verlieren, anstatt das zu genießen, was ich habe.
In der Vergangenheit habt ihr beim Schreiben sehr darauf geachtet, wie Songs live funktionieren. Spielte das diesmal auch eine Rolle?
Nein. Und leider kann ich jetzt schon sagen, dass man es merkt. Die Singles, die wir bislang gespielt haben, funktionieren live nur, wenn man sie kennt. Sie sind nicht kompliziert, aber introvertiert. Es gibt keine besonderen Gimmicks. Wir sind aber auch so übersättigt von Leuten, die herausstechen wollen, Drama kreieren – nicht nur live, auch auf TikTok. Wer es machen möchte und kann, bitte. Schau dir VIANOVA an, die sind Genies darin! Aber diese Zeit ist für mich vorbei. Ich mache es anders und hoffe, dass es reicht. Und wenn nicht, habe ich immerhin noch einen Eisladen.
Ich finde, es ist gesund herauszufinden, was sich für einen selbst richtig anfühlt, und nichts zu erzwingen.
Absolut! Der Song „Friends“ handelt genau davon. Ich bin noch lange nicht fertig damit, meinen Traum zu verfolgen, aber ich habe aufgehört zu glauben, dass er so viel größer und verrückter ist, als er tatsächlich ist. Freilich ist es toll, in einer berühmten Band vor tausenden Fans zu spielen, aber am Ende des Tages sind es die Leute, die mich täglich umgeben, die mich glücklich machen. Ich dachte immer, wenn ich erst mal eine erfolgreiche Band habe und die Welt bereisen kann, dann kommt das Glücksgefühl von ganz allein – aber dem war nicht so. Also ja, es ist gesund und ich hoffe, mehr Bands erkennen das. Denn ich habe das Gefühl, dass einige sich schnell wieder auflösen werden, weil sie Luftschlössern nachjagen.
Jeannine Kock

Verlosung!
Morgen erscheint das neue Album der Dänen und wir haben zwei CDs die wir unter euch verlosen dürfen. Einfach eine Mail mit dem Betreff: “SIAMESE CD!!” office@fuze-magazine.de (Opens in a new window) schicken und Adresse für den Gewinn nicht vergessen. Einsendeschluss ist der 30.06.2026 um 12 Uhr. Die Gewinner:innen werden per Mail benachrichtigt.
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