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Tschüss, Vaddi

Ein Fußgängertunnel, der nach draußen ins Helle führt. Auf einer Betonwand steht ein Graffito: Huchting.

Dieser Newsletter hat einen regelmäßigen und wichtigen Leser verloren: Mein Vater ist am vergangenen Freitag gestorben. Er wurde 93 Jahre alt. Jochen Müller schlief ein, während wir um ihn standen, für ihn sangen und beteten und ihn zärtlich berührten.

Er und ich haben es miteinander nicht immer leicht gehabt. Dabei waren wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich. Mein Vater liebte Schönheit, Sinnlichkeit und Genuss, und wie sein Vater war auch er ein hervorragender Erzähler. 

Über viele Jahrzehnte fesselte er sein Publikum als Prediger. Er war eine Klasse für sich, formulierte griffig, erklärte eindringlich, schreckte auch vor Provokationen nicht zurück. In seinen besten Momenten war er spektakulär.

Wofür ihn Menschen vor allem liebten, war die Leidenschaft, die absolute Hingabe an das, was er tat, die totale Überzeugung von dem, wovon er sprach, seine gnadenlose Ehrlichkeit – Eigenschaften, die in der Kunst die Großen von den Mittelmäßigen unterscheidet. 

Mein Vater war nicht deshalb mutig, weil er furchtlos gewesen wäre. Er wusste, was Angst ist. Er hat sich ihr immer wieder gestellt und an dem festgehalten, wovon er überzeugt gewesen ist, auf der Kanzel, in Gesprächen und zuletzt im Angesicht des Todes.

Als Künstler hat er sich nie verstanden, obwohl er dazu Grund gehabt hätte. Als die forsche Schwester im Krankenhaus Links der Weser ihn fragte, was er denn beruflich gemacht hätte, stand der schwergezeichnete Mann kerzengerade im Flügelhemd vor seinem Bett und sagte: „Ich bin Pastor. Hirte.“ Das war kein Beruf. Das war seine Identität.

Mit einigem, was ich in diesem Newsletter geschrieben habe, hatte er große Mühe. Jedes Mal, wenn ich im GOFIZINE gegendert habe, wusste ich, dass er darunter litt. Er hielt es für einen fatalen Irrtum, ich für eine moralische Pflicht. Er hat meine Gefühle für seine Überzeugungen selten geschont. Und ich habe es ebenso gehalten. 

Wir taten das nicht, um einander zu ärgern, sondern weil wir von dem eigenen Standpunkt und dem Irrtum des anderen überzeugt waren. Als ich in meiner Neuformulierung des Vater Unser Gott als Schöpferin und Mutter bezeichnete, rief er mich im Linienbus an und hielt mir eine Standpauke. Er war nicht nur empört. Er war entsetzt. Ich konnte ihn verstehen, er mich leider nicht. Meine Meinung habe ich nicht geändert. Er seine auch nicht.

Das zeichnete unsere Beziehung aus, dass wir uns liebten, trotz fundamentaler Meinungsverschiedenheiten. Er war mir selten näher als in den Momenten, in denen er eingestehen konnte, dass er sich möglicherweise irrte. In diesen Momenten begegneten wir uns auf Augenhöhe, zwei Suchende, davon überzeugt, dass es den richtigen Weg gibt, aber nicht immer sicher, ob wir ihn beschreiten.

Als körperlich kleinster Mann unserer Familie, musste ich zu ihm aufschauen, wenn wir einander gegenüberstanden. In geistiger Hinsicht habe ich ihm das in den letzten Jahrzehnten seines Lebens verwehrt. Ich weiß nicht, ob ihn das geschmerzt hat.

Aber auch in körperlicher Hinsicht war das irgendwann nicht mehr nötig. Im Alter schrumpfte er auf meine Größe. Die schönste Begegnung mit ihm war die letzte, bevor er ins Krankenhaus kam. Er legte seine Hände auf meine Schultern und sah mir in die Augen. In seinem Blick erkannte ich nichts als Liebe und bedingungslose Annahme. Und ich bin froh, dass ich ihn in diesem Moment genauso anschauen konnte. 

Tschüss, Vaddi. Wenn das stimmt, was wir beide glauben, dann sehen wir uns wieder. Und dann werden wir es miteinander ein bisschen leichter haben. Und noch schöner.

 

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