08. Mai 2026

Guten Tag,
die Stimmung in der Schweriner Innenstadt hat sich verändert.
Der Marienplatz steht schon lange im Mittelpunkt der Sicherheitsdebatte. Polizeistreifen, Kameras, Kontrollen — vieles davon gehört inzwischen zum Alltag. Die Stadt reagierte auf steigende Fallzahlen und ein wachsendes Unsicherheitsgefühl mit sichtbarer Präsenz.
Doch inzwischen richtet sich der Blick auf einen anderen Ort.
Rund um den Markt und den Schlachtermarkt berichten Gewerbetreibende zunehmend von Konflikten, aggressivem Verhalten und einer Atmosphäre, die manche als belastend empfinden. Vieles davon basiert bislang auf Wahrnehmungen, Gesprächen und einzelnen Vorfällen. Belastbare Zahlen fehlen bisher.
Genau deshalb stellt sich nun eine größere Frage: Verlagert sich die Unsicherheit in Schwerin gerade? Und was passiert mit einer Innenstadt, wenn Sicherheitsdebatten beginnen, von Platz zu Platz zu wandern?
Im Thema der Woche schauen wir genauer hin. Wie sich die Lage am Marienplatz entwickelt hat. Welche Rolle Polizei und Videoüberwachung inzwischen spielen. Warum nun auch der Markt in den Fokus rückt. Und weshalb die Stadtpolitik inzwischen über neue Analysen, Präsenzkonzepte und weitere Maßnahmen diskutiert.
Eine Recherche über Sicherheit, Wahrnehmung — und darüber, wie sich öffentliche Räume verändern.
Heute im KURS-Brief:
Mehr Kameras und Polizei am Marienplatz — mehr Unsicherheit am Markt?
Wie wichtig ist unabhängiger Lokaljournalismus
Verfassungsschutz darf Daten von Kindern Speichern?
Neue Richtlinien in der Landesbauordnung
🟠THEMA DER WOCHE
Mehr Kameras und Polizei am Marienplatz — mehr Unsicherheit am Markt?

Der Marienplatz ist das Zentrum Schwerins. Wer mit dem Bus fährt, landet dort. Wer einkaufen geht, läuft darüber. Zwischen Schlosspark-Center, Straßenbahnen und Fußgängerzone verdichtet sich dort alles, was Innenstadt ausmacht: Konsum, Verkehr, Alltag, Begegnung. Und seit Jahren eben auch die Debatte über Sicherheit.
Kaum ein Ort in Mecklenburg-Vorpommern steht derart im Fokus von Polizei, Politik und Öffentlichkeit. Die Zahlen zeigen, warum. Bereits 2019 registrierte die Polizei dort 514 Straftaten. 2022 waren es 653 Fälle, 2023 schließlich bereits 714 registrierte Delikte — fast zwei pro Tag. Die Bandbreite reicht von Diebstahl und Körperverletzung bis hin zu Drogendelikten und Bedrohungen.
Der Marienplatz entwickelte sich damit zum sichtbarsten kriminalitätsbelasteten Ort des Landes.
Besonders einschneidend wirkte Anfang 2025 ein tödlicher Messerangriff in der Nähe eines Einkaufszentrums. Ein 17-Jähriger starb nach einer Auseinandersetzung. Der Fall veränderte die Stimmung nachhaltig. Plötzlich ging es nicht mehr nur um unangenehme Situationen oder ein diffuses Unsicherheitsgefühl. Die Debatte bekam eine andere Tiefe in der Diskussion.
Schwerin und die Statistik
Dabei lohnt ein Blick auf die Gesamtentwicklung. 2024 registrierte die Polizei in Schwerin insgesamt 12.190 Straftaten. Das ist ein Anstieg von 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Aufklärungsquote lag bei 72,6 Prozent und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt.
Auffällig ist allerdings vor allem die sogenannte Häufigkeitszahl. Sie beschreibt die Zahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner. Schwerin kam hier zuletzt auf 12.343 Fälle und lag damit bundesweit auf einem vergleichsweise hohen Niveau.
Doch genau diese Zahlen zeigen auch die Grenzen solcher Debatten.
Denn in die Statistik fließen nicht nur schwere Gewalttaten ein, sondern auch Ladendiebstähle, Beförderungserschleichungen oder kleinere Eigentumsdelikte. Allein bei den Eigentumsdelikten registrierte die Polizei zuletzt mehr als 3.100 Fälle. Hinzu kamen rund 1.900 Rohheitsdelikte sowie fast 2.450 Vermögens- und Fälschungsdelikte.
Statistisch entsteht dadurch schnell das Bild einer besonders gefährlichen Stadt, obwohl die tatsächliche Gefährdungslage differenzierter ist.
Und trotzdem: Der Marienplatz blieb über Jahre der sichtbarste Brennpunkt dieser Entwicklung.
Sicherheit durch Präsenz
Die Stadt reagierte mit einer massiven Ausweitung der Sicherheitsmaßnahmen. Mehr Polizeistreifen. Eine mobile Wache. Zusätzliche Personenkontrollen. Seit 2025 überwachen 24 Kameras den Marienplatz rund um die Uhr. Zuvor hatte es bereits eine kleinere Übergangslösung gegeben. Wer heute über den Platz läuft, begegnet fast zwangsläufig Polizei.
Für viele Händler ist das eine Verbesserung. Einige berichten, dass offene Konflikte seltener geworden seien. Gruppen, die früher regelmäßig für Ärger sorgten, seien weniger präsent.
Andere wiederum empfinden genau diese dauerhafte Polizeipräsenz als Zeichen dafür, dass der Platz aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der Marienplatz scheint heute sicherer als in den letzten Jahren zu sein.
Und jetzt der Markt?
Während sich die Lage am Marienplatz zumindest teilweise beruhigt zu haben scheint, richtet sich der Blick inzwischen zunehmend auf den Markt und den Schlachtermarkt.