Von Hasnain Kazim - Brandmauer / Blödheit in Wien / Klavierkonzert / Daniel Haas
Liebe Leserin, lieber Leser,
diese Woche wurde ich häufiger per E-Mail gefragt, ob ich denn gar keine Angst vor der „AfD“ hätte. Die Frage geht wohl auf meinen Artikel im „Spiegel“ zurück, in dem ich mich mit dieser Partei und der „Brandmauer“ auseinandersetze (Öffnet in neuem Fenster).
Ich möchte es so formulieren: Die immer höheren Zustimmungswerte bereiten mir seit Jahren Sorge. Das große Problem ist, dass diese Partei meiner Meinung nach nicht immer, aber doch immer wieder tatsächlich bestehende Probleme diagnostiziert, um dann mit derselben fauligen Therapie zu kommen, nämlich nationalistischer, völkischer Ideologie.
In vielen Städten Deutschlands wird bemängelt, dass die Zahl der Dönerimbisse, Barbershops und Nagelstudios überhandnimmt. In meiner Teilzeitheimatstadt Heilbronn war und ist das zum Beispiel ein großes Thema. Ich bin dort einmal durch die Fußgängerzone gegangen, etwa zwanzig (!) Dönerläden alleine in der Innenstadt, fast ebenso viele Barbershops, und ganz ehrlich: Schön ist das nicht.
Ich kann also verstehen, wenn Menschen sagen: „Das gefällt mir so nicht.“ Das Problem sind aber nicht die Läden oder deren Betreiber, sondern die Monokultur. Ich fände einen Schnitzelwirt neben dem anderen, zehn oder zwanzig hintereinander in einer Innenstadt, auch nicht schön. Oder Grünkohlrestaurant neben Grünkohlrestaurant. (Obwohl ich grundsätzlich beklage, dass es zu wenig Grünkohlrestaurants gibt, aber das ist ein anderes Thema; Buchläden und Schreibwarengeschäfte kann es eh nicht genug geben, aber das ist noch ein anderes Thema.)
Andererseits: Wird der Markt das nicht regeln? Werden nicht irgendwann einige Läden verschwinden, weil der Bedarf gar nicht so groß ist? Die CDU in Heilbronn wollte zum Beispiel eine Obergrenze einführen (Öffnet in neuem Fenster), jedenfalls wurde darüber vor ein paar Jahren diskutiert. Ich kann den Impuls nachvollziehen; sogar einige Dönerladen- und Barbershopbetreiber fanden die Idee gut, um sich vor Konkurrenz zu schützen. Nur finde ich es schwierig, wenn die Politik hier Vorgaben macht. Ganz abgesehen davon: Was, wenn dann die Ladenlokale anderweitig niemand mietet? Wie will man das gegenüber den Vermietern argumentieren? Lieber Leerstand statt Dönerbude? Schwierig. Ich glaube, da müssen sich alle, die damit zu tun haben oder Verantwortung tragen, mehr Gedanken machen und bessere Lösungen finden.
Der „AfD“-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, soll einem „Correctiv“-Bericht zufolge (Öffnet in neuem Fenster) bei dem Potsdamer Treffen im November 2023, bei dem es unter anderem um „Remigration“ gegangen sein soll, gesagt haben, er wolle „ausländische Restaurants“ unter Druck setzen. Nach den veröffentlichten Berichten soll Siegmund auf dem Treffen erklärt haben, dass „das Straßenbild sich ändern“ müsse. Sachsen-Anhalt solle „für dieses Klientel möglichst unattraktiv sein zu leben“. Und das könne man „sehr einfach realisieren“.
Die Frage ist nur: Was genau meint er damit? „Sehr einfach realisieren“? Dass man grundsätzlich Geschäfte kontrolliert, wie dort tatsächlich Geld verdient wird, ob Geldwäsche betrieben wird, ob die Menschen dort vernünftig beschäftigt werden, ob es Arbeitsverträge gibt und ob alle Regeln eingehalten werden – d’accord. Das sollte ohnehin für alle Betriebe gelten. Unabhängig davon, ob „ausländisch“ oder „inländisch“.
Aber was meint der Typ? Und was, wenn jemand Steine in Schaufenster wirft? Ladenräume anzündet? Menschen jagt? „Esst nicht bei Ausländern!“ skandiert? Solche oder ähnliche Dinge haben wir in Deutschland schon einmal erlebt. Und dass Gebäude brannten, weil dort „Ausländer“, „Fremde“, „Flüchtlinge“ oder „Asylanten“ lebten, ist noch nicht allzu lange her. Es sind Menschen gestorben. Umgebracht worden.
Allerdings: Siegmund sagt, er habe das so nie behauptet. Man würde ihm „falsche Aussagen“ zuschreiben, ließ er über seinen Anwalt mitteilen. Die genannten Forderungen habe er weder geäußert noch unterstützt. „Correctiv“ wiederum schrieb, ein Teilnehmer habe in einer eidesstattlichen Versicherung bestätigt, dass Siegmund angekündigt habe, entsprechende Teile des „Remigrations“-Konzepts in Sachsen-Anhalt umsetzen zu wollen. Wer sagt nun die Wahrheit?
Gerichtlich wurde nicht untersagt, über das Treffen in Potsdam zu berichten. Allerdings hat das Landgericht Berlin II bestimmte Formulierungen untersagt, etwa den „Masterplan zur Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“ sowie die „Ausbürgerungsidee von Staatsbürgern“.
Probleme muss man benennen und angehen. Gleichzeitig müssen wir wachsam bleiben, wer da am Werk ist und welche Ziele dort genau verfolgt werden. Klingt unbefriedigend und mühsam. Aber einfachere Wege gibt es nicht. Angst? Habe ich nicht. Sorge? Oh ja.
Diese Blödheit, diese unerträgliche Blödheit
Sehen Sie es mir nach, dass an dieser Stelle kein erbaulicher Text folgt, sondern ein Rant, wie man neudeutsch sagt. Aber ich war gestern, am Samstag, wirklich, wirklich wütend.
Da marschieren ein paar Dutzend Typen durch die Wiener Innenstadt, über die Mariahilfer Straße, die große Einkaufsstraße, und protestieren gegen Israels Vorgehen in Gaza. Tamam. Dagegen kann und darf man protestieren. Dass da eine Frauenstimme über Lautsprecher von einem „Terrorstaat“ und von „Genozid“ spricht, teile ich nicht und kritisiere das.
Aber dann: Mehrere Typen, die die Flagge der Islamischen Republik Iran mit sich tragen, das Symbol des Mullah-Regimes. Und: österreichische „Student*innen“ und LGBTQ+-„Vertreter*innen“ mit der Progress-Pride-Flagge, direkt vor und hinter den Mullah-Fuzzis.


Entschuldigen Sie meine Direktheit, aber: Wie blöd kann man sein? Wie ahnungslos kann man durch die Welt gehen? Wie wenig kann man begreifen, dass das Mullah-Regime den „Pride“-Leuten nicht etwa sagt: „Och nö, wir mögen Schwule, Lesben und Transmenschen nicht“, was schlimm genug wäre, nein, dieses Regime sagt diesen Menschen: „Ihr verstoßt gegen Allahs Regeln, ihr verdient es, getötet zu werden, ihr werdet hingerichtet!“ Und dann werden solche Menschen von Hochhäusern gestoßen oder öffentlich an Baukränen aufgehängt.
Ich kenne homosexuelle Iranerinnen und Iraner, die um ihr Leben fürchten mussten. Unter größten Gefahren sind sie geflüchtet, um ihr Leben zu retten – nur um hier, in Wien (und leider auch in Berlin und anderswo, in Berlin besonders), auf Idioten zu stoßen, die mit Pride- und Mullah-Flaggen ihre Dummheit stolz zur Schau tragen. Bitter. Aber man ist ja ach so progressiv, ach so auf der richtigen Seite der Geschichte, scheiß auf diejenigen, die vom Mullah-Regime umgebracht werden.
Es gibt genügend Orte in Europa (Hallo Berlin!), wo dieser Wahnsinn normal geworden ist. Wo kaum jemand widerspricht. Natürlich dürfen diese Leute ihre Meinung äußern, natürlich haben sie das Recht zu demonstrieren. Aber dann müssen sie eben auch Kritik aushalten. Die kommt inzwischen nur noch selten oder nur noch leise. Man muss diesen Leuten viel deutlicher sagen, wie falsch das ist, was sie da zur eigenen Selbstvergewisserung – und nur dazu dient das, zu nichts anderem – veranstalten. Und zwar in Zeiten, in denen israelische Restaurants schließen, israelische Künstler nicht mehr auftreten können, aus Angst vor Gewalt, die offen und stolz angedroht wird, und Juden längst nicht mehr mit Kippa in die Öffentlichkeit gehen können.
Aber Hauptsache, man rennt mit einer bunten Flagge durch die Innenstadt!
Mein Albtraum
Es gibt bei mir einen immer wiederkehrenden Albtraum. Er kommt nur alle paar Jahre, aber seltsamerweise verfolgt er mich seit vielen Jahren. Als Kind und Jugendlicher habe ich Klavier gespielt, und zwar sehr gerne. Ich hatte eine tolle Klavierlehrerin, Christiane Cappeller, die mich sehr gefördert und gefordert hat. Sie motivierte mich zur Teilnahme an Wettbewerben und ermutigte mich, auf Bühnen aufzutreten.
Dann, ich war 16 Jahre alt und hatte inzwischen auch viele andere Interessen, wollte ich aufhören. Als Abschluss wollte ich noch einmal ein großes Klavierkonzert spielen: von Mozart, in C-Dur, Nr. 13, KV 415. Ich hatte es auf einer Schallplatte gehört und war hingerissen davon. Also übte ich. Und übte. Und übte. Und Frau Cappeller überzeugte das Stader Kammerorchester, es mit mir aufzuführen. Im Königsmarcksaal im historischen Rathaus in Stade.
Das Konzert sollte mein letzter öffentlicher Auftritt am Klavier sein. Dann stand der Termin fest, irgendwann im Jahr 1991, soweit ich mich erinnere. Irgendwo liegt noch das Programmheft herum, aber ich kann es gerade nicht finden. Und ich dachte: Nun werde ich zusammen mit dem Orchester ein paar Wochen proben. Aber von wegen: Es sollte genau eine Probe am Tag vor dem Konzert geben. Dann am Vormittag des Konzerts die Generalprobe. Das war’s.
Das Konzert fand statt. Ich glaube, es lief ganz okay, obwohl ich extrem verunsichert war. Einen technisch schwierigen Lauf vergurkte ich komplett, das Orchester war auch nicht immer ganz im Takt, aber im Großen und Ganzen wuppten wir es. Hier ist eine Version, wie es klingen soll, wenn man es sehr, sehr gut spielt. (Öffnet in neuem Fenster)
Der Albtraum, der mich seither verfolgt, besteht darin, dass ich es nun, Jahre später, wieder spielen soll. Ohne groß zu üben, ohne Proben, einfach auf die Bühne – und los geht’s, vor großem Publikum. Dabei kann ich es nur noch bruchstückhaft. Und was ich wirklich in all den Jahren nie gelernt habe: vom Blatt zu spielen.
Natürlich verstehe ich das Konzept von Noten. Aber letztlich sind sie für mich eine Ansammlung von Fliegenschissen auf fünf Linien, und ich muss die Töne mühsam zusammensuchen. So wie Kinder beim Rechnen die Finger benutzen. Noten sprechen nicht zu mir. Wenn ich eine Partitur sehe, sehe ich keine Musik. Da singt nichts, da spielt nichts, da klingt nichts. Dafür habe ich ein umso besseres Gehör. Einmal Gehörtes kann ich relativ leicht nachspielen. Vom Blatt spielen hingegen kann ich absolut nicht. Seltsamerweise ist es bei Texten ganz anders: Texte kann ich absatzweise, manchmal sogar seitenweise erfassen. Texte sprechen zu mir. Ich kann auch noch nie zuvor gelesene Texte vorlesen und dabei so klingen, als wären sie mir vertraut, als hätte ich sie längst verinnerlicht. Vielleicht ist es die Übung, vielleicht eine Frage der Vorlieben, vielleicht auch einfach die Einstellung im Hirn. Jedenfalls habe ich das Vom-Blatt-Spielen auch mit Übung nicht hinbekommen.
Ich trete also im Traum voller Lampenfieber, das ich bei Lesungen und Auftritten heute nicht habe, auf die Bühne – und verhunze das Stück radikal. Peinlich. Und dann wache ich auf.
Mir kam das wieder in den Sinn, als meine Frau mich auf einen Artikel im „Guardian“ hinwies (Öffnet in neuem Fenster): Ein Keyboarder fällt bei einem Konzert krankheitsbedingt kurzfristig aus, ein Ersatz ist nicht so schnell zur Stelle, und so fragt der Dirigent einfach das Publikum: „Ist hier ein Pianist, der vom Blatt lesen kann?“ Und dann geht da ein 21-jähriger Student auf die Bühne – und spielt das Konzert mit. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr ich das bewundere. Wie cool ich das finde.
https://www.theguardian.com/australia-news/2026/jun/01/audience-member-replaces-ill-keyboardist-sydney-la-land-justin-hurwitz (Öffnet in neuem Fenster)Auf die Bühne zu gehen und vom Blatt spielen zu müssen, wäre für mich ein absoluter Albtraum.
Vom Einsamsein
Den Kollegen Daniel Haas kenne ich noch aus gemeinsamen Zeiten bei „Spiegel Online“. Wir waren dort zur selben Zeit Redakteure, er in der Kultur, ich in der Wirtschaft. Wir kannten uns von den Konferenzen, von dem einen oder anderen gemeinsamen Mittagessen in der Spiegel-Kantine vielleicht, von Feiern, auf jeden Fall natürlich vom Lesen.
Für mich war (und ist) Daniel der stilsichere, kultivierte Musikkenner, etwas distanziert, unnahbar vielleicht, aber freundlich, sympathisch, außerdem ein begnadeter Schreiber.
Daniel hat nun ein Buch geschrieben, das „Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte“ heißt, erschienen bei Goldmann im Februar 2026. Es fiel mir schon wegen des schönen Covers auf: ein abtauchender Blauwal. Ich fand es interessant und wollte es bei Gelegenheit lesen.

Dann hörte ich vergangene Woche auf „Bremen Zwei“ die Sendung „Gesprächszeit“ mit ihm:
https://www.bremenzwei.de/sendungen/gespraechszeit-4070.html (Öffnet in neuem Fenster)Mich hat das, ehrlich gesagt, ein wenig umgehauen. Mehrere Dinge. Aus welch unterschiedlichen Universen wir stammen. Wie unterschiedlich unsere Lebenswege waren (und wir doch beide beim „Spiegel“ gelandet sind). Wie wenig ich Daniel eigentlich kannte (was ich heute bedauere).
Das Buch ist keine trockene Abhandlung über Einsamkeit, keine Literatursammlung der Erkenntnisse antiker Philosophen zu diesem Thema, sondern Daniels eigene Geschichte. Über seine Drogenkarriere in den 1990er Jahren, über den Suizid seines Vaters 1984 und den angekündigten assistierten Suizid seiner Mutter 2021. Und man denkt: Große Güte, was hat dieser Mann, was hat Daniel, was hat mein Kollege durchgemacht?
Er schreibt über die Einsamkeit, seine Einsamkeit, und so traurig und bedrückend das alles ist, schimmert ein Witz durch die Zeilen, ein Humor, eine Lust am Erzählen. Und all das, ich wiederhole mich, haut mich um.
Es geht in dem Text auch um Freundschaft und darum, was wichtig ist im Leben. Und, ganz wichtig: um Zugehörigkeit. Und da erkenne ich dann, dass, so verschieden unsere Lebenswege sind, wir doch getrieben sind von Themen, die uns gemein sind.
An dieser Stelle: eine klare Leseempfehlung.
Ich wünsche Ihnen einen geruhsamen Sonntag und eine schöne Woche! Ich werde am Dienstag in Magdeburg bei einer Live-Diskussion im Deutschlandfunk sein, im Theater Magdeburg, vielleicht mögen Sie ja kommen? Infos dazu gibt es hier. (Öffnet in neuem Fenster) Wir sprechen über die Gräben in unserer Gesellschaft und über die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Ich werde da ohne Lampenfieber auftreten und hoffe sehr, dass niemand mich bittet, Klavier zu spielen. Am Mittwoch gibt’s eine Lesung aus „Post von Karlheinz“ in Oldenburg! Infos und Anmeldung dazu: hier. (Öffnet in neuem Fenster)
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Wenn Ihnen die „Erbaulichen Unterredungen“ gefallen, freue ich mich, wenn Sie sie weiterempfehlen, abonnieren oder das Schreiben mit einer „Mitgliedschaft“ unterstützten; Letzteres können Sie hier tun: