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Wenn Christfluencer Bücher verbieten wollen

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Vor ein paar Tagen deutete eine meiner Töchter auf die Bücherregale im Wohnzimmer und fragte:  „Bekomme ich deine Büchersammlung?“ 

Ich lachte schrill auf. 

„Erst, wenn ich tot bin.“

Das erstickte die Anfrage im Keim. 

In den letzten Monaten entdeckte ich Lücken in meinen sorgfältig kuratierten Regalen. Anscheinend sind die Kinder jetzt in einem Alter, wo sie sich für „Drachenläufer“, „Die Bücherdiebin“ und „Das Tagebuch der Anne Frank“ interessieren. 

Bücher gehören in diesem Haushalt zu den Grundbedürfnissen wie Brot, Wasser und ein brennender Kamin im Winter. Ich weiß, dass das ein Geschenk ist, denn nicht bei jedem Kind fruchten die elterlichen Bemühungen um die Liebe zum Lesen. Wir kämpfen gegen die übermächtige Konkurrenz der kleinen Bildschirme. Aber die Bücher scheinen zu gewinnen.

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Vielleicht liegt es daran, dass meine Kinder mit anderen nerdigen Kindern befreundet sind, die sich gegenseitig pushen: „WAAAAS, du hast noch nicht Herr der Ringe gelesen????“ Sie schenken sich gegenseitig Bücher zum Geburtstag. Und spornen sich gegenseitig mit Challenges an.

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Ganz egal, was zu ihrer Bücherliebe geführt hat: Ich feiere es, ich supporte es, ich halte diese Pflanze am Wachsen und Gedeihen.

Und sie dürfen sich natürlich an meinem Bücherregal bedienen. Bitte! 

Ich sehe sie mit dankbaren Augen. Manche auch mit kritischen: Die Bücher, die mich seit jungen Jahren begleitet und geformt haben. Da ist das Manifest der Kommunistischen Partei, das ich mir mit 14 in der DDR gekauft habe (die Auswahl in dem kleinen Dresdener Buchladen war begrenzt und außerdem verlieh mir dieses Buch den Hauch von Intellekt….naja, und Wahnsinn. Zumindest ist mir seitdem der Begriff der Bourgeoisie geläufig). 

Und 1984 von George Orwell, das mit den Jahren für mich immer gruseliger wird, weil sich seine Zukunftsvisionen bestätigen. Da ist das Tagebuch der Anne Frankund Im Westen nichts Neues. Bücher lehren mich Empathie, sie lassen mich in die ProtagonistInnen schlüpfen und das Leben aus ihrer Perspektive erleben. Für mich als sensible Person ist es, als würde ich selbst im Amsterdamer Hinterhaus und in den Schützengräben des 1. Weltkrieges darben. 

Da sind die Bücher von Wendell Berry, Anne Lamott, Mariana Leky, Benedict Wells, Daniel Schreiber, Titus Müller.

Und mittendrin in meiner Büchersammlung gibt es auch Bücher über den Glauben. Donald Miller, Tomas Sjödin, Rachel Held Evans, Richard Rohr, Martin Schleske, Sarah Bessey. Sie alle sind frei von vereinfachenden, frommen Phrasen, sie haben mein Denken herausgefordert, meine heimlichen Anfragen und Zweifel aufgegriffen, mich getröstet und bestärkt. Und mir neue Wege aufgewiesen.  

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Ich weigere mich, Bücher mit den Labeln „christlich“ und „nicht-christlich“ zu versehen. 

In manchen säkularen Büchern erfahre ich Gottesnähe, obwohl in ihnen das Wort „Gott“ kein einziges Mal vorkommt. Poetische Schönheit, Gnadenmomente, Echtheit resonieren tief in mir. Vielleicht kommt diese Resonanz ja auch von Gott.

Während ich sehe, dass in diesem Haus die Büchervielfalt unser Denken, unsere Weltsicht, unsere Empathie formt, erlebe ich online gerade ein trauriges Gegenteil. 

Vor kurzem gab es einen Social-Media-Shitstorm, nachdem eine Christfluencerin (das Wort macht mich WAHNSINNIG) ihren vielen Zehntausend Followern empfahl, nicht mehr bei den großen christlichen Verlagen zu kaufen, weil dort nämlich auch progressive AutorInnen verlegt werden. 

Mir fiel das Frühstück fast aus dem Gesicht, als ich das las.

Ja, Bücher können uns auf neue Gedanken bringen. Deshalb finde ich es kurios, dass jemand, der sich bibeltreu nennt, die Buchauswahl verengt. Diese Enge steht im Widerspruch zur Bibel. 

Denn auch sie ist Werk, in dem sich viele, sehr unterschiedliche Bücher vereinen, von denen einige für die damalige Gesellschaft und Kultur eine gefährliche, zutiefst progressive Disruption darstellten:

Die Offenbarung, die die Christen im ersten Jahrhundert mit mystischen Bildern bestärkte, sich nicht dem gängigen Kaiserkult zu beugen. 

Die Evangelien, die einen Weg beschreiben, der nicht an die Spitze, nicht zu Reichtum und Fame führt. Die keine Rezeptur für ein gelingendes Leben bieten, sondern u.a. eine Gegenbewegung zum Missbrauch von Religion. 

Das Buch Prediger mit seinem modernen Zynismus und Nihilismus.

Das Hohelied der Liebe, das vor sexueller Spannung fast zerspringt. 

Das Buch Jona, welches Gottes Gnade gegenüber Israels Feinden thematisiert. Eine Provokation für enggefasste nationale und theologische Sichtweisen (Ich weiß nicht, was besagte Christfluencerin davon hält…)

Wären diese Bücher nicht im Kanon der Bibel enthalten, würden sie es durch die Zensur rückwärtsgewandter Christfluencer schaffen? Dürften sie ihrer Meinung nach in christlichen Buchläden stehen?

Diese jungen, sich so sicheren und urteilenden ChristInnen denken den Glauben vom Ende her. Sie fühlen sich angekommen, dabei bauen sie sich einen engen, religiösen Käfig und ich hoffe, sie finden in ein paar Jahren noch den Schlüssel, wenn sie ausbrechen wollen.

Und dabei hoffe ich, dass Bücher diese Schlüsselrolle spielen werden. Bücher als Wegweiser in neue innere Freiheiten. 

Wenn dir also mal wieder fromme Zensur begegnen sollte, dann mach dir klar: Es ist die Angst vor transformativer Wirkung. Angst vor dem Selberdenken. Angst vor dem Ringen mit Glaubensfragen. Angst vor Kritik. 

Deshalb ist Lesen – vielseitiges Lesen! – ein Akt der Freiheit.

Ist dir im Laufe des Lebens ein Buch „zufällig“ in die Hände gefallen ist, welches deinen Kurs nachhaltig verändert hat?

Welches Buch hat einen Ehrenplatz in deinem Regal, weil es in dir große Resonanz ausgelöst hat?

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Und wenn du noch Lesestoff für den Winter suchst: 

Mein Lager ist gut gefüllt!

Weihnachten kann kommen. Einige meiner Bücher sind vergünstigt. Schau dich gerne in meinem Shop (Öffnet in neuem Fenster) um und gönne jemand anderem oder dir selbst ein Exemplar. 

Meine Bücher sind übrigens weitgehend frei von frommen Phrasen. Das ist meine Garantie an LeserInnen, die selbst denken wollen. 

❓Frage an euch: Was wünscht ihr euch für die Adventszeit von diesem Blog? Schreibt mir das gerne in die Kommentare oder als Mail.

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1 Kommentar

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