Prolog
Chris – Jetzt
Der Schnee knirschte unter meinen Stiefeln und mein Atem blies feine Wolken in die klare Winterluft, während ich mich zum hundertsten Mal fragte, ob spontane Gehirngefrierschäden eine plausible Erklärung für mein Verhalten waren. Um mich herum war nichts als purer Winter – weiß, wohin man nur blickte. An jedem anderen Tag wäre ich begeistert gewesen, hätte meine Skier ausgepackt und wäre damit über die Piste gefegt.
Die Kälte kroch unbarmherzig meine Beine hinauf, doch ich spürte sie kaum, denn das Adrenalin pumpte durch meine Venen. Ein Schneehaufen löste sich aus den Zweigen über mir und klatschte auf mein dunkelblaues Jackett. Ein Fluchen verließ meinen Mund und ich blieb einen Moment lang stehen.
Ich hätte im warmen Auto bleiben können. Ich hätte zurückfahren und auf die Schneefräse warten können. Ich hätte akzeptieren können, dass man manche Dinge nicht erzwingen kann.
Aber nicht heute. Nicht an dem Tag, der einer der schönsten unserer gemeinsamen Zukunft sein sollte. Unser Hochzeitstag.
Den Romy und ich bis ins kleinste Detail geplant hatten. Mit dem besten Event-Team an unserer Seite und meiner eigenen Firma im Rücken.
Wieder stiefelte ich ein paar Schritte weiter durch das Waldstück und sank jedes Mal tiefer in den Schnee. Heute Morgen hatte ich mich noch über den sanften Schneefall gefreut, aber spätestens als mich Lilys Anruf erreicht hatte, hätte ich ausflippen können. Nicht nur, dass das Schneechaos so ziemlich alle unsere Dienstleister lahmgelegt hatte, nein, jetzt versperrte auch noch ein bescheuerter Baum den Weg zu unserer Location und hinderte mich verdammt nochmal daran, endlich zu meiner Braut zu kommen.
Ein lautes Fluchen drang aus meiner Kehle, als die Nässe durch meine Socken kroch. Vor lauter Zorn hatte ich nicht bemerkt, dass mein irre teurer Schuh im Tiefschnee stecken geblieben war.
»Verdammt noch mal!« Wollte mich heute etwa die ganze Welt aufhalten? Mein Herz schlug so fest gegen meine Rippen, dass ich nach Atem ringen musste.
Cool bleiben, versuchte ich mir einzureden, »das ist nur ein weiteres kleines Hindernis auf meinem Weg zum Altar.«
Die kalte Luft schmerzte in meiner Lunge, als ich tief einatmete. Dann aber hüpfte ich zurück und fischte den glänzenden Schuh aus dem glitzernden Weiß. Egal, dass meine Socken bereits triefend nass waren. Egal, dass es vermutlich kein Durchkommen gab. Aufgeben war keine Option. Als ich daran dachte, wie meine Freunde versucht hatten, mich aufzuhalten, stahl sich der Hauch eines Grinsens auf meine Lippen.
Ben hatte mich am Arm gepackt und entgeistert angestarrt.
»Chris, du spinnst! Du kannst nicht einfach …«
Aber da war ich schon ausgestiegen.
Maiks Worte klangen nur noch dumpf in meinen Ohren nach: »Lass ihn. Bevor er diese Hochzeit sausen lässt, erfriert er lieber da draußen.«
Und dann war ich schon im Winterwunderland verschwunden. Sie kannten mich gut. Zu gut.
My Only Light
Romy – 1 Jahr vor der Hochzeit
Der Schnee rieselte leise vom Himmel herab und hinterließ feine Eiskristalle am Fenster, das nur von einer Lichterkette beleuchtet war. Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kakao und ein Teller mit frisch gebackenen Plätzchen. In der Luft lag ein Hauch Vanille, der von den Kerzen ausging, die sanft flackerten.
Glücklich kuschelte ich mich an Chris‘ Schulter und zog tief die Luft ein. Wie am ersten Tag umhüllte mich eine Wolke aus Zedernholz und Bergamotte und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Er reagierte sofort auf mein zufriedenes Seufzen, zog mich noch enger an sich und gab mir einen Kuss aufs Haar. Meine Finger wanderten an seinem Weihnachtspullover entlang, strichen sanft über den Drei-Tage-Bart bis in seinen Nacken. Unsere Blicke trafen sich und ich zog ihn zu mir hinab, bis sich unsere Lippen berührten. Das Kribbeln zog sich durch meinen ganzen Körper – ganz egal, wie oft ich ihn küsste, das Feuerwerk blieb. Chris öffnete seine weichen Lippen und unsere Zungen verschlangen sich ineinander.
Nach einigen Sekunden lösten wir uns voneinander, kuschelten uns wieder an und angenehme Stille legte sich über den Raum. Mit ihm konnte ich ewig hier sitzen. Drei Jahre waren nun vergangen, seit wir endlich zueinander gefunden hatten. Manchmal konnte ich kaum glauben, dass es nun schon so lange zurücklag, weil sich jeder Tag mit ihm anfühlte, als wäre es der erste. Dabei hatte sich einiges verändert. Chris war inzwischen Nicks Partner bei Aurora Events und ich Creative Director. Stolz erfüllte mich, wenn ich zurückblickte. Wir hatten uns das Leben aufgebaut, von dem ich geträumt hatte – und auch wenn wir beruflich hin und wieder in entgegengesetzte Richtungen liefen, trafen wir uns immer wieder neu in der Mitte. Zufrieden seufzte ich und spürte Chris‘ Blick auf mir.
»Machst du ein bisschen Musik an?«, murmelte ich, ohne mich von ihm zu lösen.
Chris räusperte sich leise, und ich merkte, wie sich seine Haltung veränderte – und er sich anspannte. Seine Finger strichen einen Moment lang über meinen Arm, bevor er sich aufrichtete und sanft aus meiner Umarmung löste.
»Klar … « , es schien für einen Moment, als wollte er noch mehr sagen. Er starrte auf die Fernbedienung auf dem Couchtisch, dann sah er zurück zu mir. Seine Augen verweilten auf mir, als er aufstand, und in ihnen schimmerten so viele Emotionen, dass mir ganz schwindelig wurde. Dann ließ er los und ging aus dem Raum. Irritiert setzte ich mich auf.
»Du weißt, dass ich unsere CDs bereits ins Regal geräumt habe und dass die Fernbedienung für die Anlage hier liegt?« Natürlich wusste ich, dass er das wusste. Und Chris war vieles, aber nicht so chaotisch, dass er vergaß, was wir vor nicht einmal zwei Minuten gesprochen hatten. Neugier erfüllte mich und beinahe war ich versucht, ihm hinterherzugehen. Was hatte er vor?
»Bin gleich wieder da«, ertönte es aus dem Nebenzimmer. Nun gut. Ich ließ mich zurück in die Sofakissen sinken und zog die Decke über meine Beine. Da stand Chris auch schon wieder in der Tür – seine Gitarre in der Hand.
»Ich dachte … ich spiel selbst etwas.«
Seine Stimme war leise, zögernd und doch – entschlossen.
Freudig überrascht hob ich den Kopf. Er spielte selten, denn jedes Mal erinnerte es ihn an seinen Bruder Thomas. Aber ab und zu tat er es, denn er wusste, wie gern ich ihn singen hörte.
Schweigend setzte er sich auf den Teppich vor dem Sofa, legte die Gitarre an und sah mich an. Da war dieses Funkeln in seinen Augen, das immer dann erschien, wenn er wieder eine verrückte Idee hatte, oder wenn ihm etwas wirklich wichtig war. Unwillkürlich richtete ich mich auf.
»Du musst nicht spielen, wenn du nicht willst«, flüsterte ich, obwohl ich genau wusste, dass er keinen Rückzieher machen würde. Mein Herz flatterte und schlug schneller.
»Ich will aber«, sagte er, und sein Lächeln war so zärtlich, dass sich meine Brust vor Wärme zusammenzog. »Für dich will ich das immer.«
Seine Finger legten sich auf die Saiten und einen Augenblick lang war es so still, dass ich Angst hatte, zu atmen. Als würde einzig und allein mein Atemzug diesen Moment voller Erwartung unterbrechen. Dabei war es doch einfach nur ein Abend wie jeder andere – oder?
Endlich schlug er sanft den ersten Akkord an und das Kribbeln schoss durch meinen ganzen Körper. Ich erkannte die Melodie nicht, sie war schlicht, beinahe flüsternd, und doch erinnerte sie mich sofort an frisch gefallenen Schnee.
Dann begann Chris zu singen und wie jedes Mal wirbelte seine Stimme durch mein Innerstes und zog mich in seinen Bann.
»The quiet night
lies soft upon the city,
the world outside
is wrapped in silver-white.
And every star
seems somehow drifting closer,
as if they know
you brought me back to life.«
Der Klang erfüllte den ganzen Raum mit seiner Wärme. Lächelnd sah ich auf ihn hinab und mir wurde klar, dass, egal was kommen würde, dieser wunderbare Mann nur ein paar Töne an mich richten musste, damit ich die ganze Welt vergaß. Jeder Ton fühlte sich an, als würde er direkt in mein Herz fließen. Glücklich schloss ich die Augen und lauschte gebannt.
»Oh, gentle light
you shine into my winter,
you break the ice
that held my heart so tight.
And in your eyes
I find a dawn that lingers—
you are my warmth,
my shelter through the night.
My only light
in every silent winter night.«
Noch immer kam mir das Lied nicht bekannt vor. Nachdenklich überlegte ich, wo ich es vielleicht schon einmal gehört hatte, oder ob er es bewusst ausgesucht hatte. Doch mir fiel nichts ein … auch wenn es sich so anfühlte, als würde er über sein eigenes Leben singen. Energisch öffnete ich die Augen und als Chris nach dem ersten Refrain den Kopf hob und mich direkt ansah, als er weiterspielte, machte es klick.
Ich konnte diesen Song gar nicht kennen, denn … er hatte ihn für mich geschrieben. Über den Winter, der in seinem Herzen alle Gefühle eingefroren hatte, nach dem Tod seines Bruders. Über die Jahre, in denen er nicht mehr gelebt hatte. Meine Augen schimmerten feucht. Über das einzige Licht, das ihn zurück aus der Dunkelheit geholt hatte. Mich. Mein Herz schien zu explodieren vor Liebe. Noch nie zuvor hatte jemand mir ein Lied geschrieben. Mir, Romy. Meine Lippen begannen zu beben, als die Emotionen mich überrollten. Chris bemerkte es – ich konnte hören, wie seine Stimme kurz zitterte. Doch er fing sich wieder und ich presste die Lippen aufeinander. Unter keinen Umständen wollte ich ihn unterbrechen. Er spielte weiter. Für mich. Nur für mich.
Diese Tatsache gab mir den Rest. Mein Herz lief über vor Glück und Dankbarkeit und eine Träne kullerte sanft meine Wange hinab.
Chris schlug den letzten Refrain an und Gänsehaut überzog meine Arme. Er war anders als die anderen und plötzlich wusste ich einfach, dass etwas Bedeutendes in der Luft lag. Eine sanfte, erwartungsvolle Schwere wie der eigene Herzschlag kurz vor einem Versprechen. Chris‘ Augen fixierten mich und es lagen so viel Liebe und so viel Flehen darin, dass mir die Luft wegblieb.
»So let this love
be more than just forever:
step by step,
and side by side,
let you and I
become a life
my vow to you,
my future bride.«
Ich hörte seine Worte und doch mussten sie erst in mir nachhallen, bevor ich ihre Bedeutung begriff. Let you and I become a life – my vow to you, my future bride … Mein Mund klappte auf und mein Puls begann zu rasen. Mein Herz verstand viel schneller, was hier gerade passierte, als mein Kopf. My future … meinte er … Hektisch atmete ich ein und aus, völlig unfähig, mich zu bewegen. Die Zeit schien still zu stehen – ich beobachtete wie in Zeitlupe, wie Chris die Gitarre neben sich legte, in seine Hosentasche griff und vor mir auf die Knie ging.
Mein Inneres begann zu kreischen, wie ein Teenie auf seinem ersten Konzert – mein Herz jubilierte und mein Kopf schien wie leergefegt.
»Romy …«, begann er und meine Finger verkrampften sich automatisch in der Decke. Inzwischen rannen mir die Tränen nur so über die Wangen. Chris‘ Stimme war rau und leise und doch zweifelte ich keine Sekunde daran, dass ihm das hier ernst war. Sein Blick war übervoll mit all den Dingen, die er nicht laut aussprach: Dankbarkeit, Liebe, Ehrfurcht.
»Dass wir uns begegnet sind, ist wohl der größte Zufall in meinem Leben. Und trotzdem hat irgendetwas, nenn es Schicksal, dafür gesorgt, dass du in mein Leben gekommen bist, in dem ich verloren war.«
Mein Herz schlug schmerzhaft gegen meine Rippen. Wie konnte ein Mann nur so wunderbare Worte finden?
»Du hast Licht in etwas gebracht, das ich für immer dunkel geglaubt habe.«
Chris Hände umklammerten die kleine Schachtel und ich konnte sehen, wie sie zitterten. Zu gern hätte ich nach ihnen gegriffen und ihn gehalten. Doch ich blieb still, wollte ihn nicht unterbrechen.
»Und seitdem … ist jeder Tag heller.«
Ein Flackern schimmerte in seinen Augen und ich wusste, dass er für einen Moment an Thomas dachte. Doch schnell verschwand es wieder und Ruhe breitete sich aus. Mit einer solchen Macht, dass es nur noch uns gab.
»Ich liebe dich, Romy«, sagte er klar und ohne jegliches Zögern. »Mehr als ich je für möglich gehalten hätte. Und ich möchte den Rest meines Lebens damit verbringen, dich genau so anzusehen, wie ich es jetzt tue. Jeden Winter. Jeden Sommer. Jeden Tag dazwischen.«
Ich konnte nicht mehr atmen. Die Luft blieb mir im Hals stecken. Konnte nicht reden – nur fühlen.
Chris klappte die Schachtel auf und der Ring funkelte mir entgegen. Meine Tränen tropften auf den Boden und unter meiner Zunge formten sich bereits die Worte auf die Frage, die er mir gleich stellen würde.
»Romy, willst du mich heiraten?«
Und in diesem Moment, während draußen der Schnee lautlos weiterfiel und drinnen sein Lied und seine Worte in mir nachhallten, fiel ich ihm halb lachend, halb schluchzend um den Hals.
Meine von Tränen feuchten Lippen trafen die seinen und bebend vor Glück hauchte ich ihm mein »Ja« entgegen.
…
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