Laureen* schrieb mir: "Die Kinder in unserem Umfeld sind in der Entwicklung so viel schneller als mein Kind. Ich mache mir große Sorgen." Disclaimer: Ich bin keine Fachfrau für die Entwicklung von Kindern und antworte nicht als solche. Das war in diesem Fall aber auch gar nicht die erhoffte Reaktion, denn ärztliche Supervision besteht bereits.
Hier auf Steady beantworte ich einige eurer Fragen mit meinem Hintergrund eines Studiums der Neurowissenschaften und kognitiven Psychologie, einer Ausbildung zur Trageberaterin und Babykursleiterin, meinem gesammelten Wissen aus etwa 250 Büchern zum Thema Erziehung und meinen Erfahrungen, die ich in den letzten sieben Jahren als Mutter gesammelt habe. Ich bin keine Psychologin und kein Coach. Wenn euch eine Situation so sehr belastet, dass sie eure Gedanken den ganzen Tag über beeinflusst, möchte ich euch bitten, euch professionelle Hilfe zu suchen. Ich kann euch die innere Arbeit mit eurem Päckchen an Erfahrungen, Verletzungen und Traumata nicht abnehmen. Was ich aber versuchen kann, ist euch ein paar Gedanken und Impulse mitzugeben, die euch vielleicht helfen können, eure eigene Lösung zu finden. Und wenn ihr euch mit dem, was ich schreibe, überhaupt nicht identifizieren können solltet, dann ist auch das ein wichtiges Zeichen. Ich bin keine „Expertin“ und habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Was ich anbieten kann, ist eine (hoffentlich) empathische Antwort aus wissenschaftlichem und persönlichem Hintergrund.
Wer mir auch schreiben möchte, wendet sich bitte an anna.brachetti@posteo.de. Ich bearbeite dienstags und donnerstags eure Briefe. Schreibt bitte auch dazu, ob ich eure Nachricht und meine Antwort darauf anonymisiert (*Namen werden verändert) veröffentlichen kann.
Vielen Dank für das Vertrauen!
Bild: Anne Richard
Liebe Anna,
Ich habe ein Thema, was mich extrem verunsichert und zu dem ich so gerne Deine Sicht der Dinge hätte. Mein Sohn wird in wenigen Tagen 16 Monate alt, er ist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist und mir sind sehr viele schöne Dinge widerfahren, aber er macht einfach alles noch schöner, wertvoller, intensiver. So glücklich ich mit ihm auch bin, so sehr verwundbar macht er mich auch – ich will einfach sein Bestes und das führt irgendwie dazu, dass ich schneller unsicher werde, Sorgen um ihn habe und zweifle. Hätte man mich in der Schwangerschaft gefragt, ob ich mein Kind mit Gleichaltrigen vergleichen würde, ich hätte aus tiefster Überzeugung „Nein“ geantwortet, da ich doch weiß, dass jedes Kind individuell ist und sein Tempo hat. Nun aber stecke ich mitten drin, das macht mich traurig und irgendwie wütend zugleich, weil ich denke, dass ich es doch besser wissen müsste und es mir zudem nicht gut tut.
Mein Sohn war schon immer ein Gemütlicher, einer derer, die immer einen Ticken später sind, als der Rest. Motorisch war er immer besonders gemütlich. Seit ca. 4 Wochen kreisen meine Gedanken jedoch nur noch um Wörter wie „Entwicklungsverzögerung“. Auch habe ich – und das hat mein toller Junge so gar nicht verdient- nur noch die „Defizitbrille“ auf, sehe viel mehr von dem, was er NOCH nicht kann, statt die vielen, unzählbaren Dinge, die er jeden Tag so wunderbar macht.
In einem kleinen Kreis aus Gleichaltrigen ist er der „älteste“ mit Abständen von 1 Woche, 3 Wochen und 4 Monaten. Bis vor 4 Wochen schien alles noch einigermaßen ähnlich, daran, dass er motorisch langsamer als seine Freunde ist, habe ich mich gewöhnt…als sein Freund, der Sohn einer engen Freundin (3 Woche jünger) sich von alleine aufgestellt und an der Hand immer sicherer lief, dachte ich noch mit Witz, dass es in 2-3 Monaten bei uns dann auch so weit ist. Doch dann kam der Faktor der sprachlichen Entwicklung dazu. Plötzlich habe ich festgestellt, dass neben dem motorischen nun auch noch andere kommunikative Prozesse anders sind, als bei seinen Freunden. Mein Sohn hat ein tolles Sprachverständnis, hat recht früh gezeigt, wie groß er ist, macht passende Bewegungen zu ihm bekannten Liedern oder macht winke winke zum Abschied. Aber dann stagnierte diese Entwicklung seit gefühlt langer Zeit, sein engster Freund ist an ihm vorbeigezogen, sagt nun Mama und Papa, sagt Wau Wau zum Hund und Quak Quak zur Ente. Zudem zeigt er auf alles, was ihn interessiert.
Dagegen wirkt mein Sohn wirklich eher passiv. Die Panik und die Sorgen wurde geweckt, realistische Einschätzungen deaktiviert. Denn nun kam zum motorischen, noch ein weiterer verzögerter Entwicklungsschritt.
Die Kinderärztin hat gesagt, er sei „prächtig“ entwickelt. Auch auf meine (beängstigten) Nachfragen zum Thema Sprechen und Laufen (die ich kürzlich einige Male telefonisch abgeklärt habe) sagte sie, jedes Kind hat sein Tempo, Vergleichen tut nicht gut, führt zu nichts außer dem, dass man sich irgendwie immer an den Schnellen orientiert.
Zum Stichwort Hören: Der Neugeborenen- Hörtest im Krankenhaus ging auf einem Ohr zunächst nicht, beim zweiten Versuch Tage später auf dem anderen nicht. Im Endeffekt viel Drama um nichts, wir waren beim HNO, bei dem der Test auf dem einen Ohr wieder nicht klappte – die Gehörgänge seien einfach noch viiiel zu eng.
Fakt ist aber, es ist eine komische Phase, in der ich mich gerade befinde und ich bin zutiefst verunsichert. Das unschönste Gefühl ist aber das des Allein- Seins, denn alle Mama-Kontakte, die ich habe, berichten davon, dass ihre Kids entweder schon Sprechen oder Laufen. So ein kleiner Fauler, wie meiner, ist mir dabei noch nicht untergekommen.
Ich bin gespannt, ob Du die Zeit findest, Dir meine Geschichte durchzulesen und mir ein, zwei Worte zu hinterlassen. Ich wünsche Dir und Deiner Familie von Herzen das Beste und sende liebe Grüße
Laureen*
Disclaimer: Ich antworte nicht als Fachfrau, weil ich keine bin und das war auch nicht gewünscht.