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Raus aus dem Kopfkarussell - negative Gedankenspiralen stoppen

Neuroletter Oktober - ein Text übers stundenlange Grübeln, das Default Mode Network und nervensystemfreundliche Auswege

Wenn du gerade keine Zeit (oder Energie) zum Lesen hast, dann hör dir die Audioversion des Neuroletters hier an:

Kennst du das? Du denkst stundenlang über die Probleme in deinem Leben nach, führst Unterhaltungen im Kopf zig Mal, nur um dich dann doch nicht zu trauen, deine Bedürfnisse auszusprechen. Du hast jedes mögliche Szenario im Kopf hundertfach durchgespielt - und eigentlich kann dich niemand mehr verletzen, weil du dir selbst der oder die größte Kritiker:in bist. Die schlimmsten Vorwürfe machst du dir selbst. Die negativsten Gedanken über dich hast du selbst.

Ich schreibe diesen Neuroletter, weil ich die Spirale gut kenne. Ich schreibe ihn auch, weil ich viele Strategien gelernt habe, um das Gedankenkarussell zu stoppen und zu verhindern, noch tiefer hinein zu rutschen. Weil ich weiß, dass es funktioniert - selbst wenn mein Kopf davon überzeugt ist, dass gar nichts mehr geht.

Es gibt Mechaniken in unserem Nervensystem, die wir nutzen können, um den Kreislauf zu verlangsamen und manchmal zu stoppen.

Was beim Gedankenkarussell neurobiologisch passiert:

Das Default Mode Netzwerk ist aktiv, wenn unser Fokus nach innen geht. Wenn wir uns erinnern, wenn wir bewerten, wenn wir über die Zukunft nachdenken. An sich ist das eine wichtige Mechanik, allerdings wird es kontraproduktiv, wenn das Grübeln übermäßig wird, während Netzwerke für gezielte Aufmerksamkeit und Handlungskontrolle zu wenig eingreifen. Es bleibt beim Gedankenkarussell, aber wir kommen nicht ins Handeln.

Negative Gedanken aktivieren die Amygdala und Stresshormone werden ausgeschüttet. Das verschiebt die Wahrnehmung: Wir scannen stärker nach Gefahr und suchen nach „Beweisen“, dass der negativ geprägte Blick stimmt. Confirmation Bias im Neuro-Modus.

Stundenlang über etwas nachzudenken erschafft die Illusion von Kontrolle. Wir neigen dazu, lieber beim bekannten Übel zu bleiben, als etwas Unbekanntes auszuprobieren.

Wenn wir „in unserem Kopf feststecken“, verarmt gleichzeitig die Körperwahrnehmung. Wir haben das Gefühl, uns auf der Stelle zu bewegen und sind gleichzeitig stark vom Hier und Jetzt abgekoppelt.

Die gute Nachricht ist: Unser Gehirn ist plastisch. Wir können lernen, ungesunde Mechanismen umzulernen und mit Strategien zu ersetzen, die uns stabilisieren und handlungsfähig machen.

Raus aus der Spirale: Strategien, die tragen

  1. Name it to tame it. Fang an, deine Gedanken zu benennen, wenn du bemerkst, dass du in eine Grübelschleife abdriftest: „Aha, das hier nennt sich Katastrophisieren.“ oder „Ich bemerke den Gedanken, dass …“. Das schafft Abstand. Du musst nicht alles glauben, was du denkst.

  2. Leg dir eine feste Zeit fürs Gedankenkarussell fest. Das kann zum Beispiel abends sein, wenn die Kinder schlafen. Ertappst du dich tagsüber, wie du so sehr anfängst zu überdenken, dass es dir nicht mehr gut geht, entscheide dich bewusst dafür, die Gedanken ziehen zu lassen - später ist Zeit dafür. Nur im “Worry Window” lässt du den Gedanken freie(re)n Lauf. Aber: Wenn der Wecker klingelt, schiebe sie wieder weg. Lenk dich ab. Sie werden dennoch immer wieder zwischendurch zu den unpassendsten Zeitpunkten auftauchen und es geht auch nicht um Vermeidung, aber um klare Eingrenzung, damit die Spiralen nicht ausarten und dich möglicherweise in eine depressive Episode treiben.

    Während des “Worry Windows” magst du die Gedanken vielleicht auch aufschreiben. Dann kannst du das unterstreichen, was wirklich nachweisbare Fakten sind. Das hilft manchmal dabei, zu erkennen, was eigentlich die negativen Glaubenssätze und Narrativen sind, die du dir nur selbst erzählst. Oder du überlegst: Wie realistisch ist das wirklich? Und wenn der schlimmste Fall eintreten würde - was für Optionen gäbe es dann? So kommst du aus dem Gedankenkarussell ins Handeln.

  3. Halte dich beschäftigt. Eine Therapeutin hat mir mal eine Häkelnadel in die Hand gedrückt. “Ich kann absolut nicht häkeln”, habe ich gesagt. “Es haben sich schon einige die Zähne daran ausgebissen, es mir beibringen zu wollen.”. “Versuchen Sie es. Und wenn sie einfach eine lange Schnur häkeln.”.

    Ich fand das in dem Moment ziemlich nervig, habe mich dann aber an der Aufgabe festgebissen, ein Neuron zu häkeln. Als Person, die ab-so-lut nicht häkeln konnte. Nun, einige Tage später hatte ich eine ganze Menge gehäkelter Neuronen und musste eine Pause machen, um eine Sehnenscheidenentzündung zu vermeiden. Aber mein Kopf war über mehrere Tage so beschäftigt mit Häkeltechniken, dass ich gar keine Zeit hatte, mich von meinen eigenen Gedanken herunterziehen zu lassen.

    Tätigkeiten mit klarer sensorischer Rückmeldung halten uns im Körper und können den Kopf entlasten. Und ich bin sicher, du findest etwas, woran du dich festbeißen kannst.

  4. Probiere somatische Bremsen: Durch tiefes und längeres Ausatmen wird das parasympathische Nervensystem aktiviert. Kurze und dosierte Kältereize auf den Handgelenken oder in den Nacken können dich in deinen Körper zurückholen. Oder versuch mal, in eine Zitrone zu beißen (oder in ein Center Shock oder eine ähnliche super saure Süßigkeit). Parasympathische Aktivierung senkt die Amygdala-Reaktivität und die Gedanken verlieren ihre Kraft. Mach ein paar Hampelmänner, auch wenn du dir albern vorkommst - das bringt dich zurück in deinen Körper.

Was davon spricht dich spontan an, weil du entweder schon gemerkt hast, wie gut es dir tut - oder weil du noch nicht genug davon in deinem Alltag hast? Damit es nicht beim Wissen bleibt, sondern in die Praxis umgesetzt wird, suche dir eine der Ideen aus und überlege, wann du sie ausprobieren willst.

Ich begleite dich im nächsten Monat mit dem Neuroletter weiter auf dieser Reise und erinnere dich, dass du DIR die Sauerstoffmaske zuerst aufsetzen darfst.

Herzlich,

Anna

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Selbstreflexionsfrage des Monats

Woran merkst du in den ersten 60 Sekunden, dass du in eine Spirale rutschst und welcher kleinste Schritt (≤ 1 Minute) hilft dir zuverlässig, das Spotlight zu wechseln? Schreib dir eine If-Then-Formel auf und kleb sie an den Badezimmerspiegel.

Neuronugget des Monats:

Wusstest du, was kognitives Defusionstraining ist (aus der Akzeptanz- und Commitment-Therapie)? Dabei wird die Kopplung zwischen präfrontalen Kontrollarealen und limbischen Bewertungsnetzwerken verändert.

Praktisch heißt das: Wenn du einen Gedanken als Ereignis im Geist markierst („Ich habe den Gedanken, dass…“), sinkt seine emotionale Ladung. Wiederholtes Labeln schwächt die automatische Glaubwürdigkeit des Gedankens.

Defusion und das Festlegen eines ganz kleinen, konkreten nächsten Schritts reduziert das Gedankenkarussell stärker als „positiv umformulieren“ allein.

Mini-Challenge aus deinem Workbook:

Im kostenlosen Workbook, das du bei deiner Anmeldung zum Neuroletter bekommen hast, gibt es einen Abschnitt zu Problemlösung. Schreibe das Problem auf, an dem du derzeit am meisten knabberst. Schreibe dann drei ungewöhnliche, vielleicht sogar absurde Lösungen aus (“Mein Problem wäre gelöst, wenn xy Astronaut:in werden würde und zum Mars fliegt”). Das kann dabei helfen, dich ein bisschen von dem Anspruch zu lösen, eine perfekte Antwort zu finden - und manchmal erkennst du an deinen Gedanken auch, was eigentlich der Kern deines Problems ist.

Vielleicht möchtest du eine dieser Übungen jetzt machen?

Ich hoffe, dass dir dieser Neuroletter weiterholfen hat. Ich freue mich, dich weiter zu begleiten. Wenn du Gedanken, Fragen oder Kritik hast, schreibe mir gern mit der Nachrichtenfunktion auf dieser Plattform (oder per E-Mail mit dem Betreff “Kummerkasten” an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt] de). Ich beantworte sie innerhalb von maximal einer Woche.

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Kategorie Neuroletter

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